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Das Wahlverhalten in den Stadtteilen (Teil I)

Stadtratswahl 2020

Dass die Stadt Bern mit grosser Mehrheit rotgrün tickt, zeigte sich erneut beim jüngsten Abstimmungs- und Wahlwochenende. Das Stimm- und Wahlverhalten in der Stadt ist jedoch nicht homogen und einheitlich, es gibt Unterschiede zwischen den Stadtteilen. Darin spiegelt sich die unterschiedliche Bevölkerungsstruktur.

Der neu zusammengesetzte Stadtrat wird 2021 im Rathaus tagen (Foto: Stadt Bern)

So stimmten am letzten Sonntag die Stadtteile Länggasse/Felsenau, Breitenrain/Lorraine und Mattenhof/Weissenbühl der Volksinitiative «für verantwortungsvolle Unternehmen» (KOVI) je mit rund achtzig Prozent sehr deutlich zu. Etwas schwächer war die Zustimmung im Stadtteil Kirchenfeld/Schosshalde (70%) und vor allem in Bümpliz/Bethlehem (61%). Auch die Volksinitiative für ein «Verbot der Finanzierung von Kriegsmaterialproduzenten» nahmen die Stadtteile Länggasse, Breitenrain und Mattenhof am stärksten an, mit rund 75 Prozent. Im Kirchenfeld betrug die Zustimmung 64 Prozent, in Bümpliz 54 Prozent.

Drei unterschiedliche Muster

Diese Unterschiede im Stimmverhalten der Stadtteile zeigen sich auch im Wahlverhalten. Bei diesem lassen sich nach Stadtteilen drei parteipolitische Muster feststellen:

(1) Länggasse/Felsenau, Mattenhof/Weissenbühl und Breitenrain/Lorraine: Weiterer Ausbau der rotgrünen Dominanz, wachsende GLP, deutliche Verluste von FDP und SVP.

(2) Kirchenfeld/Schosshalde: eine etwas ausgeglichenere Parteienlandschaft mit knapper rotgrüner Mehrheit. Bürgerliche Mitteparteien und Rechtsbürgerliche verfügen über je knapp einen Viertel aller abgegebenen Stimmen.

(3) Bümpliz/Bethlehem: SP und SVP sind die stärksten Parteien.

Länggasse, Breitenrain und Mattenhof: Zweidrittelmehrheit für Rotgrün

Bei den jüngsten Stadtratswahlen holten die RGM-Parteien zusammen mit den kleinen Linksparteien im Breitenrain und in der Länggasse rund 66 Prozent, im Mattenhof 64 Prozent der Stimmen. Im Vergleich zu den letzten Wahlen hatten sich diese Parteien um 1.4 (Breitenrain) bzw. 2.5 Prozentpunkte (Mattenhof) gesteigert, in der Länggasse stagnierten sie.

Werden die Stimmenanteile von GB/JA!, GFL und GP, welche alle zur Grünen Partei der Schweiz gehören, zusammengezählt, so liegen die Grünen in allen drei Stadtteilen mit rund 30 bis 31 Prozent leicht vor der SP mit 29 bis 30 Prozent. Die kleinen Linksparteien AL und PdA kommen auf fünf bis sechs Prozent.

Im Vergleich zu den letzten Wahlen hatten sich die Stimmenanteile dieser Parteien nur gering verändert. Die SP verlor überall einen bis zwei Prozentpunkte, während sich die Grünen steigerten, am stärksten im Mattenhof und Breitenrain (um je rund drei Prozentpunkte).

Bürgerliche Mitte mit rund zwanzig Prozent

Die bürgerlichen Mitteparteien (GLP, CVP, EVP, BDP) erreichten in diesen drei Stadtteilen zusammen Stimmenanteile zwischen 19 (Breitenrain) und 22 Prozent (Mattenhof). Gegenüber den letzten Wahlen sind sie überall um zwei bis drei Prozentpunkte gewachsen.

Unter den bürgerlichen Mitteparteien ist die GLP klar die stärkste Partei: Ihr Stimmenanteil bewegt sich in diesen Stadtteilen zwischen 13 und 15 Prozent. Im Vergleich zu den letzten Wahlen hatte sie sich um drei bis vier Prozentpunkte gesteigert.

Einbruch von FDP und SVP auf rund 13 Prozent

FDP und SVP verloren in der Länggasse, im Breitenrain und im Mattenhof um vier bis fünf Prozentpunkte und kommen zusammen noch auf Stimmenanteile zwischen 13 und 14 Prozent. Die FDP hat noch einen Stimmenanteil von rund acht Prozent, die SVP von fünf bis sechs Prozent.

Länggasse, Mattenhof und Breitenrain: Historischer Vergleich

Seit 1996 erhalten die SP, die Grünen und die kleinen Linksparteien im Mattenhof und im Breitenrain mehr als fünfzig Prozent aller Stimmen. In der Länggasse bewegte sich dieser Stimmenanteil schon seit den Achtzigerjahren um die fünfzig Prozent.

Vergleicht man die aktuellen Wahlergebnisse dieser drei Stadtteile mit denjenigen von 1980, so sind die Gewinnerinnen die kleinen Linksparteien, die Grünen und die bürgerlichen Mitteparteien. Die kleinen Linksparteien (PdA und ab 2012 die AL) steigerten ihren Stimmenanteil um vier bis sechs Prozentpunkte. Massiv ist der Anstieg der Parteienstärke der Grünen: Gegenüber ihren Vorläuferorganisationen der POCH, der SAP, der DA! und dem Jungen Bern legte sie um 13 bis 17 Prozentpunkte zu. Diese Zuwächse gingen nur teilweise zu Lasten der SP, welche in diesen drei Stadtteilen um vier bis fünf Prozentpunkte schwächer wurde.

Die bürgerliche Mitte, zu der hier auch die CVP und EVP gezählt werden, wurde in den vergangenen vierzig Jahren gründlich umgepflügt: So trat die klassische Mittepartei, der Landesring der Unabhängigen, Ende der Neunzigerjahre von der politischen Bühne ab, und es wurden zwei Parteien neu gegründet, die GLP und die BDP, wobei letztere schon wieder auf der Verliererstrasse ist und mit der CVP zur «Mitte» fusionieren will. Im Vergleich zu 1980 wuchs die bürgerliche Mitte in der Länggasse und im Mattenhof je um acht Prozentpunkte, im Breitenrain um drei Prozentpunkte.

Stark eingebrochen gegenüber 1980 sind FDP, SVP und die kleinen Rechtsparteien. Letztere haben sechs bis sieben Prozentpunkte eingebüsst und existieren nur noch in der Kleinstpartei EDU. Von den Verlusten der kleinen Rechtsparteien konnte aber nicht die SVP profitieren. Sie ist selber um vier bis fünf Prozentpunkte schwächer geworden. Gar elf Prozentpunkte verloren hat in jedem der drei Stadtteile die FDP. Ihre Parteistärke wurde dabei mehr als halbiert.

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Lesen Sie morgen den zweiten Teil der Wahlanalyse von Werner Seitz: Die parteipolitische Situation im Kirchenfeld und in Bümpliz und eine Analyse der Verankerungsmuster der grösseren Parteien in den Quartieren.