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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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29.03.2018 | 14:00
Konrad Klapheck: Die Schreibmaschine. (1955) (photo: )

Wiederum sei an dieser Stelle auch dem katalanischen Drama gedacht. Sollte hier schon behauptet worden sein, diese Tragödie sei längst zur Farce verkommen, möchte man jetzt rufen: «Höret uf!» Mich beschäftigt nämlich, was ich neulich gehört habe: Sie machen alle weiter bis es «chlepft u tätscht» und danach greifen sie sich an den Kopf und tun so, als wüssten sie nicht, wie es so weit kommen konnte!
Natürlich ist es weiterhin spannend, zu beobachten, wie beide Seiten sich in der jeweiligen Realität einigeln und sich selbst betrügen, gleichzeitig befürchtet man aber Schlimmes: Die Flaggen stehen auf Sturm, und  Land ist keines in Sicht!
Vielleicht sollten alle Beteiligten mal von der Münsterplattform runterschauen können!
Dort ist nämlich zu sehen, dass der Kies, den die Aare letztes Jahr angeschwemmt hat und den die fleissigen Bagger dort unten im «Schweller» zu einem gewaltigen Berg angehäuft hatten, dass dieser Kies mittlerweile abtransportiert worden ist! Wer weiss wohin, aber es ist einmal mehr bewiesen: Berge können sehr wohl versetzt werden, aber nur mit Fleiss und Geduld!
Und jetzt, da die No-Bilag-Initiative glücklicherweise vom Tisch ist, noch ein Wort zu den so oft gelobten und als staatstragend bezeichneten Informationssendungen unserer sogenannten Qualitätsmedien.
Ja, sie leisten zweifellos sehr viel gute Arbeit, es würde mir überhaupt nicht schwer fallen, zum Beispiel von einem halben Dutzend Radio-Reportagen aus aller Welt zu berichten, die ich alle mit grossem Gewinn angehört habe, aber leider ist da auch noch das alte Problem: Die Satzfrage! Es kann nicht oft genug wiederholt werde! Satzfragen zeugen selten von Neugier und Sachkenntnis. Satzfragen sind Verlegenheitslösungen. Die Satzfrage wird gestellt, weil aus Mangel an einer echten Frage, auf Gesichertes zurückgegriffen werden muss.
Dazu kommen auch noch jede Menge absolut künstliche und gekünstelte Fragen. Gerade neulich wollte ich mein Radio wieder mal auf die Gasse hinaus schleudern. Und zwar mit allergrösster Wucht und ohne erst das Fenster zu öffnen! Gerade noch rechtzeitig erinnerte ich mich daran, dass diese Dinger ja einen Knopf haben, mit welchem man sie zum Schweigen bringen kann. Aber mein Ärger war gigantisch! Der Tod, Mord! Sogar Massenmord, Kriegsgräuel, Totschlag, Staatsbetrug werden vermeldet und was wird gefragt?
Es wird gefragt: Hat das Konsequenzen? Und zwar nur, weil ein Vorgesetzter oder jedenfalls irgend ein Schlaumeier der Firma, vorschreibt, den Bericht des Korrespondenten oder der Korrespondentin mit Fragen zu unterbrechen. Gefragt wird also stellvertretend für mich, den Zuhörer, aber ich werde für einen Volltrottel gehalten! Sonst würde hier doch nicht gefragt werden, hat das Konsequenzen? Immer fragen sie, weil ihnen aus Mangel an Sachkenntnis keine bessere Frage einfällt, hat das Konsequenzen?
Natürlich hat das Konsequenzen! Alles hat Konsequenzen und weil mich dort, wo Weltbewegendes passiert, die Konsequenzen interessieren, höre ich doch Radio! Hat das Konsequenzen? Dem sagt man Tappen im Dunkeln oder Stochern im Nichts! Und was immer behauptet wird: Ein Gespräch entsteht so sicher nicht! Das ist ein Abfragen ohne Sachkenntnis! Und das ist einem sogenannten Qualitätsmedium unwürdig!
So!

Und was hat Konrad Klapheck damit zu tun?

Gerade gestern las ich ein Interview mit Helmut Hubacher, einem der ganz Grossen der Schweizer Politik. Er sagte nicht nur, dass er weiter schreibe und publiziere, er sagte auch, dass er dies mit der Schreibmaschine tue, weil er mit dieser am besten denke. Da fiel mir die berühmte «Schreibmaschine» von Konrad Klapheck ein. Diese Ikone der modernen deutschen Klassik haben schon viele geliebt und bewundert, möge sie uns allen beim Denken weiterhelfen.   


04.03.2018 | 16:53

Die Annahme von Minarett-Verbotsinitiative, Ausschaffungsinitiative und Masseneinwanderungsinitiative waren Schocks für die aufgeklärte, urbane Schweiz. Zurecht warf sich die unterlegene Seite vor, die Kraft der Symbolpolitik unterschätzt und zu wenig mobilisiert zu haben.

In der Zwischenzeit hat sich einiges getan. Die Zivilgesellschaft hat sich auf die Hinterbeine gestellt und zum Teil neu organisiert. Bündnisse und Organisationen sind entstanden wie Operation Libero oder Schutzfaktor M, die sich ausserhalb eines von Rechts definierten Links-Rechts-Schemas verorten und für eine offene, vielfältige, demokratische Schweiz auf Grundlage der Menschenrechte kämpfen.

Die Kulturschaffenden sind aufgewacht

Auch die Kulturschaffenden sind aufgewacht. Viele, die noch vor wenigen Jahren eine politische Positionierung vermieden, melden sich dezidiert und kreativ zu Wort: Künstlerinnen und Künstler jeden Alters, aus allen Sparten der U- und E-Bereiche.

Den Turnaround bildete die fremdenfeindliche, pseudo-ökologische Ecopop-Initiative. Das absurde Ansinnen, nationale Ökobilanz durch Zuwanderungsquoten zu verbessern, wurde an der Urne deutlich versenkt. Die künstlerischen Aktionen im Vorfeld waren vielfältig und kamen von den Künstlerinnen und Künstlern selber, mehr als von ihren (nach wie vor etwas zögerlichen) Institutionen. So waren es beispielsweise die Ensemble-Mitglieder des Zürcher Schauspielhauses, die Abend für Abend vor den Vorhang traten, um vor den verheerenden Auswirkungen der Initiative für das Schweizer Kunstschaffen zu warnen.

Es folgte die Durchsetzungsinitiative, mit der die SVP ihre schlampig formulierte, grundrechtswidrige Ausschaffungsinitiative nach neuem Gusto totalisieren wollte. Das Engagement der Zivilgesellschaft und der Kulturschaffenden war noch um ein Vielfaches stärker als bei Ecopop. Bemerkenswert ist vor allem, dass die grundsätzlichen Aspekte – die Verhältnismässigkeit und die rechtliche Ungleichheit von BürgerInnen mit unterscheidlichen Pässen in der Schweiz – breit diskutiert wurden. Bei der Ausschaffungsinitiative hatte die Argumentation noch nicht gegriffen. Von künstlerischer Seite waren es vor allem Songs und Spoken-Word-Beiträge, die im Netz breit geteilt wurden.

Und nun No-Billag

Bei der No-Billag-Initiative nun meldeten sich KünstlerInnen aller Couleurs zu Wort. Etliche, die bisher gehadert hatten, argumentierten auf einmal mutig und persönlich. Auch hier ging es nicht einfach um partielle Interessen (welche Künstlerin und welcher Künstler in diesem Land lebt schon wesentlich oder hauptsächlich von SRF-Einnahmen?). Es ging vielmehr wiederum um Grundsätzliches, um bedrohte Vielfalt, den demokratischen Diskurs, die kaputtgesparte und von politischen Milliardären aufgekaufte Vierte Gewalt, den Service Public und nicht zuletzt das Dogma der flächendeckenden Privatisierungen.

Die No-Billag-Initiative wird als jene Initiative in die Geschichte eingehen, für die bisher die meisten frei produzierten Filme (mit  Null- oder Kleinstbudgets) hergestellt wurden. Die Kreativität war unglaublich, fast schon überbordend und verdiente eigentlich eine eigene mediale Würdigung.

Wie weiter?

Wesentlich ist jetzt, das Wort nicht gleich wieder den Verlierern der Abstimmung zu überlassen. Die SRG, die freien lokalen Radio- und Fernsehstationen, der Service-Public insgesamt sind gestärkt worden. Zu den Verlierern gehören beispielsweise der Verband Schweizer Medien, namentlich Pietro Supino, Peter Wanner und Markus Somm, aber auch NZZ-Chefredaktor Eric Gujer. Dies gilt es bei weiteren Verhandlungen rund um die Online-Aktivitäten von SRG zu bedenken. Die SRG muss jetzt jene politische Rückendeckung erhalten, die ihr ermöglicht, eine taugliche zukunftsgerichtete Online-Strategie zu entwickeln. Und: Öffentliche Medienförderung über Radio und Fernsehen hinaus gehört ins neue Gesetz.

Schliesslich: Auf Siegerseite stehen unter anderem die Kulturschaffenden, die sich mit enormem kreativem Einsatz in den Abstimmungskampf geschmissen haben. Wenn nun die Verlierer mit ihren Abspeck-Phantasien Gehör finden sollten, ist Kulturabbau jedenfalls ein No-Go. Es gilt SRF 2 Kultur und das Radio generell zu stärken. Die SRG soll angehalten werden, ihren leistungsvertraglich vereinbarten  Kulturproduktionsauftrag weiter auszubauen.

28.02.2018 | 21:11

So vieles gäbe es zu berichten. Zum Bespiel aus Wien. Dort habe ich seit langem wieder einmal ein paar Tage verbracht. Sollte eine kleine, winterliche Bestandesaufnahme aus der Hauptstadt unserer östlichen Nachbarn und Nachbarinnen von Interesse sein: Ein Klick genügt.
Aber first things first: Um Gottes Willen nicht etwa die Abstimmung verschwitzen!
Bis Freitag kann man den Gang an die Urne mit einem kleinen Spaziergang durch den Garten des Erlacherhofes verbinden.

Und jetzt haben wir also Besuch aus Katalonien. Anstatt sich vor Gericht, wo sie vorgeladen war, zu verantworten, zieht es eine der prominentesten Exponentinnen der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung vor, sich vorerst mal ein bisschen in Genf abzusetzen. Angeblich mit dem hohen Ziel, den gegenwärtig ziemlich traurig vor sich hinmottenden Konflikt zu internationalisieren. So wie das von anderen schon in Belgien versucht wird. Rein gefühlsmässig geht das aber irgendwie nicht ganz auf. Sollten sich internationalisierte Regionalkonflikte nicht von selbst aufheben oder wenigstens ihrer Widersprüchlichkeit bewusst werden?
Die besagte Politikerin ist aber auch bekannt für die Forderung, aus Katalonien eine feministische Republik ohne Grenzen zu machen. Ob man gegen Grenzen ankommt, indem man neue errichtet, ist auch so eine Frage. Nicht ganz überraschend ist allerdings, mit welcher Vehemenz sich die spanische Öffentlichkeit auf den Widerspruch stürzt, dass die selbstdeklarierte antikapitalistische Systemgegnerin, deren Partei auch das Geld abschaffen möchte, ausgerechnet in der erzkapitalistischen Schweiz und nicht in Venezuela, wohin sie angeblich auch Kontakte pflegte, Schutz sucht.
Es wird sogar behauptet, es sei gar kein Land denkbar, welches das System stärker verkörpere als die Schweiz, und es gebe keine grössere Heuchelei, als am Genfersee bei Sonnenuntergang Marx zu zitieren. Schliesslich sei die Schweiz das System schlechthin. Um diesen Widerspruch noch weiter auszuleuchten, zeichnet beispielsweise in El Pais ein Kommentator wieder mal ein Bild unseres Landes,  das mit unserer Eigenwahrnehmung nicht weiter auseinanderklaffen könnte.
Wir seien nichts als ein einzig Volk von fragwürdigen Grössen des Sportes, von Mafiosos, von afrikanischen Diktatoren, von korrupten Bänkern, die hier auf ihre Begnadigung warteten, von Waffenhändlern und Schiebern, von allgemeinen Zuhältern, von Erdölsatrapen, von Kriegsherren jeder Art, von Drogenkartellisten, von falschen Gotteskardinälen und jetzt auch noch von Justizflüchtlingen wie Frau Anna Gabriel!
Und kein Wort von Heidi!
Kein Wort von Schellenursli!
Kein Wort von Vreni Schneider!
Nichts von den verantwortungsbewussten Staatsbürgern und Staatsbürgerinnen, die verglichen zu den Spaniern und Spanierinnen relativ früh aufstehen, ziemlich fleissig zur Arbeit gehen, sich vielleicht sogar über das Zeitgeschehen informieren und sich zu einem Gespräch über Politik hinreissen lassen, es in der Regel auch ziemlich normal finden, nicht nur ihren Müll selbst zu entsorgen, sondern auch, dass den eher weniger Privilegierten ein halbwegs anständiges Leben zusteht. Nichts davon, dass man im allgemeinen nicht dem Irrtum erliegt, der Weg zum Glück führe über die Lotterie oder über den Erfolg des lokalen Fussballclubs!
Gut, man darf uns sehen wie man will, aber ein bisschen was muss man da ja schon dagegenhalten.

Und was hat Fernand Léger damit zu tun?

Ein Lob der Arbeit kann nie schaden!
Dazu kommt, dass ich dies in dem schönen Eckkaffee auf der Münsterplattform schreibe, wo vor dem Kälteeinbruch die Baumpfleger und Baumpflegerinnen der Stadtgärtnerei in ihren roten Sichtwesten mich an das Bild «Les constructeurs» erinnerten. Wie jedes Jahr stellten sie ihre Warnschilder auf und stiegen mit Scheren und Sägen über lange Leitern in die kahlen Kastanienbäume hinauf, um sich tagelang um deren Beschneidung zu kümmern. Wie die Bauarbeiter auf dem Bild schienen sie dabei ihre Arbeit so ernst zu nehmen und so gerne zu verrichten, dass man am liebsten selbst mitgeholfen hätte.





19.02.2018 | 19:30
Ilja Jefimowitsch Repin: Die Wolgatreidler (Öl auf Leinwand, 131,5 x 281 cm) (photo: )

Auch hier geht es um eine gewisse Initiative. Mir scheint, man redet diesbezüglich sehr viel vom Fernsehen und eher wenig vom Radio.

Darum die Frage: Lesen Sie in der Zeitung immer auch den Wirtschaftsteil? Ich persönlich, das muss ich zugeben, lese diesen eher selten, obwohl ich eigentlich weiss, dass das fahrlässig ist. Wo fängt denn fast alles an, wenn nicht mit dem Stutz?

Höre ich aber das Wirtschaftsmagazin Trend auf SFR 4 News?

Ja, sehr oft, beispielswese beim Kochen! Und immer mit Gewinn! Was ich dort gerade gestern wieder alles erfahren und gelernt habe! Da sind offensichtlich sehr motivierte Leute am Werk, die auch gute Köpfe zu Wort kommen lassen. Soweit ich das beurteilen kann, alles auf hohem Niveau!

Und was hat das mit Ilja Jefimowitsch Repin zu tun?

Soll jemand behaupten, dieses auch in seinen Ausmassen grosse Bild der Wolgaschlepper habe nichts mit Wirtschaft zu tun! Das war für Hunderttausende einmal ein Beruf, sogar noch für den Grossvater von Maxim Gorki. Und dieses Bild zwingt einen, sich zu fragen, wer denn heute in unserer Gesellschaft die Wolgaschlepper seien und wer sich um sie kümmere? Sicher ist, gäbe es sie so noch heute, wären sie vermutlich schwarzer Hautfarbe und würden einen Teil ihres spärlichen Verdienstes nach Nigeria schicken. Und zwar unter Entrichtung sehr hoher Gebühren. Warum dem so ist, und was man dagegen tun könnte, gerade darum kümmerte man sich im Wirtschaftsmagazin Trend. Wenn das nichts ist?

31.01.2018 | 19:19
Alice Bailly: Intermission, 1922, Öl auf Leinwand (photo: )

Möglicherweise geht es Ihnen ähnlich: Irgendwie gibt das neue Jahr schon rein zahlenmässig mehr her. Achtzehn fühlt sich einfach besser an als siebzehn. Siebzehn ist niemand gerne. Aber Achtzehn! Da ist doch auch für ein Jahrhundert schon mal was Fassbares!

Entsprechend gibt es schon literarische Entdeckungen zu vermelden. Zuerst Puschkin. Las endlich mal «Eugen Onegin», und weil ich danach sehen wollte, wie bei Herrn Puschkin Geschichten in Prosa gehen, habe ich in dem Reclambändchen «Der Posthalter» sehr schöne, klare und gerade Geschichten gefunden. In «Der Schneesturm» werden da die Liebenden durch einen Schneesturm am Abhalten der klandestinen Hochzeit gehindert. Russischer geht es wirklich nicht. Aber auch «Der Sargmacher» ist grossartig. Einfach und doch virtuos. Der Sargmacher lädt nämlich alle seine Toten ein und dann kommen sie! Zwar nur im Traum, aber eben doch! Dann bin ich auch noch wieder bei Gogol gelandet, wo alles noch fantastischer und verrückter wird. Nabokov soll gesagt haben, bei Gogol sei das ganze Personal irgendwie geistesgestört. Da ist nicht nur was dran, auch das ist wieder sehr russisch!

Da redet jetzt auch das Volk mit und zwar ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, und die Natur wird nicht mehr realistisch eingesetzt, jetzt wird der Nachthimmel beschworen und sogar ein Teich hat viel zu sagen. Und Kleider machen vielleicht Leute, aber in «Der Mantel» ist mindestens ein Kleidungsstück selbst ebenso lebendig wie die Leute. Aber nicht genug: In dem Buch, in dem ich Gogol las, befand sich noch eine Novelle von Boris Lawrenjew, bei der ich wirklich so bald nicht wieder aufhörte zu staunen. Der Titel ist « Der Einundvierzigste» und Lawrenjew erzählt darin vom Russischen Bürgerkrieg, genauer gesagt von einer Scharfschützin. Sie war eine der wenigen Frauen in der Roten Armee. Als sie mit ihrer Abteilung hinter die Fronten gerät, verfehlt sie das 41. Opfer. Es ist ein junger Offizier, der sich mit einem weissen Tuch am Gewehr ergibt und gefangen genommen wird. Er soll dem Stab zum Verhör übergeben werden. Die Scharfschützin wird mit seiner Bewachung betraut. Man befindet sich auf einem tödlichen Treck in der kirgisischen Wüste, gerät an den Aralsee, und schliesslich endet sie mit ihrem Gefangenen allein auf einer Insel, die es heute wohl nicht mehr gibt. Mit einem angeschwemmten Kahn wollte man die Reise verkürzen, gerät aber in einen Sturm, zwei Soldaten ertrinken und die Bewacherin endet mit ihrem Gefangenen in Eis und Schnee. Alles ziemlich russische, aber auch biblische Dimensionen. Natürlich wurde diese heroische Novelle noch zu Sowjetzeiten verfilmt, allerdings am Kaspischen Meer, denn einen Sturm hätte der Aralsee längst mich mehr hergegeben. Sicher ist, bis jetzt hätte meine Lektüre nicht kräftiger ausfallen können und ich bin sicher, es gibt ein gutes Jahr.

Und was hat Alice Bailly damit zu tun?

Man könnte sagen, das Bild «Intermission», das 1922 in Paris oder Genf entstanden ist, sei so etwas wie die zeitgenössische Rückseite von Krieg und Elend, woran es im Russischen Bürgerkrieg wahrlich keinen Mangel gab. Aber eigentlich soll hier nur auf eine grosse Künstlerin verwiesen werden, umso mehr als gerade dieses Bild gegenwärtig im Kunstmuseum Bern im Rahmen der Sammlung Hahnloser gesehen werden kann. Es hängt dort etwas versteckt in einer Ecke, hat man es aber entdeckt, freut man sich über den kecken Blick dieser selbstbewussten jungen Dame in Schwarz.

24.01.2018 | 23:01
 (photo: )

Der Film «Die Vierte Gewalt» von Dieter Fahrer ist ein Requiem auf die Tageszeitung. Ausgehend vom Umzug seiner betagten Eltern ins Heim, denkt Fahrer über den Medienwandel nach. Darüber, wie es den «Journis» wohl dabei ergehe, jenen, «die Macht haben und doch häufig machtlos sind». Ob sie «Piloten des Wandels» seien oder eher «Passagiere» – einem Zitat folgend von Ludwig Hasler, das am Anfang des Films steht.

Ein Leben lang den «Bund» abonniert

Fahrers Eltern waren besondere Zeitungsleser, vielleicht auch typische. Sie hatten den «Bund» ein Leben lang treu abonniert. Er scheint ihre hauptsächliche Lektüre gewesen zu sein und gab ihnen auch im hohen Alter Gesprächsstoff, stiftete also Gemeinschaft und Sinn. Zudem war der Vater ein begabter Zeichner, der Zeitungsartikel ausschnitt und sich von ihnen zu Tagesskizzen anregen liess. Die Mutter verwendete die Zeitung auch, um Bohnen zu rüsten und Kartoffeln zu schälen. Und die Söhne brauchten die Zeitung im Wald, um Feuer zu entfachen.

Fahrer begibt sich in den journalistischen Alltag und schaut unterschiedlichen Redaktionen über die Schulter. Die Aufnahmen sind eindrücklich und machen deutlich: Den Beruf der Journalistin und des Journalisten gibt es so nicht mehr. Der Auftrag, den sich die vier Redaktionen geben oder von dem sie meinen, dass er ihnen gegeben sei, ist komplett verschieden. Die Tätigkeiten sind kaum mehr vergleichbar.

Neugierde und Unvoreingenommenheit

Die Rolle des Dinosauriers kommt dabei dem «Bund» zu, bei dem Stellenabbau, Spardruck und Büroraumverknappung tägliches Brot sind. Ein paar Aufrechte scheinen unablässig ihr Handwerk und ihren Ethos des Journalismus zu verteidigen. In Online-Seminarien werden sie auf die nicht hinterfragbaren Notwendigkeiten des «Systems» eingeschworen. Neugierde und Unvoreingenommenheit seien nach wie vor Antrieb seiner Tätigkeit, sagt Lokalreporter Marc Lettau sinngemäss in die Kamera. Dabei versprüht er wenig Enthusiasmus.

«Native Ads» als Geschäftsmodell

Enthusiasmus ist die Sache von «Watson», einem Online-Medium, das einen Grossteil seines Umsatzes mit «Native Ads» erzielt. Hier herrscht begriffslose Geschwätzigkeit: «Wir surfen wie schon gefilterter», sagt Rafaela Roth, Leiterin Team Reporter, über ihre «Generation». Wenn der Medienwandel zur «Generationenfrage» erklärt wird, erübrigt sich jede weitere Auseinandersetzung. Sieger der digitalen Revolution ist, wer technisch auf dem aktuellen Stand ist.

Mit ihren «anwaltschaftlichen» Reportagen praktiziert Roth immerhin eine Art linken Boulevard. Nebenan fischt die Kollegin Madeleine Sigrist im «Ressort Spass» Filme aus dem Internet und bemüht sich, «die Seite gut zu füllen». Und Chefredaktor Maurice Thiriet zeigt bei seiner «Blattkritik» wie frisch vom Marketing-Seminar, welches «Teaserbild» ihn «nicht wirklich reingezogen» habe.

In einer späteren Einstellung lobt Olaf Kunz, verantwortlich für «Native Advertising» bei «Watson», die gute Arbeit der Redaktion. Im Bereich «Native Ads» könne ihnen niemand das Wasser reichen. Die «Glaubwürdigkeit» gegenüber Werbekunden sei gross, da die gesponserten Beiträge als «Teil des Gesamtprogramms» wahrgenommen würden. Noch schreibt «Watson», wie en passant zu erfahren ist, keine schwarzen Zahlen und wird von AZ-Medien-Verleger Peter Wanner finanziert. Doch scheint die Nachfrage nach Formaten, welche die Grenzen zwischen Journalismus und Werbung gezielt verwischen, gross zu sein und das bisherige Angebot zu übersteigen.

Glaubwürdigkeit gegenüber wem?

Einen anderen Begriff von Glaubwürdigkeit finden wir beim «Echo der Zeit» von Radio SRF. Seit Jahr und Tag gibt es die Sendung parallel zu den gedruckten Zeitungen und der Medienwandel hat hier kaum Spuren hinterlassen. «Ich bin kein Meinungsmacher, meine Aufgabe ist es, ein Thema so zu vermitteln, dass sich der Hörer ein eigenes Bild machen kann», sagt Moderator Samuel Wyss im Film. In Umfragen wird «Echo der Zeit» von Hörerinnen und Hörern regelmässig eine sehr hohe Glaubwürdigkeit attestiert. Dies ist nicht zuletzt eine Folge der stabilen Finanzierung durch die Öffentlichkeit. Sollte die «NoBillag»-Initiative am 4. März angenommen werden, änderte sich die Situation dramatisch. Darauf weist Dieter Fahrer hin, allerdings erst im Nachspann.

Wie Phönix aus der Asche

Im zweiten Teil des Films gibt’s Hoffnung, in Form von «Project R», der Vorstufe zur mittlerweile gestarteten Online-Zeitung «Republik». Der Film begleitet die Gründer Constantin Seibt und Christof Moser zu ersten informellen Treffen mit ähnlich gesinnten Kolleginnen und Kollegen. «Ich glaube, Haltung ist eine der wichtigsten Waren, die man heute verkaufen kann... Alle möglichen Leute haben zwar diese und jene Parole, aber sie haben keine Haltung», sagt Seibt zur Intention seines Projekts. Die «Republik» hatte zu diesem Zeitpunkt erste zugesagte Gelder und stand vor ihrem schliesslich fulminant verlaufenen Crowdfunding.

Wie Dieter Fahrer den Auszug aus den Berner «Bund»-Büros im Gegenschnitt zum Einzug der «Republik» ins Zürcher Hotel «Rothaus» zeigt, ist zugegebenermassen polemisch. Aber es ist eine sinnige Polemik, da die beiden Vorgänge ursächlich miteinander verbunden sind. Beide sind Folgen des Abbaus der Publizistik bei «Tamedia», dem grössten privaten Medienhaus des Landes. Bei der «Republik» sehen wir Journalistinnen und Journalisten, die nicht länger auf dem sinkenden Schiff ausharren wollen, beim «Bund» den Vollzug der Management-Entscheide aus Zürich.

Das Sterben erfolgt in Raten

«Wenn eine Zeitung stirbt», sagt Constantin Seibt in Fahrers Film in einem Ausschnitt aus der «Deville Late-Night-Show», «dann spart man normalerweise vorher und alle arbeiten wie wahnsinnig und versuchen die Lücke zu füllen. Dann wird die Zeitung immer grauer und dünner und immer jämmerlicher. Und wenn sie dann stribt, dann haben alle das Gefühl, sie ist zurecht gestorben, weil sie schlecht war.»

Erodiert ist das bisherige Finanzierungsmodell der Tageszeitung zuerst durch Abwanderung der Kleininserate ins Internet, heisst es im Film. «Tamedia» habe das Geschäft durch Zukauf der entsprechenden Plattformen zwar ins Haus zurückgeholt, sei aber nicht bereit, Gewinne daraus wieder der Publizistik zur Verfügung zu stellen. Spätestens hier drängte sich ein Interview mit «Tamedia»-Verwaltungsratspräsident (und Mitinhaber) Pietro Supino auf, dessen Familie sich 2016 beispielsweise 34 Millionen Franken an Dividenden auszahlen liess. Leider fehlt dieses Interview im Film.

Der Film leistet viel, er kann nicht alles leisten

Auch andere Aspekte des Medienwandels kommen zu kurz oder nicht vor: Die Übernahme der ökonomisch angeschlagenen Zeitungen durch Christoph Blocher – ein Szenario, das über Basel hinaus nächstens Graubünden, Biel, Schaffhausen und anderen Regionen blühen könnte. Oder die Frage, was der Medienwandel, neben den Folgen auf die journalistische Arbeit, für Politik und Kultur bedeutet (eigentlich auch für Wirtschaft und Sport). Überhaupt die Frage, was es mit dieser «Vierten Gewalt» auf sich hat: Warum unabhängige Medien notwendig sind für das Funktionieren einer demokratischen Gesellschaft.

Ein Film kann nicht alles leisten. Dieter Fahrers Film leistet viel. Er zeigt die «Journis» als «Passagiere des Wandels» und – im Fall der «Republik» – auch als «Piloten», die versuchen den Steuerknüppel in die Hand zu bekommen.

Darüber hinaus zeigt der Film, wie fundamental sich die journalistische Praxis durch die Digitalisierung verändert und verändert hat. «Bund»-Redaktor Marc Lettau klagt, «wissen und googeln» sei dasselbe geworden. – «Bund»-Chefredaktor Patrick Feuz hält entgegen, dass die journalistische Qualität durch den Medienwandel gesteigert worden sei. Früher habe es gereicht, nach einer Pressekonferenz ins Büro zu gehen und aufzuschreiben, was an der Pressekonferenz gesagt wurde. Heute wüssten die Leute das Wesentliche schon, wenn der Journalist zu schreiben anfange. Das zwinge ihn, mehr zu sagen zu den Hintergründen. Das sei auch, was Qualitätsmedien ausmache. Und wofür es nächstens wieder eine Kundschaft gebe, die bereit sei zu zahlen.

Für «Watson» schliesslich ist das Internet eine grosse Fundgrube, in der es wühlen und die Funde frisch aufbereitet dem Internet wieder zur Verfügung stellen kann. So auch Aufnahmen von Webcams aus der ganzen Welt, in denen kaum etwas Aussergewöhnliches zu entdecken ist. Unbearbeiteter Alltag, der auch Dieter Fahrer fasziniert. Und den er zunehmend in den Film einfliessen lässt, vielleicht als Gegenbild zu den «Breaking News».

Gute Nacht

Fahrers Eltern bilden die Klammer für den Film. Sie dienen als persönlicher Zugang des Filmemachers zum Thema und sorgen für Emotionalisierung der womöglich etwas papierenen Sache. Damit überspannt der Filmemacher den Bogen nach meinem Geschmack an einer Stelle: Da, wo er seine mittlerweile hoch betagten Eltern ein Abendlied singen lässt vor dem (definitiven) Zu-Bett-Gehen. Die Szene ist fragil und berührend. Doch berührt mich hier die Vertrautheit der beiden Menschen, der Versuch, Würde und Zuneigung zu bewahren. Das hat mit Zeitungssterben nichts zu tun. Und auch der Schlenker zum Schluss, dass man jetzt nicht mehr wisse, wo die Todesinserate erscheinen sollten, wirkt aufgesetzt. Längst ist das Internet auch ein digitaler Friedhof mit entsprechenden kommerziellen Angeboten. Und gerne übernehmen boomende lokale Gratisanzeiger die bei älteren Menschen beliebte Rubrik.

Alles in allem hat Dieter Fahrer mit «Die Vierte Gewalt» einen wichtigen Beitrag zur Zeit geschaffen, einen bild- und zugkräftigen Film. Der uns Anlass sein kann über das Verschwinden von Öffentlichkeit in der Öffentlichkeit zu reden – über NoBillag hinaus.

*

«Die Vierte Gewalt» von Dieter Fahrer hat seine Premiere an den Solothurner Filmtagen und zwar am Samstag, 27. Januar um 18.00 Uhr im Landhaus sowie am Dienstag, 30. Januar um 17.45 Uhr in der Reithalle.

Der Kinostart erfolgt am 8. Februar.

In Bern findet bereits am Mittwoch, 7. Februar im cineClub eine Voraufführung mit dem Medienjournalisten Nick Lüthi statt. Sowie eine Parlamentariervorführung in Zusammenarbeit mit «Cinésuisse» und «Bern für den Film» am Dienstag, 27. Februar ebenfalls im cineClub mit Nationalrat Matthias Aebischer.

*

Zur Transparenz: Guy Krneta wurde während der Produktion des Films «Die Vierte Gewalt» von Dieter Fahrer kontaktiert. Es bestand der Plan, Teile seines Theaterstücks «In Formation» (Zürcher Schauspielhaus, 2016/2017) in den Film zu integrieren. Dieser Plan wurde später fallen gelassen. Stattdessen erscheint die komplette Aufzeichnung von Krnetas Stücks nun als «Bonus-DVD» zu Fahrers Film.

07.12.2017 | 08:37
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Es ist nicht etwa so, dass mich Katalonien nicht weiter beschäftigen würde. Wie so oft in diesem Jahr in diesem Blog.

Aber liesse ich mich hier beispielsweise über die spanische Justiz aus, die ja doch ziemlich unbeholfen vorzugehen scheint, wer würde dann vermelden, dass an den Kastanienbäumen auf der Münsterplattform kein Blatt mehr übrig bleibt? Wer würde den hölzernen Reitpferden gedenken, die jetzt verlassen und frierend dort neben dem Sandkasten stehen, wo auch nur noch ein paar rote und gelbe Plastikspielsachen an vergnügte Kinder erinnern? Und wer erwähnte die verlorene Taube unter einem der leeren Bänke? Wer die eingenebelte Sonne, die sich wie ein weisser Leuchtknopf am Himmel versteckt?

Und wenn ich hier wiederum nur davon berichten würde, wie viele Politiker und Politikerinnen in Katalonien eigenartigerweise weiterhin nicht den Mund aufmachen können, ohne allem, was sie sagen, paradoxerweise auch noch drei oder viermal das Wort «demokratisch» beizumischen wie Essig und Öl an den Salat, wer würde dann unserer Aare die Beachtung schenken, die sie verdient? Wer würde den stolzen Schwan erwähnen, der aufrecht vor der Englischen Anlage dümpelt, als würde er die wieder aufgenommenen Aushubarbeiten vor den Schwellen überwachen? Immerhin geht es hier um die Ablagerungen des Jahres und die stammen nicht einfach so von irgendwo. Was hier ausgebaggert wird, das wurde von Eiger, Mönch und Jungfrau, von der Blüemlisalp, vom Niesen und der Grimsel herunter angeschwemmt! Immerhin!

Wiederum hat sich nämlich eine riesige Insel gebildet, auf welcher die gelben Maschinen rumsurren und dieses Geröll schon mal für den Abtransport ins neue Jahr aufhäufen.

Noch rauscht sie leicht, die abgemagerte Aare, und wenn man die Ohren spitzt, hört man auch noch das Gerassel der Ketten, mit welchem bis vor kurzem die rostigen alten Ungetüme von knatternden und ratternden Baggern ihre geleerten Schaufeln zurück ins Wasser haben sausen lassen.

Und wenn ich hier weiter nur gegen einen doch uneuropäischen und undemokratischen katalanischen Wohlstandsseparatismus anschreiben würde, wer nähme sich dann die Mühe, zu vermelden, dass unsere Bären jetzt schlafen? Wie es weiter oben beim alten Tramdepot dreisprachig auf einer Tafel steht. «L’ourse Ursina hiverne dans une tanière dans le parc».

Und wer würde berichten, dass schon kurz nach der Untertorbrücke die Biber einen weiteren stattlichen Baum zu Fall gebracht haben, der jetzt bis zu der Krone in der Aare liegt? Auch die dort mit den Bären im Winterschlaf träumenden Weidlinge der Wasserfahrer müssen doch erwähnt werden. Ebenso die Krähe, die im seichten Wasser rumstolzierend und aufbegehrend etwas sehr Undurchsichtiges treibt. Und unbedingt, dass zwei Entenpaare, der Kälte zum Trotz, den Altenbergsteg mindestens so vergnügt und mindestens so synchron unterqueren wie die ranken Aareschwimmerinnen im Sommer.

Und wenn ich mich immer weiter nur mit diesem so demokratischen Katalonien rumschlagen würde, wer würde dann die Schafe erwähnen, denen man beim Weitergehen unweigerlich begegnet? Und die schöne, graue Tirolerkuh, die sich zwischen der alten Brauerei Gasser und dem Lorrainebad durch die Jahre frisst, hat sie nicht mindestens das gleiche demokratische Recht wie das arme undemokratisch unterdrückte Katalonien, einmal in einem Blog im Journal B erwähnt zu werden?
Doch! muss man da sagen. Doch! Dieses Recht muss man dieser gediegenen Stadtkuh einfach einmal zugestehen.

Und was hat Henry Rousseau damit zu tun?

Ginge man noch weiter, der hier schon fast schlafenden Aare entlang, käme man zwar auch noch bei ein paar im Dreck grunzenden Schweinen vorbei, unweigerlich aber auch zu unserer im Sommer so herrlich tosenden, jetzt aber still auf die nächste Schneeschmelze wartenden Stauwehr. Und eine ebensolche hat der «Douanier» wie Henry Rousseau auch genannt wird, so wunderbar gemalt, es könnte wirklich grad die unsere sein.

Dazu kommt - das muss auch noch gesagt sein - dass es sich jederzeit lohnt, besonders aber in der zur Melancholie verleitenden vorweihnächtlichen Zeit, in aller Ruhe ein paar Bilder von diesem Rousseau zu betrachten.

Sie bergen allesamt ein Geheimnis, das sich am ehesten an den malerischen Details erahnen lässt. Diese unglaubliche Liebe zur Kunst! Dieser Fleiss! Diese grenzenlose Geduld! Sie sind Ausdruck des unverkennbaren Bedürfnisses, etwas Schönes, etwas Wahres, etwas Wertvolles zu schaffen. Rousseau meint es immer Ernst! Und um dieses Ziel zu erreichen, war diesem sehr edlen Monsieur kein Opfer zu klein.

In diesem Sinne schon jetzt die allerbesten Wünsche für die kommenden Festtage und für das neue Jahr.

23.11.2017 | 22:03
 (photo: )

J’ai chaud.
Ma chemise blanche me serre.
J’ai grossi depuis ce congé-maladie forcé.Quand j’étais garde-frontière, je bougeais davantage. Je mangeais certes pas mal de sandwiches mais je bougeais davantage.


Je me demande à quelle heure le Président va interrompre l’audience.
On ne va quand même pas demander cinquante fois à la Syrienne si elle avait mal, si elle saignait, à quelle heure exactement elle a perdu les eaux, et si son vagin avait commencé à se dilater.
Un peu de respect pour la pudeur de cette femme quand même.
Bien sûr qu’elle avait mal, bien sûr qu’elle saignait, bien sûr qu’elle avait perdu les eaux.
Et c’est à peu près certain que son vagin s’était dilaté.
Je connais la question. Ma femme aussi elle est passée par là.  A deux reprises même. Une fois pour Ryan, et une fois pour Melissa.
Sauf que ma femme, elle est du Toggenburg, elle n’est pas d’Alep.
Et puis ma femme je l’aime, tandis que la Syrienne je ne l’aime pas, ou en tout cas j’ai ordre de n’avoir aucune empathie à son égard.  C’est une migrante, pas une femme sur le point de donner la vie.
Alors une migrante qui a mal, qui saigne, qui a perdu les eaux et dont le vagin s’est dilaté, tu ne la regardes pas, ou si tu la regardes, c’est comme une bête, comme une chienne, comme une moins-que-rien que tu vas te dépêcher de fourguer aux collègues de Domodossola pour qu’ils  s’en occupent, et surtout pour que son petit naisse chez eux et pas chez nous.
Non pas qu’ont ait le droit du sol en Suisse, mais si une de ces migrantes fait son petit chez nous, elle va vouloir l’allaiter et le lécher et Dieu sait quoi encore, et ce sera encore une excuse pour traîner chez nous.

Ouf, le Président a suspendu l’audience jusqu’à demain.
Je vais pouvoir rentrer chez moi
J’ai hâte de retrouver ma femme et mes enfants.
Dans ces moments, avoir le soutien de sa famille, c’est important.


09.11.2017 | 08:53
Maruja Mallo: El racimo de uva (Die Traube) (photo: )

Ergibt sich in einer sehr vielschichtigen historischen Entwicklung ein Interessenkonflikt zwischen zwei oder mehreren Parteien, kann es vorkommen, dass sich eine Partei aus Mangel an überzeugenden Argumenten darauf versteift, den eigenen Interessen zuwiderlaufende Fakten aus der Diskussion zu verbannen. Da lese ich in einer Zeitung zum Beispiel, was einem gewissen Monsieur nachgesagt wird: Der Monsieur habe «die unheimliche Fähigkeit, offenkundige Tatsachen in Abrede zu stellen». Trotzdem schaffte es dieser Monsieur, in eines der bekanntesten Häuser in Washington einzuziehen. Ein Grund, warum er dies geschafft hat, liegt darin, dass dieser Monsieur zwar die Lüge zur Tugend erhob und allen das Blaue vom Himmel herab versprach, aber die Emotionen, die er damit weckte, waren für viele absolut echt und real und offensichtlich beliebter als trockene Tatsachen. Und wer meint, Träume und Hoffnungen seien ohne Bedeutung, bloss weil sie sich auf Unwahrheiten stützen und sich nicht erfüllen lassen, kann nicht nur in den USA, sondern auch in England und in Katalonien erkennen, dass dem nicht so ist. Vermutlich gilt es, sich von der Vorstellung eines öffentlichen Ringens um Vernunft und Wahrheit zu verabschieden. Die Emotion, genauer gesagt, das Gefühl, wie marginal auch immer, selbst irgendwie impliziert, betroffen und dadurch Partei zu sein, überstrahlt und negiert die pickelfestesten Fakten. Kommt noch die Aussicht dazu, möglicherweise das identitäre Selbstwertgefühl zu steigern, ist der Zug abgefahren und die Meinung gemacht.
Zu diesem Schluss komme ich unter anderem auf Grund meiner Gespräche mit katalanischen Nachbarn, die ich während meines  langen Sommers in Spanien geführt habe. So vermessen wie das auch klingen mag, wann immer ich versuchte, sie in ein Gespräch zu verwickeln, bemerkte ich, dass die meisten fast nichts wussten oder meinten, mir Neuigkeiten überbringen zu müssen, von welchen ich schon Tage zuvor gelesen hatte. Auf die Frage, warum sie eigentlich für die Unabhängigkeit sei, antwortete mir einmal eine Bekannte: Weil sie schon immer dafür gewesen sei! Die Antwort fiel nicht etwa so kurz und so knapp aus, weil sie meinte, für mich würde das reichen. Nein, ich hatte nachgehakt und weiss es genau: Da war nicht mehr! Sie strahlte und lachte, denn ihr reichte das vollkommen. Sie wusste auf welche Seite sie gehörte.
Bei einem andern katalanischen Nachbarn, mit welchem ich fast täglich ein paar Worte wechselte, fiel mir plötzlich auf, dass er eigentlich über die dramatischen Entwicklungen sprach, als wäre es ein Fussballspiel. Als grosser Fan des FC Barcelona hatte er schon manchen Triumph feiern können und war überzeugt, dass sich der Präsident seiner Regionalregierung plötzlich als Lionel Messi der Politik entpuppen und aus dem unmöglichsten Winkel das vermeintlich unmögliche Siegestor schiessen würde. Und sollte mein Nachbar aus nächster Nähe selbst gesehen haben, dass dieses Siegestor aus einer zweifelsfreien Abseitssituation geschossen wurde, würde er wütend werden und absolut parteiisch über seinem Kopf mit den Fäusten fuchteln und das Gegenteil behaupten. Wie das im Fussball ja gang und gäbe ist.
Was es aber bei diesem Spiel wirklich zu gewinnen oder zu verlieren gibt, darüber schien er nie nachgedacht zu haben. Musste er auch nicht. Denn man kann Argumente so verkürzen, dass am Schluss nur noch eine Fahne oder eben, Farben übrig bleiben. Farben, zu denen man sich bekennt, die auf Zugehörigkeit verweisen und die damit alles sagen, weil es mehr nicht zu sagen gibt. Wie beim Fussball. Hier ist die eigene Mannschaft und dort der Gegner!
Sicher ist deshalb, dass man das bunte Wehen der katalanischen Fahnen weder verharmlosen noch romantisieren sollte. Die Fahnen sind vielleicht ein Geschenk für Pressefotografen und Fernsehjournalistinnen, aber sie sind ganz bestimmt nicht Ausdruck eines «fröhlichen Patriotismus» wie im «Spiegel» jemand mit einem grossen Namen meinte schreiben zu müssen. Vielmehr ist die Fahne die geistige Verkürzung schlechthin und kommt besonders jenen entgegen, die eigentlich keine Ahnung haben, worum es geht. Schlimmer ist nur noch der Holzhammer. Wer sich seine Sympathien für solche populistischen Auswüchse nicht verkneifen kann, dem sei ans Herz gelegt, sich einen Bundesplatz in Bern mit Tausenden in Schweizerfahnen gehüllten Jugendlichen vorzustellen.
Wem da nicht graust!
Und was hat Maruja Mallo damit zu tun?
Ich begegnete dieser spanischen Malerin in einer grossen Bildreportage in «El Pais». Maruja Mallo hiess eigentlich Ana María Gómez González, wurde 1902 in Galicien geboren, führte ein ziemlich spektakuläres Leben und starb1995 in Madrid, nachdem sie auf verschiedenen Kontinenten so ziemlich alles getan hatte, was Frauen damals nicht hätten tun dürfen.
Das Bild der Traube stach mir sofort ins Auge. Aha, dachte ich, ein weiterer Beweis, dass entgegen der katalanischen Propaganda, aus Spanien auch Gutes und Schönes kommen kann.

13.10.2017 | 14:04
 (photo: )

D Martina u dr Ruedi hei nid viu Fründe. Werum o? Si hei sich. U si sy sich säuber gnue. Beidi schaffe viu. Ching hei si nid. Het sech so ergä. Hätt sech o angers chönnen ergä. – Si heig sech drmit abgfunge, seit d Martina. – U o dr Ruedi seit, ihm fääu eigentlech nüt. Ab und zue dänk’r scho, chly e grössere Fründeskreis wär no schön. Aber was söu’s?

Si heig prueflech viu mit Lüt z tüe, seit d Martina. U mit viune vo dene wett si itz privat nid o no müesse z tüe ha. – U dr Ruedi seit, i däm Nöibougebiet, wo si wohni, läbi d Lüt ender so wi si: zrüggzoge. En Usnahm syge vilech Ismailjs. Mit ihm, em Ismailj, tüeg’r gärn ab und zue es Wort wächsle. Wen ihm dä vrzeu, win’r itz grad syg zrüggcho usem Gosovo, nach sächs Wuche, grossi Familie, zwo Hochzyte vo zwene Neffe, hunderti vo Gescht.

Das müessi ruuschendi Fescht sy, wo die fyri i däm Gosovo, seit dr Ruedi. U de dänk’r aube, dass’r das eigentlech o no mau wett erläbe. Sone Hochzyt i däm Gosovo. – Aber me chönn sech ja nid säuber zure Hochzyt i Gosovo ylade, seit ihm de d Martina. – U är seit ihren aber: Wart itz mau. I kenne dr Ismailj.

Wüu es syg scho so: Nächschts Jahr fyri är u d Martina ihri Siubrigi. U da heig’r sech scho überleit, win’r das söu aagah. Im Vrglych zu däm, wo dr Ismailj aube vrzeu, syg syni Hochzyt mit dr Martina doch en ender troschtlosi Aaglägeheit gsi. U vilech, heig’r tänkt, chönnt me das mit ere Siubrigen im Gosovo korrigiere.

Drum heig’r dr Ismailj druf aagschproche, seit dr Ruedi, wi itz das wär. We men aus öper, wo nid usem Gosovo chömm, sone Hochzyt oder besser Siubrigi Hochzyt im Gosovo würd dürefüere. Dr Ismailj syg Füür u Flamme gsi. – Är ungerschtütz ne, är übernäm das, organisier ihm di Hochzyt. U de heig’r ihm grad vrzeut vo zwene Cousins, wo dr eint drvo würd ds Catering übernäh u dr anger ds Hotel zur Vrfüegig schteue, für d Gescht us dr Schwyz. – Auso mit Gescht us dr Schwyz rächni är eigentlech nid. Aber är hoff natürlech uf Gescht usem Gosovo. – Kes Problem, heig ihm dr Ismailj gseit, är organisier ihm o d Gescht. U de heig’r dr Ismaij gfragt, öb’r ihm vilech chönnt en Offerte mache. U dä heig gseit, ja klar.

Das syg es Fescht gsi, seit dr Ruedi. So öpis heig är i sym Läbe no nie erläbt. Hunderti vo Lüt. U kultivierti Lüt. Nid eifach es Besüfnis wi bi üs. U guets Ässe. – U d Martina seit: Das heig sech über Tage härezoge, di Hochzyt. Auso Siubrigi Hochzyt. So heig si dr Ruedi no gar nie erläbt wi i däm Gosovo. Da syg ufblüejt.

U dr Ruedi seit: En Offerte vom Ismailj heig’r zwar nie übercho. Am Schluss aber, wo aui Rächnige syge zaut gsi, heig är müesse säge. Sones ruuschends Fescht im Gosovo, mit Catering u Hotel u hunderte vo Gescht. Das choscht itz o nid meh aus we me bi üs vilech z zähte höch mitenang ir Peiz göng ga Znacht ässe. U z zähte höch mitenang Znacht ässen ir Peiz, syg ja no lang kes ruuschends Fescht. Das meini nume Schwyzer, wo no nie im Gosovo gfyret heige.