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kolumne /

Fredi Lerch

06.03.2013 | 06:14

Erst noch wohnte sie im Q-Hof in der Lorraine und schreckte als Historikerin mit ihrer Dissertation die Berner Burgergemeinde auf. Heute ist sie Leiterin des Freilichtmuseums Ballenberg. Eine Begegnung mit Katrin Rieder.

  • Museumsleiterin und Historikerin Katrin Rieder trifft journal b im «Café Kairo». (Foto: Fredi Lerch)
  • Haus Sachseln: Das Freilichtmuseum ist mehr und anderes als das urbane Vorurteil vom «Ballenberg».
  • Dossiers einer Museumsleiterin, die im Unterland für ihre Projekte um Unterstützung wirbt. (Foto: Fredi Lerch)
  • Arbeitsunterlagen einer Museumsleiterin: «Museumsgebäude. Unterhalt und werterhaltende Massnahmen». (Foto: Fredi Lerch)

Beim Gespräch im «Café Kairo» versteht Katrin Rieder eigentlich nicht, warum sie eine «kritische Historikerin» sein soll: «Ich hoffe doch sehr, dass alle Historiker und Historikerinnen kritisch sind, sonst haben sie ihren Beruf verfehlt.» Also: Historikerin.

Aber warum sie heute ausgerechnet als «Vorsitzende der Geschäftsleitung» im Freilichtmuseum Ballenberg arbeite. Ob denn «Ballenberg» unter kritischen Leuten nicht seit Menschengedenken ein Schlämperlig gewesen sei für die rückwärtsgewandte «Volkskultur» der Geranienschweiz?
«Früher», sagt Rieder, «war 'Ballenberg' auch für mich ein Synonym für das Bewahrende und für Rückwärtsorientierung». Geändert habe sich das, als sie – angestellt von der Pro Helvetia – zwischen 2006 und 2008 das Projekt «echos – Volkskultur für morgen» geleitet und erstmals mit dem Freilichtmuseum zusammengearbeitet habe. Seither weiss sie, dass «Volkskultur» auch sehr anderes ist als Blut-und-Boden-Denken, Volkstümelei und Gejodel aus dem «bluemetem Trögli». «Heute denke ich: Es ist besser, den Begriff 'Volkskultur' neu zu besetzen, als ihn zu negieren. Der Begriff kann nichts dafür, dass er in der Zeit der Geistigen Landesverteidigung in den Dienst ihrer Ideologie gestellt worden ist.»

Haus Sachseln: Das Freilichtmuseum ist mehr und anderes als das urbane Vorurteil vom «Ballenberg».

Für Rieder steht «Volkskultur» heute nicht nur für Traditionen und Brauchtum der ländlich-bäuerlichen Kultur, sondern für die auch städtische Alltags- und Populärkultur, die die Identität sehr vieler Menschen in diesem Land prägt. «Darum ist es spannend, nach dem heutigen und zukünftigen Stellenwert dieser kulturellen Ausdrucksformen zu fragen.» Es sei ein Vorurteil zu meinen, Traditionen seien etwas Statisches: «Tradition entwickelt sich und hat sich schon immer entwickelt. Es ist keine kritische Leistung, das Kind mit dem Bad auszuschütten und neben den Verkrustungen das Lebendige, das weiterführt, nicht zu sehen.»

Katrin Rieder hat neben den intellektuell-wissenschaftlichen immer schon andere Interessen gehabt. Sie ging nicht via Gymnasium an die Universität, sondern machte ein Lehrerinnenseminar und arbeitete danach in Irland auf einem Bauernhof mit geistig Behinderten. Während des Geschichtsstudiums in Bern ist sie in ihren Semesterferien immer wieder nach Irland zurückgekehrt, «ohne diese beiden Welten zusammenzubringen», wie sie erzählt.
Als 1992 im Villette-Quartier das Wohnhaus von Freunden und Freundinnen vom Abbruch bedroht, ein anderes Haus besetzt, später geräumt und abgerissen wird, ist ihr Interesse als Forscherin geweckt: Auch das Kocherhaus – ein architekturgeschichtlich wertvolles Reihenmehrfamilienhaus von nationaler Schutzwürdigkeit in gleichen Quartier – wird damals abgerissen, weil es die Burgergemeinde Bern als Eigentümerin abreissen will. Fünfzehn Jahre arbeitet Rieder daraufhin als Historikerin daran, die handlungsleitenden Werte und Haltungen der mächtigsten Grundbesitzerin der Stadt Bern zu verstehen, die sich selber als «Hüterin der bernischen Tradition» versteht. 2008 veröffentlicht sie ihre 736-seitige Dissertation unter dem Titel: «Netzwerke des Konservativismus. Berner Burgergemeinde und Patriziat im 19. und 20. Jahrhundert».

«Tradition entwickelt sich und hat sich schon immer entwickelt.»

Katrin Rieder, Museumsleiterin und Historikerin

Einen zweiten schutzwürdigen Gebäudekomplex in Bern hat sie geholfen zu retten: Während der Renovationsphase des Q-Hofs in der Lorraine lebte sie dort und engagierte sich als Vorstandsmitglied der Wohnbaugenossenschaft. Sicher ist: Alte Häuser als Zeugen historischer Wirklichkeit haben Katrin Rieder immer wieder fasziniert. «So gesehen», sagt sie, «habe ich jetzt auf dem Ballenberg meinen Traumjob.»

Seit 1978 werden auf einem bewaldeten Hügel hinter Brienz architekturgeschichtlich interessante Gebäude aus der ganzen Schweiz neu aufgebaut. Heute sind es um die hundert, und man könne sagen, so Rieder, dass der Ballenberg weitgehend fertig gebaut sei. Darum sei heute eine andere Arbeit vordringlich: die Vermittlung.

Wenn sie durch das Museumsareal gehe, beobachte sie ab und zu noch Grosseltern, die ihren Enkeln den Gebrauch von Werkzeugen oder den Sinn von Einrichtungsgegenständen kompetent zu erklären vermöchten. «Bereits die mittlere Generation hat dieses Wissen nicht mehr. Und innert zehn, zwanzig Jahren wird die 'Weisch-no-Generation' nicht mehr da sein. Wir dürfen das Wissen um die Wohn-, Alltags- und Arbeitskultur der Menschen, die in diesen Häusern gelebt haben, nicht untergehen lassen.» Zentral sei deshalb jetzt, Wissen zu sichern und neuartige Wege der Vermittlung zu gehen.

Museumsleiterin und Historikerin Katrin Rieder hat einen «Masterplan» für den Ballenberg.

2013 erarbeitet man auf dem Ballenberg deshalb einen neuen «Masterplan», in dem die inhaltlichen Schwerpunkte und Vermittlungsmethoden für die Dauerausstellungen definiert werden. Welche Themen rücken ins Zentrum? Von der Agrar-, Umwelt-, Sozial-, Wirtschafts- und Alltagsgeschichte bis zur Volkskunde öffnet sich ein riesiges historisches Feld. Zu welchen Themen lassen sich Führungen, Ausstellungen, Jahresschwerpunkte gestalten? Welche Häuser sollen warum und wie museologisch neu eingerichtet werden? Es geht um den Blick in die Vergangenheit, um daraus für die Zukunft zu lernen – und darum, Themen der Gegenwart mit Fragen an die Zukunft zu verbinden.

Katrin Rieder sieht ein «Riesenpotential»: «Selbstverständlich kann man zum Beispiel zum Thema 'Zersiedelung' im Kornhausforum in Bern eine Ausstellung machen. Aber wer kommt dort hin? Doch genau jene Leute, die sich bereits mit Zersiedelung auseinandersetzen.» Wenn ein solches Thema auf dem Ballenberg gestaltet werde, so sähen das pro Jahr rund 250000 Gäste jeglicher sozialer und geografischer Herkunft – rund 40000 davon aus dem Ausland. «Wir können also eine Viertelmillion Menschen, von denen viele vielleicht noch nie etwas davon gehört haben, an ein konkretes Thema und seine aktuelle Problematik heranführen. Das ist zwar eine grosse Arbeit, aber auch eine grosse Chance.»