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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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17.03.2020 | 11:13
Reduktion des Alltags: Welche Stühle bleiben leer? Die Bernerin Anja Dietrich dokumentiert unser Leben im Ruhemodus (Foto: Anja Dietrich)

Die Website der Volkshochschule Bern beginnt mit «Weiterbildung. Aus Überzeugung.» Unmittelbar darunter die Anzeige «Coronavirus, Stand 13.03.2020: Gemäss heutigem bundesrätlichem Beschluss bleibt die Volkshochschule Bern bis am 4. April 2020 geschlossen.» Dazu Mailadresse und Telefonnummer.

Das ist jetzt mein Brot. Als Präsident des Verbands der 70 Volkshochschulen (VHS) in der Schweiz geht es mich an, wie es den VHS geht. Seit zehn Tagen tröpfeln die Anmeldungen für Kurse, Vorträge, Exkursionen nur noch. Für Angebote häufen sich Abmeldungen, manche Angemeldete bleiben ohne Mitteilung fern. Nun ist die Lage klar, ein Vorteil. Die Nachteile: Eine VHS ohne Bildungsaktivität ist eine hyperaktive Unternehmung. Die Telefonleitungen laufen heiss: Wie geht es weiter? Gibt es Alternativen? Erhalte ich die Kursgebühr zurück – unbürokratisch oder auf Antrag? Bezahlt man Referentinnen und Referenten ein Honorar für Auftritte, die nicht stattfinden? Bekommen Kursleitende die vereinbarte Entschädigung, auch wenn sie weniger leisten dürfen? Für welche Angestellten hat die VHS unter welchen Voraussetzungen Anrecht auf Entschädigung für Kurzarbeit? Wer weiss es? An wen ist das Gesuch zu stellen? Wie steht es in ein paar Wochen mit der Liquidität: Können wir Löhne, Mieten, Honorare bezahlen, wenn Einnahmen wegbrechen? Woher kommt das Geld für Überbrückungsdarlehen? Für welche Kosten braucht es Deckung, wie lange dauert die Situation an, wie gross muss ein Darlehen sein? Zinsfrei, rückzahlbar ab wann? Und was ist mit den Schulden, wenn dereinst der Betrieb wieder läuft?

Unterricht mit Fantasie und neuen Formen

Soweit betriebliche Sorgen der KMU namens VHS. Sie decken sich weitgehend mit denen von Kulturveranstalterinnen und -veranstaltern, die in aller Munde sind. Die Sorgen gehen weiter bei den VHS als Bildungsinstitutionen, die sich fragen, wie sie ihre Kundinnen und Kunden unterstützen können in einer Zeit, da Präsenzunterricht verboten ist, die Leute aber weiter lernen, sich unterhalten oder sich auf Prüfungen vorbereiten wollen. Ein Beispiel: Einzelne VHS produzieren jetzt Lernvideos, die über eine Online-Plattform für Lernende zugänglich sind – und für weitere VHS sowie deren «Kunden». Gefragt sind Initiative, Fantasie, Wissen und Können.

Gefragt sind heute und in den kommenden Wochen Informationen, Austausch, Hinweise auf gute Beispiele, Rechtsbeistand, die Vertretung der VHS bei den Bundesämtern, den kantonalen Behörden, vielen Gemeinden. Dies sind Aufgaben des schweizerischen Verbands. Wir arbeiten daran, nicht gerade Tag und Nacht wie viele der direkt betroffenen VHS, dennoch intensiv und ehrgeizig. In dieser Stunde zeigt es sich, ob der Verband mehr sein kann als die Summe der Mitglieder und deren Beiträge verdient. Ob er den Zusammenhalt stärken, die grossen und kleinen VHS verbinden, die «Familie» der VHS – wie wir gern sagen – festigen kann.

Chancen nach Ende der aktuellen Situation?

Eine kleine Chance kann der Ausnahmezustand öffnen. Da Reisen ins Ausland für einige Zeit unmöglich oder erschwert sind, die Menschen sich aber weiterhin bilden wollen, kann in der Zeit nach der Kontaktsperre das Programm der VHS der Lage angepasst und erweitert werden. Das ist, hoffentlich, keine reine Illusion.