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Das innovative Kraut der Kultur

Es heisst «pandemix – das katastrophale kulturfestival». Es findet ab Freitag statt im Kunstraum gepard14 im Liebefeld. Es will die Kunst in der Welt und die Welt in der Kunst sichtbar machen und diskutieren. Thomas Jacobi, Künstler und Musikvermittler in Bern, hat das Festival organisiert. Was sagt er dazu?

Thomas Samuel Jacobi, vor.tastungen (Ausschnitt). (Foto: Thomas Jacobi)

Thomas Jacobi, wie kam es zur Idee dieses Festivals?

Die Idee entstand spontan, aber eingeflossen sind viele der Gedanken, die wir uns wohl alle während dem Lockdown und den dramatischen Einbrüchen im privaten und öffentlichen Leben gemacht haben, auch im Kulturbereich. Marco Giacomoni vom gepard14-Kunstraum besprach mit mir meine Einzelausstellung 2021 und fragte plötzlich, ob ich nicht Zeit und Lust hätte, den Raum jetzt gerade diesen Sommer zu nutzen.

Ich wollte den Kunstraum aber nicht allein bespielen, sondern fand es eine tolle Gelegenheit, zusammen mit anderen Kulturschaffenden und den BesucherInnen ganz frisch auf die Corona-Krise zu reagieren – und zwar mit künstlerischen und kulturellen Mitteln.

Was bezweckst Du damit?

Unsere Kultur ist in der Krise. Auch wenn es gegen Covid-19 am Ende einen Impfstoff und ein Heilmittel geben wird – für die Klimakatastrophe und die Flucht und erzwungene Emigration von Menschen aufgrund von sozialer und ökologischer Ausbeutung gibt es keinen Impfstoff.

Da ist es spannend, einmal die «katastrophale Kultur» zu umarmen und sich zu fragen, wie wir das persönlich erleben und wo wir hinwollen. Der Kunstraum soll zum Begegnungsort werden, an dem wir unsere Erfahrungen gegenseitig vorstellen. Dabei können wir auch darüber nachdenken, wie es mit uns, der Kultur und der Welt weitergehen soll.

Abgesehen davon wäre es auch grossartig, wenn wir mit dem Festival ein bisschen mithelfen könnten, die Kulturaktivitäten wieder anzukurbeln.

Sprichst Du ein bestimmtes Publikum an?

Am schönsten wäre es, wenn einfach alle Menschen kommen würden, die sich für kreative Antworten auf diese Fragen interessieren. Wenn auch Leute aus dem Quartier Liebefeld und aus Köniz dabei wären, würden wir uns besonders freuen. Es gibt viele Gelegenheiten, selber mitzumachen.

Was erwartet mich als Besucher – und was kann ich beitragen zu den gewählten Themen?

Ich glaube, die BesucherInnen erwartet eine wirklich spannende Palette an ganz verschiedenen Zugängen zum Thema.

Einmal gibt es die Ausstellung mit teilweise interaktiven Kunst-, Audio- und Video-Installationen. Es freut mich besonders, wie viele hochkarätige KünstlerInnen spontan zugesagt haben.

Dann bieten Kulturschaffende eine Reihe von Aktionen zusammen mit den BesucherInnen im Kunstraum und in den umliegenden Strassen an. Da kann man sich anmelden oder einfach spontan dazukommen.

Und schliesslich gibt es drei Eventabende – am Freitag 7.8. zur Vernissage, am Freitag 14.8. und am Sonntag 23.8. zur Finissage – mit Aktionen mit den BesucherInnen, Konzerten und Performances. An diesen Abenden wird es ausserdem spannende Gesprächsrunden mit Kulturschaffenden geben darüber, wie sie die aussergewöhnliche Corona-Zeit erleben. Und der Apéro mit Drinks darf nicht fehlen.

Du setzst mit dem Satz «Unsere Kultur ist in der Krise» ein Zeichen für ein weites Verständnis von Kultur. Das teile ich. Wie ist es mit den Künsten, sind auch sie für Dich auch in der Krise?

Die Kunst wird in einer Krise immer am schnellsten als entbehrlich betrachtet. Da zerstört man gerne Karrieren, lässt gewachsene Institutionen verhungern, und zerstreut kostbares Wissen in alle Winde – vor allem in der «freien Szene». Das ist merkwürdig.

Denn die Kunst ist eigentlich - wie etwa die Mathematik - ein permanentes Versuchslabor für die Gesellschaft. In der theoretischen Mathematik werden völlig abstrakte Zahlenspiele über Jahrhunderte hinweg durchgeturnt, die dann in der angewandten Mathematik immer wieder Durchbrüche in praktischen Lebensverbesserungen ermöglichen.

In der jetzigen Klima-, Migrations- und Gesundheitskrise geht es auch um eine neue persönliche Haltung. Wie und was wollen wir eigentlich sehen, hören, schmecken, berühren, bewegen, erinnern und wen an uns heranlassen? Das sind Kernthemen der Kunst im Tanz & Theater, der Musik & Literatur und in der performativen und installativen Kunstpraxis – und zwar seit Jahrhunderten.

Wegen der Corona-Krise werden keine Mathematik-Institute geschlossen oder Lehrstuhlgehälter gekürzt. Die Kunst stürzt man dagegen gleich mit in die Krise.

Wie gehen die Künstlerinnen und Künstler und die Kunstorte mit der Krise um? Was haben sie für Möglichkeiten? Was erwartest Du von ihnen?

So wie in den l'art pour l'art-Spielen der Mathematik soll auch die Kunst Forschung im Labor durchführen können. Und das Labor der Kunst hat sogar Glaswände - wir freien Kunstschaffenden stellen unsere Forschung verwundbar zur Schau.

In der praktischen Verknüpfung zur Welt sollten wir Kunstschaffende uns dann aber wieder selbstkritisch fragen, wie unser Verhältnis zur allgemeinen Kultur aussieht. Hier bietet die gegenwärtige Situation eine grosse Chance, unsere Labor-Erkenntnisse konkret anzuwenden und der Gesellschaft zu zeigen. Das Festival möchte dazu einen kleinen Beitrag leisten.

Wie kann ich mir das vorstellen? 

Zum einen bieten wir bewusst eine breite Palette von Kunstansätzen, die mit Geräusch, Musik, Gerüchen, Farben, Formen, Tanz und Bewegung zeigen, wie eine aktuelle, vielleicht neue Haltung aussehen könnte in dieser Krise.

Zum zweiten laden wir die BesucherInnen mit Aktionen ein zum gemeinsamen Erproben solcher neuen Haltungen. Da können die sozial zündenden Anstupser der Künste von allen ausprobiert werden.

In den drei Gesprächsrunden an den Eventabenden wollen wir dann Kulturschaffenden die Möglichkeit geben, mit dem Publikum über die Rolle der Kunst in dieser Kulturumwälzung zu diskutieren. Am ersten Freitag (7.8.) werden wir uns z.B. fragen, was die Welt in der Kunst zu suchen hat, und was die Kunst in der Welt will? Am zweiten Freitag (14.8.) geht es darum, wie aus den Kulturruinen der Corona-Zeit heraus eventuell das innovative Kraut der «katastrophalen Kultur» wachsen kann.

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Schützenstrasse 14, Liebefeld. Programm hier oder unter www.gepard14.ch