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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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Sie war Shqipe, das Adlermädchen

Vor 30 Jahren kämpfte sie im Untergrund für ein unabhängiges Kosovo. Sie war als Terroristin zur Fahndung ausgeschrieben. Heute arbeitet Basrie Sakiri-Murati (48) in Bern als medizinische Praxisassistentin und Übersetzerin. Über ihre Zeit als Illegale und ihren langen Weg in ein selbstbestimmtes Leben hat sie ein Buch geschrieben.

  • Basrie Sakiri-Murati lebt seit 1989 in der Schweiz
  • In ihrem Buch beschreibt Sakiri-Murati den langen Weg ihrer Vergangenheit und Gegenwart

Nein, wie eine Terroristin sieht die zierliche Frau mit den wachen grünen Augen nicht aus. Sie spricht mit sanfter Stimme, wählt ihre Worte sorgfältig, und nur wer ganz genau hinhört, findet in ihrem Berndeutsch ab und zu noch einen leicht exotischen Klang. War sie wirklich «eine Terroristin», wie es offiziell in den Akten der serbischen Polizei hiess, damals 1989? «Nein», sagt Basrie Sakiri-Murati heute, «ich war jung, politisch interessiert und wehrte mich mit Texten und Demonstrationen für eine unabhängige Republik Kosovo.» Das war ein Affront gegen die Regierung. Diese war Ende der 80er-Jahre mehrheitlich mit Serben besetzt. Die albanische Bevölkerung litt unter den zunehmenden Repressionen. Im März 1989 entzog der serbische Präsident Milosevic dem albanischen Volk den Autonomiestatus und führten das serbische Schulsystem ein. Dagegen formierte sich Widerstand.

Im Untergrund

Basrie, damals eine 18-jährige Gymnasiastin, schloss sich einer revolutionären Zelle an. Dort gehörte sie nicht nur zu den jüngsten, sie war auch eine der ganz wenigen Frauen. Zusammen mit anderen Aktivisten kämpfte sie wochenlang im Untergrund. Die Regierung verfolgte diese «Terroristen». Die Bevölkerung unterstützte sie mit Kleidern und Esswaren. Basrie hat die Tagebuchnotizen aus dieser Zeit zu einem Buch verdichtet und diesen Schilderungen einen 2. Teil beigefügt, in dem sie ihre Erfahrungen als junge Flüchtlingsfrau in der Schweiz schildert. Dieses Buch, «Bleibende Spuren», erscheint in diesen Tagen im Zürcher Rotpunktverlag.

Ich treffe Basrie im Haus der Religionen im Westen Berns. Hier haben wir uns vor zwei Jahren kennengelernt. Als sie damals erfuhr, dass ich Journalistin bin, fragte sie zaghaft, ob ich ihr Buchmanuskript lesen würde. Sie habe ihre Geschichte als kosovarische Freiheitskämpferin aufgeschrieben. Das Buch sei im Kosovo erschienen, nun habe sie es auf Deutsch übersetzt.

Fast vergessene europäische Geschichte

Meine Neugierde war geweckt. Ich verschlang Basries Schilderungen über ihre Zeit als Kämpferin in den Wäldern rund um Pristina in einem Zug. Die atemlose Sprache übertrug sich auf mein Lesetempo. Was ich da erfuhr von der Gymnasiastin, die an ihrer Schule Schweigedemos organisierte, später verbotene Flugblätter verteilte und schliesslich ihre Familie verlassen musste und in der Schweiz Asyl bekam, war packend beschrieben. Es war ein Kapitel europäische Geschichte, wie ich sie noch nie gelesen hatte. Der Kosovo-Konflikt – der letzte Krieg in Europa – war mir zwar noch in Erinnerung, doch hatte ich die Hintergründe, die Vorgeschichte nicht mehr präsent. Ich wusste kaum etwas über die Leute in diesem Land, wie sie die serbische Unterdrückung erlebt hatten, wie sie aufgestanden waren und unter Lebensgefahr den Widerstand organisiert hatten. Und wie vor allem junge Menschen – Schülerinnen und Studenten – ihr Leben aufs Spiel gesetzt hatten, um die Menschen aufzuklären in diesem Land, in dem es keine freie Presse gab. Basrie war ein Teil dieser Bewegung. In ihrem Buch beschreibt sie, wie die verbotenen Texte unter den Jungen verbreitet wurden:

«Gyrner erzählte ich nichts, gab ihm aber Material zu lesen,
das er mit Freude entgegennahm. Er fragte mich, woher ich
die Texte hätte. Nicht aus Neugier, sondern aus Stolz, aus
Freude darüber, dass wir Leute kannten, die für die Freiheit
kämpften. Von da an hatte ich in Gyrner nicht nur einen
lieben Bruder, sondern auch einen guten Freund».

Die Aktionen der aufmüpfigen Jugendlichen blieben der Schulleitung und den Behörden nicht verborgen. Man drohte ihnen mit Schulausschluss. Für die intelligente junge Frau mit dem strengen Vater, war das eine Horrorvorstellung. Trotzdem machte sie weiter, nahm an Demonstrationen teil und verteilte weiter Flugblätter und riskierte eine Festnahme.

«Unterwegs zu meinem Dorf, auf der Regionalstraße von
Prishtina nach Podujevë, in der Nähe der Kirschbäume von
Llapashticë, traf ich auf eine lange Kolonne von Panzern, die
aus Prishtina kamen. Und verdammt! Mir kam es nicht in den
Sinn, dass sie mich gleich dort mit den Flugblättern unter
meinen Kleidern hätten anhalten können.»

Die Grossdemonstration in der Hauptstadt mit Zehntausenden von Teilnehmern brachte die Wende im Leben der jungen Frau. Ihr Bruder wurde verhaftet. Danach wurde auch sie polizeilich gesucht, ihre Familie geriet ins Fadenkreuz der Polizei. Basrie drohte Gefängnis und Folter. Sie floh mit Kampfgenossen in die Wälder. Ein halbes Kind noch, eine Kämpferin, die sich die Haare kurz geschnitten hatte, Männerkleider trug und nicht viel mehr besass als ein Tagebuch, ein Messer und eine Riesenportion Mut. Und den Übernamen Shqipe bekam: Adlermädchen.

Nach drei Monaten, am 18. Juni 1989, war das Leben im Untergrund für Basrie zu Ende. Die ständige Flucht von einem Versteck ins andere, der Hunger und die Angst vor den nächtlichen Suchaktionen der Polizei hatten sie geschwächt. Auf Anraten ihrer Kampfgenossen verliess sie das Land.

Ein Neuanfang

Mit einem gefälschten Pass kommt sie in die Schweiz. Und beginnt hier ein neues Leben. Den Integrationsprozess, das zermürbende Leben in den Aufnahmezentren, die ersten schlecht bezahlten Jobs, die unbekannte Sprache, die mühsam erworben werden will, die gescheiterte Ehe mit einem Landsmann, gute und weniger gute Erfahrungen mit den hier lebenden Menschen: all das beschreibt Basrie Sakiri im 2. Teil des Buchs. Und sie schreibt auch vom Heimweh nach ihrem Land, von der unermesslichen Trauer über den Tod der Eltern. Und vor allem von den Schuldgefühlen, die sie in der sicheren Schweiz plagten, als 1999 der Krieg ausbrach.

«Im Nachhinein bin ich mir sicher, dass ich mich während
meiner Zeit im Untergrund nie so schwach gefühlt hatte wie
damals, während des Kosovokriegs, den ich aus der Ferne
mitverfolgen musste.»

Basrie Sakiri-Muratis Sprache ist direkt, ehrlich und erstaunlich offen. Man erlebt den Weg von der ängstlich-besorgten Migrantin zu einer selbstsicheren Frau, die dank einem schier unglaublichen Lernwillen eine Ausbildung abschloss und heute im Berner Inselspital qualifizierte Arbeit verrichtet und daneben für die Kantonale Justizdirektion als Übersetzerin tätig ist.

Endlich angekommen

Ihren Traum, Kinderärztin zu werden, hat sie begraben müssen, aber sie fühlt sich heute in Bern nicht nur sicher, sie fühlt sich mit ihren Kindern auch angenommen und erwünscht. Dass die Frau auf dem Migrationsamt ihr beim Einreichen des Einbürgerungsgesuchs sagte «Leute wie Sie nehmen wir mit Handkuss», das habe sie so gefreut, das werde sie nie vergessen. Es war eine Entschädigung für etliche Rückschläge in ihrem Leben.

Und wie ist es für sie jetzt, da ihr Leben zwischen zwei Buchdeckeln gedruckt vor ihr liegt, ihre abenteuerliche Geschichte für alle greif- und lesbar ist. Ein verlegenes Lächeln huscht über ihr Gesicht. «Es ist speziell», meint sie zaghaft, «ich habe das Gefühl, meine Geschichte hat Flügel bekommen.» Ja, ein bisschen stolz sei sie auch, aber vor allem wünsche sie sich, dass das Buch in gute Hände komme, dass man vielleicht durch die Lektüre mehr Verständnis habe für Menschen, die ihr Land verlassen und irgendwo in der Fremde unter schwierigen Bedingungen wieder ganz von vorne beginnen müssen.