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Journal B

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Ein kurdischer Journalist in Bern

Servet Demirpençe ist vor sieben Jahren aus der Türkei geflohen, weil er als dort lebender Kurde massiver staatlicher Repression ausgesetzt war. Wir haben mit ihm über seine Geschichte und die aktuelle Situation in Nordsyrien gesprochen.

«Natürlich gehe ich da auf die Strasse, wenn die Türkei einen Krieg gegen mein Volk führt.» (Foto: Ayse Turcan)

Es ist Samstagnachmittag und Servet Demirpençe sitzt auf einer Bank auf der Grossen Schanze und wartet auf den Beginn des Interviews. Hier soll sich in einer Stunde eine Demonstration für Rojava in Bewegung setzen. Seit der Invasion der türkischen Armee im von KurdInnen beherrschten Gebiet in Nordsyrien haben in Bern und anderen Schweizer Städten fast jeden Tag Solidaritätskundgebungen stattgefunden. Wir sprechen über seinen Job bei der Bahnhofhilfe Bern, der ihm gut gefällt. «Es ist super, ich bin immer draussen, spreche mit Leuten, kann ihnen helfen.» Vor allem sein Team schätzt er sehr. Einige arbeiten lieber im Büro, andere, so wie er, bevorzugen den Kontakt mit Menschen und die Bewegung. «Für mich sind Büros schlimm, weisst du, wegen dem Gefängnis.»

Der 41-Jährige Servet Demirpençe ist Kurde und lebt seit sieben Jahren in Bern. Als Journalist war er in der Türkei immer wieder Repressionen ausgesetzt, sass jahrelang im Gefängnis und wusste zuletzt keinen anderen Ausweg, als seine Heimat zu verlassen. Journal B hat mit Servet über seine Geschichte gesprochen. Und darüber, wie er die Situation der Kurden in Nordsyrien von hier aus mitverfolgt und miterlebt.

Servet Demirpençe, warum gehst du heute demonstrieren?

Ich bin politischer Aktivist, das heisst, ich gehe auch an Demonstrationen für das Klima oder gegen Waffenexporte. Natürlich gehe ich da auf die Strasse, wenn die Türkei einen Krieg gegen mein Volk führt. Als ich auf Whatsapp von der Demo gehört habe, war für mich klar, dass ich heute komme und ich habe mir die Zeit eingeplant.

Du warst in der Türkei über zehn Jahre lang als Journalist tätig. Wie muss man sich die Verhältnisse vorstellen, unter denen du gearbeitet hast?

Ich war Redakteur bei einer linken Wochenzeitung namens Atılım und schrieb vor allem über politische Themen. Der türkische Staat hat behauptet, die Zeitung sei ein Propagandainstrument der verbotenen Partei MLKP (Marxistisch-Leninistische Kommunistische Partei), weswegen wir ständigen Repressionen und Verfolgungen ausgesetzt waren.

Was heisst das genau?

Ich wurde insgesamt 46 Mal von der Polizei festgenommen – wegen meiner Tätigkeit als Journalist. Jedes Mal wurde ich mehrere Tage oder sogar Wochen lang festgehalten. Über dreissig Mal wurde ich gefoltert. Die Langzeitfolgen davon spüre ich bis heute, so sind beispielsweise meine Augen stark geschädigt. Das eine Mal wurden mir eine Woche lang die Augen verbunden und anschliessend haben sie mich mit sehr starkem Licht geblendet. Das ist normal, das heisst, das ist eigentlich nicht normal. Aber in der Türkei ist das so. Der Staat sieht alle linken Zeitungen und Leute, die für sie arbeiten, als GegnerInnen und TerroristInnen.

Du hast insgesamt etwa acht Jahre deines Lebens im Gefängnis verbracht. Was kannst du uns davon erzählen?

Die Erinnerungen an diese Zeiten sind wirklich schlimm. Ich war drei Mal über längere Zeit inhaftiert. Die ersten beiden Male war ich jeweils in Gruppenräumen untergebracht, mit ungefähr 40 anderen Personen. Da hatte ich zumindest sozialen Kontakt. Das letzte Mal, also sieben Jahre lang, war ich in einem Typ-F-Gefängnis (türkische Hochsicherheitsgefängnisse, die nach europäischem Standard gebaut sind und in denen vor allem politische Häftlinge verwahrt sind, Anm. der Redaktion) inhaftiert, da hatte ich nur wenig Kontakt mit anderen Menschen.

Hast du im Gefängnis die Entscheidung getroffen, aus der Türkei zu fliehen?

Nein. Ich dachte immer, dass ich einfach weitermachen werde, wenn ich aus dem Gefängnis entlassen werde. Aber kurze Zeit nachdem ich frei kam, wurde ich von vier Polizisten aufgesucht. Sie fragten mich, ob ich vorhabe, weiter zu machen. Ich antwortete, selbstverständlich werde ich weiter arbeiten, weiter schreiben. Ich sagte ihnen, dass sie mich auch wieder ins Gefängnis stecken können, das sei mir egal. Dann meinten sie aber, dass sie nicht garantieren können, dass ich beim nächsten Mal wieder ins Gefängnis komme.

Sie haben dich also implizit mit dem Tod bedroht.

Ja. Da habe ich überlegt, was ich tun soll. Und gleichzeitig erfuhr ich nach meiner Freilassung, dass mein Vater an Krebs erkrankt war. Meine Eltern lebten zu diesem Zeitpunkt bereits in der Schweiz und hatten mir nichts von der Erkrankung meines Vaters erzählt, um mich im Gefängnis nicht zusätzlich zu demoralisieren. Ich reiste also in die Schweiz, um ihn und meine Mutter zu besuchen. Ich konnte mit ihm noch etwas Zeit verbringen, sieben Monate nach meiner Ankunft in der Schweiz starb er. Anschliessend entschloss ich mich dazu, in der Schweiz zu bleiben, weil in der Türkei mein Leben in Gefahr war. Es gab keine Perspektive. Entweder kam ich wieder ins Gefängnis oder ich musste im Untergrund mit falschen Papieren leben – was allerdings sehr schwierig ist.

War das eine schwierige Entscheidung?

Ja natürlich. Für mich war es anfangs sehr schwierig, weil ich zu diesem Zeitpunkt überhaupt kein Deutsch sprach. Und meine Freunde, der Grossteil meiner Familie, meine Arbeit, mein ganzes Leben war in der Türkei.

Du hast dann in der Schweiz Asyl beantragt. Kanntest du in Bern abgesehen von deinen Eltern sonst noch jemanden?

Ja, ich traf ein paar Bekannte aus Istanbul, Gaziantep und aus meiner Heimatstadt Dersim. Aber vor allem habe ich in der ersten Zeit oft an kurdischen Demonstrationen teilgenommen und dort viele Freunde gefunden. So fand ich Anschluss.

Würdest du sagen, dass man als Kurde im Exil schnell mit anderen Kurden in Kontakt kommt?

Ja, ich denke schon. Viele kannten meinen Namen auch schon aus der Zeitung oder kannten meinen Vater, der ebenfalls politischer Aktivist war. Aber nicht nur das: Ich hatte auch Glück, denn ein Freund hat mir schon in meiner ersten Zeit hier von einer autonomen Schule erzählt, vom denk:mal. Ich konnte dort Deutschkurse besuchen und nach ein, zwei Monaten wurde ich gefragt, ob ich nicht Türkisch unterrichten möchte. Damit begann ich dann und gab während dreieinhalb Jahren Türkisch-Kurse. Dort habe ich auch meine Frau kennengelernt.

Hast du, seit du in der Schweiz bist, immer verfolgt, wie sich die Situation der KurdInnen in der Türkei oder in anderen Ländern entwickelte?

Natürlich. Ich habe in der ersten Zeit auch noch weiter als Journalist gearbeitet - ohne Bezahlung zwar, aber das war mir wichtig.

Verfolgst du primär die Ereignisse in der Türkei oder setzt du dich auch mit der Situation der Kurden in Syrien, dem Irak und Iran auseinander?

Die Kurden sind ein Volk. Und sie werden in allen Ländern, in denen sie leben, unterdrückt. Was in Syrien, dem Irak oder dem Iran passiert, interessiert mich daher genauso wie die Situation der Kurden in der Türkei. Für mich ist Nationalität nicht wichtig, mir tut es auch weh, wenn ich sehe, wie Menschen in Afrika oder Südamerika unterdrückt werden und leiden. Mich interessiert die ganze Welt.

Ist es nicht sehr bedrückend, dich tagtäglich mit der politischen Lage der Kurden auseinanderzusetzen, insbesondere jetzt wieder seit der Invasion der Türkei in Nordsyrien?

Meine Frau und meine Schweizer Freunde fragen mich immer wieder, wie ich das aushalte, all die schrecklichen Nachrichten zu lesen und zu sehen. Für mich gibt es nur eine Antwort auf die Frage: Es ist die Realität. Ich habe 35 Jahre meines Lebens dort verbracht, ich wurde verhaftet und gefoltert – das war nicht einfach ein Hobby von mir. Ich wurde verfolgt wegen meiner Ideen und wegen meiner Identität. Ich verstehe, dass das für Leute in der Schweiz vielleicht schwierig nachzuvollziehen ist, aber für mich ist es einfach die Realität. Hinzu kommt, dass viele meiner Verwandten und Bekannten nach wie vor in der Türkei leben, daher interessiert es mich sehr, was dort passiert.

Was machen KurdInnen in Bern, um sich Gehör zu verschaffen?

Es gibt immer wieder Demonstrationen, phasenweise mehr oder weniger. Ich habe mal beim kurdischen Kulturzentrum in Bern nachgefragt, das mir mitteilte, dass nach ihren Schätzungen über 5000 Kurden im Kanton Bern leben. Ich finde, diese Menschen sollten sich untereinander noch viel stärker vernetzen, um so in der Schweizer Öffentlichkeit sichtbarer zu werden und mehr Unterstützung zu erhalten. Ich finde es beispielsweise schade, wenn manchmal an kurdischen Demos die Transparente nur auf Türkisch oder kurdisch beschriftet sind. Denn die Kurden wissen ja bereits, was passiert. Die Slogans müssten auf Deutsch geschrieben sein, damit die SchweizerInnen verstehen, was da darauf steht.

Am Donnerstag wurde ein fünftägiger Waffenstillstand ausgerufen. Hast du Hoffnung, dass sich die Situation nun rasch entschärfen wird?

Leider nein. Es wurde zwar ein Waffenstillstand verkündet, heute Morgen habe ich aber gehört, dass die türkische Armee gestern ein kurdisches Dorf bombardiert hat und dass dabei viele Zivilisten gestorben sind. Ich glaube, das bringt nichts. Die imperialistischen Mächte, die USA und Russland, werden weiterhin mit den Kurden spielen.

 


 

Nach dem Ausbruch des Bürgerkriegs in Syrien 2011 gelang es der jahrzehntelang unterdrückten kurdischen Minderheit in Syrien, ein vorwiegend von KurdInnen besiedeltes Gebiet im Norden des Landes unter ihre Kontrolle zu bringen. Diese auch als Rojava bekannte Region umfasste ursprünglich drei Kantone, in denen vorwiegend Kurden leben. Die kurdischen Volksverteidigungseinheiten YPG/YPJ engagierten sich im Kampf gegen die IS-Milizen. Bis 2017 wuchs die von den Kurden kontrollierte Region und es kamen auch Gebiete hinzu, in denen mehrheitlich AraberInnen und andere Bevölkerungsgruppen leben. Bereits 2016 wurde daher die multiethnisch und multireligiöse Demokratische Föderation Nordsyrien (DFNS) ausgerufen, umgangssprachlich meist Rojava genannt. Am 9. Oktober marschierten türkische Truppen in Nordsyrien ein. Der türkische Präsident Tayyip Erdoğan hat angekündigt, ein grosses Gebiet in Grenznähe zur Türkei von der kurdischen Selbstverwaltung zu säubern. Seither sind Hunderttausende auf der Flucht.

Für den Samstag, 26. Oktober sind in Bern und in anderen Schweizer Städten weitere Demonstrationen für Rojava angekündigt.