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Ds Läbe isch es sältsams Spiel

In seinem neuen Stück «Das Jubiläum» nimmt uns Timmermahn mit in die glitzernd bunten Absurditäten des Alterns.

Die Bewohner*innen der Residenz Himmelssteig sind noch nicht bereit von der Weltbühne abzutreten. (Foto: Roman Brunner)

«I wär nie drzue ko sone Rolle aaznee, wie ich sie im Läbe ha», klagt die ehemalige Filmschauspielerin Isabelle Arjani und überquert mit ihrer Gehhilfe mühselig die Bühne. Da werden keine schnellen Gänge angeschlagen, das ist von Anfang an klar in Timmermahns Stück «Das Jubiläum», das von Jonathan Loosli inszeniert wurde und derzeit in der Heiteren Fahne zur Aufführung kommt. Denn die vier ehemaligen Bühnen-und Filmgrössen auf der «station des anicens artistes residents» in der Seniorenresidenz Himmelssteig können nur noch von ihrer glamourösen Vergangenheit träumen. In der Gegenwart drehen sich ihre Welten um Bad, Gymnastik und Stuhlgang, kurz um die Banalitäten des Alterns. Höhepunkt ist der Apfel zum selbst Kauen, serviert vom Sunny Residenz Boy Walterli. Versuche, etwas Eigenständigkeit zu bewahren, werden von der Stationsaufseherin Obrist de Quervain strikt unterbunden. Immer wieder aber brechen die Heimbewohner*innen musikalisch aus dem Alltag aus. Die vergangenen Glanzlichter werden für kurze Zeit sichtbar, wenn Herr Fahrni die gesanglichen Einlagen von seinem mit Notenständer, Mikrofon und Keyboard ausgerüsteten Rollator aus dirigiert. Für einen kurzen Moment können die vier ausrangierten Bühnenkünstler sich «forever young» fühlen und ihre Sorgen vergessen.

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Das Stück nimmt an Fahrt auf, als ein Gewitter die Residenz erschüttert. Nun gilt es, zuerst die Rabatten, dann die Stationsaufseherin selbst und schlussendlich das 100-jährige Jubiläum der Residenz zu retten, das zu einem langweiligen Liederabend zu verkommen droht. Die gealterten, ausrangierten Künstler*innen beschliessen ein Schultheater aufzuführen. Erinnerungen an ihr früheres Stück «Dr Blöffer» werden wach und die Proben beginnen. Die Heimbewohner*innen zeigen: Der Vorhang ist nicht zum letzten Mal gefallen und führen ein Stück im Stück auf, das auch den letzten Zuschauer*innen das Lachen aus der Kehle lockt.

Ein Schwank, der dem Altern Farbe verleiht

Der versprochene Tiefgang, den das Stück manchmal etwas vermissen lässt, wird durch die überzeichneten Gesten, Pointen und die schauspielerische Leistung wieder wett gemacht. So ist das Stück denn auch am stärksten, wenn es die Spielformen des Schwanks voll auskostet und ins Absurde treibt. Etwa wenn der Dornacher Engel vom Engelsseminar von einem Gesangskanon vertrieben wird, die pinke Badewanne mit dem schwerfälligen Klöti auf die Bühne gerollt oder der Blöffer selbst den Theatersaal kurzerhand in ein Schlagerkonzert verwandelt. Immer wieder verschwimmen die Grenzen zwischen Theater und Wirklichkeit. Die Bewohnerin Arjani beklagt den vulgären Sprechtext und Klöti die Praxis, dass junge Schauspieler alt geschminkt werden, um entsprechende Rollen zu besetzen. So wird das Theater zur Wirklichkeit und die Wirklichkeit zum Theater, frei nach dem Motto: S Läbe isch es seltsams Spiel.

Die Lebensfreude ist ansteckend

Zum Schluss trifft sich die Truppe auf der Bühne zum Resümee. «Zersch fahts aube aa u när isches schowider verbii», fasst Walterli den Abend zusammen, aber besonders schön sei es, «we soviu Lüt chöme cho Publikum sii». Nach einem Jahr Unterbruch und dem Beginn der Aufführungen, die zuerst nur per Livestream stattfinden konnten, geniessen es die Schauspieler*innen sichtlich auf der Bühne zu stehen. «Wir lieben das Theater», singen sie denn auch passenderweise zum Abschluss. Und das Publikum singt mit. Die Lebensfreude des Stückes ist nicht nur dringend nötig, nach dem kulturellen Winterschlaf, sondern auch ansteckend. So ist man sich als Zuschauer*in denn auch nicht ganz sicher, ob das Lachen der Schauspieler*innen nach der letzten Strophe nun im Skript steht oder einfach ein spontanes Mitlachen mit dem Publikum ist.

«Das Jubiläum» läuft noch bis am 1. Mai in der Heiteren Fahne. Es kann vor Ort oder auch weiterhin als Livestream genossen werden.


Fünf Fragen an den Regisseur Jonathan Loosli

Jonathan Loosli arbeitet als selbstständiger Schauspieler in der Schweiz und hat die freie Theatergruppe vor Ort mitgegründet, die «Das Jubiläum» zur Aufführung bringt. Er führt Regie und ist im Stück als Erwin Klöti zu sehen.

Du wirst heute Abend zum ersten Mal vor Publikum als Klöti auf der Bühne stehen. Freust du dich?

Sehr ja. Das ist wirklich ein Highlight nach so einer langen Zeit.

Das Stück sollte schon vor einem Jahr aufgeführt werden. Hat sich das Stück während des coronabedingten Unterbruchs noch verändert oder weiterentwickelt?

Wir haben weiter geprobt und uns während diesen Proben entschieden, das Stück noch radikaler zu kürzen. Ursprünglich wären beispielsweise noch eine Pause und ein längerer zweiter Teil geplant gewesen. Das Konzept des Stückes hat sich aber nicht verändert. Lustigerweise passte die Pandemiesituation gut zum Inhalt des Stückes: Ehemalige Künstler und Künstlerinnen, die gerne wieder mal Theater spielen möchten und nicht können.

Habt ihr gewisse Veränderungen für den Livestream vorgenommen?

Für uns war von Anfang an klar, dass wir das Stück aufführen möchten, zumindest als Livestream. Wir haben uns dann aber entschieden, das Theater als ganzes Stück zu filmen, ohne weitere filmische Eingriffe oder Kameras auf der Bühne. Das ist uns jetzt, da wir doch noch vor Publikum spielen können, entgegenkommen. Ausserdem hat es etwas von diesen früheren Fernsehaufzeichnungen, etwas Verstaubtes, Altmodisches. Das passt gut zum Alter der Figuren.

«Das Jubiläum» passt wie angegossen in den Saal der Heitere Fahne – war von Anfang an geplant, das Stück dort aufzuführen?

Ja, genau. Es ist nach «Dr Blöffer» und «Blöffers Hochzyt» schon das dritte Stück von Timmermahn, das in der Heiteren Fahne aufgeführt wird. Seine Stücke passen gut in den Saal mit seinem Charme und dem Volkstheatercharakter. Nur schade kann man zurzeit nicht essen. Früher konnte in solchen Landgasthöfen zuerst gegessen werden und nach dem Essen ging der rote Vorhang auf.

Du hast im Stück sowohl Regie geführt als auch selber eine Rolle übernommen. Ist das nicht auch eine Herausforderung?

Doch, das ist es. Besonders, da praktisch immer alle auf der Bühne sind. Da hat dann Dominique Jann, der den Blöffer spielt, manchmal übernommen, und seinen Blick von aussen beigesteuert. Es war ausserdem auch eine grosse schauspielerische Herausforderung, so alte Leute zu spielen, die eigene Energie zurückzunehmen und sich stattdessen zu bewegen, als wäre man achtzig Jahre alt oder älter.

Jonathan Loosli als Erwin Klöti in der Badewanne. (Foto: Roman Brunner)

Jonathan Loosli als Erwin Klöti in der Badewanne. (Foto: Roman Brunner)