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kolumne /

Christian Pauli

21.12.2012 | 09:12

Es war kein einfaches Jahr für die Bernische Kulturpolitik. Christian Pauli schaut zurück.

Die Kritik an der städtischen Kulturförderungspolitik und ihrer Chefbeamtin reisst nicht ab. Erzürnt und offenkundig verletzt kehrt Literaturveranstalter Hans Ruprecht der Stadt den Rücken. Auf eine inhaltliche Diskussion seines Projektes habe sich die Kultursekretärin nicht einlassen wollen, beklagt Ruprecht. Von allen Seiten wird der Abgang des national bekannten Literaturkenners bedauert. «Bern fördert mundtot», kommentiert jemand ganz sec auf BZ-Online. Kritik auch aus einer ganz anderen Ecke: Der Gemeinderat habe es verpasst, sich zum Nachtleben zu bekennen, kritisiert die Nachtleben-Lobby, und fordert, das Nachtleben als Teil der Kulturstadt Bern zu verstehen. Bei der Ausarbeitung des Konzept Nachtleben hat die Stadt Bern übersehen, dass es hier auch um eine kulturelle Frage geht. Kulturstadt Bern was? Wohin? Bern brauche eine Kulturvision, findet auch die RGM-Bündnis-Partnerin das Grüne Bündnis und verweist auf die Stadt Luzern, die eben ein Kulturkonzept vorgelegt hat.

«Veronica Schaller und die Kulturpolitik dieser Stadt haben den Respekt in der Kulturszene verspielt»

Christian Pauli

Die Kultursekretärin, die Mitglied der SP ist, steht dieses Jahr unter Dauerdruck: «Was macht eigentlich die Leiterin der Abteilung Kulturelles», fragte  die Berner Zeitung schon im Februar. Härter kann man die Frage nicht formulieren. Halten wir den Ball flach: Man kann geteilter Meinung sein über die Arbeit von Veronica Schaller. Es ist ein Leichtes, die Kultursekretärin abzuschiessen – insbesondere wenn alle ins gleiche Horn blasen, ohne ihre Arbeit im Detail zu kennen. Kommt dazu: Letztlich verantwortlich für die städtische Kulturförderung ist der Stadtpräsident. Das Problem liegt anderswo, im inhaltlichen und kommunikativen Bereich: Veronica Schaller und die Kulturpolitik dieser Stadt haben den Respekt in der Kulturszene verspielt.

Ähnliches im Kanton. Die Klagen über das und Schlagzeilen aus dem Amt für Kultur wollten nicht abreissen. In der Kulturlandschaft draussen rieb man sich verwundert die Augen: Warum merkte niemand, dass der Laden brennt? Zu lange hat Erziehungsminister Bernhard Pulver die Misere im Amt für Kultur ausgesessen. Spät hat Bernhard Pulver das Malaise eingestanden und mehr Führung versprochen. Dumm nur, dass Pulvers stärkeres Bekenntnis zur Kultur zu einem Zeitpunkt erfolgt, in dem der Grosse Rat dem Kulturminister gegen seinen Willen einen Sparauftrag aufbürdet.

So bleibt die ernüchternde Jahresbilanz, und dies gilt für die Stadt und den Kanton: Das sowieso schon delikate Verhältnis zwischen Kultur und Politik ist heuer um einige Episoden komplizierter geworden.

«Für 97 Prozent der 2000 Befragten ist Kultur wichtig bis sehr wichtig, wichtiger als Politik, Wirtschaft und Sport»

Christian Pauli

Dabei wollen zumindest die Stadtbernerinnen und -berner Kultur, viel Kultur. Eine freiwillige Umfrage, die der Unternehmer Peter Stämpfli vor einem Jahr veröffentlichte, zeigt: Für 97 Prozent der 2000 Befragten ist Kultur wichtig bis sehr wichtig, wichtiger als Politik, Wirtschaft und Sport. Vor anderthalb Jahren hat die Stadtbevölkerung die fünf grossen Kulturverträge mit grossen Mehrheiten angenommen. Und der Stapellauf des grossen Kulturschiffes KonzertTheaterBern ist offenbar publikumserfolgreich geglückt.

Doch nicht nur das: Die Stadt Bern hat dieses Jahr auch gezeigt, dass sie eine lebendige junge Kulturszene hat. «Tanz Dich frei» spülte im Frühsommer eine neue Generation ans Tageslicht. Auch wenn es für Alt-68er und Alt-80er schwer verständlich ist: Hier geht es um Kultur. Das war das Statement einer Jugend, die Kultur will, die Spass macht und ihre eigene ist. Kunst- und Off-Projekte wie Waschküche, Transform und Rast zeigen, dass es auch in kunstaffineren Kreisen ein reges Interesse nach neuen Orten und Formen gibt. Und schliesslich war 2012 auch dies: 25 Jahre Reithalle. Gibt es ein besseres Zeichen für eine starke, bern-spezifische Kultur, die sich allen Widerständen zum Trotz auf eine widerständige und weit ausstrahlende Art halten kann?

«Die Kulturstadt Bern ist nicht mundtot, nicht langweilig, nicht stier, nicht provinziell»

Christian Pauli

Kulturpolitik muss beweglich sein. Nur finanziell gedachte Kulturförderung allein greift zu kurz, um dem kulturellen Leben auf neuen, anderen Wege zu folgen, und es auch auf unsicherem Terrain zu unterstützen. Kulturpolitik muss inhaltlich entwickelt werden. Kulturpolitik kann und muss ein Seismograf sein. In der Kultur fliessen gesellschaftliche und soziale Strömungen, die anderenorts zu Strömen auswachsen können.

Die Kulturstadt Bern ist nicht mundtot, nicht langweilig, nicht stier, nicht provinziell. Wie laut muss man es sagen, damit es auch die Politik und Verwaltung von Stadt und Kanton Bern merken und vielleicht sogar selber sagen?