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Corona: «Eine katastrophale Belastung für Psyche und Seele»

Das Coronavirus hat uns vor über einem Jahr in den «Ausnahme-Zustand» gezwungen. So nennt sich auch eine Diskussionsreihe des Polit-Forums Bern im Käfigturm, die gleich nach dem ersten Lockdown im letzten Frühling begonnen hat und heute noch fortdauert. Zwei Psychiater sprachen über ihr Entsetzen angesichts der psychischen Folgen insbesondere bei Jugendlichen. Die Serie ist auf Youtube nachverfolgbar.

Podium zur Ausstellung «Ausnahme-Zustand» - Belastung für Seele und Psyche; Polit-Forum Bern, 18.03.2021 (Bild: Susanne Goldschmid)

Die Reihe geht der Frage nach, welche Folgen dieser Ausnahme-Zustand hat – auf Wirtschaft und Politik, die Gesellschaft, auf Kultur und Gesundheit, auf die Seele. Und was können wir von diesem Ausnahme-Zustand lernen? Insbesondere die Politik wird sich diese Frage stellen müssen. «Niemand ist Expertin/Experte für alles» und: «In einer demokratischen Gesellschaft hilft Erfahrungsaustausch und Diskussion über Alternativen, die Dinge einzuordnen und zu lernen – ein zentraler Vorteil gegenüber autoritären Strukturen», sagt Thomas Göttin, Leiter des Polit-Forums. «Was sich in den Diskussionen gezeigt hat und was mich beschäftigt: wie umfassend dieser Ausnahme-Zustand alle Bereiche der Gesellschaft betrifft, in der Schweiz und weltweit.»

Die Pandemie bietet damit auch die Chance, über Werte wie Gerechtigkeit, Leistung und Würde zu reflektieren und neu zu verhandeln. Das Polit-Forum hat diese Chance mit einer kreativen, breit gefächerten Themenliste ihrer Gesprächsreihe ergriffen: Eine Sportlerin und eine Tanzlehrerin äussern sich zum Thema «no sports», Kantonsärzte und Historiker diskutieren das Verhältnis von Wissenschaft und Politik, die Unterschriftensammlerin Sanija Ameti spricht über die «direkte Demokratie auf Distanz» oder Ruth Baumann-Hölzle von der Stiftung Dialog Ethik mit Stefan Eychmüller über «Tod und Trauer».

Dramatische Folgen

Weitreichende und noch wenig diskutierte Folgen beleuchtet das Gespräch von zwei Psychiatern. Beide sprechen im Zusammenhang der Coronakrise von einer «katastrophalen Belastung für Seele und Psyche», die Zahlen überraschen auch die Experten: Frank Mahron, Leiter der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie im Freiamt, und Michael Kaess, Direktor und Chefarzt der Uniklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, zeigen sich erschrocken über das Ausmass psychischer Erkrankungen. In einer Umfrage der Uni Basel gaben im April 2020 11 Prozent der Befragten an, maximal gestresst zu sein, im November waren es bereits 20 Prozent. Schwere depressive Symptome, so berichten die Ärzte, haben sich verdreifacht. Die Ursachen für die psychische Belastung finden sich dabei in allen Bereichen – bei der Arbeit, der Schule, in der Ausbildung, in der finanziellen Situation, in häuslichen Konflikten und ängstigenden Zukunftsvisionen.

 

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Seit Corona die Welt beherrscht, habe seine Klinik zwischen 20 und 40 Prozent mehr Anmeldungen verzeichnet, sagt Mahron – darunter auch von Menschen, die zuvor keine psychischen Erkrankungen hatten. Die Uniklinik Bern ihrerseits ist «weit über ihre Kapazitätsgrenzen ausgelastet», man müsse Betten auf den Flur stellen. Zeitweise gaben bis zu 30 Prozent der befragten Jugendlichen in der Schweiz an, depressiv zu sein. Suizidversuche haben dramatisch zugenommen.

Jugendliche besonders betroffen

Ein dramatischer Anstieg der registrierten psychischen Erkrankungen wurde vor allem in der zweiten Welle beobachtet, «und dies vor allem bei Jugendlichen, die sich eigentlich nicht fürchten müssten vor Corona», sagt Kaess, während bei Menschen ab 65 Jahren kaum ein Effekt auf die psychische Gesundheit festzustellen sei. Er führt dies auf die unterschiedlichen Bedürfnisse zurück: Jugendliche brauchen mehr soziale Interaktion und sie sind grundsätzlich instabiler und weniger resilient als die ältere Generation: «Wenn man einen grossen Teil seines Lebens schon gelebt hat, nimmt man es gelassener. Man hat sich Bewältigungsmechanismen zugelegt.»

Kontrollverlust

Doch für alle Altersklassen ist Corona eine existenzielle Erfahrung. Es geht um Tod und Existenzangst. Beide Ärzte sprechen mehrmals von Covid als einer «Katastrophe». Nach 40 Jahren Frieden, Freiheit und Stabilität sei die Menschheit Katastrophen nicht mehr gewohnt. Mahron: «Diese Krise hat gezeigt, dass wir als Menschheit eine fragile Existenz haben und dass wir alle vernetzt sind.»

Beide sind froh, nicht Politiker zu sein: «Wir befinden uns hier in einem ethischen Dilemma. Die Politik muss die negativen Auswirkungen möglicher Massnahmen gegeneinander abwägen – Tote gegen psychosoziale und wirtschaftliche Folgen.» Salopp: Tod oder Pleite. «Man muss das richtige Mass finden bei Schutzmassnahmen, wie bei jedem Stoff auch, der giftig wird.» Politik soll auch auf Selbstverantwortung setzen und nicht nur auf Zwang: Es verunsichert, wenn man die eigenen Lebensbedingungen nicht mehr kontrollieren kann.

Die Psychiatrie unterscheidet zwischen Angst und Angststörungen. Angst kann als lebenserhaltende Emotion vernünftig sein, während eine Angststörung dysfunktional wirkt und dazu führt, dass der Alltag nicht mehr bewältigt werden kann. Betroffene entwickeln Strategien, um sich gewissen alltäglichen Situationen nicht mehr auszusetzen. Solche Vermeidungsstrategien können sich chronifizieren: «In dieser Phase sind wir jetzt drin», sagt Kaess. Dies hindere viele Kinder und Jugendliche daran, Erfahrungen zu machen. «Mein Plädoyer: Wir sollen wachsam bleiben, aber uns wieder getrauen, kleine Schritte zu machen. Sonst fliegt uns bald mal alles um die Ohren.» Mit kritischem Unterton äussern sich die Psychiater zu den Medien: Das «ständige Stakkato der Negativmeldung» stumpfe ab. Die Bilder von Särgen und Intensivstationen verstärkten die Ängste in der Bevölkerung. «Diese Abwärtsspirale muss aufgehalten werden.»

Ob die Covid-Pandemie uns auch langfristig prägen wird, hänge von der Dauer und Intensität der Wirtschafskrise ab. «Viele Lebenswerke sind zerstört worden. Das wird enorme Auswirkungen auf Gesellschaft haben», sagt Mahron.

Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich rasanter

Was das konkret bedeutet, diskutierten unter dem Titel «Arm und Reich im Ausnahme-Zustand» Karin Jenni, Co-Leiterin Berner Beratungsstelle für Sans-Papiers, und Robert Fluder, Dozent Soziale Arbeit an der Berner Fachhochschule. Es zeigt sich: Das Coronavirus ist nicht demokratisch, es trifft nicht alle Menschen gleich. «Minderverdienende trifft es härter, während Manager Erfolgsprämien einsacken», sagt Fluder. In der Schweiz haben die 300 Reichsten im vergangenen Jahr nochmals 5 Milliarden zugelegt. Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich damit in beschleunigtem Tempo. Wie Fluder veranschaulichte: Vor 30 Jahren besass das oberste Bevölkerungsprozent 30 Prozent des Vermögens, heute besitzt es 42 Prozent.

In früheren Krisen wie der Finanzkrise 2008/09 verringerte sich in der Folge die Ungleichheit – allerdings nur kurzfristig. Mit Corona sind die Risiken anders verteilt: Sie sind gross im Pflegebereich oder im Detailhandel, also in den Niedriglohnbereichen. Doch ausgerechnet der Tieflohnbereich ist systemrelevant. Als Risikobereich neu hinzu kamen die Selbständigerwerbenden: Sie haben meist kleine Unternehmungen, kaum Rückstellungen und sind schlecht abgesichert. Und ganz besonders betroffen sind die Sans-Papiers, wie Jenni ausführte. Diese sind eh schon am Limit, haben kein Erspartes und können und wollen keine Unterstützung beantragen, weil sie sonst «auffliegen» würden: «Wenn sie ihren Job verlieren, stehen sie vor dem Nichts.» Die Beratungsstelle leistet deshalb vorübergehend auch Überbrückungshilfe und übernimmt Krankenkassenprämien oder Mieten. Die Solidarität in der Gesellschaft aber sei gross: Neben höheren Spenden haben auch die Stadt Bern, die katholische Kirche und Hilfswerke ihre Unterstützung angeboten. Fluder bestätigt: Die Gesellschaft habe sich in weiten Kreisen solidarisch und mitfühlend gezeigt – dies allerdings vornehmlich in der ersten Welle. Nun ebne die Solidarität ab…