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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
Aare
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07.12.2018 | 10:51

Zuerst einmal ist es eine ungeheure Erleichterung: da geht in einem grossen europäischen Land der einheimische untere Mittelstand auf die Strasse und protestiert und tut das für einmal nicht gegen die Ausländer und in nationalistischen Tönen, sondern der Protest geht dorthin, wo er hin soll: gegen die Mächtigen, diejenigen, die mit ihren politischen Entscheiden dafür verantwortlich sind, dass es ihnen, den Menschen, die auf die Strasse gegangen sind, so dreckig geht. Dass Macron es nicht -  oder jedenfalls nicht in diesem Mass -  verdient hat, zur Symbol- und Hassfigur einer Elite zu werden, die sich um die Interessen der Benachteiligten foutiert, ist dabei nur ein kleiner Schönheitsfehler. Viel schwerer wiegt, dass die Gilet Jaunes zwar klassische linke Anliegen auf die Strasse tragen, von der Linken aber nichts zu hören ist. Wer sich einmischt ist dafür Marine Le Pen, die sich als „Gilet jaune“ der ersten Stunde bezeichnet und sich also Chancen ausrechnet, die Kraft dieses Protestes auf ihre Mühlen zu lenken. Nach der Erleichterung könnte der Schrecken folgen, dass auch dieses Volk sich gegen rechts wendet.
Die Gilets dieser Bewegung sind nicht rot und sind nicht braun, sie sind gelb, haben also keine politische, sondern eine Warnfarbe. Das ist ja auch der ursprüngliche Zweck dieser Gilets: sie sind obligatorisch in jedem französischen Auto dabei und werden bei einem Unfall angezogen, um eben darauf hinzuweisen und zu warnen: Achtung, hier hat sich ein Unfall ereignet.
Und dass bei so vielen Franzosen und auch andern Bewohnern Europas das Geld so knapp geworden ist, dass sie nicht den Klimawandel und ein mögliches Ende Welt, sondern das Ende des Monats fürchten müssen, das ist tatsächlich ein Unfall, zu dem gehört, dass er nicht einfach passiert ist, sondern verursacht wurde – durch Politik. Die wirtschaftliche Produktivität und der gesamtgesellschaftliche Reichtum sind in den letzten Jahrzehnten stets gestiegen, gleichzeitig wurde die Verteilung immer ungleicher. Das ist der Unfall, auf den die Gilet Jaunes hinweisen. Und wir können nur hoffen, dass sie auch weiterhin gegen die Politik demonstrieren, die diesen Unfall verursacht hat und noch immer verursacht.