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Willi Egloff

Gegen das Verbrennen von Büchern

Mitten im Sommerloch streiten sich Berner Medien über eine Grundsatzfrage von historischem Ausmass: Darf man Bücher verbrennen? Der BZ-Journalist Johannes Reichen findet es in Ordnung. Journal B ist dezidiert anderer Meinung.

Illustration des ehemaligen Berner Kinderheims «Gruebe». (Bild: zvg)

Eigentlich war es eine typische Saure-Gurken-Geschichte, die es nur mangels aktueller Neuigkeiten in die Zeitung geschafft hatte: Über mehrere Seiten hinweg berichtete die BZ Anfang Juli über ein Buch zur 188jährigen Geschichte des «Knabenheims auf der Grube» in Niederwangen, dessen Herausgeber sich in einer Vereinbarung verpflichtet hatte, das Buch nicht mehr zu verbreiten. Das Buch war 2013 erschienen, das Gerichtsverfahren fand 2017 statt, also fast vier Jahre später. Es endete noch im gleichen Jahr mit einem Vergleich. Der Kläger, ein ehemaliger Leiter des Knabenheims, entsorgte in der Folge die noch vorhandenen Buchexemplare in der Abfallverbrennung.

Angespornt vom damaligen Kläger, Hans-Peter Hofer, verbreitet der BZ-Journalist Johannes Reichen in seinen beiden Artikeln die These, diesem ehemaligen Heimleiter sei bei der Darstellung seines Wirkens in den Jahren 2000 – 2005 fürchterliches Unrecht geschehen. Als Schuldige machte er den Autor des historischen Teils des «Gruebe»-Buches, Fredi Lerch, aus und die Präsidentin des Stiftungsrates im Zeitpunkt der Herausgabe der Publikation, Regula Mader. «Journal B», der «Bund» und später auch noch die «NZZ» griffen die Geschichte auf, setzten die Schwerpunkte aber unterschiedlich. Johannes Reichen repliziert darauf mit einem Kommentar in der BZ vom 15. Juli und bezeichnet dort die Büchervernichtung als «forsch und kompromisslos», aber gerechtfertigt.

Angeblich fehlerhafte Darstellungen

Diese doch eher überraschende Auffassung begründet Reichen mit dem Vorwurf, die Ära Hofer werde im Buch fehlerhaft dargestellt. So werde behauptet, Hans-Peter Hofer habe nicht über die notwendige Ausbildung als Heimleiter verfügt, obwohl er diese Ausbildung 2002, also 2 Jahre nach seiner Anstellung, abgeschlossen habe. Weiter werde unterstellt, der Kanton habe Hofer zu Reformen zwingen müssen, obwohl er diese Reformen von sich aus eingeleitet habe. Auch würden die Umstände, die 2005 zu Hofers Rücktritt geführt hatten, «mindestens einseitig dargestellt».

Allerdings ist ziemlich offenkundig, dass Reichen irrt. Er hätte lediglich das Archiv seines eigenen Blattes konsultieren müssen um festzustellen, dass Lerchs Darstellungen zutreffen. So heisst es beispielsweise in der BZ vom 4.3.2005:

«Hans-Peter Hofer erfüllt die im Kanton Bern geltenden Anforderungen nicht. Der ehemalige Schulleiter und ausgebildete Heimleiter müsste eine zwei- bis dreijährige Ausbildung in Sozial- und Heilpädagogik absolvieren. Hofer sieht sich aber ausserstande, diese nun zu beginnen. (…) Die Bedingung gelte schon seit mehr als einem Jahrzehnt, sagt Ruedi Gerber, Generalsekretär der kantonalen Gesundheits- und Fürsorgedirektion (GEF). Der ehemalige Stiftungsrat, welcher vor zwei Jahren zurückgetreten ist, hat Hofer trotzdem als Heimleiter eingestellt.»

Problemfall Stiftungsrat

Auch im zweiten Punkt liegt Reichen falsch. In den ersten Jahren von Hofers Wirken fanden nicht die grossen strukturellen Reformen statt, welche nötig gewesen wären. Das lag keineswegs nur an Hofer, sondern vor allem am damaligen Stiftungsrat. Auch dies macht ein Blick in das BZ-Archiv deutlich: Ein amtlicher Untersuchungsbericht vom März 2003 über Vorkommnisse im Heim kam nämlich zum Schluss, dass der damalige Stiftungsrat seine Aufsichtspflicht ungenügend wahrgenommen und sich bei Beschwerden jeweils schützend vor Leitung und Angestellte gestellt habe. Darauf angesprochen, wird der damalige Präsident des Stiftungsrates, Max Suter, in der BZ vom 14.3.2003 wie folgt zitiert:

«Der Stiftungsrat war zu stark mit der Heimleitung verknüpft. Die freundschaftliche Zusammenarbeit hinderte uns daran, genügend kritisch zu sein.»

Und auf die Frage, ob denn sämtliche Mitglieder des Stiftungsrates mit dem ehemaligen Heimleiterpaar befreundet gewesen seien, antwortete der Präsident des Stiftungsrates:

«Es waren zumindest Personen, welche die Arbeit des Heimleiterpaares anerkannten und ihnen dies auch sagten. So wurden sie später bei einer Vakanz im Stiftungsrat angefragt. (…) Die Heimleitung hat Vorschläge gemacht, und der Stiftungsrat hat diesen zugestimmt.»

Es ist nicht erstaunlich, dass von diesem Stiftungsrat, der sich gerade einmal vierteljährlich zu einer Sitzung traf, weder eine wirksame Aufsicht noch relevante Reformschritte ausgehen konnten. Ebenso ist verständlich, dass sich Hofer nicht mit diesem Stiftungsrat angelegt hat, der ihn ja schliesslich trotz fehlender Ausbildung angestellt hatte. Allerdings trifft dann eben auch die Behauptung nicht zu, dass er alle erforderlichen Reformschritte aus eigener Initiative eingeleitet habe.

Die Situation änderte sich denn auch erst, als der gesamte Stiftungsrat mit Ausnahme des Präsidenten Max Suter im Gefolge der erwähnten amtlichen Untersuchung zurücktrat. Die «befreundeten Personen» wurden auf Drängen des Kantons durch qualifizierte Fachleute ersetzt. Diese versuchten in der Folge vergeblich, den Heimleiter davon zu überzeugen, dass er eine zusätzliche Ausbildung benötige. Als er sich weigerte, wurde das Arbeitsverhältnis aufgelöst.

Die Historikerin Tanja Rietmann hat in einem Interview mit Reichen, welches ebenfalls in der BZ erschienen ist, explizit festgehalten, sie könne in Lerchs Darstellung keine Fehler erkennen. Sie hat Recht. Leider hat Reichen nicht auf sie gehört.

Kein gerichtliches Verbot

Erscheinen schon die Ausführungen Reichens über angeblich fehlerhafte Darstellungen als höchst fragwürdig, so sind es seine Schlussfolgerungen über die «gerechtfertigte» Büchervernichtung noch mehr. Wohl trifft es zu, dass die eingeklagten Personen sich bereit erklärt hatten, das Buch nicht mehr weiter zu verbreiten. Fast vier Jahre nach Erscheinen des Buches sahen sie offenbar den Sinn eines langen Gerichtsverfahrens nicht ein, umso mehr, als die herausgebende Stiftung gar nicht mehr existierte. Die von den Parteien abgeschlossene Vereinbarung gilt aber nur für die daran Beteiligten. Sie hat nichts mit einem gerichtlichen Verbot zu tun.

Zusätzlich muss daran erinnert werden, dass das Buch keineswegs nur die Chronik von Fredi Lerch über die 188jährige Geschichte der «Gruebe» umfasst, sondern auch Beiträge von 4 weiteren Autorinnen und Autoren. Diese waren am Prozess nicht beteiligt, und sie wurden auch in keiner Weise konsultiert. Trotzdem wurden ihre Werke bei der Bücherverbrennungsaktion gleich mit vernichtet – ein unerhörter Vorgang!

Es war nie Gegenstand des Verfahrens, dass auch bereits vertriebene Exemplare des Gruebe-Buches von der Vereinbarung betroffen sein sollten. Ein solcher Anspruch wurde nie erhoben, und es ist auch nicht ersichtlich, wie er hätte begründet werden können. Der Versuch des ehemaligen Heimleiters, Bibliotheken dazu zu bringen, das beanstandete Buch aus ihren Regalen zu nehmen und für die Lektüre oder die Ausleihe zu sperren, findet daher im abgeschlossenen Vergleich keinerlei Grundlage.

Umso schlimmer ist es, dass einige Bibliotheken diesem Wunsch offenbar nachgekommen sind. Zu Recht qualifiziert der Basler Rechtsprofessor Thomas Sutter-Somm dies im «Bund» vom 16. Juli als Verletzung der Forschungsfreiheit. Diese Bibliotheken massen sich ein Recht auf Zensur an, das ihnen nicht zusteht. Sie haben Literatur zu dokumentieren, nicht sie zu beseitigen.

Kein Platz für Bücherverbrennungen

Einen Fehler hat Fredi Lerch wohl gemacht: Er hätte die Vereinbarung mit Hans-Peter Hofer nicht unterschreiben sollen, die er sich von der Schlichtungsbehörde ohne Not hat aufdrängen lassen. Er hätte sich für seinen Text und für das Gruebe-Buch wehren sollen, obwohl seine Auftraggeberinnen dazu aus unternehmerischen Gründen keine Lust hatten. Er hätte damit vielleicht verhindern können, dass wertvolle und sorgfältig gestaltete Bücher sinnlos vernichtet wurden.

Immerhin ist damit nur Papier vernichtet worden, nicht der geistige Gehalt des Buches selbst. Dieser ist unverändert gültig und kann bei Journal B abgerufen werden. Es ist zu hoffen, dass er sehr bald auch in Bibliotheken wieder anstandslos konsultiert werden kann. Bücher dürfen zwar diskutiert und kritisiert, aber nicht weggeschlossen und schon gar nicht verbrannt werden.