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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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18.10.2019 | 23:02
Bild: Oriol Maspons

Jetzt ist er also da, der heisse Herbst in Katalonien. Sein Einfluss auf die spanischen Wahlen wird gigantisch sein. Die Erfahrung lehrt….
Könnte gut sein, dass sich die progressiven Kräfte die Haare noch einzeln ausreissen werden, sollten sie die Mehrheit, die sie jetzt gehabt hätten, verlieren. Die im ganzen Land ununterbrochen ausgestrahlten Bilder von brennenden Strassen und von Steine werfenden Vermummten spielen den falschen in die Hand.
Bei allem Verständnis für die Ursachen des Konfliktes, kann man als Aussenseiter nicht aufhören, den Kopf zu schütteln. Die alten Zweifel am erhofften Segen der Unabhängigkeit bleiben bestehen und die schon jetzt gigantischen Widersprüche wachsen in den Himmel. Als wäre das Land im Krieg. Dabei ist Kataloniens Exportwirtschaft zu 80% von Spanien abhängig.
Persönlich kann ich den «newspeak» nicht mehr hören. Obschon sie das Wort total pervertiert haben, können die führenden Politiker und Politikerinnen der Unabhängigkeitsbewegung keinen kurzen Satz mehr sagen, ohne mindestens zweimal «democratic» dranzuhängen. Und alle reden immer wie selbstverständlich vom «Volk», dabei hatten sie von diesem Volk noch nie  eine bewiesene Mehrheit hinter sich. Einem nicht separatistischen Bürger muss das sehr schief vorkommen.
Einmal mehr erweist es sich auch, dass im Niemandsland der Illegalität nicht gut sein ist. Dort ist niemand wirklich zuhause, ausser vielleicht das Monster der Gewalt. Man vergisst leicht, dass die Zivilisation nicht durch Gesetze möglich wurde, sondern durch ihr Einhalten. Sicher: Wo es Gesetze gibt, gibt es auch gute und schlechte Gesetze, deshalb kann ziviler Ungehorsam durchaus eine für die Gesellschaft gewinnbringende Funktion haben. Aber wenn die Regierung eines Landes oder einer Region, also die Gesetzgeber selbst zum zivilen Ungehorsam aufrufen, dann wird es glitschig. Das kann ins Auge gehen. Die Geister, die man hier ruft, können sich bekanntlich leicht gegen einen selbst drehen. Aber in Katalonien ist sich Präsident Torra seiner Rolle als Zauberlehrling nicht bewusst.
 
Und was hat Oriol Maspons damit zu tun?

Er heisst nicht nur wie der populäre, zu 13 Jahren Gefängnis verurteilte ehemalige Vizepräsident Oriol Junqueras, er war selbst auch Katalane. Trotzdem fällt es einem schwer, in seinen grossartigen Bildern Katalonien als eine von Spanien unterscheidbare Kultur zu sehen. Natürlich ist er in Paris bei Cartier Bresson und anderen Grossmeistern der Fotografie in den Fünfzigerjahren durch eine internationale Schule gegangen, aber auch so, wer es nicht weiss, könnte ihn für einen nichtkatalanischen Spanier halten. Sicher ist, Maspons war offensichtlich einer jener Fotografen mit einem direkten Draht zum Lieben Gott, der ihnen ganz genau sagte, wann sie auf den Auslöser zu drücken hatten. Dass dieser Liebe Gott beim Bild der beiden Hunde die gegenwärtigen Ausschreitungen vorausgesehen hätte, ist nicht anzunehmen.