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kolumne /

Lisa Schädel

20.02.2013 | 11:00

Kurz vor dem Abstimmungssonntag von Anfang März kommt die Debatte über den Familienartikel doch noch ins Rollen. Dank der SVP – und ihrer teils absurden Propaganda. Lisa Schädel ist froh um die Diskussion.

In gut einer Woche ist es wieder soweit, wir Stimmberechtigten dürfen uns zu drei eidgenössischen Vorlagen äussern. Während es Ende Januar im «Bund» noch hiess «Alle reden von der Abzockerinitiative» und offenbar niemand vom Familienartikel, hat letzterer mittlerweile eine mindestens so kontroverse Diskussion entfacht.

Ob man der SVP nun dafür dankbar sein soll, dass sie mit ihrer flächendeckenden Propaganda eine überfällige Debatte zu einem enorm wichtigen Thema angestossen hat, oder ob man sie eher dafür verteufeln soll, die einst komfortable Zustimmungsrate von 66 Prozent zu gefährden (SRG-Umfrage von Mitte Januar) – darüber kann man geteilter Meinung sein.

Zugegeben, dies hängt natürlich in hohem Masse vom tatsächlichen Abstimmungsresultat ab, doch bin ich grundsätzlich froh, dass das Thema nun breit diskutiert wird. Dafür nehme ich sogar in Kauf, dass mir regelmässig die Haare zu Berge stehen, wenn ich die Kommentarspalten verschiedener Zeitungsportale lese.

Wie gesagt, es freut mich grundsätzlich, dass nun eine intensive Debatte zum Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf geführt wird. Abgesehen von der teils absurden Propaganda der Gegnerseite bin ich aber auch mit der Argumentationsweise der Befürworter nicht ganz glücklich.

Mir scheint, als lege man den Fokus zu sehr auf jene Familien, die auf zwei Einkommen bzw. das volle Einkommen einer alleinerziehenden Mutter angewiesen sind. Familien also, die faktisch gezwungen sind, ihre Kinder ausserfamiliär betreuen zu lassen. Dass diese ein Anrecht auf kostengünstige, subventionierte Betreuungsplätze haben sollen, ist klar. Doch was ist mit all den anderen Familien, die theoretisch auch mit einem Einkommen über die Runden kämen?

Es ist ja nicht so, dass die Löhne früher – als die Frau im Regelfall zuhause blieb – höher gewesen wären. Die Ansprüche waren wohl einfach tiefer – und sehr viel tiefer war auch die gesellschaftliche Akzeptanz berufstätiger Mütter. In der aktuellen Diskussion gehen mir jedoch viel zu oft all die heutigen Mütter vergessen, die arbeiten wollen. Sei dies, weil ihnen ihre Arbeit gefällt, weil sie ihre Karrierepläne nicht aufgeben wollen, oder weil sie sich einfach nicht sieben Tage die Woche um ihre Kinder kümmern wollen – ja, auch ich zähle mich zu denen.

Auch diese Mütter sind teilweise auf subventionierte Kitaplätze und ähnliche Unterstützung angewiesen, viel mehr aber darauf, dass endlich die Rahmenbedingungen geschaffen werden, Kinder und Beruf unter einen Hut zu bringen. Ich denke da etwa an die Einführung von Blockzeiten an öffentlichen Schulen, für die meine Mutter übrigens schon vor 30 Jahren gekämpft hat und die leider vielerorts noch immer nicht Realität sind.

Dabei geht es nicht in erster Linie um Finanzielles, sondern darum, dass endlich ein Bewusstsein für die Bedürfnisse heutiger Familien geschaffen wird und entsprechende Massnahmen umgesetzt werden – nötigenfalls durch Eingreifen des Bundes.

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Lisa Schädel ist 1983 geboren und in der Zürcher Agglomerationsgemeinde Dietikon aufgewachsen. Sie hat in Zürich und Lausanne Politikwissenschaft, Ethnologie und Völkerrecht studiert und arbeitet seit Abschluss des Studiums als Assistentin und Doktorandin am Institut für Politikwissenschaft der Uni Bern. Während des Studiums war sie zwei Sommer lang bei der deutschsprachigen «Tessiner Zeitung» als Praktikantin tätig. Lisa Schädel ist verheiratet und hat einen Sohn.