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Ordnungsdienst und Soziale Arbeit auf der Gasse

Seit 2005 sind die Mitarbeitenden der städtischen Interventionstruppe Pinto in Berns Innenstadt unterwegs. Sie schlichten bei Konflikten und bieten Hilfe für Menschen auf der Gasse an. Mit dem Beginn des Lockdowns stieg auch die Arbeit für Pinto sprunghaft an.

Das 2005 lancierte Pilotprojekt Pinto hat sich halten können. (Foto: Sam Bosshard)

Durch die Einschränkung des öffentlichen Lebens waren viele Wochen lang hauptsächlich Menschen auf den Gassen der Sandsteinstadt anzutreffen, die dort ihren Lebensmittelpunkt haben. In diesem Raum leisten unterschiedliche Organisationen Soziale Arbeit, am auffälligsten für das naive Auge des Beobachters dürften die Zweiergespanne mit roter Weste und der Aufschrift «Pinto» sein. Das Akronym versucht, die bedeutenden Schlagworte Prävention, Intervention und Toleranz zu einer Einheit zu formen. Elf Personen sind für die mobile Interventionsgruppe unterwegs, ihren Arbeitsalltag verbringen sie vorwiegend auf der Strasse. Mindestens 60 Prozent der Zeit, so steht es im Konzept von Pinto. Sie schlichten bei Konflikten, vermitteln bei Ruhestörungen, bieten Hilfe und Beratung für Menschen auf der Gasse und sprechen Fehlverhalten im öffentlichen Raum an.  

Zusätzliche Aufgaben

Die Verschärfung der Lage für Armutsbetroffene und Abhängige, wie sie viele gassennahe Organisationen seit Beginn der Coronakrise feststellen, betrifft auch Pinto: «Wir haben seit dem 3. März massiv mehr zu tun», erklärt Silvio Flückiger am Telefon. Er ist seit 15 Jahren bei Pinto tätig und leitet das Projekt seit 2007. Vor einigen Wochen hat sich der Arbeitsalltag für Pinto stark verändert; erste Aufenthaltsräume und Angebote Freiwilliger mussten schliessen, dafür verlängerte das von Pinto betriebene Obdachlosenkaffee «Punkt 6» seine Öffnungszeiten. Weil die Drogenanlaufstelle an der Hodlerstrasse den Innenhof schliessen musste und damit der Platz für Aufenthalt und Deal wegfiel, übernahm es Pinto, den dortigen Nebenhof sieben Tage die Woche zu führen. Pinto hat, um diese Kapazitäten freizuschaufeln, den regulären Schichtbetrieb reduziert. Aktuell sind die Mitarbeitenden nicht nur in Zweiergruppen unterwegs, sondern kümmern sich auch ausserhalb der Schichten einzeln um Klient*innen.

Stadt stellte Zimmer bereit

Nach anfänglichem Zuwarten fühlte sich auch die Stadt Bern verpflichtet, in Zeiten von #stayhome ein Selbstisolationsangebot für Menschen anzubieten, die kein Zuhause haben. Insgesamt 29 Zimmer stellte die Stadt in Bümpliz und im Rossfeld zur Verfügung, für die Betreuung ist Pinto zuständig. «Wir bekommen Zuweisungen vom Spital, bringen die Menschen zu den Zimmern und besorgen Medikamente», erklärt der Pinto-Leiter. Einige Personen mit Verdacht auf eine Infektion nutzten die Räume, bestätigte Fälle gab es aber bisher nicht. Silvio Flückiger ist froh darüber: «Wenn Corona auf der Gasse plötzlich einschlägt dann würde der Bedarf für solche Angebote rasend schnell steigen.» Wegen der fehlenden Auslastung werden die freistehenden Zimmer mittlerweile auch Personen in besonders verletzlichem Zustand angeboten, unabhängig des Verdachts einer Infektion.

Kürzung betrifft Pinto

Nebst der aufsuchenden sozialen Arbeit und dem Ordnungsdienst mit kommunikativen Mitteln benennt das Konzept von Pinto das Beschwerdemanagement als Haupttätigkeit. Diese Aufgabe sei in den letzten Jahren immer wichtiger geworden, meint Flückiger: «Die Konflikte und Beschwerden im öffentlichen Raum haben zugenommen. Wir arbeiten dementsprechend mehr in diesem Bereich.» Zu diesem Zweck wurde Pinto letztes Jahr eigentlich eine zusätzliche Stelle bewilligt, die aber mit den kürzlich bekannt gewordenen Sparmassnahmen der Stadt ersatzlos gestrichen wurde. Eine bedauerliche Tatsache, wie Flückiger sagt: «Dadurch werden wir diese Aufgabe in Zukunft weniger stark als geplant wahrnehmen können. Die Alternative dazu ist, dass sich die Polizei um Beschwerden kümmern muss. Für den urbanen Raum ist diese Entwicklung schade.» 

Ein Pilotprojekt

«Nach 15 Jahren Unterbruch leistet Berns Sozialbehörde wieder aktive Gassenarbeit.» Mit diesen Worten begann Ende April 2005 ein Zeitungsartikel, der das Pilotprojekt Pinto ankündigte. Die Meldung fiel zeitlich zusammen mit der Ankündigung, dass das Verhältnis Polizei-Reitschule stark entkrampft worden sei. Das Kulturzentrum und der Gemeinderat einigten sich auf ein Massnahmenpaket zur Verbesserung der Sicherheit, insbesondere auf dem Vorplatz. Die Rede war von einem neuen Vertrauensverhältnis. Aufbruchsstimmung in Bern Mitte der Nullerjahre also. Ein Puzzlestück dieser politischen Neuausrichtung im Kampf gegen Deal und Gewalt und für Ordnung auf der Gasse stellte Pinto dar. Das Pilotprojekt, damals unter Sozialdirektorin Edith Olibet lanciert, hat sich halten können.

Kritisch betrachtet

Die Einführung der mobilen Interventionsgruppe wurde von Anfang an auch skeptisch gesehen. Die unterschiedlichen Aufgaben, die Pinto unter einem Hut vereint, führten besonders in den ersten Jahren zu kritischen Vorstössen im Stadtrat. Hauptpunkt der Kritik: Die Vermischung von ordnungsdienstlichen Aufgaben mit Sozialer Arbeit. Es allen recht zu machen, sei aber ohnehin nie das Ziel gewesen, meint Silvio Flückiger. «Unsere Arbeit lässt sich als professionalisierte Zivilcourage zusammenfassen. Bei Streit gehen wir hin und schlichten. Bei untolerierbarem, störendem Verhalten machen wir darauf aufmerksam. Der Spagat, den wir leisten ist nicht so gross, die Priorisierung unserer Aufgaben hingegen schwieriger.» In einem Haltungspapier der Schweizerischen Fachgruppe Gassenarbeit wird, ohne Pinto namentlich zu nennen, der Konflikt deutlicher. Die Abgabe von ordnungspolitischen Aufgaben an nicht-polizeiliche Organisationen möge vielleicht berechtigt sein, heisst es dort, doch dies solle nicht unter dem Deckmantel der Sozialen Arbeit geschehen. Das Papier schliesst mit den deutlichen Worten: «Die   Soziale   Arbeit   steht   als   Teil   eines   Systems   in   einer   direkten   Verbindung   mit   der gesellschaftlichen  Sicherheit  und  Ordnung.  Sie  darf  aber  nicht die Aufgabe  haben, diese im öffentlichen Raum durchzusetzen.»

Parteilich oder allparteilich

Mitglied der Fachgruppe ist auch die Kirchliche Gassenarbeit Bern (KGB). Eva Gammenthaler von der KGB und Berner Stadträtin (AL) erläutert: «Wir kritisieren nicht die Arbeit, die Pinto leistet. In Einzelfällen funktioniert diese sehr gut. Die Gassenarbeit hat aber gewisse Grundsätze, die uns von Pinto unterscheiden.» Zu diesen Grundsätzen gehörten etwa die Freiwilligkeit und die Parteilichkeit, also das Handeln im Interesse der Klient*innen. Pinto selbst bezeichnet ihren Ansatz Sozialer Arbeit als «allparteilich».  Zwar sei dieser Unterscheid nur drei Buchstaben lang, schreibt die Fachzeitschrift SozialAktuell, doch verbergen sich dahinter «Fragen zur Normativität, zur Aufgabe und zur Ausrichtung Sozialer Arbeit.» Für Eva Gammenthaler ist klar, dass die Parteilichkeit der Gassenarbeit eine wichtige Grundlage für die Zusammenarbeit mit Menschen, die ihren Lebensmittelpunkt auf der Gasse haben, darstellt: «Wir sind der Ansicht, dass kein Vertrauensverhältnis aufgebaut werden kann, um Hilfe zu leisten, solange man anderen Parteien verpflichtet ist. Durch den Grundsatz der Parteilichkeit können wir Zugang zu Leuten finden, die in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen mit Institutionen wie Sozialdienst und Polizei gemacht haben.»

Verstärkte Repression im öffentlichen Raum

Als Pinto vor 15 Jahren die Arbeit aufnahm, präsentierte sich die Situation in Berns Innenstadt sehr unterschiedlich zu heute. «Zu diesen Zeiten gab es quasi eine offene Drogenszene in Bern, insbesondere im Bereich der Schützenmatte», erinnert sich Silvio Flückiger, «zu zweit auf Schicht kümmerten wir uns um hundert Drogenabhängige, unter diesen schwierigen Voraussetzungen mit gemischtem Erfolg.» Die Stadt Bern ging die Problematik 2007 mit einer verstärkten Repression im öffentlichen Raum an. Pinto musste diese mittragen und Flückiger kann heute bilanzieren, wie sich die Situation auf der Gasse seither verändert hat: «Damals konsumierten viele Menschen in der Öffentlichkeit, unter unhygienischen Zuständen. Heute trifft dies in Bern noch für etwa zehn bis zwanzig Personen zu.» Dies sei aber nicht nur das Ergebnis der gesteigerten Repressionsbemühungen: «Alleine hätte das nicht viel gebracht. Es brauchte zusätzliche Massnahmen, wie die Drogenanlaufstelle, mehr Wohnangebote und Druck auf umliegende Gemeinden, die ebenfalls Verantwortung übernehmen müssen.» Mit der Verkleinerung des sichtbaren Suchtmittelkonsums konnte sich Pinto vermehrt anderen Bereichen zuwenden. So hätten die sozialen Beratungen zugenommen und der Kontakt zu Menschen mit psychischen Erkrankungen sei intensiviert worden.

Grosser Bedarf nach Lebensmittel

Fürs Erste bleibt die Situation auf Berns Gassen noch angespannt. Bei Pinto geht man davon aus, dass es auch in den nächsten Monaten noch viel zu tun gebe, solange der Alltag nicht eingekehrt und viele Betreuungsangebote reduziert geöffnet seien. Eva Gammenthaler von der Gassenarbeit bestätigt diesen Eindruck, auch wenn sie eine Verbesserung feststellen könne: «Die ersten paar Wochen des Lockdowns nahmen wir als sehr problematisch wahr. Der öffentliche Raum war quasi leergefegt und die Polizei hat viele Menschen gebüsst und weggewiesen.» Seit wieder mehr Passant*innen unterwegs sind verhalte sich die Polizei lockerer als zu Beginn. Für einen Grossteil der Klient*innen seien mit dem Zusammenbruch des öffentlichen Lebens die Einnahmequellen weggebrochen. Die Kirchliche Gassenarbeit war daher in den letzten Wochen hauptsächlich mit der Lebensmittelausgabe beschäftigt. «Normalerweise kommen zu dieser etwa 10 bis 20 Personen vorbei. Anfangs Mai waren es an die 120», sagt Gammenthaler.