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Fredi Lerch

07.05.2013 | 06:43

Als Geschenk erhält ein Mann in Bern die Geschichte jener Italienerin, die dem Duce Mussolini nach bestem Wissen und Gewissen alle Schlämperlige gegen ihn und seine Faschisten aus dem Türkischen übersetzt hat.

  • Der Weiher von La Fornace am letzten Sonntag. (Fotos: Fredi Lerch)
  • Porträt der jungen Isa Bartalini.
  • Isa Bartalini (um 1995).
  • Das Grab auf dem Friedhof von Cennina.

Für Bruno Gurtner, bis vor wenigen Wochen Direktor des Tax Justice Network, den Kämpfer für mehr Steuergerechtigkeit weltweit, zu seinem 70. Geburtstag.

Seit mehr als zwanzig Jahren komme ich für Ferientage immer wieder hierher: eine Häusergruppe in der südlichen Toscana, die ein junges Paar aus Zürich, längst Freunde von mir, vor einem guten Vierteljahrhundert als Ruine erworben und zum Agriturismo-Betrieb ausgebaut hat. Umgeben ist «La Fornace» von einem Wald und einem Olivenhain, und oben am Waldrand gibt's einen Weiher: Das ist mein Lieblingsort.

Dort habe ich Ende Juli 1994, in einem Liegestuhl lesend, aus den Augenwinkeln gesehen, wie eine weisshaarige Frau, die zu Besuch war, lachend kopfüber ins Wasser sprang. Diese Frau war Isa Bartalini. Ihre Geschichte habe ich später kennengelernt. Seit sie 1996 gestorben ist, besuche ich oben auf dem bewaldeten Hügelzug ab und zu ihr Grab im Friedhof von Cennina.

Das Grab auf dem Friedhof von Cennina.

Welch ein Leben! Isa Bartalini war die Tochter des Anwalts und pazifistischen Sozialisten Ezio Bartalini, dessen Familie aus Cennina kam. Seit 1903 hat er die Zeitschrift «La pace» herausgegeben, und als seine Tochter am 30. Januar 1922 – wenige Monate vor der Machtübernahme von Mussolinis Faschisten – im Elternhaus ihrer Mutter in Piombino geboren wird, verteidigt ihr Vater in Genua eben Anarchisten, die angeklagt sind, zu Fabrikbesetzungen aufgerufen zu haben. Im Februar 1923 wird Bartalini mit anderen verhaftet. Zwar kommt er wieder frei, aber mit seiner Familie im faschistischen Italien weiter zu leben, wäre unverantwortlich.

So beginnen 1923 die Jahre des Exils: Die Famlie zieht nach Paris, London, wieder Paris, Brüssel und Ende 1927 schliesslich eine halbe Stunde vor Istanbul in Kemal Atatürks Türkei. Hier wächst Isa auf. Bartalini verdient sein Leben als Lehrer und erhält 1933 an der Universität Istanbul den neugeschaffenen Lehrstuhl für italienische Philologie. Seine Tochter Isa schult er bis 1935 nach seinen eigenen, reformpädagogischen Ideen, danach schickt er sie auf ein Gymnasium.

Porträt der jungen Isa Bartalini.

1939 setzt sich Isa gegen ihren Vater durch: Sie will nach Italien zurückzukehren, um Mathematik zu studieren. Begleitet von der Mutter verlässt sie das politische Exil ihres Vaters und kehrt nach Rom zurück. Sie studiert und arbeitet nebenbei zum Geldverdienen als Übersetzerin für das Ministerium della Cultura Popolare. Täglich hat sie die türkischen Nachrichten abzuhören, alle Meldungen, die Italien betreffen, zu übersetzen und mit der Schreibmaschine in sieben Kopien ins Reine zu tippen. Einer dieser Durchschläge sei jeweils direkt auf dem Schreibtisch des Duce Mussolini gelandet, schreibt sie, darum habe sie sich immer besondere Mühe gegeben, «die Beleidigungen und abwertenden Begriffe» zu übersetzen, mit denen im türkischen Radio «über den Duce und die faschistischen Truppen» gesprochen worden sei.[1]

Während Isas Studiums versucht ihre Mutter, ein Filmprojekt zu realisieren und arbeitet dafür mit dem in Rom lebenden deutschen Regisseur Hans Hinrich zusammen – Isa wird als Regieassistentin engagiert. So lernt sie das Handwerk des Filmemachens, während die Alliierten am 4. Juni 1944 zuerst Rom und in den folgenden Wochen in der Toskana die enge Heimat der Familie Bartalini von der nazideutschen Besatzung befreien.

In den nächsten Jahren schliesst Isa Bartalini das Studium ab, versucht beim Film Fuss zu fassen und jobbt, um Geld zu verdienen. 1949 wird sie von einem Bildhauer schwanger. Sie entschliesst sich, ihre Tochter allein zu erziehen und dafür hinter den Kulissen des Films ihr Geld zu verdienen: Bis 1972 arbeitet sie bei fünfzehn Filmen als Regieassistentin, Drehbuchautorin oder als Casting-Direktorin mit, oft unter dem Regisseur Andrea Blasetti, später auch unter Franco Zeffirelli und Billy Wilder. In «ihren» Filmen spielen Sofia Loren und Vittorio de Sica so gut wie Gina Lollobrigida, Marcello Mastroianni oder Jack Lemmon.

Im Oktober 1944 kehrt ihr Vater ins befreite Italien zurück und nimmt – obschon bereits sechzigjährig – unverdrossen seine Arbeit als linkspazifistischer Publizist und führender Kopf der italienischen Friedensbewegung wieder auf. An einem Treffen von Friedensaktivisten ist Ezio Bartalini am 17. Dezember 1962 in Rom auf seinem Stuhl tot zusammengebrochen.

Die Todesnachricht überbringt der Familie an jenem Tag Bartalinis junger Freund, der neben ihm gesessen hat: Andrea Gaggero. Gaggero war Priester in Genua, antifaschistischer Partisan, wurde 1944 von den Nazis verhaftet, mehrfach gefoltert, ohne zu reden, und dann ins Konzentrationslager Mauthausen abgeschoben. Wegen seines kommunistischen und pazifistischen Engagements wurde er 1953 in Rom von der katholischen Kirche exkommuniziert[2] – und nun, als Todesbote vor der Haustüre Isa Bartalinis, wird er zu deren grosser Liebe und zum Lebenspartner ihrer späten Jahre. Ein Pazifist im Haushalt, habe sie jeweils später lächelnd gesagt, das müsse einfach sein.

Isa Bartalini (um 1995).

Ich habe Isa Bartalini nicht kennengelernt. Aber ich habe sie Ende Juli 1994 lachend und kopfüber in den Weiher von La Fornace springen sehen. Auf ihrem Grabstein oben in Cennina steht: «Ha sempre cercato essere protagonista della propria vita con coraggio, curiosità e con amore». Sie hat immer versucht, mit Mut, Neugier und Liebe im eigenen Leben die Hauptdarstellerin zu sein.

P. S. Caro Bruno, grazie per tutto! E tanti auguri e saluti di Jolanda, Marco e Fredi.

[1] Isa Bartalini: I fatti veri. Vicende di una famiglia toscana, Napoli (Edizioni Scientifiche Italiano) 1996, 313.
[2] Andrea Gaggero: Vestìo da omo, Firenze (Guinti Gruppo Editoriale) 1991.