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Tempelherr und Erneuerer

Johannes Itten – neben Paul Klee ein Grosser aus Bern in der Kunst des 20. Jahrhunderts: Gestalter, Erkunder, Lehrer, Erneuerer mit Wirkung bis heute. Eine Ausstellung im Kunstmuseum zeigt Itten vorwiegend anhand seiner Skizzen- und Tagebücher.

Johannes Itten, Tagebuch Krefeld, entstanden von 1931 – 1954, Kunstmuseum Bern, Johannes-Itten-Stiftung, Schenkung von Anneliese Itten, Zürich. © 2019, ProLitteris, Zurich.

Manchmal ist man als Journalist privilegiert, etwa, wenn man in kleinem Kreis an einer informativen Führung teilnehmen darf, die nicht lange genug dauern kann. Die Umstände, stehend und gehend Notizen machen zu müssen, werden bei weitem aufgewogen vom Gehalt und der Lebendigkeit der Ausführungen. So war es am Mittwoch im Kunstmuseum Bern (KMB) vor Eröffnung der Ausstellung über Johannes Itten, «Kunst als Leben».

Manchmal weiss man allerdings schon während der Führung, dass man es nicht schaffen wird, in einem Artikel ordnend und akzentuierend wiederzugeben, was einem zufliegt und was sich dazu als eigene Gedanken und Vorstellungen regt. So ist das jetzt beim Versuch, über das Begeisternde zu schreiben.

Skizzen- und Tagebücher

Johannes Itten (1888-1967) ist in Bern bekannt. Im KMB domiziliert ist die Itten-Stiftung, die in der Direktionszeit von Hans Christoph v. Tavel gegründet wurde. Und erst 2012/2013 hat Matthias Frehner im KMB die Ausstellung «Itten – Klee, Kosmos Farbe» eingerichtet, in der von Itten ikonographische Bilder zu sehen waren.

Die eben eröffnete Ausstellung will uns Itten «neu sehen» lassen; so Nina Zimmer, Direktorin des KMB und des Zentrums Paul Klee (ZPK). Itten «neu sehen» ist indes in verschiedener Hinsicht erst Ansage und nicht gesicherte Gewissheit. Dies zeigt sich etwa beim heiklen Thema der Mazdaznan-Lehre, der Itten ab etwa 1920 anhing und für die er in Vorträgen eintrat. Mehr dazu später.

Die Ausstellung beleuchtet die Lebensstationen Ittens im Vierteljahrhundert von 1911, da ist er 23-jährig, bis 1938, dem Jahr, in dem er in die Schweiz zurückkehrt und in Zürich als Kunstlehrer und Gründer des Museums Rietberg wiederum neu anfängt. Gezeigt werden künstlerische Werke, doch vor allem die Skizzen- und Tagebücher in überwältigender Fülle. Da sind nicht lediglich einzelne Seiten sorgsam unter Glas zu betrachten. Nein, ein Tagebuch – 300 Seiten – wird wandfüllend fast vollständig gezeigt. Man kann sich von Seite zu Seite hindurchlesen und den Entwicklungsgang der Überlegungen, Annahmen, Versuche 1 zu 1 nachverfolgen. Ein Tagebuch quasi als Wandzeitung. Eine Entdeckung im Selbststudium. Dies allein lohnt den Ausstellungsbesuch. Es illustriert Ittens Abwendung 1916 vom traditionellen Werkbegriff: «Ich will zukünftig gar kein Kunstwerk mehr machen. Nur Gedankenkonzentration, diese darstellen. Das Beten ist auch Gedankenkonzentration auf Gott. Malen heisst, sich konzentrieren auf Farbe-Form.»

Das «Kinderbild» malte Itten 1921/1922 in Weimar zur Geburt seines Sohns Matthias. Jetzt ziert es das Ausstellungsplakat. (Bild: zvg)

Das «Kinderbild» malte Itten 1921/1922 in Weimar zur Geburt seines Sohns Matthias. Jetzt ziert es das Ausstellungsplakat. (Bild: zvg)

Der Stationenweg beginnt in Bern mit dem hübschen malerischen Frühwerk «Vorfrühling an der Aare» für die Weihnachtsausstellung 1911. Er setzt sich fort in Stuttgart, führt nach Wien, weiter ins neu gegründete Bauhaus zu Weimar, hält an in Herrliberg, springt ins aufgewühlte Berlin und mündet via Krefeld in Amsterdam. Dort kann Itten 1938 für das Stedelijk-Museum ein Velum schaffen, eine segelartige textile Dekoration unter der Decke. Sieben Arbeits- und Lebensorte in 25 Jahren, radikale Brüche (etwa von Herrliberg nach Berlin), stetige Neuanfänge als Kontinuum.

Von Ort zu Ort erfindet Itten sich neu, schart Lernende um sich, unterrichtet – und entwickelt sich derweil stetig weiter. Er verbindet die Kunst mit dem Leben. Seine Lebensführung, seine künstlerische Arbeit und seine Gedankenwelt fliessen ineinander. Kein Leben ohne Kunst, das Leben selbst ausgerichtet auf Vollkommenheit.

Das Matthias-Bild

Auf dem Plakat zur Ausstellung ist ein Ausschnitt des «Kinderbilds» zu sehen, das Itten 1921/1922 in Weimar zur Geburt seines Sohns Matthias malte. Das Kind mit stilisiertem Gesicht steht vor einem Hag mit blauen Blumen. Es ist umweht von einem Band, das die Vergangenheit mit der Zukunft verbindet, und in einen Kunstkosmos gestellt. Das hineingearbeitete Horoskop und die zahlreichen Gegenstände laden das Bild mit Bedeutung auf. Ein neuer Mensch, ein neuer Ursprung.

Mich mahnt das Kinderbild an Hannah Arendts mehr als 30 Jahre später entwickeltes Konzept der Natalität, nach dem mit jeder Geburt ein Neubeginn in die Welt kommt, der diese verändert.

Erscheinung, Habitus

Johannes Itten hat sich in Selbstbildnissen als strenge, asketische, fast mönchische Figur abgebildet. Er erscheint nicht ganz von dieser Welt und doch selbstbewusst, in sich ruhend, meditativ, bestimmend. In jedem Fall eine prägende Persönlichkeit mit Charisma, der fast natürlich Aufmerksamkeit zufällt. So kommt es nicht von ungefähr, dass Itten im Weimarer Park das sogenannte Tempelherrenhaus als Atelier nutzte – ein Tempelherr des eigenen Ordens.

Itten und Mazdaznan

Zur Sprache kommt in der Ausstellung auch Ittens Beziehung zur Mazdaznan-Lehre. Diese ist laut Wikipedia eine zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den USA aus Elementen von Zarathustra, Christentum und Hinduismus zusammengemischte Religion oder Lebenskunde mit Mazda, dem einzigen und guten Gott, im Zentrum. Mazdaznan verbindet Spiritualität mit einer disziplinierten Lebensweise, zu der vegetarische Ernährung, Atemübungen, Meditation gehören; durch Askese wird Vollkommenheit angestrebt. Mazdaznan entspricht dem damaligen Zeitgeist in Europa und ist verwandt mit zahlreichen anderen esoterischen Lehren – etwa der Anthroposophie – zum «neuen Menschen», zum besseren Menschen. Aus Mazdaznan entspringt auch eine Rassentheorie, die den weissen, arischen Menschen zuoberst rangiert und von Angehörigen anderer «Rassen» auf niedrigerem «Entwicklungsniveau» abhebt.

Itten vertrat die Lehre in Vorträgen und befolgte ihre Anweisungen im persönlichen Leben und etwa als Meister im Bauhaus. Er interessierte sich jedoch – zumindest in der Kunst – ebenso für Menschen anderer Kulturen (Afrika, Indien), denen er zum Teil überlegene künstlerische Fähigkeiten zusprach, und mit denen er in teilweise intensivem Austausch stand. Im Unterschied zur Rassenlehre der Nationalsozialisten, zu deren Eugenik mit den Sterilisierungs- und Ausmerzungsgesetzen war Itten aber anscheinend kein Antisemit. Er distanzierte sich ausdrücklich von der Nazi-Herrschaft, die seine Werke als «entartete Kunst» verfemte.

Ein öffentliches Symposium im November wird auf dem neuesten Stand der Forschung Ittens Haltung beleuchten und auch die Ambivalenz der damaligen Moderne-Bewegungen am Bauhaus und anderswo herausarbeiten. Die Ambivalenz hat Walter Benjamin in seinen Gedanken über den Begriff der Geschichte so ausgedrückt: «Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heisst. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muss so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewendet. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füsse schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schliessen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.»

Das Programm des Symposiums ist ab 12. September 2019 einsehbar unter www.zpk.org. Einen guten Einblick in die Vielfalt der Beweggründe, Formen und teils schrecklichen Folgen der Esoterik und Eugenik in der damaligen Zeit gibt Uwe Timms Buch «Ikarien» (Köln 2017), ein Roman, kein wissenschaftliches Werk.

Instruktiver Katalog, breites Begleit- und Folgeprogramm

Der Katalog informiert mit Texten von Co-Kurator Christoph Wagner und Malika Maskarinec detailliert über Ittens Entwicklung und die gezeigten Bilder. Auch für die nächste Etappe in Bielefeld konzipiert, verpasst er es indes, einen Eindruck der Ausstellung in Bern zu vermitteln. Diese besticht durch die vielen hundert Seiten aus Ittens Tagebüchern, die, eng gehängt, die Abfolge der Überlegungen, Skizzen, Verwerfungen, Neuansätzen zeigen, die – als Hintergrund, Vorbereitung und quasi dialogische Begleitung der eigentlichen Bildwerke – eigene Werkqualität erreichen. Grandios, aber – wie gesagt – im Katalog leider eine Leerstelle.

Ein reichhaltiges Begleitprogramm bietet vielfältige Vertiefungen und einen Film über Ittens Leben.

Im Zentrum Paul Klee ist ab 20. September die Ausstellung «bauhaus imaginista» zu sehen, eine Rezeptionsgeschichte der Bauhausideen.

Das Kunstmuseum Thun wird ab 8. August 2020 die Ausstellung «Johannes Itten und Thun: Transformationen der Natur» zeigen.

Fazit

Der polarisierende Erneuerer Itten steht nun also für einige Zeit museal im Zentrum von Bern und Thun. Und mit ihm die Nachwirkung des Bauhauses. Eine Chance für einen neuen Blick auf einen Jahrhundertversuch in Weimar, Dessau, Berlin, auf die vielen und widersprüchlichen Seiten der Modernisierungsversuche. Und auf eine bewusste Betrachtung wichtiger, vom Neuen Bauen inspirierter Zeugnisse in unserer Stadt, etwa des Meer-Hauses, des SUVA-Gebäudes, des Lory-Spitals, der Gewerblich-industriellen Berufsschule, der KaWeDe oder das Altersheim in der Elfenau.