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Fredi Lerch

13.02.2013 | 06:28

Was wäre, wenn die Aufklärerin Julie Bondeli (1731‒1778) die Aufklärerin Hannah Arendt (1906‒1975) in ihren Salon einladen würde, um mit ihr im «Unteren Buchsigut» in Köniz über die Aufklärung zu sprechen?

  • Das «Untere Buchsigut» in Köniz: Ort der Aufklärung mitten im Ancien Régime. Fotos: Fredi Lerch
  • Der Brunnen mit der Jahrzahl 1717 hinter dem Haus: Naherholungsraum einer Philosophin.
  • Das «Untere Buchsigut» zweihundertfünfzig Jahre später: Es blüht auch im Winter.

Köniz, Weiermatt. Zurzeit sind die Treibhäuser der Heilsarmee-Gärtnerei eingeschneit. Im Hintergrund, hangaufwärts, unter einen hohen Baukran geduckt, das Hauptgebäude: ein zweistöckiger Herrschaftssitz mit breiter Fensterfront gegen Süden. Der Brunnen hinter dem Haus trägt die Jahreszahl 1717.

Mitte des 18. Jahrhunderts gehörte dieses «Untere Buchsigut», wie es hiess, der Berner Patrizierfamilie Bondeli, und wenn die Tochter des Hauses, die Julie, in ihren Salon einlud, kamen alle: «Abwechselnd im Laufe des Tages haben wir Geist im Kopfe, in den Füssen oder in den Ohren, nichts ist vorgesehen, nichts arrangiert [...]: Diskussion, Ernst, Scherz, blinde Kuh, Allemande-Menuett, Konzerte ernster Musik und Konzerte vom Simeliberg und Compagnie» (an Georg Zimmermann, 27.7.1764).

Julie Bondeli (1731‒1778) gilt über die Schweiz hinaus als bedeutende Privatgelehrte und Philosophin der Aufklärung. Als Salonnière lud sie auf das «Buchsigut» die interessanten Köpfe ihrer Zeit. Mit Jean-Jacques Rousseau wechselte sie Briefe, mit dem Schriftsteller Christoph Martin Wieland galt sie 1759 in Bern eine Saison lang als verlobt. Das scharfsinnige intellektuelle Gespräch und die Freundschaft unter Gleichgesinnten pflegte sie als Femme de Lettres in Briefen auch mit den Abwesenden. Ihr Nachlass gilt als verloren, aber aus Nachlässen von Dritten haben Angelica Baum und Birgit Christensen 419 ihrer Briefe zusammengetragen und sie in einer vierbändigen Edition zugänglich gemacht.

Foto: Fredi Lerch

Der Brunnen mit der Jahrzahl 1717 hinter dem Haus: Naherholungsraum einer Philosophin.

Einmal hat Julie Bondeli, auch orthographisch eigenwillig, geschrieben: «J'aï conu un tems de passion, ou la plus pressante de toute les necessités etait celle de savoir de tout.»(1) Von allem wissen und dieses Wissen mit dem eigenen Denken selbständig durcharbeiten. Dafür ist sie bekannt und geachtet worden: Sie war ausserordentlich belesen, ausserordentlich klug und gewisse ihrer Briefe – etwa ihre Auseinandersetzung mit Rousseaus Roman «La nouvelle Héloïse» – wurden von ihren Zeitgenossen als massgebliche Stellungnahmen weiterverbreitet.

Sechs Jahre nach ihrem Tod hat der Philosoph Immanuel Kant in Königsberg die Frage zu beantworten versucht: Was ist Aufklärung? Die einleitenden Sätze seiner Antwort lesen sich wie Julie Bondelis Lebensmaxime: «Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. [...] Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!»

«J'aï conu un tems de passion, ou la plus pressante de toute les necessités etait celle de savoir de tout.»

Julie Bondeli

Zweihundert Jahre später, 1964, hat eine Verwandte im Geist in einem Radio-Interview etwas Ähnliches gesagt: Denken sei «Umgang mit sich selber», sei ein «Mit-sich-selber-Sprechen».(2) Diese Frau war Hannah Arendt (1906‒1975), und sie hatte eben «Eichmann in Jerusalem», ihren «Bericht über die Banalität des Bösen» veröffentlicht; eine grosse Reportage über den Prozess gegen den meistgesuchten nationalsozialistischen Massenmörder, Adolf Eichmann. Mit ihrer Darstellung machte sie aus dem teuflischen Monstrum, als das Eichmann damals allgemein galt, einen Bürokraten, der als Transportfachmann unverbrüchlich treu und pflichtbewusst der nationalsozialistischen Menschenvernichtungsindustrie diente. Was dieser Bericht ausgelöst hat, zeigt Margaretha von Trottas Film über Arendt (zurzeit in Bern).

Zwei Aufklärerinnen in zwei völlig verschiedenen Welten. Hier Bondeli, die unter dem bernischen Ancien Régime die kleine Nische ihrer zweitklassigen patrizischen Herkunft nutzt, um als Denkerin – die sich eher die Quadratur des Kreises als die Frauenrolle in einer Ehe vorstellen kann – das Männerprivileg, «alles zu wissen», erfolgreich in Frage stellt. Dort Arendt, die die Hitlerei als ehemals deutsche Jüdin in den USA überlebt und als politische Philosophin auf ihre Art die Ethik des nationalsozialistischen Totalitarismus zu Ende denkt. Seelenverwandt sind die beiden Frauen in einem Punkt: im «Sapere aude», im Mut, sich des eigenen Verstandes zu bedienen und zu sagen, was dieser Verstand zu sagen gebietet.

Foto: Fredi Lerch

Das «Untere Buchsigut» zweihundertfünfzig Jahre später: Es blüht auch im Winter.

Als ich zum «Buchsigut» hinaufkomme, steht hinter dem Haus eben ein Lieferwagen der Heilsarmee-Gärtnerei; «für blühende ideen», steht drauf. Für diese Pointe hat dann Julie Bondeli, die Sinn für Witz und Ironie hat, die ganze Heilsarmee-Crew zum nächsten Salon eingeladen. Und während es an den Tischen schon bald hoch hergegangen ist, hat sie sich am Fenster in ein Gespräch vertieft mit der eben aus New York eingetroffenen Gästin. Bondeli hat von Rousseau erzählt, Arendt von Auschwitz und wie aus einem Mund haben sie sich plötzlich gefragt: Was ist bloss schief gelaufen mit der Aufklärung? Später ist Gesang aufgekommen. Die Gastgeberin hat sich zu den Singenden gesellt und mit eingestimmt. Es war das Lied vom «Simeliberg» – vom «Mühlirad», das «nüt als Liebi» mahlt, bis es zerbricht.

Quellen:

[1] Julie Bondeli: Briefe, Zürich (Chronos) 2012, I/110.

[2] Hannah Arendt im Gespräch mit Joachim Fest, in: Hannah Arendt, München (Piper) 2013, 163.