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Besetzung in Zollikofen - ein vorläufiger Abschluss

Was bleibt von der mittlerweile geräumten Besetzung des Betagtenheims in Zollikofen? Mit einem Brief wendet sich das Besetzer*innenkollektiv an die Öffentlichkeit.

Das ehemalige Betagtenheim Zollikofen, zum Zeitpunkt der Besetzung, mit noch unbefleckter Fassade.

Fast genau eine Woche lang lebte eine Gruppe Menschen in dem grossen Bau an der Wahlackerstrasse, in dem die Gemeinde Zollikofen früher ihr Betagtenheim betrieb. Mit der Privatisierung der Altersversorgung beschloss der Grosse Gemeinderat vor vier Jahren, die Liegenschaft für einen zweistelligen Millionenbetrag an die Gebäudeversicherung Bern zu verkaufen. Seit fast zwei Jahren stand es seither leer, nachdem es zuvor Platz für 100 Bewohnende bot. Grosses Aufsehen hat das nicht erregt, im Quartier sei der Leerstand zwar schon ein Thema gewesen, aber an die Öffentlichkeit drang kaum etwas davon.

Dass sich vor ein paar Tagen eine Gruppe junger und weniger junger Menschen Zutritt zu dem Gebäude verschafft hatte  und darin Ideen verwirklichen und teils auch wohnen wollte, führte hingegen zur Auslösung eines bekannten Reflexbogens. Politische Vertreter der Gemeinde signalisierten Nulltoleranz, Medien berichteten tagesaktuell über verstrichene Fristen zum Verlassen der Liegenschaft und Menschen äusserten sich empört oder wohlwollend. Letzten Donnerstagmorgen wurde das Gebäude polizeilich geräumt, die Besetzenden müssen mit einer Anzeige rechnen.

Nun sind die Transparente an dem Haus verschwunden, die gemalten und gesprayten Schriftzüge an der grauen Fassade sind die letzten Überbleibsel der kurzen Aufregung. Der Gemeinderat wird noch darüber entscheiden, ob auch diese entfernt werden um den vorherigen Zustand wiederherzustellen. Das Gebäude steht erneut verlassen in dem Quartier über dessen Häuser es grosszügig hinwegragt. Ende Jahr soll die Überbauungsordnung genehmigt sein, dadurch wird die Liegenschaft in den Besitz der Gebäudeversicherung übergehen. Die Gemeinde Zollikofen geht davon aus, dass die Bauarbeiten im Sommer 2020 beginnen können. Um in der Zwischenzeit eine Wiederholung des unbeschaulichen Vorfalls zu verhindern, soll das Gebäude von einer Sicherheitsfirma bewacht werden.

Der untenstehende Brief des Besetzendenkollektivs erreichte gestern unsere Redaktion. Wir veröffentlichen diesen als Element einer Diskussion. Die Gemeinde Zollikofen schreibt in ihrer Mitteilung von dem «hochprofessionellen Vorgehen sowohl in der Vorbereitung als auch im Vollzug» der Kantonspolizei Bern.  Als Ergänzung zu dieser Sichtweise ausserhalb des Gebäudes soll erlaubt sein, der Gegenseite, die sich im Innern des Gebäudes befand, eine Stimme zu geben. Alle Namen im Text wurden geändert. (Red.)

 

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«Es ist fünf vor Acht, als der Schrei durchs Betagtenheim schallt. Ein Schrei, welcher einigen temporären Bewohner*Innen tief in die Knochen fahren sollte: ‹Polizei! Alle aufwachen, die Polizei ist da›.

Mario hatte zuvor einen wunderschönen Sonnenaufgang über Bern beobachtet, bevor er die Kolonne weisser Kastenwägen am Bahnhof Unterzollikofen abbiegen und auf sich zukommen sah.

Innerhalb weniger Sekunden weckt das einschiessende Adrenalin die Anwesenden, in ein paar Minuten finden sich bereits alle im zweiten Stock. Am Abend zuvor hatte ein Konzert stattgefunden. Innert weniger Tage wurde ein Refugium geschaffen für Ideen, Solidarität, Träume, Gemeinschaft und konkrete Alternativen.

Der Blick aus dem Fenster bestätigt die Warnung. Das Haus ist bereits von rund zwei Hundertschaften behelmter Polizei umstellt. Vier Drohnen schwirren um das Gebäude. Die Spezialeinheit Enzian ist anwesend. Die Strasse – abgesperrt. Die Utopie – bedroht.

Derweil versucht man sich drinnen im zweiten Stock zu beruhigen. Jemand bringt ein Radio (lautstark singen die Umzingelten ‹Back to life, back to reality›, Soul II Soul), Zigaretten werden geteilt.

Die Polizei benötigt rund eine Stunde um im Erdgeschoss und im ersten Stock nach nicht vorhandenen Gefahren zu suchen.

Als, die surreal martialisch auftretenden, bewaffneten Polizisten zum zweiten Stock vordringen, und die im Kreis sitzende Gruppe entdeckt, entsteht für wenig lange Augenblicke ein merkwürdiges Vakuum.

Die unvermummte Gruppe wird von den vermummten Polizist*innen umstellt. Sie warten die weiteren Order des Einsatzleiters ab.

Als dieser schliesslich erscheint und ein paar schnelle, nervöse Sätze im Walliser Dialekt von sich gibt, die niemand von den im Kreis Sitzenden versteht, erreicht die Situation den Höhepunkt ihrer Absurdität.

All 19 Anwesende werden nun einzeln herausgepickt und abtransportiert. Unter Applaus und positiven Zurufen erheben sich die Einzelnen. Die Stimmung der ‹19› ist locker, es werden Witze gemacht.

Die Polizist*Innen sind offenbar nervös. Die Hände zittern zum Teil so fest, dass die aufgenommenen Personalien nicht lesbar sind.

Die 19 Angehaltenen werden allesamt in eine Gemeinschaftszelle im Neufeld Polizeiposten verfrachtet.

Derweil schleicht der Gemeindepräsident Bichsel schon wieder ums Gebäude, gibt sich sichtlich zufrieden und erleichtert, grinst in die Kameras, schwafelt etwas von Vorbehalten, wenn er hier zum Essen eingeladen würde. Lobt dann schliesslich den friedlichen Verlauf der Räumung. 

Ein paar Bildstrecken im Homestory-Stil à la ‹Schaut wie schlimm: Dosenbier und Spaghetti-Reste› entstehen. Gewisse Medienhäuser können ihre Enttäuschung über die fehlende spektakuläre Action und Gewaltausbrüche kaum verbergen.

In der Zelle im Neufeld schlafen einige der Verhafteten ein bisschen nach, andere machen Yoga, wieder andere versuchen ihren Bewegungsdrang zu unterdrücken. Einzeln werden sie befragt. Zum Teil in klassischer Good-Cop-Bad-Cop-Manier, manchmal überaus höflich oder unter moralischen Vorwürfen.

Die ED-Erfassung (erkennungsdienstliche Massnahmen; Fotos und Fingerabdrücke in diesem Fall) wird polizeilich angeordnet. Danach werden sie, an diesem erstaunlich hellen Herbstmittag, vor dem Posten von Freunden und Freundinnen wärmstens empfangen.

In Zollikofen neigt sich der Polizeieinsatz langsam dem Ende zu. Polizist*innen, die sich nicht nutzlos die Beine in den Bauch stehen, bauen Barrikaden und helfen Gitter rund ums Betagtenheim anzubringen. Freund und Helfer, bewaffnet und mit Technologien ausgerüstet, welche wir bis anhin nur aus Sci-Fi Filmen kannten. Der Leerstand soll verteidigt werden. Eine private Sicherheitsfirma wird hier die nächsten Wochen patrouillieren. Baubeginn und konkrete Pläne stehen in den Sternen. Das Haus wird noch mindestens ein Jahr leer und eingegittert vor sich hin stehen.

Der Gemeinderat berät darüber, den mittlerweile farbigen Bau wieder grau zu streichen.

Anton startete über Nacht eine Onlinepetition zugunsten des sozialen Projekts. Über 600 Personen hatten diese bis zur Räumung unterzeichnet

Besim, ein Jugendlicher, der in Zollikofen aufgewachsen ist, bedauert, dass die Belebung beendet ist.

Margrit, eine ältere Bewohnerin Zollikofens habe eine Träne verdrücken müssen, als sie die Räumung mitverfolgt habe.

Und die hundert Waghalsigen?

Die rege Beteiligung, der Austausch mit der Bevölkerung, das gemeinsame, kreative Schaffen, hat alle Involvierten bestätigt. Man lässt sich bestimmt nicht durch Repression einschüchtern. ‹Wir sind alle immer noch da – gesund und munter und stärker als zuvor. Angefixt von erlebter, gelebter Solidarität. Umgeben von alten und neuen Freundschaften. Beflügelt von positiver Resonanz, Aus- und Eindrücken.›

Ganz offensichtlich ist diese Stadt voll von ‹anderen›. Menschen mit alternativen Lebensentwürfen, Menschen, die Alternativen zu ihren Lebensentwürfen suchen.»