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Beat Kohler

Thema nicht abgeschlossen

55,5 Prozent sagen Nein zur Aufhebung der Lohnobergrenze. Damit ist das Thema aber nicht vom Tisch. Spätestens bei den nächsten Kaderanstellungen taucht es wieder auf.

Welche Arbeit hat welchen Wert? Wie drückt die Gesellschaft diese Wertschätzung aus? Die Mehrheit der Politikerinnen und Politiker in der Stadt Bern war der Meinung, dies sei in erster Linie mit Geld möglich. Die Politik ordnete sich dem Primat der Wirtschaft unter. Das hat das Stimmvolk nicht verstanden.

Insbesondere Rot-Grün ist Opfer der eigenen Ansprüche geworden. Die Befürworter der Aufhebung des Lohndeckels kämpften mit denselben Argumenten, mit denen die Bankenmanager ihre Spitzenboni verteidigen: Die Konkurrenz treibe die Preise in die Höhe, gute Leute bekomme nur, wer am meisten bezahle. Bezogen auf den Bankenplatz bekämpft Rot-Grün diese Sichtweise, hat sich dieses Argument bezogen auf die Stadt aber zueigen gemacht. Es gelang nicht, glaubhaft zu erklären, wieso es in diesem Fall auch für die Politik gelten soll. Dies obwohl die Erhöhung der Spitzenlöhne noch längst innerhalb des Rahmens der von der SP und den Grünen unterstützten Initiative «1:12 – Für gerechte Löhne» liegt. Nach dieser Vorgabe, welche die Linken der Privatwirtschaft machen wollen, könnten bei einem Mindestlohn in der Stadtverwaltung von 48'500 Franken nämlich bis zu 582'000 Franken ausbezahlt werden. Das Stimmvolk setzte nun ein deutliches Zeichen, dass dieser Ansatz für die Politik keine Gültigkeit haben soll.

«Ordnet sich die Politik komplett der Sichtweise der Wirtschaft unter, wenn die Befehlsgewalt nur dort liegen kann, wo der höhere Lohn ausbezahlt wird?»

Beat Kohler, Chefredaktor

Aber ist das im Vergleich mit der Lohnpolitik anderer öffentlicher Arbeitgebern und ausbezahlten Salären bei anderen politischen Ämtern fair? Nein ist es nicht. Offensichtlich ist aber eine Mehrheit mit dem Verweis auf Fairness und notwendige Lohnhierarchie nicht zu überzeugen. Viele Menschen empfinden ihren Lohn im Vergleich zu der von ihnen geleisteten Arbeit nicht als fair. Der Gedanke, dass auch 200'000 Franken bereits für ein gutes Leben ausreichen, taucht schnell auf. Insbesondere in einer Zeit, in der von neuen Sparmassnahmen die Rede ist. Das ist nicht blanker Neid. Diese Argumentation ist moralisch gefärbt und nicht rein monetär. Denn wenn der Wert der Arbeit eines Gemeinderates stärker über den Lohn definiert wird, dann wird das Amt als solches und die Würde, Macht und Reputation, die es mit sich bringt, abgewertet.

Ordnet sich die Politik komplett der Sichtweise der Wirtschaft unter, wenn die Befehlsgewalt nur dort liegen kann, wo der höhere Lohn ausbezahlt wird? Bei Anstellungen stellt sich die Stadt dem Vergleich mit der Privatwirtschaft, daher muss sie dieses Spiel ein Stück weit mitspielen. Kader sind sich gewohnt, dass ihre Vorgesetzten mehr verdienen. Ob sie diese auch nur in diesem Fall respektieren und ob dieser Mechanismus immer zwingend ist, ist eine andere Frage. Die Politik muss sich bald wieder über den – monetären und ideellen – Wert ihrer Arbeit, und der Arbeit der anderen, unterhalten.