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Journal B

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Kommentar /

Christoph Reichenau

Bitte keine Ausrede

(Foto: Coline Haslé)

Es sind unsere Steuergelder. Mit ihnen werden die Angestellten der Stadt besoldet. Auch der Stadtpräsident. Dessen Lohn ist bekannt bis hin zur Spesenentschädigung. Für die Verwaltungsleute gibt es ein Lohnsystem, Einstufungen, persönliche Einreihungen. Es gibt, je nach Jahr, Zulagen, über die politisch entschieden wird.

Die Erhebung von Luca Hubschmied zeigt die Löhne in jenen Kulturbetrieben, die von der Stadt Bern auf jeweils vier Jahre mit Leistungsvereinbarung unterstützt werden. Soweit sie offengelegt wurden, reichen sie von 24‘000 bis 100‘000 Franken brutto pro Jahr für ein 100%-Pensum. Das ist eine grosse Spannweite. Zu gross, nach meiner Einschätzung. Und alle Löhne kennen wir erst noch nicht.

Es würde sich lohnen, näher hinzuschauen und sich zu fragen: Ist das genug, ist es zu viel? Sind die Unterschiede zwischen den Funktionen und unter den Häusern vertretbar? Was unternehmen wir? Denn es sind ja zum Teil unsere Steuergelder. Natürlich soll es kein Lohnsystem wie in der Stadtverwaltung geben – doch ein bisschen mehr Ordnung und Gerechtigkeit und Fairness täten gut. Dann könnte man sich auf die Kunst konzentrieren.

«Kunst ist keine Ausrede!» Mit diesem Satz begründet das Leitungsteam des Theaterfestivals «auawirleben» sein Manifest für Transparenz auch bei Löhnen und Gagen. «Wir machen Kunst, darum müssen wir über Löhne nicht reden» – so könnte man die defensiv-arrogante Auskunftsverweigerung des grossen Bruders Konzert Theater Bern (KTB) zusammenfassen. KTB macht keine Aussage über die Bezüge des Intendanten, des Chefdirigenten, der Garderobièren, der Souffleuse.

Dazu sagte der verstorbene Alex Tschäppät in seinem Abschiedsinterview als Stadtpräsident Ende 2016 zu Journal B: «Ein zu 85 Prozent subventionierter Betrieb gehört der Bevölkerung. Da braucht es volle Transparenz, gerade bei Problemen und Konflikten, bei den Löhnen usw. Das Bewusstsein des Leitungsgremiums (…) muss sein: Wir sind Teil der Öffentlichkeit und schulden ihr Rechenschaft.»  Im gleichen Gespräch betonte Tschäppät auch: «Nähe zur Kultur besteht im Verständnis für die Arbeitsbedingungen jener, die Kultur schaffen.»

Das trifft es. Natürlich geht es bei den Arbeitsbedingungen um mehr als um das Geld. Dieses aber ist – das hat die Corona-Zeit bisher klar gezeigt – existenziell. Löhne und Gagen sind das Entgelt für die Arbeit in der Kunst. Kein Applaus kann das wettmachen. Darüber muss man reden können.

Wer dies verweigert, indem er mauert, beschädigt auch die Kunst in ihrem gesellschaftlichen und politischen Bezug. Der Germanist, Generalstabsoberst, erster Präsident des Wissenschaftsrats und ETH-Rektor Karl Schmid, liberaler Milizler in den 70er und 80 er Jahren hat gesagt: «Der Staat soll zu den Künsten sehen – ja. Die Tönung, in der es geschieht, stimmt aber erst dann, wenn wir wissen: es ist die Kunst, die zur Gesellschaft sieht, liebevoll, zornig, unaufhörlich und unabweislich.» Zur Gesellschaft sehen: Das geht schlecht, indem man ihr die Augen verbindet.

Wenn KTB seine Subvention verdienen will, so macht es bald transparent, wie es sie einsetzt – auch für seine Leute und deren Löhne.