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Fredi Lerch

24.10.2012 | 08:14

Begegnung in der Altstadt mit Katrin Vogt: Die ehemalige Krankenschwester lebt nach einem Berufsunfall heute mit der dritten Leber. Sie weiss, was Todesangst ist, kann lachen und hat eben ein Buch mit «Briefen ohne Antwort» veröffentlicht.

Katrin Vogts Leben besteht aus viel Glück und viel Trauer. (Foto: Fredi Lerch)

«Vielleicht tönt das merkwürdig», sagt Katrin Vogt an einem Tischchen im «Thurm» am Waisenhausplatz, «aber ich hatte in meinem Leben viel Zeit, um zu lernen, mit mir befreundet zu sein und häufiger das zu tun, was mir gut tut.» Gut tut ihr zum Beispiel das Schreiben. Die Bücher von ihr heissen «Der Seele entflogen» (2002), «Das Flüstern der Sterne» (2004) oder «Der Vollmondgarten» (2006).

Vor einem Monat ist nun «Nirgendwo und überall» erschienen, eine Sammlung von «Briefen ohne Antwort»: kluge und berührende Texte, Briefe an vieles – bloss an keine Menschen: an einen Baum, eine Amsel, eine Kerze, an die Aare, an den lieben Gott. Und einer ist an die «erste, zweite und dritte Leber» gerichtet.

Was für ein Leben wird da skizziert: Aufgewachsen zwischen dem emmentalischen Urgestein Lisbeth Vogt und dem Schriftsteller, Freak und Psychiater Walter Vogt. Ende der siebziger Jahre verliert sie den Mann ihres Lebens bei einem Töffunfall. Dann Jahre als Kindergärtnerin, Zweitausbildung zur Krankenschwester DN II, Mitarbeiterin beim medizinischen Dienst der Drogenberatungsstelle «contact». Dort der Arbeitsunfall: An einer gebrauchten Spritze steckt sie sich 1995 mit HIV und Hepatitis C an. Die Erkrankung macht es schwierig, weiterhin mit Kindern oder Kranken zu arbeiten. Deshalb Weiterbildung zur PC-Officesupporterin SIZ. Sie erteilt PC-Kurse, bis die Gelbsucht ihre Leber zerstört hat.

«Ich habe nicht mehr gewusst: Geht es jetzt um einen würdevollen Tod oder um den Kampf zurück ins Leben?»

Katrin Vogt, Autorin

Es ist keine Kunst zu wissen, was eine Ösophagusvarizenblutung ist. Aber etwas anderes ist es, nach einer Wanderung plötzlich am Bahnhof Zweilütschinen in hohem Bogen Blut zu spucken, sich in Interlaken im Schnellzug von einem verständnisvollen Kondukteur ein WC zum Privatgebrauch zuweisen zu lassen, immer mehr Blut zu erbrechen und nicht zu wissen, ob man Bern und das Insel-Spital noch lebend erreicht. 2004 die erste Lebertransplantation. Diese Leber erkrankt an Krebs. 2009 die zweite Lebertransplantation.

Das «zweigleisige Leben» in den Krisenzeiten vor den Operationen, als niemand habe sagen können, ob sich für sie noch rechtzeitig eine neue Leber finde, habe ihr «das Urvertrauen in Körper und Leben» genommen: «Ich habe nicht mehr gewusst: Geht es jetzt um einen würdevollen Tod oder um den Kampf zurück ins Leben?» Sie sei von Natur aus ein fröhlicher Mensch, aber seither bestehe ihr Leben «aus viel Glück und viel Trauer, aber wenig dazwischen».

Heute geht es Katrin Vogt so gut, dass sie wieder eine Arbeitsstelle möchte: «Ideal wären 10 bis 20 Prozent als PC-Kursleiterin.» Bei den Bewerbungskontakten sei jeweils nicht das Geld das Problem (sie würde für einen kleinen Lohn arbeiten) und nicht das Alter (sie ist 53). Aber wenn sie offen sage, warum ihre Kraft nicht für mehr Stellenprozente reiche, dann sei das Gespräch jeweils zu Ende. Zurzeit macht sie Freiwilligenarbeit in ihrem Quartier.

Ihren Alltag bezeichnet sie als «sehr strukturiert». Sie macht ihren Haushalt, wandert, singt (in drei verschiedenen Chören), strickt, malt und schreibt, zum Beispiel eben Briefe ohne Antwort. Klar: Arztbesuche, Medikamente, die HIV- und die Hepatitisviren im Körper – all das wird bleiben. Aber die dritte Leber arbeitet gut und die Wahrscheinlichkeit, dass die krebserkrankte zweite Metastasen hinterlassen hat, ist klein geworden.

Unter Leute geht Katrin Vogt kaum. Ihr Körper wird meist müde, bevor es Abend wird. Aber heute Vormittag ist sie mit den Wanderschuhen zum Gespräch gekommen. An diesem strahlenden Oktobervormittag will sie von der Bus-Endstation auf der Blinzern zu Fuss hinauf auf den Gurten.