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kolumne /

Fredi Lerch

23.01.2013 | 05:53

Was ist das: Es ist aus Bronze, zylinderförmig, grün korrodiert, 49 Millimeter lang und liegt gleich neben den Mauerresten des römischen Gutshofs Chly-Wabere in der Kofferung eines alten Fahrwegs?

  •  Das Ding vom Oberen Breitenacher.
  • Das Ding wird geröntgt und tomografiert.
  • Sabine Brechbühls Werkzeug.
  • Das Ding auf ihrem Arbeitstisch.
  • Das Ding nach der Arbeit der Konservatorin.

Und wenn das Ding explodiert? Im Frühsommer 2011 arbeiten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Archäologischen Dienstes des Kantons Bern auf dem Oberen Breitenacher, einem Feldstreifen, begrenzt von Bahngeleise und Bernstrasse, zwischen Wabern und Kehrsatz. Bisher hat man vor allem prähistorische Keramikscherben und Gefässteile gefunden, laut Radiokarbon-Datierung Bruchstücke aus der Zeit um 1600 vor unserer Zeitrechnung. Frühe Bronzezeit. Am östlichen Rand des Grabungsfelds stossen die Fachleute auf eine alte, heute mit Humus überschüttete Strasse mit Karrengeleisen.

Im Unterbau, in der «Kofferung», finden sie ein undefinierbares Ding: einen Bronzezylinder, grün korrodiert, 49 Millimeter lang. Etwas Römisches? Immerhin hat man gleich nebenan seinerzeit die Grundmauern eines römischen Gutshofs ausgegraben. Das Ding muss analysiert werden, weil es der einzige Fund bleibt, mit dem das Alter der Strasse näher bestimmt werden kann.

Das Ding wird geröntgt und tomografiert.

Was ist das? Die Grobreinigung auf der Grabung bringt keinen Aufschluss. Die Berechnung von Volumen und spezifischem Gewicht der Hülse kann nicht einmal ausschliessen, dass das Ding explodieren könnte. Der kantonspolizeiliche Ballistiker des Kriminaltechnischen Dienstes wird beigezogen, später zusätzlich ein Munitionsexperte des Kompetenzzentrums Kampfmittelbeseitigung der Schweizer Armee. Eine Röntgenaufnahme wird hergestellt (2), das Institut für Rechtsmedizin steuert eine Computertomografie des Objekts bei (3+4).

Danach ist klar: Höchstwahrscheinlich ist das Ding nicht explosiv. So kommt die Hülse nach Bümpliz, auf den Arbeitstisch der Metallkonservatorin des Archäologischen Diensts, Sabine Brechbühl.

Sabine Brechbühls Werkzeug.

Das Ding auf ihrem Arbeitstisch.

Sie beginnt mit Schabern und Pinseln sorgfältig die Erdverkrustungen zu entfernen und stösst schliesslich auf eine eingravierte Maske und den Schriftzug: «Max Factor, Hollywood».

Max Factor? Eigentlich hiess dieser Herr Maksymilian Faktorowicz, wurde in den 1870er Jahren im russisch besetzten Polen geboren, lernte Perückenmacher und Kosmetiker, arbeitete unter anderem für die Zarenfamilie in Moskau und gründete 1909 in Los Angeles die – 1991 vom Konsumgüter-Konzern «Procter & Gamble» verschluckte – «Max Factor & Company». Factors Kosmetikfirma beginnt für die Filmindustrie von Hollywood zu arbeiten.

Das Ding nach der Arbeit der Konservatorin.

Kurzum: Das Ding ist ein Lippenstift mit Drehmechanismus.

Für die Datierung des Funds wichtig ist einerseits, dass der Drehmechanismus für Lippenstifte in den 1920er Jahren patentiert worden ist und die «Max Factor Company» ihre Produkte erst ab den späten 20er Jahren auf dem Markt vertrieben hat; andererseits, dass Metall während des Zweiten Weltkriegs wegen dem Bedarf der Waffenindustrie nicht mehr zur Verfügung stand und später durch Plastik ersetzt wurde.

Deshalb kann als erwiesen gelten: Das Ding ist nicht die Hülse des römischen Legionärs Labian aus Brundisium, der darin eine Locke seiner Braut auf dem Herzen getragen hat; es ist auch nicht eine Revoluzzerpatrone, die Wladimir Iljitsch Lenin Anfang September 1915 auf dem Weg zur Zimmerwalder Konferenz aus der Jackentasche fiel. Nein, es ist jener Lippenstift, den Meieli Grob nie bekommen hat.

Die Wahrheit ist: Jakob Meierhans arbeitete im Frühling 1938 hinter Wabern als Vorarbeiter bei der Sanierung der grossen Schlaglöcher in der Bernstrasse. Am Samstagmorgen – es ist der 19. März – erzählt beim Znüni Fridu, ein Handlanger, er habe gestern Abend Köbus Meieli in der Gerechtigkeitsgasse mit einem anderen gesehen, «hundert Pro», blufft er. Meierhans kaut hartes Brot und sagt drauf bloss: «Blöde Schnuri, sone Seich.» Aber keine Viertelstunde später tritt er den «Max Factor»-Lippenstift, den er im Hosensack hat, weil er ihn später am Tag dem Meieli hätte schenken wollen, wütend in die Strassenkofferung. Abends im «Café Rudolf» ist dann schnell klar: Meieli war nachweislich mit den Freundinnen Lina, Frida und Rosa im Abendgottesdienst in der Heiliggeistkirche, und Fridu kann sich auf etwas gefasst machen, hundert Pro. Aber der Lippenstift war weg.
Und wenn man dem Jakob Meierhans an jenem Abend gesagt hätte, immerhin würde wegen diesem Lippenstift dereinst der Archäologische Dienst den Ballistiker der Kantonspolizei sprengen, hätte er das nicht lustig gefunden. «Max Factor»-Lippenstifte waren sündhaft teuer.

Unter Verwendung des Jahrbuchs des Archäologischen Dienstes des Kantons Bern 2012, Bern (Verlag Rub Media) 2012, 62-65. Der zweite Teil der Kolumne beruht auf eigenen Recherchen.