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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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05.10.2019 | 21:39
Maria Sybilla Merian. Blatt aus: Metamorphosis Insectorum Surinamensium, 1705

Es soll hier von der politischen Aktualität in Spanien die Rede sein. Jetzt steht nicht nur die Urteilsverkündigung im Prozess gegen die Vertreter und Vertreterinnen der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung an, jetzt stehen auch noch Wahlen bevor.  Die vierten in vier Jahren. Und schon gibt es in meinem Bekanntenkreis Schlaumeier, die lauthals verkünden, also diesmal würden sie sicher nicht noch einmal wählen gehen. Allerdings muss auch ich zugeben, dass mich das anlaufende Wahlkampfspektakel nur sehr beschränkt zu interessieren vermag. Es kommt sogar vor, dass es mich peinlich berührt und ich mich abwende. Am Radio sprach gestern ein Kommentator von «Infantilismus», was sich ziemlich genau mit meinen Eindrücken deckt. Es ist, als ob dieses Land nicht gewaltige Probleme hätte. Bei vielen Spaniern und Spanierinnen kann man sich aus Schweizer Sicht kaum vorstellen, wie sie es mit ihren Einkommen zum Monatsende schaffen. Auch die schwerwiegende Entvölkerung weiter Teile des Landes ist als Thema wieder verschwunden. Dafür führen die favorisierten Sozialdemokraten als Hauptargument für ihre Wahl die Erfahrung an, die sie als Übergangsregierung in Madrid angeblich sammeln konnten, während sie in Wirklichkeit wie gestört in der ganzen Welt rumjetteten, um sich für die Medien aufzuspielen, anstatt die Hausaufgaben zu machen. Nämlich die Wahlen zu verhindern. Ob sich der vorausgesagte Sitzgewinn für sie bewahrheitet, steht in den Sternen. Sicher ist, dass jetzt auf den Putz gehauen wird, dass es einen richtig anödet. Da es hier parteipolitisch noch keine Grüntöne gibt, geht es vor allem um Rot und Schwarz, um links und rechts wie vor hundert Jahren. Hier die Guten, da die Bösen. Sogar über das Grab des Ex-Diktators, das eigentlich ein Mausoleum ist,  wird noch immer gestritten. Und ohne  Beleidigung, ohne Ehrverletzung geht nichts. Immer die andern sind korrupt. Immer die andern lügen und stehlen! Als wäre man auf verschiedenen Planeten und nicht in der Schicksalsgemeinschaft einer Stadt, einer Region, eines Landes. Keiner bedenkt, dass er oder sie bei der sich aufsplitternden Parteienlandschaft früher oder später eine Hand ausstrecken muss, dass es möglicherweise ohne Koalition wieder nicht geht. Weil es nur darum geht, an die Macht zu kommen, gibt es null Bewusstsein für die Tatsache, dass die Probleme des Landes nur gemeinsam gelöst werden können.
Und was hat Nicolas Bouvier damit zu tun?
Überall, ausser bei den Spanischen Wahlen, redet man über das Klima, über unsere Reisegewohnheiten und über die Konsequenzen des Massentourismus.
Da erinnert man sich gerne an den grossen Schweizer Reiseschriftsteller aus Genf, der seinen Nebenberuf des Ikonographen mit der gleichen Ernsthaftigkeit wie den des Reiseschriftstellers ausübte.
Er tauchte in die Archive wie in die unberührten Landschaften, die er auf seiner ersten grossen Reise mit seinem «Dopolino» unternahm. Er grub sich durch dicke Folianten mit der gleichen Neugier, mit der er Städten und Menschen begegnete und förderte dort ebenso Kostbares zu Tage wie unterwegs in Lappland oder Afghanistan. Also auch da ein Entdecker. Auf die Bilder von Maria Sybilla Merian hat er immer wieder besonders gern zurückgegriffen, denn sie war ihrer Zeit in jeder Beziehung, ganz besonders aber künstlerisch weit voraus.