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Medienplatz Bern: Die Besorgnis ist gross

Noch erscheinen Bund und BZ wie eh und je. Als Leser*in merkt man kaum was von der angespannten Situation hinter den Kulissen. Doch den Journalist*innen der beiden Berner Tageszeitungen stehen rigorose Sparmassnahmen und Entlassungen bevor. Dies drückt auf Stimmung und Motivation und lässt viele mit Ängsten im Homeoffice zurück.

Partielles Lichterlöschen am Dammweg: Nun wehrt sich die Belegschaft. (Foto: László Heeder)

Das «Berner Modell» steht vor dem Aus. Die Koexistenz und gleichzeitige Konkurrenz der Redaktionen von Bund und Berner Zeitung wird in Zukunft Geschichte sein. Dies deutete die Tamedia AG Ende Oktober gegenüber der Belegschaft  an (Journal B berichtete). Was lange vermutet wurde, tritt nun rascher als erwartet ein. Möglicherweise wird schon bald nur noch eine Redaktion für die Inhalte der beiden Publikationen zuständig sein. Das wirft grosse Fragen auf. Einerseits über die Abdeckung des regionalen Geschehens. Hat Kommunalpolitik fortan noch Platz in den neustrukturierten Tamedia-Blättern? Werden kulturelle Veranstaltungen in Zukunft nur noch einmal rezensiert? Andererseits werden grosse Fragezeichen hinter den Wert journalistischer Leistung gesetzt. Darf ein Konzern Dividenden in Millionenhöhe ausschütten und gleichzeitig seine Bezahlmedien zusammenstreichen?

Stille in den Zeitungen

Diskutiert werden diese Überlegungen vielerorts. Unter besorgten Berner*innen im Gespräch etwa. Oder in der 12-teiligen Serie «Die Tamedia Papers» der Republik. Gegenüber Journal B haben sich Stadtpräsident Alec von Graffenried und bekult-Präsident Bernhard Giger kritisch über die medienpolitischen Umwälzungen geäussert. Auch im Berner Rathaus standen die Pläne der Tamedia auf der Traktandenliste; An der letzten Sitzung des vergangenen Jahres führte der Stadtrat eine «engagierte Mediendebatte zum drohenden Einheitsbrei bei Berns Tageszeitungen.» Dies schrieb nota bene der «Bund» am 17. Dezember 2020. Dieser Text stellt eine Ausnahme dar. In den Berner Tageszeitungen wurde ansonsten konsequent nicht über die eigene Zukunft berichtet. Von diesem Umstand darauf zu schliessen, die Betroffenen selbst sähen den bevorstehenden Monaten gelassen entgegen, wäre jedoch naiv. Dem Vernehmen nach rumort es in den Redaktionen (die durch Homeoffice momentan eher als strukturelle Form denn als belebte physische Räume gedacht werden müssen). Um auf Tuchfühlung zu gehen, kontaktierte Journal B Mitarbeitende des Bund und der Berner Zeitung. Die Antworten, die wir erhielten, geben wir im Folgenden anonym wieder. Maskuline und feminine Bezeichnungen der Gesprächspartner*innen sind zufällig gewählt. Diese Vorbemerkungen führen bereits zum ersten Punkt: Die Vorsicht in den Redaktionen ist gross, niemand will mit kritischen Äusserungen auffallen – es drohen Entlassungen im grossen Stil.


 

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Du oder ich

«Sehr viele sind wirklich besorgt», meint Jürg Steiner, Co-Präsident der Personalkommission von Bund und BZ. Es seien verschiedene Ängste, die in der momentanen ungewissen Situation zusammenkommen. Zum einen drehen sich die Sorgen um das persönliche wirtschaftliche Überleben, um die Angst den Job zu verlieren. Dies bestätigt sich auch in den Bund und BZ-Stimmen, die Journal B einholte. Die Suche nach einer neuen Stelle wurde uns mehrfach zugetragen. Damit zusammen hänge aber auch die Angst vor einer extremen Konkurrenzsituation in den kommenden Monaten, so Steiner. Da man aufgrund des hohen Sparbetrags davon ausgehen müsse, dass einige Stellen gestrichen werden müssen, gehe es irgendwann um die Frage «Du oder ich». Dies mache vielen Bauchschmerzen. Und werde sich wohl in den kommenden Monaten auch stärker auf die Teamarbeit auswirken. «Wer eine gute Artikelidee hat, wird diese vielleicht eher für sich behalten, anstatt sie in die Redaktionsrunde zu geben», meint Steiner. Denn eine coole Geschichte mit hohen Klickzahlen wolle man vielleicht nicht noch den anderen zuspielen, fährt er fort. «Solche Überlegungen werden wohl immer mehr eine Rolle spielen.»

Die berühmten Klickzahlen von Tamedia will Steiner nicht hochstilisieren, aber dass sie die Wettbewerbssituation subtil ankurbeln würden, sieht er pragmatisch: «Die harte Währung der Klickzahlen gibt es und es wäre naiv zu sagen, dass sie keine Rolle spielen würden. Schliesslich gibt es jeden Tag eine Rangliste mit den meistgelesenen Artikeln und man weiss ja, wer diese Artikel geschrieben hat.». Dessen ist sich auch die Belegschaft bewusst. So sagte eine BZ-Mitarbeiterin, dass ihnen gegenüber «angedeutet wurde, dass die messbare Leistung der einzelnen Journalistinnen und Journalisten zukünftig eine wichtigere Rolle spielen wird.» 

Konkret bedeute das, die Leistung einzelner Journalistinnen und Journalisten werde an Klicks und Conversions gemessen. «Für die Qualität der Inhalte ist das fatal – denn besonnener Journalismus generiert nun mal nicht die meisten Klicks», so die Mitarbeiterin. Auch ein beim Bund angestellter Journalist bestätigt den Eindruck: Man sei im Homeoffice viel allein, isoliert, mit wenig Austauschmöglichkeiten und entsprechend mit der unsicher gewordenen Berufssituation konfrontiert. Motivationsprobleme und Frust machten sich breit, man wisse nicht, ob man den Kopf in den Sand stecken und einfach weitermachen oder ob man sich besonders anstrengen solle, die Geschichten so zu schreiben, dass sie mehr Klicks generierten.

Sorge um den Journalismus

Neben der persönlichen Zukunftsangst äusserten gegenüber Journal B denn auch die meisten ihre Sorgen um den Medienplatz Bern und um eine qualitativ hochwertige Berichterstattung. So etwa die Stimme eines BZ-Mitarbeiters: «Vonseiten Tamedia hiess es, man wolle zukünftig vermehrt auf lokale Geschichten setzen, die national interessierten und Klicks generieren. Damit besteht die Gefahr, dass künftig eine Geschichte, die in Bern spielt, so erzählt und kommentiert wird, dass sie auch in St. Gallen interessiert – auf Kosten von Details, die für die Region eben doch wichtig sind oder eben plakativer oder verzerrt.» Ein Mitarbeiter des Bund sagte in diesem Zusammenhang, dass er sich weniger um seine berufliche Zukunft sorge, denn «die Berner Regierungsräte und Regierungsrätinnen suchen ja sicher immer wieder Mediensprecher. Aber ich mache mir Sorgen um den Journalismus, um Zeit, die ich bis jetzt dafür verwenden konnte um genau dieser Regierung auf die Finger zu schauen.»

Einig scheint man sich bei Bund und BZ, dass die Konkurrenzsituation dazu anrege, schnell und originell auf ein Thema zu reagieren und dass ergänzende Sichtweisen und Einschätzungen wegfallen werden, welche gerade dadurch entstünden, wenn «zwei verschiedene Journis» hinschauten und sich mit einem Phänomen auseinandersetzten. Und zwar von der Parlamentsdebatte bis zur Theateraufführung. Auch Jürg Steiner bestätigt die Angst um die fehlende zweite Stimme in Bern: «Wir können uns gar nicht vorstellen, was passieren wird, wenn die Konkurrenzsituation einfach wegfällt.» Noch prägnanter bringt es ein Bund-Journalist auf den Punkt, der meint: «Unser Antrieb war stets, besser zu sein als die Konkurrenz. Das fällt nun weg. Die Qualität der Berichterstattung in der Stadt und im Kanton Bern wird darunter leiden.»

Unkonkrete Sparpläne

Im vergangenen August wurde die Sparrunde von der Tamedia-Geschäftsleitung das erste Mal angekündigt. Daraufhin hat die Personalkommission mehrere Redaktionsversammlungen veranstaltet. Auf Wunsch der Belegschaft organisierte die PeKo im Oktober eine offene Fragerunde mit Andreas Schaffner und Marco Boselli, den Geschäftsleitern aus Zürich. Auf die Frage, was die Sparrunde denn konkret bedeuten würde, kam erstmals die berühmte Ankündigung, dass das Berner Modell zu Ende gehen werde. Seither ist nur klar, dass ab dem zweiten Quartal des nächsten Jahres – also ab April – die Umsetzung eines Massnahmenpakets beginnen wird. Wie dieses aussehen wird, ist jedoch noch offen. Fest steht allein, dass die Tamedia einen einstelligen Millionenbetrag festlegen wird, den man in Bern einsparen müsse.

Transparenz wird unterschiedlich beurteilt

Die vage Ankündigung der Unternehmensleitung wurde in der Belegschaft unterschiedlich aufgefasst. Die einen kritisieren, dass die Belegschaft mit diesem Halbwissen in faktischer Ungewissheit zurückgelassen werde. «Die Strategie, vage zu bleiben und die Arbeitnehmenden in Unsicherheit zu lassen, war auch schon bei anderen Sparübungen der Tamedia Programm – vielleicht, damit die Leute von selbst künden oder weil es schwieriger ist, Widerstand zu organisieren. So ist es nicht besonders überraschend, wenn sich das Vertrauen in Grenzen hält.» Dies die Meinung eines BZ-Mitarbeiters.

Andere betonen, dass die Tamedia dieses Mal offenbar doch gewillt sei, ein gewisses Mass an Vertrauen und Transparenz aufbauen. Auch Jürg Steiner findet es persönlich besser, dass die Ankündigung stattgefunden habe, als wenn die Pläne bis im April verschwiegen worden wären. «Mit Transparenz kann man insgesamt doch mehr anfangen», meint Steiner. Vertreter*innen der Personalkommissionen aller Tamedia-Titel sind denn auch bereits daran, mit der Geschäftsleitung einen Sozialplan auszuarbeiten. Darin sollen Abgangsentschädigungen oder Frühpensionierungslösungen für Angestellte festgehalten werden, die im Rahmen des angelaufenen Abbaus ihre Stelle verlieren. Es wird sich zeigen, zu welchen Entschädigungen Tamedia bereit sein wird, um den Leuten, die aus rein wirtschaftlichen Gründen entlassen werden müssen, entgegenzukommen.

Erste Widerstandspläne

Wie die Belegschaft auf die Sparmassnahmen reagieren will, ist noch unklar. Die momentane Situation im Home-Office erschwert den Austausch und die gemeinsame Organisation unter den Mitarbeitenden stark.  Vereinzelt drückten Mitarbeitende auch Verständnis für die schwierige finanzielle Lage in des Medienkonzerns aus: «Natürlich fragt man sich, ob man sich wehren kann. Aber auch da herrscht Ratlosigkeit, die ökonomische Situation wird nicht besser.» Zwar habe die Coronakrise offenbar zu einer grösseren Nachfrage nach Zeitungen und Inhalten geführt, aber das Inserateaufkommen sei weiterhin stark rückläufig. Es zeigen sich aber auch Unverständnis und Ärger in den Stimmen der Belegschaft: «Vor dem Hintergrund, dass die TX Group im Frühling noch 37.1 Millionen Franken Dividende ausgeschüttet hat, ist die Fusion schwer zu schlucken. Die Tamedia hat es ausserdem völlig verpasst, ein Online-Medium aufzubauen, das längerfristig funktioniert und rentiert», so ein BZ-Journalist. Erwähnt wurden ausserdem die neusten Offenbarungen aus der Republik-Serie Tamedia Papers: «Die Recherchen der Republik legen nahe, dass die Fusion von BZ und Bund keiner wirtschaftlichen Notwendigkeit entspringt, sondern das Resultat des kompromisslosen Gewinnstrebens der Verlegerfamilie ist.»

Darüber, dass man die Sparpläne nicht einfach stillschweigend über sich ergehen lassen wolle, war man sich in der letzten Redaktionsversammlung einig. Ob eine riesige Protestveranstaltung oder nur ein symbolisches Begräbnisritual des Berner Modells durchgeführt werden solle, ist laut Steiner aber noch nicht definiert. Dies werde sich wohl im Frühling zeigen, wenn die nächsten Schritte vorgelegt würden. In der Versammlung sei zudem diskutiert worden, ob man zukünftig als konkurrierende Redaktionen oder als Einheit auftreten wolle. Mit einem gemeinsamen Auftreten würde man, so die Befürchtungen, die von oben geplante Zusammenlegung vorwegnehmen. Es ergab sich schnell die Meinung, dass man durch die Betroffenheit der bevorstehenden Sparmassnahmen im selben Boot sitze und sich nicht noch gegeneinander ausspielen lassen wolle. Durch Kräftebündelung könnten die Interessen der Belegschaft besser vertreten werden.

Die Arbeit vermag abzulenken

Die Nachfrage von Journal B bei den Mitarbeitenden der beiden Redaktionen hat ergeben, dass die Lage für die Belegschaft äusserst angespannt ist. Die Ungewissheit schlägt vielen auf die Motivation. Resignation und Abgestumpftsein breiten sich aus. Einige fragen sich, ob sie das «überhaupt noch wollen». Wie schaffen es die Journalist*innen in dieser Situation weiterzuarbeiten? «Das frage ich mich auch manchmal», sagt Jürg Steiner uns gegenüber am Telefon. Oft sei es gerade die Arbeit, die einen von den dunklen Gedanken ablenke. Die Sorgen über die Zukunft tauchten eher in Momenten auf, wenn man kein Stress habe. Er könne sich gut vorstellen, dass sich bei einigen gerade über die Weihnachtstage die schwierigen Gedanken nun vermehrt ihren Weg gebahnt hätten. «Ich glaube, im Verdrängen sind wir alle sehr gut», so Steiner, «aber in den Menschen drin ‚schaffets‘ extrem stark, auch wenn man im Alltag weiterarbeitet, als wäre nichts passiert.»