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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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26.06.2020 | 12:43
Geheimtipp: Die Metrostation «Porte des Lilas», Relikt aus den Gründerzeiten, alles in Keramikplättchen. Auch in Zeiten «post Corona» eine Garantin für normales Alltagsleben. (Foto: Michael Kaufmann)

Bern hat das «Nünitram». Die Linie soll bald einige Kilometer über Wabern hinaus ausgebaut werden.

Paris hat die Metro. Das Netz umfasst rund 1400 Kilometer und bedient über 300 Stationen. Es soll dereinst im Rahmen des Grossprojekts «Grand Paris» mit einem gigantischen Ringnetz die ganzen Banlieues bedienen.

So weit sind wir weder in Bern noch in Paris. Egal, wir lieben die alten Linien. Le train métroplitain! Der Inbegriff des Pariser Lebens, der Mobilitätskultur der Moderne. Das fahrende Zuhause: Hier wird gelesen, geredet, Musik gemacht, geschrieben, nachgedacht, telefoniert. Die Metro ist ganz simpel dem «Humanismus des Alltags» verpflichtet, wie es der Ethnologe und Philosoph Marc Augé definiert hat.[1] Sie ist eine Notwendigkeit. Aber man schätzt sie als Dienstleistung und gefällt sich in ihr als Teil der multikulturellen Massengesellschaft. Das weit verzweigte Tunnelnetz ist die Inspirationsquelle für tausende von Gedichten, Chansons und Romane. Oder sie war und ist garstige (für Unbemittelte erst noch teure!) Realität, wie George Orwell in seiner Reportage «Down an Out in Paris and London»[2] beschreibt. Der junge Orwell erleidet in der Krise der frühen 1930er die Armseligkeit des Tellerwäschers, der sich frühmorgens in die Sardinenbüchse eines Metrozugs zwängt, um pünktlich zur mies bezahlten Arbeit anzutreten: In dieser Metro riecht es einfach nach Schweiss, Knoblauch und den billigen Parfüms des arbeitenden Volks. Am liebsten ist man hier bald raus und draussen an der frischen Luft.

Unser Spaziergang «post Corona» lässt alle berühmten Metrolinien und - stationen beiseite und besingt die scheinbar nebensächlichste aller Metrolinien, die Nr. 7 bis. Diese kurze Nebenlinie der Nr. 7, startet im 10. Arrondissement ab «Louis Blanc», um sich in nur 7 Stationen Richtung Osten der Grenze dazwischen 19. und 20. Arrondissement entlangzuschlängeln bis «Pré St-Gervais», bzw. dem dortigen Stadtspital Robert Debré. Unter dem Boden umkreist sie die Butte de Chaumont, den wundervoll erholsamen Hügelpark in Paris’ Norden um gleich wieder nach «Louis Blanc» zurückzukehren. Wenig Spektakuläres, keine grossen Namen, auch wenn wir uns mit den Stationen «Louis Blanc», «Jaurès», «Bolivar» und «Botzaris» im für diese Gegend typischen sozial-revolutionären Spektrum befinden.[3]

Davon spüre ich aber nichts an diesem heiteren, sonnig-warmen Junitag, als ich leichtfüssig gegen Mittag bei «Louis Blanc» in die Metro hinuntersteige. Hier wartet ein Zug der «7bis» schon auf Kundschaft. Seine wohl hier nicht ganz zufällig eingesetzten altgedienten Wagen (Oh! diese Einzelwagen mit dem warmen  Licht der heute verbotenen Glühbirnen!) sind spärlich besetzt. Die Mitfahrenden tragen trotzdem brav die Maske: Eine multikulturelle Gesellschaft, bunte Afrikanerinnen, schwatzende Jugendliche in Hoodiekaputzen, einige arabisch sprechende Handwerker mit dicken Werkzeugtaschen. Die Fahrt dauert nur 6 Minuten und ich steige bei der «Place des Fêtes» wieder aus.

Hier oben schockt der Inbegriff des Städtebaus der 1970er Jahre mit seinen Hochhäusern und einem künstlich aus dem Boden gestampften «Festplatz». Das spiegelt die Doppelstrategie der damaligen Stadtväter und Architekten (alles Männer), einerseits ein altes und unbequemes Quartier (den obersten Teil von Belleville) dem Erdboden gleichzumachen um andererseits in pathetischer Sozialrhetorik Wohnsilos fürs Volk aufzuziehen.[4]

Verlässt man die Place des Fêtes Richtung Südosten gelangt man ganz oben an der Rue de Belleville zum höchsten Punkt des Pariser Beckens überhaupt, zum Telegraphen-Hügel und zur gleichnamigen Metrostation «Télégraphe» der Linie 11, welche eine technische Errungenschaft der französischen Ingenieurskunst würdigt: Von hier aus hat in Zeiten der französischen Revolution ein Claude Chappe die erste, noch optisch funktionierende, Telegrafenlinie Paris-Lille eingerichtet und damit einen Vorläufer der bis heute immer schnelleren Übermittlung von Daten und Informationen lanciert. Damals eine rasante neuzeitliche Errungenschaft, die bald darauf Napoleon Bonaparte gegenüber der bedächtigen Kavallerie der alten Welt von grossem Nutzen war.[5]

Wie hätte die Zazie aus dem Kultroman der 1960erjahre, «Zazie dans le métro»[6], hier oben ihren Spass gehabt: Am einfachen und doch so gemütlichen Bellevillequartier, an der Ruine des Telegraphen, den Wassertürmen, dem kleinen Friedhof voller wilder Blumen und Sommerflieder. Hier hätte sie die Essenz der Metro geniessen können, gemäss der man an allen Punkten der über 300 Pariser Metrostationen emporsteigen kann, um spannende Dinge ausserhalb von Tourismusdestinationen wie «Sainte Chappelle» oder «Dom des Invalides» zu erkunden[7]. Ironie des Romans, dass die gute Zazie während ihres Parisaufenthalts zusammen mit ihrem schrägen Onkel zwar auch viel erlebt hat, nie aber die Metro benutzen konnte. Dabei war Zazie gerade wegen der Metro hier, liebte «rien que le métro». Es war verhext und es war vor allem Streik! Schon damals strapazierte die höhere Gewalt einer wohl gerechtfertigten Sozialrevolte die Nerven der ansonsten sehr geduldigen Pariserinnen und Pariser. Zazie musste also verzichten.

Hier oben ist man aber auch am Punkt, wo beim Weiterflanieren auf die andere Seite des Hügels das Cliché des mondänen Paris so rasch verbleicht, wie eine alte Fotografie.

So steigen wir also, Paris den Rücken kehrend, hinunter ins neue Quartier, Richtung der nächsten Metrostation, der «Porte des Lilas» (des Flieders!). Das muss man gesehen haben: Schon nur wegen des gut erhaltenen Stationsgebäudes des frühen 20. Jahrhunderts. Steht man vor diesem elegant-luftigen Bau mit seinen weissen Karamikplättchen und den farbigen Schriftmosaiken und Verzierungen, wähnt man sich unweigerlich in Lissabon und seinen Azuleios. Geblendet vom weissen Licht verlässt man diese Traumvision um wieder ins kühle Dunkel der französischen Metropole zu tauchen. Genau hier unten hat sich Serge Gainsbourg seinen ersten Hit, «Le Poinçonneur des Lilas» vorgestellt, eine bitter-süsse Ode ans Pariser Leben: Sein Billettknipser, der hier täglich die Fahrten erster und zweiter Klasse löchert, träumt von einer besseren Welt, will hinauf ans Licht und ist doch dazu verdammt, in seinem Loch und seinen «petits trous» zu verharren - oder sich umzubringen. «Poinçonneur» - ein vergangener Beruf. Heute kontrollieren uns in der Unterwelt der Metro - wie in allen anderen Dingen auch - digitale Applikationen. Und trotzdem verbringen Millionen von Menschen auch nach der grossen Krise täglich stundenlang und zufrieden unter dem Boden um (notgedrungen mit Masken bewehrt) die «mobilité commune» zu nutzen und eine kleine Auszeit zu haben vom brodelnden Leben dort oben. Ach, ist das tröstlich!

Der Spaziergang könnte ab hier auf der Linie 11 hinunter ins Stadtzentrum führen Vielleicht würde es sich dabei sogar lohnen, acht Stationen weiter bei «Arts et métiers» auszusteigen, der wohl futuristischsten aller Pariser Metrostationen. Doch nein, das wäre ein anderer Spaziergang und eine andere Geschichte.

Stattdessen gibt’s jetzt eine kühle «Blonde» im Café an der «Porte des Lilas». Den Blick auf Zazies Wunschobjekt gerichtet und mit der von ihr verkündeten lapidaren Tatsache konfrontiert, spürt man: Man ist wieder älter geworden. Es bleibt aber die Genugtuung, die Metrowelt wieder mal so richtig erlebt zu haben.

 



[1] Marc Augé, Un ethnologue dans le métro, (1985), neu aufgelegt in Ed.Fayard/Pluriel 2013. Das kleine Büchlein skizziert eine Soziologie der Metro und wirft einen launigen Blick des ansonsten mit indigenen Völkern beschäftigten Ethnologen auf die Einheimischen und den Pariser Alltag.

[2] George Orwell, Down and Out in Paris and London (1933), ist eine hellwachere und ungeschminkte Reportage des jungen Engländers, der hier mit Gelegenheitsjobs um die Existenz kämpft. Ein sehr aktueller Text: Fast hundert Jahre danach sind die Verhältnisse für Eingewanderte und Sans-Papiers noch ziemlich dieselben.

[3] Louis Blanc (1811-1882): Utopischer Sozial- und Wirtschaftsreformer | Jean-Jaurès (1859-1914): Pazifistischer Sozialist, Abgeordneter und Publizist. Wurde kurz vor dem ersten Weltkrieg wegen seiner Kriegsgegnerschaft auf offener Strasse erschossen | Simon Bolivar (1783-1830): Südamerikanischer Freiheitskämpfer und Staatsmann| Markos Botzaris (1788-1823), Kämpfer für die griechische Unabhängigkeit.

[4] Der Schrifsteller Daniel Pennac hat dem Platz und dem ganzen Belleville-Quartier in seinem virtuos-wortgewaltigen Schelmenroman «Monsieur Malaussène» ein liebevolles Requiem geschrieben: Daniel Pennac, Monsieur Malaussène, Ed. Gallimard, 1995.

[5] Die optische Telegraphenlinie Paris-Lille erlaubte es Ende des 18. Jahrhunderts, kürzere Depeschen innert 8-10 Minuten über die Strecke von rund 225 Kilometer zu bringen.

[6] Raymond Queneau, Zazie dans le métro, Ed. Gallimard, 1959

[7] (Zazie-Fans wissen): Der Nichtbesuch dieser beiden Orte ist einer der «running gags» in Zazies Pariser Erkundungen.

 

 

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Der Song zum Text: «Le Poinçonneur des Lilas»: Serge Gainsbourg, damals ein unbekannter 21-jähriger Kunst-Student, lancierte 1959 mit diesem «Metro-Hit» seine Welt-Karriere. In Zeiten des überbordenden Digitalnarzissmus für die Propagation von Songs staunt man über den simplen und authentischen Ansatz aus dem Analog-Film-Zeitalter. Köstlich auch die begleitende Live-Band! 

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Der Berner Michael Kaufmann war als Direktor der Hochschule Luzern-Musik von 2011 bis 2019 in Luzern. Bevor er als Heimwehberner in die wichtigste Hauptstadt der Welt zurückkehrt, hat er sich für einige Monate Paris entschieden. Er versucht, mit ungewollten Unterbrüchen, im 19. Arrondissement von Paris zu wohnen. Ein Umweg, der sich auch in Krisenzeiten lohnt.

Seine «Spaziergänge in Paris» folgen bis Juli 2020.