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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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11.07.2020 | 07:30
Kahli Belkheir in seinem «Ô Poêle». Für ihn bleibt die Zeit nie stehen und auch in Paris geht alles vorbei. Hinten links im Bild das Fotoporträt des jungen Marlon Brando. (Foto: Michael Kaufmann) (photo: Michael Kaufmann)

«In der Erinnerung vermischen sich Bilder der eingeschlagenen Routen und man weiss nicht mehr, welche Provinzen diese durchquert haben.» - Patrick Modiano [1]

Kahli Belkheir betreibt die schönste Bar des 19. Arrondissements und damit von ganz Paris. Obschon gemäss ihm das Neunzehnte eben das Neunzehnte ist und mit Paris gar nichts am Hut hat. Jedenfalls dauert mein Abendspaziergang bis zum «Ô Poêle» (zum Ofen) maximale 4 Minuten bei gemächlicher Gangart. Der Heimweg dauert dann jeweils etwas länger.

Bevor man zum aussen dunkelblau bemalten Lokal kommt, geht’s rechts ab von der Avenue Jean Jaurès in die Passage de Melun. Dieses Strässchen ist von imposanten Backsteingebäuden im typischen Pariser Jugendstil gesäumt. Die Gebäude der «Moderne» prägen ganze Quartierteile. Sie markieren die Epoche des Aufschwungs, der Eroberung der früheren Vorortdörfer durch die Stadt und die Erstellung qualitativ guten Wohnraums für Familien des Mittelstands.

Hier bauten anfangs des 20. Jahrhunderts die Stadt Paris selbst und verschiedene soziale Wohnbauträger. Linkerhand informieren an den mit grünen Mosaiksteinen verzierten Fassaden angebrachte Tafeln, dass hier nicht etwa der Staat sondern die private «Société Philanthropique» (gegründet 1780)[2] mit Sinn für die gebeutelten Bürgerinnen und Bürger gebaut hat. Die bei der Gründung dem Königshaus nahestehende Organisation konnte zwar die französische Revolution auch nicht mehr abwenden - sie betreibt aber zum Glück bis heute eine grosse Anzahl von sozialen Institutionen, günstigen Mietwohnungen, Altersheimen, usw. So auch den grossen, 8-stöckigen Komplex in der Passage de Melun, wo man sich 150 Meter rechterhand im Erdgeschoss im Poêle einfindet.

Hier sind jeweils ab 18 Uhr die Bewohner dieser Häuser und des Quartiers anzutreffen, hier genehmigt man sich im Verlaufe des Abends je nachdem einen Apéro, das kleine Essen («une planche»), den Gutenachttrunk; manchmal gibt’s noch eine kleine Feier, die bis 2 Uhr morgens andauert. Bei Kahli Belhkeir, der alle kennt und der die Leute auch nach Corona mit fröhlichem Handschlag begrüsst, scheint es immer etwas zu feiern zu geben. Jedenfalls hat der Mann fast durchgehend Hochbetrieb. Was ihn nicht hindert, in der Vorabendzeit auch mal den Kindern («mes meilleures clients») ringsum einen erfrischenden Minzensirup auszugeben. Vor allem aber gibt es hier zum Getränk immer die kleine Schale pikant gewürzter und gezwiebelter Kartoffeln direkt aus der Bratpfanne. Man pickt «les patates» lässig mit Zahnstochern, weiss dabei «das sind die besten Kartoffeln der Welt» und geniesst den heissen Sound aus Kahlis unerschöpflicher Latin-Musiksammlung: Wenn aus dem Lautsprecher die kubanischen Klavierpassagen von Ruben Gonzalez perlen, gehört das ab jetzt auf ewig zu diesem kleinen Brennpunkt im Pariser Norden.

Kahli ist seit über dreissig Jahren in der Stadt und über viele Jahre der Betreiber des Lokals. Der weltgewandte Kubaner ist mit seiner Jugend- und Studienzeit in Barcelona sowie den frühen Wanderjahren im Nahen Osten sowie in Los Angeles die Verkörperung des multikulturellen und gleichzeitig waschechten Parisers. Einer von den vielen, den nichts als die Liebe nach Paris gebracht hat. Das Quartier und seine Bewohner kennt er wie seinen eigenen Hosensack. Aber er macht sich heute Sorgen um die Entwicklungen. «Paris war früher überall offen und lebendig.

Heute sind da Aggressionen und eine Abwehr des Fremden. Das widerspricht dieser Stadt und macht vieles kaputt», befürchtet er und spürt - gerade nach der neusten Krise - Rassismus und Nationalismus am eigenen Leib. Deshalb ist er froh, wenigstens in diesem Quartier zu sein und den ganzen Tourismus- und Massenrummel nicht um die Ohren zu haben. «Ich bin glücklich. Ich kenne alle, alle kennen mich. Mehr braucht es im Leben nicht», lautet seine lapidare Formel und gleichzeitig sein Erfolgsrezept als gewiefter Barkeeper, der auf diese Art mit seiner Familie überleben kann. Man nimmt dem Kahli mit seinen vergnügt blitzenden Augen die Lebenslust einfach ab, wenn er wie ein routinierter Tänzer hinter seiner Theke gleichzeitig südamerikanische Drinks mixt, mit Kunden schäkert, Musikstücke auswählt, Bier ausschenkt, abkassiert und die Melodien mitsummt.

Kein Wunder ist Kahli ein leidenschaftlicher Erzähler, Kino- und Theatermensch. Er spielt immer sich selbst: Als begabter Laienschauspieler hat er in Filmen mitgespielt und kürzlich auch in einer französischen TV-Serie. Stolz ist er auf seinen Othello nach Shakespeare, den er in seiner frühen Pariserzeit parallel in Französisch und auf Spanisch auf einer Pariser Kleinbühne dargestellt hat und gleichzeitig in den Räumen der spanischen Botschaft. Er hat dabei nie die grossen Kisten gesucht, sondern einfach Freude am Theater gehabt. «C’était une aventure à vivre», das musste er einfach erlebt haben.

Erlebt hat er auch, wie er eines Nachts in einem Pariser Nachtlokal bis in den frühen Morgen hinein mit einem dicklichen Amerikaner zu bechern, der ihn irgendwie an jemanden erinnerte - nur an wen? Als er diesen dann endlich in dessen Hotel untergebracht hatte, meinte der Nachtportier zu ihm: «Wissen Sie, dass Sie den Abend mit Marlon Brando[3] verbracht haben?». Der überraschte Kahli erzählte die Geschichte darauf stolz seiner Grossmutter. Die dann ganz trocken fragte: «… und wer ist Marlon Brando?».

Die geliebte Grossmutter bleibt bis heute in Kahlis Herzen. Ô Poêle heisst so, weil die Grossmutter zu Hause einen dieser alten Holzöfen hatte, an dem er sich als Bub jeweils wärmen konnte. Daran dachte er, als er sein Lokal vor Jahren kaufte und stellte mitten hinein einen rauchenden Kanonenofen. «Jedesmal wenn ich an kühlen Abenden einheize, denke ich an meine Grossmutter. So ist sie ist immer da,» erzählt Kahli gerührt.

Kahlis Geschichte mit Marlon Brando ist so gut, dass sie der französische Filmemacher Thomas Deflandre vor wenigen Monaten zu einem witzigen Kurzfilm des schwarzen Humors gemacht hat: Hauptdarsteller Kahli Belkheir, Ort der Handlung «Ô Poêle». Während Kahli nebenher zwei lästige Kerle kaltmacht, erzählt er seine Geschichte vom Treffen mit dem nicht erkannten Superstar Marlon Brando. Fast genauso, wie er sie vorher auch im Gespräch zum Besten gab. Der achtminütige Film wird demnächst öffentlich. Als Beweis zeigt Kahli eine noch nicht endgültig bearbeitete Version.

Was ist im realen Leben Wahrheit und was Fiktion? War die Geschichte mit Marlon Brando nun so oder ist das nur eine schön ausgedachte Filmanekdote? Kahli lacht und sagt, diese Geschichte habe er «sans blague» am eigenen Leib erlebt. Betrachtet man ihn dabei, kann es gar nicht anders gewesen sein. Er ist der Erzähler, den das Leben prägt, aber auch der Abenteurer, der einmal weiterzieht. «Paris ist eine wunderschöne Stadt - und doch ist einmal alles zu Ende. Ich verachte Menschen, die nicht wissen, wann es Zeit ist», erzählt er etwas melancholisch. «J’ aime les aventures mais une fois pour toutes, c’est fini».

Nun verkauft er sein Lokal und zieht schon im Herbst dieses Jahres nach Andalusien an einen neuen Ort, in eine neue Bar. Diese wird sicher wieder wunderbar gemütlich sein und - ein Vorteil wie Kahli betont - dort scheint die Sonne immer. Dem manchmal kalt-regnerischen Paris und seinem 19. Arrondissement aber wird mit seinem Weggang viel fehlen. Sicherlich aber der warme Ofen und der «grand esprit». Diese Tristesse kann dann auch die ehrenwerte Philanthropische Gesellschaft nicht wegbringen.

Nun, was hat das alles mit Bern zu tun?[4] Nichts und doch einiges: Als ich vor vielen Jahren in der Berner Altstadt einen Kaffee trank, kam eine langbeinige, blonde Frau ins Lokal. Sie glich haargenau der Ursula Andress, unserem Schweizer Bond-Girl[5]. Schüchtern wagte ich nicht, sie anzusprechen, staunte mit offenem Mund und sah voller Neid zu, wie sie in elegantester Art und Weise mit dem sie begleitenden Mann «causierte». Als ich zu Hause stolz von meinem Treffen mit «Ursi-National» auftrumpfte, lachte meine Grossmutter nur und meinte: «Ach was, das war ihre Schwester. Diese gleicht ihr, sie hätte auch beim Film landen können. Doch sie blieb in Ostermundigen. Die ist doch wenigstens vernünftig - oder?».

Dies geht mir durch den Kopf, nach Hause gehend, um die Ecke biegend von der ruhigen Passage de Melun hinein in die belebte Avenue Jean Jaurès. Noch ist es erstaunlich hell am späten Juliabend im 19. Arrondissement.

*

Der Song zum Text: Erik Satie, «Cinema», Entreacte aus dem Ballett Relâche, Filmmusik zum Stummfilm von René Clair, 1924. Aufnahme mit dem Ensemble Ars Nova, 1981. 

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Der Berner Michael Kaufmann war als Direktor der Hochschule Luzern-Musik von 2011 bis 2019 in Luzern. Bevor er im Juli 2020 als Heimwehberner in die wichtigste Hauptstadt der Welt zurückkehrt, hat er sich für einige Monate Paris entschieden. Er versuchte, mit ungewollten Unterbrüchen, im 19. Arrondissement der Metropole zu wohnen. Ein Umweg mit vielen ungewohnten Paris-Spaziergängen. Das lohnte sich - gerade auch in Krisenzeiten.



[1] Patrick Modiano, letzter Satz aus «Souvenirs dormants», Gallimard 2017 («Dans vos souvenirs se mêlent des images de routes que vous avez prises et dont vous ne savez plus quelles provinces elles traversaient» (übrs. mk)

[2] Die Gesellschaften der Menschenfreunde, philanthropische Gesellschaften, sind ab Ende des 18. Jahrhunderts überall in ganz Europa und England entstanden. So auch in der Schweiz. Die bürgerlich orientierten Institutionen - heute meist Stiftungen - wollten unter Einsatz privater Mittel menschliches Leid lindern und Gutes tun. Dies immer innerhalb der jeweils herrschenden Gesellschaftsordnung und mit dem politischen Nebeneffekt, damit radikalere Bewegungen, Umsturz oder gar Revolution abzufedern.

[3] Marlon Brando (1924 -2004): Einer der grossen US-Schauspieler der Nachkriegszeit mit Grosserfolgen des literarischen Kinos wie «Endstation Sehnsucht», «Meuterei auf Bounty», «Der Pate», «Apokalypse Now». Das grosse europäische Kino prägte er vor allem mit dem Aufsehen erregenden «Last Tango in Paris» (1972) von Bernardo Bertolucci.

[4] Die Journal-B-Redaktion betonte mit ihrer Bereitschaft diese «Spaziergänge von Hauptstadt zu Hauptstadt» zu publizieren, dass immer auch ein Bern-Bezug sein müsse. Was hiermit geschieht.

[5] Mit dem ersten Bond-Film, «007 jagt Dr. No» (1962) wird die Bernerin Ursula Andress weltberühmt. Scheinbar hatte ihr ein gewisser Marlon Brando geraten, Schauspielerin zu werden. Und hier noch ein weiterer Bern-Paris-Bezug: Andress lebte in den 1960ern einige Jahre lang mit dem französischen Schauspieler Jean-Paul Belmondo zusammen. Natürlich in Paris - und nicht in Ostermundigen.

26.06.2020 | 12:43
Geheimtipp: Die Metrostation «Porte des Lilas», Relikt aus den Gründerzeiten, alles in Keramikplättchen. Auch in Zeiten «post Corona» eine Garantin für normales Alltagsleben. (Foto: Michael Kaufmann) (photo: Michael Kaufmann)

Bern hat das «Nünitram». Die Linie soll bald einige Kilometer über Wabern hinaus ausgebaut werden.

Paris hat die Metro. Das Netz umfasst rund 1400 Kilometer und bedient über 300 Stationen. Es soll dereinst im Rahmen des Grossprojekts «Grand Paris» mit einem gigantischen Ringnetz die ganzen Banlieues bedienen.

So weit sind wir weder in Bern noch in Paris. Egal, wir lieben die alten Linien. Le train métroplitain! Der Inbegriff des Pariser Lebens, der Mobilitätskultur der Moderne. Das fahrende Zuhause: Hier wird gelesen, geredet, Musik gemacht, geschrieben, nachgedacht, telefoniert. Die Metro ist ganz simpel dem «Humanismus des Alltags» verpflichtet, wie es der Ethnologe und Philosoph Marc Augé definiert hat.[1] Sie ist eine Notwendigkeit. Aber man schätzt sie als Dienstleistung und gefällt sich in ihr als Teil der multikulturellen Massengesellschaft. Das weit verzweigte Tunnelnetz ist die Inspirationsquelle für tausende von Gedichten, Chansons und Romane. Oder sie war und ist garstige (für Unbemittelte erst noch teure!) Realität, wie George Orwell in seiner Reportage «Down an Out in Paris and London»[2] beschreibt. Der junge Orwell erleidet in der Krise der frühen 1930er die Armseligkeit des Tellerwäschers, der sich frühmorgens in die Sardinenbüchse eines Metrozugs zwängt, um pünktlich zur mies bezahlten Arbeit anzutreten: In dieser Metro riecht es einfach nach Schweiss, Knoblauch und den billigen Parfüms des arbeitenden Volks. Am liebsten ist man hier bald raus und draussen an der frischen Luft.

Unser Spaziergang «post Corona» lässt alle berühmten Metrolinien und - stationen beiseite und besingt die scheinbar nebensächlichste aller Metrolinien, die Nr. 7 bis. Diese kurze Nebenlinie der Nr. 7, startet im 10. Arrondissement ab «Louis Blanc», um sich in nur 7 Stationen Richtung Osten der Grenze dazwischen 19. und 20. Arrondissement entlangzuschlängeln bis «Pré St-Gervais», bzw. dem dortigen Stadtspital Robert Debré. Unter dem Boden umkreist sie die Butte de Chaumont, den wundervoll erholsamen Hügelpark in Paris’ Norden um gleich wieder nach «Louis Blanc» zurückzukehren. Wenig Spektakuläres, keine grossen Namen, auch wenn wir uns mit den Stationen «Louis Blanc», «Jaurès», «Bolivar» und «Botzaris» im für diese Gegend typischen sozial-revolutionären Spektrum befinden.[3]

Davon spüre ich aber nichts an diesem heiteren, sonnig-warmen Junitag, als ich leichtfüssig gegen Mittag bei «Louis Blanc» in die Metro hinuntersteige. Hier wartet ein Zug der «7bis» schon auf Kundschaft. Seine wohl hier nicht ganz zufällig eingesetzten altgedienten Wagen (Oh! diese Einzelwagen mit dem warmen  Licht der heute verbotenen Glühbirnen!) sind spärlich besetzt. Die Mitfahrenden tragen trotzdem brav die Maske: Eine multikulturelle Gesellschaft, bunte Afrikanerinnen, schwatzende Jugendliche in Hoodiekaputzen, einige arabisch sprechende Handwerker mit dicken Werkzeugtaschen. Die Fahrt dauert nur 6 Minuten und ich steige bei der «Place des Fêtes» wieder aus.

Hier oben schockt der Inbegriff des Städtebaus der 1970er Jahre mit seinen Hochhäusern und einem künstlich aus dem Boden gestampften «Festplatz». Das spiegelt die Doppelstrategie der damaligen Stadtväter und Architekten (alles Männer), einerseits ein altes und unbequemes Quartier (den obersten Teil von Belleville) dem Erdboden gleichzumachen um andererseits in pathetischer Sozialrhetorik Wohnsilos fürs Volk aufzuziehen.[4]

Verlässt man die Place des Fêtes Richtung Südosten gelangt man ganz oben an der Rue de Belleville zum höchsten Punkt des Pariser Beckens überhaupt, zum Telegraphen-Hügel und zur gleichnamigen Metrostation «Télégraphe» der Linie 11, welche eine technische Errungenschaft der französischen Ingenieurskunst würdigt: Von hier aus hat in Zeiten der französischen Revolution ein Claude Chappe die erste, noch optisch funktionierende, Telegrafenlinie Paris-Lille eingerichtet und damit einen Vorläufer der bis heute immer schnelleren Übermittlung von Daten und Informationen lanciert. Damals eine rasante neuzeitliche Errungenschaft, die bald darauf Napoleon Bonaparte gegenüber der bedächtigen Kavallerie der alten Welt von grossem Nutzen war.[5]

Wie hätte die Zazie aus dem Kultroman der 1960erjahre, «Zazie dans le métro»[6], hier oben ihren Spass gehabt: Am einfachen und doch so gemütlichen Bellevillequartier, an der Ruine des Telegraphen, den Wassertürmen, dem kleinen Friedhof voller wilder Blumen und Sommerflieder. Hier hätte sie die Essenz der Metro geniessen können, gemäss der man an allen Punkten der über 300 Pariser Metrostationen emporsteigen kann, um spannende Dinge ausserhalb von Tourismusdestinationen wie «Sainte Chappelle» oder «Dom des Invalides» zu erkunden[7]. Ironie des Romans, dass die gute Zazie während ihres Parisaufenthalts zusammen mit ihrem schrägen Onkel zwar auch viel erlebt hat, nie aber die Metro benutzen konnte. Dabei war Zazie gerade wegen der Metro hier, liebte «rien que le métro». Es war verhext und es war vor allem Streik! Schon damals strapazierte die höhere Gewalt einer wohl gerechtfertigten Sozialrevolte die Nerven der ansonsten sehr geduldigen Pariserinnen und Pariser. Zazie musste also verzichten.

Hier oben ist man aber auch am Punkt, wo beim Weiterflanieren auf die andere Seite des Hügels das Cliché des mondänen Paris so rasch verbleicht, wie eine alte Fotografie.

So steigen wir also, Paris den Rücken kehrend, hinunter ins neue Quartier, Richtung der nächsten Metrostation, der «Porte des Lilas» (des Flieders!). Das muss man gesehen haben: Schon nur wegen des gut erhaltenen Stationsgebäudes des frühen 20. Jahrhunderts. Steht man vor diesem elegant-luftigen Bau mit seinen weissen Karamikplättchen und den farbigen Schriftmosaiken und Verzierungen, wähnt man sich unweigerlich in Lissabon und seinen Azuleios. Geblendet vom weissen Licht verlässt man diese Traumvision um wieder ins kühle Dunkel der französischen Metropole zu tauchen. Genau hier unten hat sich Serge Gainsbourg seinen ersten Hit, «Le Poinçonneur des Lilas» vorgestellt, eine bitter-süsse Ode ans Pariser Leben: Sein Billettknipser, der hier täglich die Fahrten erster und zweiter Klasse löchert, träumt von einer besseren Welt, will hinauf ans Licht und ist doch dazu verdammt, in seinem Loch und seinen «petits trous» zu verharren - oder sich umzubringen. «Poinçonneur» - ein vergangener Beruf. Heute kontrollieren uns in der Unterwelt der Metro - wie in allen anderen Dingen auch - digitale Applikationen. Und trotzdem verbringen Millionen von Menschen auch nach der grossen Krise täglich stundenlang und zufrieden unter dem Boden um (notgedrungen mit Masken bewehrt) die «mobilité commune» zu nutzen und eine kleine Auszeit zu haben vom brodelnden Leben dort oben. Ach, ist das tröstlich!

Der Spaziergang könnte ab hier auf der Linie 11 hinunter ins Stadtzentrum führen Vielleicht würde es sich dabei sogar lohnen, acht Stationen weiter bei «Arts et métiers» auszusteigen, der wohl futuristischsten aller Pariser Metrostationen. Doch nein, das wäre ein anderer Spaziergang und eine andere Geschichte.

Stattdessen gibt’s jetzt eine kühle «Blonde» im Café an der «Porte des Lilas». Den Blick auf Zazies Wunschobjekt gerichtet und mit der von ihr verkündeten lapidaren Tatsache konfrontiert, spürt man: Man ist wieder älter geworden. Es bleibt aber die Genugtuung, die Metrowelt wieder mal so richtig erlebt zu haben.

 



[1] Marc Augé, Un ethnologue dans le métro, (1985), neu aufgelegt in Ed.Fayard/Pluriel 2013. Das kleine Büchlein skizziert eine Soziologie der Metro und wirft einen launigen Blick des ansonsten mit indigenen Völkern beschäftigten Ethnologen auf die Einheimischen und den Pariser Alltag.

[2] George Orwell, Down and Out in Paris and London (1933), ist eine hellwachere und ungeschminkte Reportage des jungen Engländers, der hier mit Gelegenheitsjobs um die Existenz kämpft. Ein sehr aktueller Text: Fast hundert Jahre danach sind die Verhältnisse für Eingewanderte und Sans-Papiers noch ziemlich dieselben.

[3] Louis Blanc (1811-1882): Utopischer Sozial- und Wirtschaftsreformer | Jean-Jaurès (1859-1914): Pazifistischer Sozialist, Abgeordneter und Publizist. Wurde kurz vor dem ersten Weltkrieg wegen seiner Kriegsgegnerschaft auf offener Strasse erschossen | Simon Bolivar (1783-1830): Südamerikanischer Freiheitskämpfer und Staatsmann| Markos Botzaris (1788-1823), Kämpfer für die griechische Unabhängigkeit.

[4] Der Schrifsteller Daniel Pennac hat dem Platz und dem ganzen Belleville-Quartier in seinem virtuos-wortgewaltigen Schelmenroman «Monsieur Malaussène» ein liebevolles Requiem geschrieben: Daniel Pennac, Monsieur Malaussène, Ed. Gallimard, 1995.

[5] Die optische Telegraphenlinie Paris-Lille erlaubte es Ende des 18. Jahrhunderts, kürzere Depeschen innert 8-10 Minuten über die Strecke von rund 225 Kilometer zu bringen.

[6] Raymond Queneau, Zazie dans le métro, Ed. Gallimard, 1959

[7] (Zazie-Fans wissen): Der Nichtbesuch dieser beiden Orte ist einer der «running gags» in Zazies Pariser Erkundungen.

 

 

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Der Song zum Text: «Le Poinçonneur des Lilas»: Serge Gainsbourg, damals ein unbekannter 21-jähriger Kunst-Student, lancierte 1959 mit diesem «Metro-Hit» seine Welt-Karriere. In Zeiten des überbordenden Digitalnarzissmus für die Propagation von Songs staunt man über den simplen und authentischen Ansatz aus dem Analog-Film-Zeitalter. Köstlich auch die begleitende Live-Band! 

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Der Berner Michael Kaufmann war als Direktor der Hochschule Luzern-Musik von 2011 bis 2019 in Luzern. Bevor er als Heimwehberner in die wichtigste Hauptstadt der Welt zurückkehrt, hat er sich für einige Monate Paris entschieden. Er versucht, mit ungewollten Unterbrüchen, im 19. Arrondissement von Paris zu wohnen. Ein Umweg, der sich auch in Krisenzeiten lohnt.

Seine «Spaziergänge in Paris» folgen bis Juli 2020.

 

 

 

 

 

 

 

 

30.04.2020 | 08:00
Mein liebster Spaziergang in Paris. Im Bild: «La dernière écluse», bevor es in den unterirdischen Tunnel geht, der sich bis zur Bastille erstreckt. (Foto: Michael Kaufmann) (photo: Michael Kaufmann)

Oben ist seit Wochen dieser blaue Himmel und mitten im April eine Sommersonne. Gesichtslose Zeit, Stillstand. Wenigstens grüsst man sich gegenseitig der Aare entlang spazierend, irgendwo in der Elfenau: Das sind neue Zeiten! Das Grüssen nimmt proportional zur Distanz zu, die man gegenüber den Entgegenkommenden einhält. Der nichtgrüssende Massenmensch weicht den freundlich-korrekten Zeitgenossinnen und Zeitgenossen, die im Abstand von genau zwei Meter von uns vorbeiziehen. Ob diese gelassene Höflichkeit im ausgangsgesperrten Paris wohl auch der Fall ist?

Mein Pariser-Lieblingsspaziergang beginnt bei der Métrostation Jean-Jaurès und führt vorerst dem Quai de Valmy entlang. Am Uferweg des charmanten Canal St. Martin geht’s von Schleuse zu Schleuse. Die «écluses» sind Zeugen der französischen Ingenieurkunst des 18. Jahrhunderts, damals wurde ganz Frankreich mit weit verzweigten Wasserwegen überzogen und man konnte dank der Schleusentechnik ganze Berg- und Hügelzüge überwinden. Es war - vor der Eisenbahn - die bequemste und günstigste, wenn auch schön langsame, Mobilitätsform der grossen Warenströme. Rechterhand kann man bald ins charmante Village St. Martin (10. Arrondissement) mit seinen Boutiquen und Läden eintauchen. Irgendwann quert man auf die linke Seite des Kanals und trifft so im 11. Arrondissement bald auf die berühmten Strassenzüge ums Boulevard Voltaire, die Rue St. Maur oder die Rue du Chemin Vert, wo die ersten Barrikaden der Pariser Commune von 1871 aufgebaut worden sind.

Von hier und vom Richtung Süden liegenden Faubourg St. Antoine aus starteten bereits die entscheidenden Demonstrationszüge der Revolution von 1789: Handwerker, Bauern und Kleingewerbler sowie viele berufstätige Frauen hatten sich hier ab Mai 1789 versammelt um den Sturm auf die Bastille vorzubereiten, das Waffen- und Pulverarsenal des verhassten königlichen Regimes.

An diesen Ort lenken sich nun auch die Schritte des Flaneurs, den verwinkelten Häuserreihen entlang, wo sich das Volk damals versammelte. Der Historiker und Schriftsteller Eric Vuillard hat das in seinem «Quatorze Juillet» aufgrund von originalen Polizeiprotokollen zusammengetragen.[1] Sein Blickwinkel auf die Ereignisse ist jener dieser ganz normalen Menschen. Diese wollen nicht Helden sein, sie haben weder Voltaire noch Rousseau gelesen. Sie sind arm, leiden Hunger, überleben irgendwie im Kollektiv der Masse. Sie nehmen nun ihr Schicksal in die eigenen, nackten, Hände - um mit Holzstangen, Prügeln und schwingenden Ketten Richtung der nahen Bastille zu ziehen. Diese königliche Festung verteidigt eine Einheit von Schweizer Gardisten, ein Regiment von damals rund tausend Männern. Darunter natürlich eine beachtliche Anzahl an Bernern. Die Patrizier als wohlgefällige Offiziere, die stämmigen Berner Untertanen aus dem Mittelland und dem Emmental sowie dem benachbarten Entlebuch als Fussvolk[2].

Dieses «Kanonenfutter des Königs» verdient einen Sold, der weit über das herausgeht, was man damals beim mühseligen Kartoffelgraben an steinigen Emmentaler Högern herausholen konnte. Und die Herren Offiziere als Vertreter des Ancien Regime in der Schweiz und besonders der nachbarschaftlichen «Grossmacht Bern», können hier ihre Beziehungen zu den Mächtigen Frankreichs pflegen - supplément gibt’s das Luxusleben in der eleganten Stadt Paris.

Man gab am 14. Juli 1789 die Bastille gegenüber dem nicht endend wollenden Ansturm des Volks auf - um sich vorerst in die nächste «Bastion», die Tuilerien, zurückzuziehen. Deshalb verläuft unser Spaziergang jetzt von der Bastille aus Richtung Südwesten an die Seine, wo vis-à-vis das «Institut du monde arabe» das Stadtbild prägt: Es ist der Bau von Jean Nouvel (1987) mit seinen orientalisch-futuristischen Fenstern, welche sich nach Sonne und Schatten richten. Die Architektur symbolisiert die humanistische Offenheit in Zeiten der Globalisierung, er droht heute aber (wie an einer Führung vor einigen Monaten überprüft) in den Zustand einer Betonruine zurückzufallen. Ist das das Ende der Aufbruchstimmung, Fanal einer bereits vergangenen Epoche?

Der Seine entlang geht’s auf der lauschigen Seine-Promenade dem Stadtzentrum zu und letztlich zu den Tuilerien, wo am 10. August 1792 die endgültige Absetzung des Bourbonen-Königs erzwungen wurde - unter dem Preis der Abschlachtung von gegen 800 unserer tapferen Schweizer Gardisten. Die Mächtigen der Schweiz und mit ihnen ihre glorreiche Garde waren diesmal auf der falschen Seite.

Ironie Nr. 1 des Schicksals, dass einer der dort anwesenden jungen französischen Revolutionsoffiziere, bei aller republikanischen Überzeugung angewidert vom Gemetzel an den Schweizer Kerlen, ein Mann namens Bonaparte, sechs Jahre später zur Schlacht am Berner Grauholz das Ancien Regime der grossen Berner Republik aus den Angeln hob - selbstverständlich unter Abtransport des berühmten Berner-Geldschatzes à 3.5 Tonnen reinem Gold. Das ökonomische Schmiermittel der gnädigen Herren zu Bern verschwand damit auf einen Schlag in Richtung des «Sehnsuchtsorts» Paris. Keine Banken, wie dies heute (vielleicht) der Fall wäre, konnten den Schaden beheben und die Pleite Berns abwenden.

Ironie Nr. 2, dass der vormalige Berner Offizier im Dienst des französischen Königs, Karl Ludwig von Erlach, diese Schlacht am Grauholz gegen die Franzosen anführte - um kurz darauf als vermeintlicher Verräter am Vaterland (an den alten Pfünden?) vom Mob der Berner Landbevölkerung erschlagen zu werden.

Und Ironie Nr. 3: Der bisher republikanisch-revolutionäre Bonaparte liess sich bald darauf zum Empereur Napoleon I. krönen  - «libérté, égalité, fratérnité» und demokratischen Freiheitsgeist weit hinter sich lassend.

So endet der Spaziergang im staubigen Kies der winterlichen Tuilerien-Gärten[3]. Ich denke mit Blick auf einige hier herumbettelnde Obdachlose an den Fünftel der französischen Bevölkerung, der nun unter das Existenzminimum zu rutschen droht. Tendenz steigend: Wir stehen Mitte 2020 was die Vermögensverteilung innerhalb der Gesellschaft anbelangt in etwa dort, wo wir 1789 stehen geblieben sind.[4]

Heute, als ohnehin privilegierter Schweizer gemächlich auf einer Bank nahe der Augut-Brücke sitzend und auf die munter tanzenden Wasserwirbel der Aare schauend, taucht das Bild des Schiffs (auf der Seine?) in Arthur Rimbauds «Mouvement»[5] auf. Auf dem Kahn befindet sich eine muntere Runde der besseren Gesellschaft. Sie ist den weltweiten Entdeckungen, den Naturwissenschaften und dem Kapital zugetan. Sie lobt den Fortschritt der Menschheit und liebt Sport und Komfort. Ein Liebespaar auf dem Schiff steht abseits. Es schaut tatenlos zu, macht sich seine Gedanken - und singt.

Symbolisiert der Strom des Wassers das unendliche, alle Epochen der Menschheit überwindende, «mouvement»? Oder könnten das Innehalten und die kritischen Fragen des jungen Liebespaars den Gang der Dinge bewegen? Ist das für uns Lesenden ein Hinweis darauf, was auch ganz aktuell eine andere Zukunft sein könnte?

 

(Hauptstadt Bern, Ende April 2020)

 

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Song zum Text: «Mouvement» aus «Images» von Claude Debussy. Es könnte inspiriert sein von Arthur Rimbauds «Mouvement». Komponiert ca. 1905, kündigt diese vorwärtstreibende Musik jedenfalls die Moderne und den Umbruch an. Es spielt Artur Benedetti Michelangeli.

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Der Berner Michael Kaufmann war als Direktor der Hochschule Luzern-Musik von 2011 bis 2019 in Luzern. Bevor er als Heimwehberner in die wichtigste Hauptstadt der Welt zurückkehrt, hat er sich für einige Monate Paris entschieden. Er versucht, mit ungewollten Unterbrüchen, im 19. Arrondissement von Paris zu wohnen. Ein Umweg, der sich auch in Krisenzeiten lohnt.

Seine «Spaziergänge in Paris» folgen bis Juli 2020.



[1] Eric Vuillard, «Le 14 juillet», Actes Sud, 2016; 2019 auch in Deutsch bei Matthes und Seitz, Berlin. Vuillard erhielt 2017 den wichtigsten französischen Literaturpreis, den Prix Goncourt, für seine grossartige Erzählung «Orde du jour».

[2] Die Garde (ab ca. 1590 im Rahmen von Militärabkommen Frankreichs mit der Eidgenossenschaft bereits vorhanden) war ein Gemisch von Schweizer Abenteurern und Haudegen, die Offiziere teilweise auch weltanschaulicher Überzeugung: die (damals französisch sprechenden) Berner Adeligen eher in der Grossmachtsideologie von Bern und dem zentralistischen Frankreich verhaftet, die Luzerner und Innerschweizer als senkrechte Katholiken zur royalistischen Verteidigung der alten Welt gegen den Schwung der damaligen Reformation. Die «löwenhafte» (wenn auch zu Beginn zum Scheitern verurteilte) Verteidigung des Königs (der sich im übrigen schon lange von den Tuilerien weg aus dem Staub gemacht hatte) vom 10. August 1792 führte einige Zentralschweizer Patrioten im 19. Jahrhundert dazu, das Luzerner Löwendenkmal zu errichten. Aus heutiger Sicht ein typischer Beitrag zur «Erfindung von Tradition» in der Suche nach der heldenhaften Identität der jungen Schweiz.

[3] Der «alternative Spaziergang» wäre jener ins Musée de la Garde Suisse im Pariser Vorort Rueil-Malmaison gewesen. Auf diesen habe ich bisher grosszügig verzichtet. https://www.rueil-tourisme.com/fr/decouvrir-rueil-malmaison/musees/musée-des-gardes-suisses

[4] Der französische Ökonom Thomas Piketty hat dies erstmals 2013 in seinem Buch «Das Kapital am 21. Jahrhundert» (Seuil) aufgezeigt - und in seinem neusten Werk « Kapital und Ideologie» (Seuil, 2019) untermauert.

[5] Arthur Rimbaud, 1854-1891, das Gedicht «Mouvement» entstammt dem Zyklus «Illuminations». Das junge Liebespaar schaut dem Gang der Gesellschaft zu und singt. Die Frage (in die Zukunft gerichtet): «Est-ce ancienne sauvagerie qu'on pardonne ?» {Kann man der alten Barbarei verzeihen?}

 

09.04.2020 | 08:00
Die Rue Erik Satie in 19e: Knappe 200 Meter für den Exzentriker und auf der anderen Strassenseite nichts als die Polizeiwache. (Foto: Michael Kaufmann) (photo: Michael Kaufmann)

Es war einer der letzten Abende vor der Ausgangssperre: «Manon» die grosse Oper von Jules Massenet in der Opéra Bastille war bereits abgesagt. Nicht aber, 10 Minuten zu Fuss von mir, im Kleintheater «Darius Milhaud» der Misanthrope von Molière. Das passte grad!

Das Kleintheater am nördlichen Ende des 19. Arrondissements befindet sich mitten in hingepfuschten Bauten der 1960-1980erjahre, ein Abbruchobjekt als kulturelle Oase mitten im Beton. Das Theater hat zwei kleine Säle. Im kleineren, mit maximal 30 Plätzen (ausverkauft an diesem Samstagabend) berührt man auf Bänke gepfercht mit den Knien die Vorderleute, in der ersten Reihe ist man eng am Bühnenrand wo sich manchmal auftretende Schauspielende durchzwängen. Die Ausgangstüre des kleinen Bühnenzimmers in dem der Menschenfeind haust und auf einer alten Schreibmaschine herumklappert, öffnet sich gleich auf die Strasse, wo Kinder im Neonlicht Fussball spielen.

Der mürrische Menschenfeind auf der Bühne hasst alle Menschen. Die bösartigen sowieso, aber auch die guten, welche sich ohnehin nur bemühen, dem Falschen und den Mächtigen nachzurennen. Und die Liebe? Naja, seinen Herzenswunsch will der schief gelagerte Moralist der Geliebten schon gar nicht preisgeben - um stattdessen zum Schluss in eine ferne Landschaft (sprich die trist-dunkle Quartierstrasse draussen) zu entschwinden. Ein köstlicher Theaterabend, eine Komödie voller Esprit und Aktualität. Das Lachen bleibt einem dabei oft im Hals stecken und spätestens wenn die geliebte Célimène auf der Bühne (in zwei Metern Distanz höchstens) dann noch kräftig hustet und niest, ist man wieder ganz in der Echtzeit angekommen.

Das schäbige «Darius Milhaud» war schon da, als wenige hundert Meter weiter westlich, auf der anderen Seite der Avenue Mitte der 1980er Jahre der Villette-Park eingeweiht worden ist. Dieses frühere Viehmarkt- und Schlachthausgelände ist heute ein Kultur- und Ausstellungshotspot von Paris. Hier steht - neben der Grossen Markthalle (wo 1981 die Rolling Stones auftraten) sowie weiteren Theater- und Kulturspielorten, Restaurants, Ausstellungshallen -  die französische Musikhochschule Nr.1 («national supérieur»!), die Cité de La Musique, welche Werkstätten sowie Konzertsäle umfasst. Diese ist auch die Heimat des zeitgenössischen «Ensemble Intercontemporain», eine Gründung des grossen Komponisten und Dirigenten Pierre Boulez. Und nicht zuletzt steht hier seit vier Jahren, vom Stararchitekten Jean Nouvel geformt, der kühle Edelstein der Philharmonie de Paris.  Das ist der grosse Konzertort der Edel-Klassik der «Grande Nation» überhaupt.

Doch zurück ins «Normalquartier»: Ausgehend vom kleinen Theater, nach dem Komponisten Darius Milhaud genannt, sind in unmittelbarer Nähe viele Musiker-Strassen zu entdecken. Milhaud machte in den 1920 und 30er-Jahren Furore mit seiner modernen Lockerheit, der absurden Opernrevue «Le boeuf sur le toit» und seinen Anlehnungen an Populär- und Tanzmusik aus Südamerika und dem amerikanischen Jazz.

Ein genauerer Spaziergang lässt entdecken, dass hier, sozusagen auf der Schattenseite der grossen Pariser Kultur fast unbemerkt, eine deutlich überdurchschnittliche Anzahl Strassen, Alleen und Gebäude nach Musikern und Chansonniers des 20. Jahrhunderts benannt ist. Misst sich die Kulturaffinität einer Stadt an ihren Strassennamen? Oder ist es Tatsache, dass frühere Generäle, Aristokraten, Könige und Politiker (durchwegs Männer!) in allen Städten des alten Europa bei den Strassennamen vorherrschen? Das ist wenigstens in Paris der allgemeine Fall, aber auch in der Hauptstadt Bern, wo man vergeblich nach Namen aus Kunst und Musik sucht - die Hodler-, Böcklin-, Giacometti- oder Amietstrassen sind die grossen Ausnahmen während der mickrige Mani-Matter-Stutz am Rathaus ein zaudrig-peinliches Zugeständnis ans wichtigste einheimische Liedschaffen des 20. Jahrhunderts ist.

Die Spaziergänge im 19. Arrondissement von Paris ergeben jedenfalls Erfreuliches: Wir haben hier eine einzigartige Dichte von Strassenbenennungen nach Komponisten des 20. Jahrhunderts: Die «Groupe des Six» mit Francis Poulenc, Georges Auric, Darius Milhaud - aber natürlich nicht mit der einzigen Frau, Germaine Taillefer - ist bestens vertreten[1]. Nahe am Bassin drüben finden wir mitten in proletarischen Mietskasernen die Strasse des verrückten Edgar Varèse, dessen Grossstadtmusik hier am Rande der Industriebrache bestens passen würde. Drüben auf der anderen Seite haben wir die Alleen von Jacques Brel, Simone Signoret und Ives Montand und es gibt hier ein Gymnasium namens «Georges Brassens»: Die grossen Chansonniers und Filmleute sind also auch hier im «quartier populaire» vertreten. Nicht zuletzt finden wir noch gut versteckt die höchstens 200 Meter lange «Rue Erik Satie». Diese besteht aus einem langgezogenen anonymen Neubau - auf der anderen Strassenseite befindet sich der stark frequentierte Polizeiposten des Quartiers. Ob die Menschen, die hier ein- und ausgehen den exzentrischen Pianisten und Musikschreiber Erik Satie wohl kennen? Einen, der zu Lebzeiten von den Grossen der 1910er-Jahre belacht worden ist und der sein karges Leben als Pianist in einem drittrangigen Cabaret zu bestreiten hatte[2]. Doch auch Satie passt letztlich genau in dieses Quartier: Es sind nicht die grossen Namen, aber zumindest hat ihnen irgendein mutiges Kulturkomitee bei der Vergabe der Strassennamen gedacht. [3]

Nicht zu vergessen sind hier im Norden der Stadt die unzähligen kleinen Theater, Kinos, Galerien, Konzert- und Cabaretlokale, teilweise auf den im Kanal verankerten Péniches. Sie zeugen davon, dass hier eine lebendige und junge Kulturszene zu Hause ist und dass die Grenze zwischen professioneller «Hochkultur» und der Kreativität der «normalen» Menschen fliessend ist. Das zum Beispiel auch im alternativen Kulturzentrum «104» drüben im Quartierteil «Flandres»: Im früheren Fabrikgebäude nahe der Bahngeleise treffen sich in Normalzeiten in Ateliers und den grossen Hallen all jene, die Kunst selber machen und die an Tanz, Elektronik, Songs und Multimediakunst tüfteln.[4]

Jetzt, im explodierenden Frühling, warten alle sehnsuchtsvoll auf die Wiedereröffnungen. Schöne Strassennamen allein machen noch keine Kunst und auch das Votum des tragisch-komischen Menschenfeinds des Molière, «Am liebsten möcht’ ich in die letzte Wüste geh’n, Um keinen Menschen mehr zu seh’n» ist nicht die Sache der Leute hier. Schon gar nicht während der Ausgangssperre. So viel kulturelle Ungeduld gibt Hoffnung.

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Song zum Text: «Brasileira» für zwei Klaviere von Darius Milhaud, mit Martha Argerich und Nelson Freire.

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 Der Berner Michael Kaufmann war als Direktor der Hochschule Luzern-Musik von 2011 bis 2019 in Luzern. Bevor er als Heimwehberner in die wichtigste Hauptstadt der Welt zurückkehrt, hat er sich für einige Monate Paris entschieden. Er lebt momentan im 19. Arrondissement. Ein Umweg, der sich auch in Krisenzeiten lohnt.
Seine «Spaziergänge in Paris» folgen bis Juli 2020.



[1] Der Schweizer Arthur Honegger (der auch zur Gruppe gehörte) hatte natürlich ohnehin keine Chance.

[2] Die meisten kennen von Satie die «Gymnopédies» und kaum die vielen Dutzenden von köstlichen Klavierstücken zu zwei und vier Händen, oder die seltsamen Lieder für Gesang und Klavier. Sehr schöne Zusammenstellung auf 2 CDs sind die Satie Einspielungen durch den Pianisten Alexandre Tharaud, Harmonia Mundi, 2009.

[3] Ganz anders sieht es aus, wenn man die Strassennamen des übrigen Paris ansieht: Wenn auch die grossen Schriftsteller des 19. Jahrhunderts (Hugo, Dumas, Balzac, Zola, etc.)  immerhin eine Strasse oder gar Métrostation haben, sieht es bei den Musikern und beim 20. Jahrhundert allgemein schlecht aus: Nicht einmal der grosse Hector Berlioz ist in der Kernstadt vorhanden, Claude Debussy hat es grad zu einer Avenue im Vorort Clichy geschafft. Das musikalisch-literarische Multigenie Boris Vian (der dieses Jahr 100 Jahr alt wäre) hat einen kleine, düsteren Treppenweg mitten in der nordafrikanischen «Goutte D’Or» des 9. Arrondissements und für die Schwestern Nadja und Lili Boulanger, beide hervorragende Komponistinnen des 20. Jahrhunderts gibt’s grad noch eine an ihrem Wohnhaus angebrachte Gedenktafel im westlichen 9e.

[4] Le 104, siehe Webpage www.104.fr

25.03.2020 | 17:40
Für die Zeiten nach der Ausgangssperre erhält das Velo eine noch wichtigere Bedeutung (Am Bassin de la Villette, Sonntag, 15. März 2020. Foto: Michael Kaufmann) (photo: Michael Kaufmann)

Jetzt kurven die Polizeikontrollen auf Velos durchs Quartier. So wirken die Flics sehr menschlich und es ist zu spüren, dass ihre Kontrolltätigkeit hier am Bassin de Villette im Norden von Paris eine Unterstützung ist. Das gibt den Einkaufenden und sportlich Tätigen Sicherheit und wird nicht als Akt von polizeilicher Gewalt empfunden. Abgesehen davon winken die Beamteten die Jogger meist locker durch. In dieser Montur und auf Turnschuhen muss man in diesen Tagen das besagte Formular[1] kaum mal auspacken. Die Blicke der Behördenmitglieder sind dann fest - aber kollegial-freundlich auf einen gerichtet. Guter Nebeneffekt: Vom Velo aus sind die geforderten Abstände zwischen Menschen automatisch gewährleistet.

Paris ist ehrgeizig und will die Velohauptstadt der Welt sein: Die Stadtregierung hat grosse Pläne, will mit 150 Millionen Euro bis 2024 das bereits vorhandene Velowegnetz verdoppeln, neue Velostationen bauen und neue «Velo-Expressstrassen» quer durch die Metropole legen. Ein Plan, der in doppelter Hinsicht entscheidend ist, und hoffentlich für die Zeiten nach dem «confinement» zügig in Umsetzung geht. Denn einerseits ist das Velo auch für die Zukunft das einfachste, billigste, sozialste und umweltfreundlichste Verkehrsmittel der Grossstadt. Dies in geschickter Kombination mit dem öffentlichen Verkehr: Kein Zufall ist der städtische Fahrradverleih «velib’» - immerhin seit 2007 einer der ersten dieser Art in Europa - mit seinen mittlerweile rund 20'000 Velos und rund 1500 Velostationen direkt mit dem regionalen «Navigo»-Abo des ÖV kombinierbar. Heute verwenden rund 245'000 Abonnierende dieses Angebot und machen alltäglich Gebrauch der intelligenten Räder ab der praktischen Vélib-App.[2]

Zweitens ist die Stadt trotz der hehren Pläne heute noch weit entfernt vom Ziel, eine echte Velostadt zu sein: Dies etwa im Vergleich zu den holländischen und dänischen Velometropolen, aber auch zur Hauptstadt Bern, die seit Jahren ein echtes Veloparadies ist. Der locker-charmante Schlagerhit «A vélo dans Paris» von Joe Dassin aus dem Jahr 1972[3], würde ganz jedenfalls gut für fortschrittliche Städte wie Bern passen. Sicher aber nicht auf die normalerweise chaotischen Verkehrsverhältnisse in Paris. Hierzulande hält man sich zwar jetzt brav an präsidiale Notrechtsparolen und es gibt böse Blicke, wenn man beispielsweise beim Zeitungskiosk etwas zu nah ansteht. Präsident Macrons Kriegsparole vom 16. März läuft sozusagen im Hinterkopf mit.

Betont nachlässig ist hingegen der Umgang der Parisiens mit Verkehrsregeln und anderen obrigkeitlichen Vorgaben in «Friedenszeiten»: Zwar gibt es Velowege und Velospuren, aber an diese halten sich weder die Velofahrenden selbst, geschweige aber dann alle anderen. Hier wird parkiert, angehalten, ausgeladen, Töff gefahren. Von den vielen Trottinetts, die überhaupt keine Regeln einhalten, gar nicht erst zu reden, denn diese fliegen einem überall im Strassenraum um die Ohren. Zudem wechseln die Fahrradstreifen laufend die Fahrbahn, manchmal ist man auf der linken Strassenseite, manchmal auf der rechten und man muss höllisch aufpassen, wenn man die stark befahrenen Strasse quert.

In den Spitzenzeiten - siehe Dassins Chanson! -  kommt in Paris ohnehin der ganze Verkehr zum Erliegen. Bei allen schönen Veloparolen: Die freiheitsliebenden Franzosen fahren mit ihren PW überall hin und eine verkehrsfreie Innenstadt ist höchstens schöne Vision einiger rotgrüner Politikerinnen und Politiker. Die totale Verkehrsblockade als Dauerzustand ergab sich in den 6 Wochen Streik (Dezember 2019 - Mitte Januar 2020) in der Metropole jeweils ab 08.30 Uhr bis in die Nacht hinein, da damals der ganze öffentliche Verkehr lahmlag. Als Velofahrer kämpfte man sich in dieser Zeit im Schneckentempo ohne Regeln (Lichtsignale bitte ja nicht beachten!) kreuz und quer durch. Wenn man denn überhaupt als Vélib-Kunde[4]  noch zu einem Vehikel kam: In der Streikzeit nahmen die Velofahrten in Paris um 30 und mehr Prozent zu, der Kampf ums letzte Velo an den Parkierstationen war meist hoffnungslos, der Fahrradverleih wurde vom eigenen Erfolg machtlos überrannt.

Frankreich ist durchaus ein Veloland, aber bisher vor allem des leichtfüssigen Velosports: Die seit 117 Jahren jährliche «Tour de France» ist (oder war bisher) das Weltklasse-Velorennen Nummer eins. Millionen von (meist per PW angereisten) Franzosen harren jeweils im Juli irgendwo am Rand heisser Asphaltstrassen oder an steil exponierten Bergpasskurven tagelang aus, um ihre Idole in 30 Sekunden vorbrausen zu sehen.

Die Grande Nation weinte, als im Sommer 1989 der intellektuelle Laurent Fignon die Tour auf der letzten Etappe wegen 8 Sekunden Rückstand an den Amerikaner Greg LeMond verlor und im vergangenen November 2019 war hierzulande eine halbe Staatstrauer angesagt, als die Rennfahrerlegende Raymond Poulidor (der ewige Zweite) mit 83 Jahren verstarb. Den Mythos des von den Franzosen leidenschaftlich geliebten Radlerheldentums nahm dabei schon im Jahre 1903 (das Jahr der 1. offiziellen Tour!) der Schriftsteller und Theatermann Alfred Jarry aufs Korn, indem er die Passion Jesu als Velorennen um den Sieg über 14 giftige Kurven bis hinauf auf den Hügel Golgatha darstellte.[5] Eine auch aus aktuellem Anlass durchaus ernst zu nehmende Blasphemie, nicht nur gegenüber der katholischen Kirche, sondern genauso gegenüber der radrennfanatischen und gedankenlosen Masse.

Es muss jetzt also dringlich ums «andere» Velo gehen: Nach diesen Monaten der Streiks und der momentanen Gesundheitskrise erhält das Fahrrad eine noch aktuellere Bedeutung und wird hoffentlich auch in Paris endlich zu dem, was es seit 140 Jahren sein sollte: Das normale, wichtigste und einfachste individuelle Fortbewegungsmittel der urbanen Massengesellschaften im Alltag. Vielleicht wären noch unendlich viel mehr Fahrräder und eine radikale Verkehrs- und Strassenplanung eine kleine Antwort auf die grosse Frage, wie man sich in einer globalisierten Welt am besten fortbewegt. Wenigstens wenn es um kürzere Distanzen in den Metropolen geht. Und solche sind in Zukunft ohnehin eher angesagt.

 

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Song zum Text: Joe Dassin (1972, als die Welt noch fast in Ordnung war!), «La complainte de l'heure de pointe (A vélo dans Paris)»

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Der Berner Michael Kaufmann war als Direktor der Hochschule Luzern-Musik von 2011 bis 2019 in Luzern. Bevor er als Heimwehberner in die wichtigste Hauptstadt der Welt zurückkehrt, hat er sich für einige Monate Paris entschieden. Er lebt momentan im 19. Arrondissement. Ein Umweg, der sich auch in Krisenzeiten lohnt.
Seine «Spaziergänge in Paris» folgen bis Juli 2020.





[1] Die genaue amtliche Bezeichnung der Selbstdeklaration lautet in der französischen Administrationspoesie «Attestation de déplacement dérogatoire». Das Individuum X erklärt sich damit für genau fünf mögliche Gründe als von der Ausgehsperre ausgenommen.

[2] Die App von velib’ liefert alle Infos, es wird jede Fahrt dokumentiert, inkl. Leistung und  CO2-Einsparung. Praktisch vor allem ist der integrierte Stadtplan mit allen Standorten der Stationen und der Menge dort verfügbarer Vehikel (wobei dabei nicht immer alle funktionsfähig sind)

[3] Der schöne Refrain des Chansons lautet zuversichtlich im Sinne der aufgeweckten 1970er: «Dans Paris à vélo on dépasse les autos / A vélo dans Paris on dépasse les taxis»

[4] Das Privatvelo des Autors wurde schon nach 14 Streiktagen aus dem «geschützten» Innenhof gestohlen. Für eine Klage beim Polizeiposten des Quartiers (ein Erlebnis an und für sich!) hätte man 4 h warten müssen. Die Polizei hatte schon damals Wichtigeres zu tun.

[5] Alfred Jarry, «La passion considérée comme course de côte», in: Le Canard Sauvage, April 1903

12.03.2020 | 12:00
Wahlplakate der Rechts-Liberalen gegen die Stadtpräsidentin Anne Hidalgo. Im aufmüpfigen 19. Arrondissement finden diese keine Beachtung. (Foto: Michael Kaufmann) (photo: Michael Kaufmann)

Eines ist sicher: Eine Frau wird Mitte März Stadtpräsidentin von Paris. In der 2.5-Millionenstadt werden in erster Linie die 20 Quartierbürgermeister (Maire) und Quartierparlamente vom Volk gewählt. Die neue Zusammensetzung der Quartiermehrheiten bestimmt darauf die Maire de Paris. Die Pariser Arrondissements sind also genauso wie in ganz Frankreich politische Gemeinden. «Mein» 19. Arrondissement ist mit über 180'000 Einwohnern das bevölkerungsreichste der ganzen Stadt. Der Maire hier ist ein Sozialist - und im linken Norden gut im Sattel.

Momentan touren vor allem drei Spitzenkandidatinnen fürs Präsidium zusammen mit den Quartierkandidierenden durch die Arrondissements. Sie wollen die letzten Wählerinnen und Wähler überzeugen: Die amtierende Maire und Sozialistin Anne Hidalgo ist dabei gezielt in den bürgerlichen Stammlanden unterwegs, während es Ihre republikanische Herausfordererin Rachida Dati umgekehrt auf die Arbeiterquartiere («Quartiers populaires») der rechten Seine-Seite abgesehen hat. Die Macronistin Agnès Buzyn hingegen ist erst seit drei Wochen Kandidatin der République en Marche (LRM). Sie versucht das Feld von hinten aufzurollen. Sie hat nach dem unrühmlichen Abgang des LRM-Mairekandidaten, Benjamin Griveaux[1] Mitte Februar den Posten als Gesundheitsministerin der Regierung Macron verlassen, um jetzt ohne Sicherungsnetz auf den Strassen von Paris einen ungewissen Balanceakt hinzulegen.

Im Vergleich zu Bern hätte im Paris des 21. Jahrhunderts ein Mann, und erst recht nicht einer aus dem Umfeld der Aristokratie, keinen Hauch einer Chance. Im Gegenteil herrscht in der aufmüpfigen Hauptstadt des französischen Zentralstaats spätestens seit der Revolution von 1789 ein gesundes Misstrauen gegenüber Regierenden und Oberschichten. Damals waren es die Könige mit Sitz in Versailles, heute residiert der Staatspräsident im Elyséepalast im Stadtzentrum. Alles, was nach Noblesse, Grossgrundbesitz, Autorität und Zentraladministration riecht, hat in Paris einen schweren Stand. Mehr noch: Ein echter Parisien oder eine echte Parisienne kommt aus dem Schmelztiegel von Einwanderung, Migration, Multikultur, politischer Unabhängigkeit und Freiheitsliebe. Es ist also kein Zufall, dass Anne Hidalgos Familie auf der Flucht vor dem Francoregime Spaniens einwanderte, Rachida Dati nordafrikanische Eltern hat und Agnès Buzyn aus einer polnischen Familie stammt, die von den Nazis deportiert worden war. Sie gelten mit ihren Wurzeln genauso - oder gerade erst recht! -  als Pariserinnen, und dominieren die Handvoll an Männerkandidaten des ganz linken, grünen und rechten Lagers. Über diese Männer spricht kaum einer.

Kopf an Kopf: Linksgrün gegen Liberale

Gemäss den letzten Umfragen vor wenigen Tagen[2] liegt Anne Hidalgo vorne, dicht gefolgt von Rachida Dati. Hidalgo verkörpert das links-ökologische Spektrum und kann nach 5 Jahren im Amt einiges vorweisen: Mehr Velowege, rechtliche Massnahmen gegen exorbitante Wohnungspreise, neue Grünzonen, Kehrichttrennung, Unterstützung von Quartier- und Sozialprojekten. Im Wahlkampf und mit 12-seitigem Wahlprospekt verspricht sie ganz Konkretes: Mehr Langsamverkehr durch Umwandlung von Strassenraum, soziale Wohnbauförderung, mehr erneuerbare Energie, Biofood in den Schulen, 4000 neue Kinderkrippenplätze, etc. Das alles kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass viele von Hidalgo enttäuscht sind und ihr Ankündigungspolitik vorwerfen. Denn die reale Lage der Stadt sieht in Zeiten der sozialen Unruhe nicht überall rosig aus. Das Verkehrschaos ist gigantisch, die Obdachlosigkeit nimmt zu, die Abfallbehörden sind überfordert und allein im letzten Jahr haben die durchschnittlichen Miet- und Wohnungskosten wiederum um rund 10% zugenommen[3].
Die frühere Sarkozy-Ministerin Rachida Dati andererseits gibt sich als liberale Alternative, verspricht den kleinen und mittleren Betrieben den Aufschwung durch Steuerpolitik und setzt auf (polizeiliche) Sicherheit. Die dynamisch-aufgeschlossene Juristin ist der ideologische Gegenpol zur pragmatischen Bisherigen - was ihr aber aus den Männerbastionen der Rechten auch Feindschaften einbringt. Und wenn sie oben im multikulturellen 18. Arrondissement mit Pomp einen Thaibox-Match besucht, mag das zwar die Sportwelt begeistern, nicht jedoch meine Nachbarn, die darüber nur lachen und Madame Dati am liebsten in die noblen Quartiere des Westens zurückschicken würden: «C’est quoi son problème?».

Die Ärztin Agnès Buzyn hingegen kämpft als Grünliberale vor allem gegen das generelle Formtief der Macronisten an: Angesichts der Gelbwesten, der blockierten Rentenreform und der Querelen innerhalb der LRM wirkt ihre trotzige Aussage, sie habe auch angesichts dieses schwierigen Wahlgangs nie Angst im Leben, nicht als Wahlslogan, sondern eher als Ankündigung eines politischen Absturzes.

Frauen auf die Barrikade!

Wie auch in Bern werden in Paris damit im Jahre 2020 wohl die beiden klassischen politischen Pole das Stadtpräsidium unter sich ausmachen: Es ist Rot-Grün gegen Rechtsliberal. Wie das immer auch im komplexen Wahlprozedere herauskommt, bestimmend bleibt der Schlusssatz von Eric Hazan in seiner gross angelegten Stadtentwicklungs-, Politik- und Kulturgeschichte «Die Erfindung von Paris» [4]. Paris werde seine «Sprengkraft» (force de rupture) niemals verlieren, meint Hazan vieldeutig und das nicht nur mit Blick auf die kommende Stadterweiterung, des «Grand Paris» mit seinen gigantischen neuen Métrolinien. Gerade so viel Sprengkraft haben im heutigen Paris die sozialen Spannungen, die Umweltschäden, die gestörte Lebensqualität und Bürgersicherheit, die Krise im Schulwesen und die rasende Gentrifizierung der Quartiere. Die Gewählte von Paris wird als Maire der nächsten Legislaturperiode sehr viel anzupacken haben. Wenn hier eine Frau nicht für einen lebenswerten Alltag der Stadt und gegen den Ausverkauf des Wohnraums auf die Barrikaden steigt, wird auch sie im Mahlstrom der Geschichte von Paris rasch untergehen.

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Song zum Text - und zur Beruhigung der politischen Gemüter: «Les Barricades Mistérieuses» von François Couperin aus dem Paris von 1717. Interpret: Jean Rondeau.

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Der Berner Michael Kaufmann war als Direktor der Hochschule Luzern-Musik von 2011 bis 2019 in Luzern. Bevor er als Heimwehberner in die wichtigste Hauptstadt der Welt zurückkehrt, hat er sich für einige Monate Paris entschieden. Er lebt momentan im 19. Arrondissement. Ein Umweg, der sich lohnt.

Seine «Spaziergänge in Paris» folgen sechs Beiträgen in 6 Monaten.



[1] Der Karrierepolitiker aus dem Umfeld von Staatspräsident Macron hat am 14.2.2020 wegen auf dem Netz veröffentlichten Sexvideos an eine Gespielin seine Kandidatur zurückgezogen.

[2] Umfrage IPSOS-SOPRA von Anfang März: Hidalgo erreicht 25% der Stimmen, Dati 24%, Buzyn 19%

[3] Dies jetzt zunehmend auch in den nördlichen Quartieren, wo eine Durchschnittswohnung von 60 m2 mittlerweile auch über 500'000 Euro kostet und der monatliche Mietzins für dieselbe Wohnungsgrösse über 1500 Franken klettert. Dies bei Durchschnittslöhnen von etwa 60% eines Schweizer Einkommens (Bericht le Monde, 22.2.2020).

[4] Eric Hazan, Die Erfindung von Paris (Ammann Verlag 2004), erschienen 2002 bei Seuil als «L’ invention de Paris - Il n’y a pas de pas perdus». Zu empfehlen ist die 2012 bei Seuil erschienene Ausgabe mit Bildmaterial.

27.02.2020 | 08:06
Zwischendurch irgendwo im quirligen Belleville (19e) sieht man den Eiffeltum. Er ist ganz weit weg. (Foto: Michael Kaufmann) (photo: Michael Kaufmann)

Im Berndeutschen ist die Métro weiblich. Hier in Paris ist das «Le Métro». Eine Institution – ja viel mehr: Ein Lebensgefühl, Ingenieurkunst, die genialste Art der öffentlichen Fortbewegung, der Inbegriff der Poesie von Paris. Und auch ein Ort, um zu lesen. Was viele Menschen tun, denn die Métro hat etwas von einer Wohnstube - wenn sie nicht gerade in Spitzenzeiten übervoll ist.

Es ist vor dem 5. Dezember 2019, ich fahre auf der Linie 2 von «Jaurès» Richtung «Etoile». Eine junge Frau liest «Qui à tué mon père» von Édouard Louis.[1] Louis ist der aktuelle französische Kultautor. Ich hatte bereits seinen Roman «En finir avec Eddy Bellegueule» gelesen – und war schockiert von dieser direkten Auseinandersetzung mit dem realen Leben.

Ich kaufe mir also sofort das kleine Bändchen über die Frage, wer nun seinen Vater umgebracht haben könnte. Knappe 80 Seiten als Einstieg in mein Pariser Leben? Der Text hat – auf den ersten Blick! - gar nichts mit Paris zu tun. Und schon gar nichts mit der heilen Welt und dem Cliché der charmanten Stadt der Liebe. Louis, der Soziologe und brillante Seismograph siedelt seine autobiografischen Verarbeitungen irgendwo in nordfranzösischen Regionen an. Dort wo ausgestorbene Provinzstädtchen langsam vom Radar der grossen Politik verschwinden. Dort wo im Ambiente von Kreiselverkehr und Frittenbuden der Untergang der Industriegesellschaft des 20. Jahrhunderts direkt spürbar ist und wo alle Rhetorik über die postindustrielle Dynamik des digital-ökologischen Zeitalters zynisch anmutet. Vor allem dann, wenn in diesen Regionen gleichzeitig die sozialen Netze, Spitäler, Altersheime, Schulen, Kinderbetreuung schlicht auf den Hund gekommen sind. Man (der Staat) hat kein Geld mehr für solche Sachen.

Ist das als Annäherung an Paris die Lektüre? Ich habe ab dem 5. Dezember, sozusagen im Sturmauge der Streiks von fast zwei Monaten genau diesen Text gelesen. Und stelle fest: Da ist ungeschminkt die Wirklichkeit unserer Gesellschaft beschrieben, das hilflose Scheitern eines Vaters am eigenen Unvermögen. Ein Unvermögen das aber ohne sein Zutun System hat. Hier geht es nicht um «art pour l’art» oder Bohème-Poesie, sondern ums nackte Überleben, um existenzielle Bedrohung, um ein Journal über das was hierzulande falsch läuft und über die massive Gefährdung der Kohäsion der demokratischen Gesellschaften.

Wenn ich «hierzulande» schreibe, meine ich Europa und auch die Schweiz: Ende November 2019 am Centre Culturel Suisse von Paris besuche ich eine Lesung von Schweizer Autorinnen und Autoren[2]. Ein hier vorgetragener Text hat ähnliche Sprengkraft, wie jener von Edouard Louis: Es ist die «Petite Brume» des bernjurassischen Autors Jean-Pierre Rochat.[3] Hier erzählt ein Landwirt die unumgängliche Versteigerung seines Hofs und den brutalen Untergang seiner ganzen - bisher kaum in Frage gestellten - Welt. Ein Ereignis, das mit den Realitäten der Schweiz und des Kantons Bern direkt etwas zu tun hat. Und das sich bei aller bernischen Staatsräson nicht unter den Teppich wischen lässt.

Rochat und Louis geben der Sprachlosigkeit der Verlierer das Wort. Das Thema ist die Ohnmacht gegenüber denen, die in den Zentren Macht ausüben. Die Hauptstädte sind in diesen Texten weit weg. Irgendwo im Dunst am Horizont versprechen sie eine neue Ära - sind hochtrabend und verlogen. Die Menschen draussen in der Provinz verstehen dies alles nicht. Sie tragen «Gilets Jaunes», sie driften politisch gegen rechts, sie wollen nichts mehr mit den Regierenden und den Eliten zu tun haben. Sie kennen höchstens die (hilflose) Revolte. Aber keine Auswege.

Wenn ich einige Wochen danach durch mein Quartier in Paris spaziere oder meine Bar um die Ecke besuche, kommt mir das alles sehr bekannt vor. Hier im Norden der Metropole beginnt schon die Provinz - und im Quartier reden die Leute genau gleich: Man will Macron nicht und findet seine Rentenreform «aberrant». Genauso absurd findet man die Streiks und die Bähnler, die letztlich nur ihre Rentenprivilegien verteidigen. Die meisten finden das auf Fragen alles «très compliqué». Und sagen dann gar nichts mehr.

Hier im 19 Arrondissement gibt es wenige Touristen. Und nur von weitem winkt der Eiffelturm als scheinheiliges Symbol für eine Welt, die längst aus dem Ruder gelaufen ist. Meine schriftlichen Arbeiten lasse ich beim Inder an meiner Strasse ausdrucken, meine Zeitung kaufe ich täglich an der Métrostation bei einem fliegenden Strassenverkäufer und den vielen Obdachlosen ringsum spende ich etwas hilflos von Zeit zu Zeit einen Euro. Meine Baguette aber hole ich mir immer noch beim Artisan Boulanger. Ich nehme sie beim Nachhausegehen unter den Arm, wie das alle anderen auch tun. Vielleicht ist das ein Trost - vielleicht auch eine erste Antwort.

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Der Song zum Text I: «Je ne suis pas Parisienne», ZAZ https://www.youtube.com/watch?v=a9v4JtjBu8k

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Der Berner Michael Kaufmann war als Direktor der Hochschule Luzern-Musik von 2011 bis 2019 in Luzern. Bevor er als Heimwehberner in die wichtigste Hauptstadt der Welt zurückkehrt, hat er sich für einige Monate Paris entschieden. Er lebt momentan im 19. Arrondissement. Ein Umweg, der sich lohnt.

Seine «Spaziergänge in Paris» folgen sechs Beiträgen in den nächsten 6 Monaten.

 


[1] Edouard Louis, «Qui a tué mon père», Editions du Seuil, 2018

[2] Am selben Anlass wagt sich der Berner Gerhard Meister mit seiner virtuosen Berndeutsch-Klangmalerei als einziger Deutschsprachiger aufs Parkett der hehren Pariser Literaturszene.

[3] Jean-Pierre Rochat, «Petite Brume», Editions d' Autre Part (2017)