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Der «Bund» hat ausgedient

Nun ist es offiziell: «Der Bund» und «Berner Zeitung» legen ihre noch in Bern verbliebenen Redaktionen zusammen. Rund 20 Vollzeitstellen werden gestrichen. Schon im Mai beginnt die bei einer Massenentlassung vom Gesetz vorgeschriebene Konsultation der Vertretung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Aber ändern wird sich wohl nichts mehr.

Nun werden die Redaktionen von «Der Bund» und «Berner Zeitung» definitiv zusammengelegt.

Am 1. Oktober 2020 wurde «Der Bund» 170 Jahre alt. In einem Editorial der Geburtstagsausgabe verkündete der CEO der TX-Group, Pietro Supino, seinen Stolz darüber, dass sein Verlag das «Berner Modell» ermögliche, also auf dem Platz Bern zwei selbständige Tageszeitungen herausgebe. Allzu gross kann der Stolz wohl nicht gewesen sein: Ein halbes Jahr später verkündet der gleiche CEO, dass die beiden noch in Bern verbliebenen Redaktionen zusammen gelegt werden.

Offiziell bleiben «Der Bund» und «BZ» zwar eigene Titel in unterschiedlicher Aufmachung. Laut einer gemeinsamen Verlautbarung der beiden Chefredaktoren Patrick Feuz und Simon Bärtschi soll «Der Bund» die «breitere Ausland-, Inland-, Wirtschafts- sowie Kulturberichterstattung» haben, während die «BZ» auf «eine umfassendere Regionalberichterstattung sowie den Sport» setzt. Da aber die Ressorts Schweiz, Ausland, Wirtschaft, Sport, Kultur und Wissen ohnehin schon seit längerem in Zürich angesiedelt sind, heisst das im Klartext, dass «Der Bund» zum reinen Kopfblatt des «Tages-Anzeigers» wird. Er hat nach 170 Jahren definitiv ausgedient. Demgegenüber darf die «BZ» als Kopfblatt mit ausgedehnterem Regionalteil noch weiterexistieren.

Hoffnung auf freiwillige Abgänge

Erklärter Zweck der Übung ist es, Stellen einzusparen. 20 Vollzeitstellen sollen es laut TX-Group sein, womit angesichts der diversen Teilzeitpensen etwa 30 Personen betroffen sein dürften. Gemäss den Angaben der Gewerkschaft Syndicom ist das knapp ein Drittel der Belegschaft, da die beiden Redaktionen rund 70 Vollzeitstellen umfassten. Angesichts dieser Zahlen macht die vom Unternehmen gleichzeitig ausgedrückte Hoffnung, dass diese Stellenreduktion vorwiegend durch natürliche Fluktuation erfolgen solle, wenig Sinn. Ein Drittel der Belegschaft wird mit Sicherheit nicht kurzfristig pensioniert werden können, und so viele Leute wechseln in einer so schwierigen Zeit auch nicht freiwillig die Stelle. Es sei denn, das Betriebsklima ist derart gestört, dass ohnehin nur noch die ganz Verzweifelten bleiben wollen.

 

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Laut der bereits erwähnten gemeinsamen Verlautbarung der beiden Chefredaktoren soll durch den Zusammenschluss eine Redaktion von 70 Journalistinnen und Journalisten mit hoher journalistischer Kompetenz entstehen. Dabei müssen aber auch einige Journalistinnen und Journalisten mitgezählt worden sein, die in Zürich tätig sind. Wenn nämlich die beiden Redaktionen heute zusammen ca. 70 Vollzeitstellen besetzen, wie die Gewerkschaft Syndicom festhält, so können nach dem Verlust von 20 Stellen nicht 70 Posten übrig bleiben. Von einem Medienunternehmen dürfte eigentlich eine klarere Kommunikation gegenüber seiner Leserschaft erwartet werden.

Heftige Reaktionen

Aus dem politischen Umfeld sind durchaus harsche Reaktionen zu vernehmen. Der Regierungsrat des Kantons Bern bedauert den heute angekündigten Schritt zu einer Einheitsredaktion, weil dies dazu führe, «dass die Berichterstattung über lokale und regionale Themen verarme». Der Berner Stadtpräsident, Alec von Graffenried, spricht von einem «schwarzen Tag für den Medienplatz Bern». Die Einheitsredaktion führe zu einer Schwächung des Wettstreits der Meinungen und zu einer Verarmung der Medienvielfalt in Bern.

Deutlich wird auch die Gewerkschaft Syndicom. «Tamedia sägt weiter am Ast der journalistischen Glaubwürdigkeit», ist ein Kommentar des Regionalsekretärs Medien bei Syndicom, Lorenzo Bonati, überschrieben. Tamedia serviere «seiner Leserinnenschaft in Bern künftig einen journalistischen Einheitsbrei. Unterschiedliche Einschätzungen zur städtischen und kantonalen Politik, Wirtschaft und des kulturellen und gesellschaftlichen Lebens gehören schon bald der Vergangenheit an. Die beiden Zeitungstitel Bund und Berner Zeitung bestehen künftig nur noch als Hülle einer fusionierten Redaktion», heisst es in der Stellungnahme weiter.

Was tun?

Obwohl über die konkrete Abwicklung der Entlassungen noch diskutiert wird, ist für alle Beteiligten klar, dass der von langer Hand vorbereitete Entscheid des Verlagshauses nicht mehr umzustossen ist. Die TX-Group wird im Mai und Juni die Vertretung der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer konsultieren, aber nur, weil sie gesetzlich dazu verpflichtet ist. Ausser kosmetischen Korrekturen wird dort nichts mehr zu erreichen sein.

Dementsprechend steht auch für die Gewerkschaft Syndicom die Forderung nach einem fairen Sozialplan im Vordergrund. Aber auch da sieht es alles andere als rosig aus. «Die diesbezüglichen Verhandlungen ziehen sich seit Monaten ohne annehmbares Resultat in die Länge», heisst es im Kommentar von Lorenzo Bonati. «Für das wohlhabendste Medienunternehmen der Schweiz ist diese Hängepartie unwürdig».

Für den Berner Stadtpräsidenten, Alec von Graffenried, zeigt die Entwicklung, «dass die Geschäftsmodelle der traditionellen Massenmedien überholt» sind. Er begrüsse deshalb Initiativen, welche die entstehende Lücke mit neuen Formaten zu schliessen versuchten. Für die Stadtregierung sei es klar, dass es eine staatliche Medienförderung brauche. Diese könne beispielsweise darin bestehen, dass die Produktion auch von lokalen und regionalen Nachrichten durch die Nachrichtenagentur SDA mitfinanziert werde, eine Idee, die er schon in einem Interview mit Journal B äusserte. Ausserdem sei es «wichtiger denn je, dass die SRG als öffentliches Medienhaus in die Lücke springe und ihr lokal- und regionaljournalistisches Angebot im Online- und im Radiobereich pflege und gegebenenfalls ausweite».