Aare
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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
Aare
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05.03.2021 | 12:04
Bild: Giovanni Bellini, Portrait des Dogen Leonardo Loredan.National Gallery London.

Es war noch in den sehr winterlichen Februartagen, dass ich es auf einem Spaziergang zur Stauwehr genoss, doch tatsächlich wieder mal den Geruch nach Stall und Mist in der Nase zu haben.

Als befände ich mich in Hinterschwendi im Emmental und nicht mitten unter anderen Spazierenden mit ihren in Mäntelchen gehüllten Hunden unter einem mehrspurigen Eisenbahnviadukt mitten in der Stadt. Es roch nach dem Grauvieh – gemäss eines Infoblattes Basil und Brundt mit Namen - das dort hinter dem Areal der ehemaligen Brauerei Gasser manchmal beim Weidegang zu sehen ist. Gleich nach dem Lorrainebad begegnete ich dann drei jungen Damen, die gerade in Badeanzügen aus der eisigen, grauen Aare stiegen. Eine von ihnen hatte schon zu einem Tuch gegriffen und trocknete sich damit die Haare, als ich sie sagen hörte: It’s just the first minute! After that it’s great! Ich fand das eine ziemlich unverfrorene Behauptung und zwar im wahrsten Sinne des Wortes!

Aber es passiert immer wieder: Man kann es sich kaum erklären. Anstatt blau erstarrt, fröstelnd und zerknirscht, wenn nicht sich sogar schüttelnd vor Kälte, steigen sie putzmunter und lachend, sogar strahlend ans Ufer.

Für normale Menschen ist die Aare zwar noch weit davon entfernt, in vertretbarem Rahmen geniessbar zu sein, aber mittlerweile tragen die meisten Hunde keine Mäntelchen mehr und die Schritte ihrer Herrchen und Frauchen haben sich wieder verlangsamt. Auf der Münsterplattform kann man sich sogar an die Sonne setzen und dem Rauschen der Aare und dem angenehmen Pegel der Gespräche lauschen. Man kann wieder hören, wie munter geredet und erzählt und gelacht wird und wie die zusammenprallenden Kugeln der aus dem Winterschlaf erwachten Boule- oder Pétancspieler die schwirrenden Stimmen punktieren. Man kann sich sogar der Gewissheit hingeben, dass der Frühlingauch in diesem Jahr nicht ausbleiben wird.

Sollte man aber auch noch in einer Zeitung blättern, kann es passieren, dass man bei einem Bild erschrickt. Es ist das Bild eines jungen Mannes, dessen eigenartig vom Gewicht der Welt unberührten Züge einen ziemlich kalt lassen könnten, wäre er nicht einer der reichsten und mächtigsten Menschen aller Zeiten.

Und was hat Giovanni Bellini damit zu tun? Der vom grossen Bellini verewigte venezianische Doge Leonardo Loredan war zweifellos auch einer der mächtigsten Männer seiner Zeit, aber er schaut doch etwas vertrauenswürdiger und weniger entrückt in die Welt hinaus als der ihm sonst sehr ähnlich sehende Herr Zuckerberg.