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Dr. Tanja Rietmann

Kommentar: Die Zerstörung eines Buches

Das «Gruebe» - Buech

Mit grossem Unbehagen habe ich in zwei gross aufgemachten Artikeln in der «BZ» vom 4. und 7. Juli 2020 von der Zerstörung des Buches über das ehemalige Berner Kinderheim «Gruebe» erfahren. Meines Erachtens hat Hans-Peter Hofer, ehemaliger Heimleiter und Veranlasser der Buchvernichtung, eine verzogene Lesart der historischen Skizze des Autors Fredi Lerch, in welcher er die 188-jährige Geschichte der Institution wiedergibt. Ich habe das Buch bei seinem Erscheinen gründlich gelesen und in der Berner Zeitschrift für Geschichte rezensiert. Das Buch sticht unter den Aufarbeitungsgeschichten zu Kinderheimen, wie sie in den letzten Jahren vorgelegt wurden, positiv hervor. Es ist eine differenzierte Annäherung, die versucht, den Kindern eine Stimme zu geben, ihre Perspektive und ihr Erleben zu würdigen. Es schmerzte mich zu sehen, wie sich auf einem Foto in der «BZ» Herr Hofer in Szene setzt und 2‘500 Bücher eigenhändig in der Müllabfuhr vernichtet.

Verzogen ist die Lesart meiner Ansicht nach deswegen: Unmissverständlich legt Fredi Lerch Probleme während der Leitungszeit von Heimleiter Hofer (2000-2005) nicht ihm, sondern den damaligen Strukturen und dem zunächst noch amtierenden Stiftungsrat zur Last. Während der Leitungszeit von Hans-Peter Hofer wurde eine Untersuchung zu Missbräuchen durchgeführt. Es war jene Zeit, in der die Öffentlichkeit nach und nach das Schicksal von ehemaligen Heim- und Verdingkindern wahrzunehmen begann. Dass diese Untersuchung im Kapitel zur Ära Hofer thematisiert wird, entspricht einer sinnvollen Buchstruktur. Relevant ist die Aussage Fredi Lerchs: «Die Untersuchung entlastet das Heimleiterpaar Hofer-Hagmann vollständig.» Alle Vorfälle werden der Vorgängerleitung zur Last gelegt.

Dass Fredi Lerch nicht zu einer vielleicht von Herrn Hofer gewünschten stärkeren Würdigung des von ihm Geleisteten ansetzt und dass eventuell die eine oder andere Formulierung anders hätte gewählt werden können, hätte im Anschluss an die Publikation Gegenstand einer kreativen Lösung im Dialog, allenfalls einer Gegendarstellung sein können. Aber niemals zu einer solch unverhältnismässigen Buchzerstörung führen dürfen. Einem Buch, das im Kern den Opfern und Überlebenden von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen und Fremdplatzierungen gewidmet ist. Jahrzehntelang waren Bücher über Kinderheime Lobeshymnen auf die sich selbstlos aufopfernden Heimbetreiberinnen und Heimbetreiber, ausführlich berichtete man über die Landwirtschaft und Baugeschichtliches. Erstmals beginnen nun mit der jüngeren Aufarbeitungsgeschichte die Heimkinder im Zentrum zu stehen. Was Herr Hofer gemacht hat, ist ein Affront ihnen gegenüber. Entsprechend haben sie eine Petition lanciert, damit das Buch der Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht wird. Nicht zuletzt stellt sich für uns Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Frage, wie wir damit umgehen, wenn Einzelpersonen versuchen, mit juristischen Mitteln Zensur zu üben und den Dialog abzuwürgen.

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Anmerkung der Redaktion: Journal B hat das Buch seit wenigen Tagen hier als pdf veröffentlicht.