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Wolf statt Wölfli auf dem Bahnhofplatz

Künstlerinnen und Künstler mit Psychiatrieerfahrung oder Behinderung geben seit heute auf dem Berner Bahnhofplatz Einblick in ihr Schaffen (Vernissage: 17 Uhr). Ein Kontrapunkt zur Adolf Wölfli-Ausstellung im Zentrum Paul Klee, der zum Nachdenken anregt.

Kunst auf dem Bahnhofplatz: 32mal eine neue Welt. (Ausstellungsflyer des kulturpunkts.)

Claude Haltmeyer ist seit 2012 Leiter des kulturpunkts im PROGR. Sein Interesse gilt dem künstlerischen Schaffen von Menschen, denen es nicht vergönnt ist, körperlich, geistig oder psychisch ein Leben lang eingemittet teilzuhaben.

Mit Werken von solchen Künstlerinnen und Künstlern veranstaltet er jetzt neben der Heiliggeistkirche auf dem Bahnhofplatz eine Plakatausstellung. Sie heisst «Der Wolf ist los» und versteht sich als Aktion zur Wölfli-Ausstellung im Zentrum Paul Klee (ZPK). Gleichzeitig ist sie der Beitrag des kulturpunkts zum 5. Staffellauf von «connected space», der letzten Etappe jenes Projekts der Berner Offspace-Kunstszene, bei dem lokale Kunsträume einerseits Gästen für Kunstprojekte zur Verfügung stehen, andererseits selber Gast sind in Räumen, die gewöhnlich nicht künstlerisch genutzt werden – wie zum Beispiel der Bahnhofplatz.

Geförderte Vielfalt

«Der Wolf ist los» – von Rosalina Alexio bis zu Jürg Zesiger: 32 Künstlerinnen und Künstler geben auf einem Weltformat-Plakat Einblick in ihr bildnerisches Universum. Erster Eindruck: Da gibt es keine etüdenhafte Artistik, kein Anbiedern an einen angesagten Trend, der Zugang zu Szene und Markt versprechen würde. Hier stehen Form und Inhalt individuell im Dienst der Suche nach dem Eigenen, das gestaltet werden soll. Zu sehen ist eine Vielfalt, die 32mal eine neue künstlerische Aussage garantiert. Haltmeyer: «Wir wollen zeigen, dass es auch nach Wölfli eine lebendige, spannende Kunstszene gibt, die es wert ist, von der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden.»

Dass diese Kulturschaffenden nun eine Öffentlichkeit erhalten, hat auch damit zu tun, dass sie nicht völlig isoliert arbeiten, sondern Förderstrukturen nutzen können, die nicht Kunst als Beschäftigungstherapie anbieten, sondern künstlerischem Ausdruck Raum geben wollen. Zehn Ausstellende arbeiten im Atelier Creahm in Villars-sur-Glâne (Creahm steht für Créativité et handicap mental), zwölf in der Kunstwerkstatt Waldau und fünf im Atelier Rohling des PROGR. Dazu kommen zwei Beiträge aus der Sammlung Psychiatrie-Museum Bern, zwei von unabhängigen Künstlern und einer aus dem Psychiatriezentrum Münsingen.

Was ist Kunst?

Mit dieser Ausstellung setzt Haltmeyers kulturpunkt einen Kontrapunkt zur Wölfli-Ausstellung, der zum Nachdenken anregt. Was ist hier und heute eigentlich wichtige Kunst? Wäre es nicht richtiger gewesen, die Künstlerinnen und Künstler mit Psychiatrieerfahrung oder Behinderung ins ZPK einzuladen und gleichzeitig auf dem Bahnhofplatz mit einer Plakataktion an Wölflis in Bern seit Jahrzehnten als «Art brut» kanonisiertes Werk zu erinnern? Das ZPK hätte so ein weithin wahrgenommenes, mutiges Statement für das aktuelle Kunstschaffen ausserhalb des Kanons abgeben können und Wölfli wäre gut 90 Jahre nach seinem Tod endlich dort angekommen, wohin er als Anstaltsinsasse nie kommen durfte: an den Bahnhof in der Stadt, wo die Züge abfuhren, die ihm Heimkehr und Freiheit bedeutet haben mögen (Wölfli ist «als Kind armer heruntergekommener Eltern [am] 29ten Februar 1864 auf der Nüchtern zu Bowyl geboren», wie er in seiner «Kurzen Lebensbeschreibung» von 1895 festgehalten hat.)

Stattdessen ist es so: Für die Namenlosen darf drei Wochen lang der Wolf los sein auf dem Bahnhofplatz. Aber eingesperrt bleiben muss der Wölfli: zwischen 1895 und 1930 als «gemeingefährlicher Schizophrener» hinter den Mauern der «Irren-, Heil- und Pflegeanstalt Waldau», heute als exklusiver Klassiker der Art brut hinter den Mauern des ZPK

«Kunst unter besonderen Bedingungen»

Zudem: Wie sollte das ZPK eine Ausstellung mit aktueller Kunst in Wölflis Art brut-Tradition politisch korrekt bewerben? Im deutschsprachigen Raum, sagt Haltmeyer, gebe es «ein richtiges Theater» um die Frage, wie man diese heute geschaffenen Kunstwerke bezeichnen solle. «Im angelsächsischen Raum spricht man von ‘Outsider-Art’, im französischen Sprachraum gibt es die Begriffe ‘art différencié’ oder ‘art en marge’. Im deutschsprachigen Raum werden Begriffe gehandelt wie ‘Kunst unter besonderen Bedingungen’, was aussieht wie ein Eier-Tanz um das eigentlich Gemeinte. Der Begriff ‘Aussenseiter-Kunst’ darf nicht verwendet werden, weil der als zu abwertend und ausgrenzend empfunden wird.»

Wie man den 32 Beiträgen auf dem Bahnhofplatz korrekt sagen soll, ist aber nicht das Hauptanliegen der Ausstellung. Haltmeyer: «Zur Diskussion gestellt werden soll die Frage: Ist diese Kunst interessant für eine grössere Öffentlichkeit?»

Wie er diese Frage denn selber beantworte? – «Ich selber finde, wenn Wölfli so viel Platz und hoher Marktwert zugebilligt wird, sollte das gesamte Kunstschaffen in diesem Bereich viel mehr Platz bekommen. Es geht dabei ja nicht nur um die bildende Kunst, es geht auch um Theater, Performance oder Musik. Ich meine, es würde der Stadt und dem Kanton Bern gut anstehen, sich diesem vielfältigen und einzigartigen Kunstschaffen stärker anzunehmen. Ob dafür ein neues Kunstforum geschaffen werden müsste oder ob bestehende Kunsträume vermehrt und regelmässig bespielt werden könnten, ist für mich offen.»