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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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02.10.2018 | 11:55
Markus Gabriel, Philosoph

Spielt Philosophie für das Leben eine Rolle, hat sie Einfluss auf unser Handeln?  Sogar für die Beantwortung ethischer Fragen, so vermute ich, hat die Philosophie kaum ein Gewicht. Wer wird schon durch die Lektüre philosophischer Texte zum Vegetarier?

Noch viel weiter von der Wirklichkeit praktischen Handelns scheint die Frage entfernt, ob die Welt letztlich nur aus Materie besteht, und sich alles, was existiert, mit Hilfe von Physik erklären lässt. Nun gibt es ziemlich viele Leute - und an den Universitäten sind sie vielleicht sogar in der Mehrheit - die davon überzeugt sind, es gebe in der Welt letztlich nichts als Materie und Physik. Im philosophischen Fachjargon gesprochen heissen diese Leute übrigens Naturalisten. Selbstverständlich gibt es im akademischen Diskurs auch die Gegenposition. So beispielsweise beim amerikanischen Philosophen Thomas Nagel mit seinem Buch Geist und Kosmos, das folgenden langen Untertitel trägt: Warum die materialistische, neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist.

Im deutschen Sprachraum ist Markus Gabriel nicht nur der jüngste Philosophieprofessor, sondern auch die prominenteste Stimme derjenigen, die die Physik als Welterklärungsformel in ihre Schranken weisen wollen. Für ihn erklärt die Physik gar nichts mehr, sobald es um den menschlichen Geist und seine Erzeugnisse (Gedichte, Staaten, Gerichtsurteile) geht. Um etwas über den Menschen zu erfahren, sollten wir seiner Meinung nach nicht unbedingt nur Romane, sondern auch die neusten Fernsehserien wie zum Beispiel Westworld anschauen.

Soweit so gut, könnte man sagen. Sollen die Philosophen und wer dazu Lust hat, sich um die Philosophie kümmern, und die anderen schauen sich direkt Westworld an, und am Ende des Tages sind das einfach zwei verschiedene Sorten von Freizeitbetätigung. Oder ist diese Sicht zu einfach und vielleicht sogar grundsätzlich falsch?
Der Philosoph Markus Gabriel gibt hierauf eine irritierend eindeutige Antwort.  Er hat ein Video einer Japanreise auf Youtube gestellt, und im Gespräch mit, wie ich annehme, japanischen Philosophiestudenten sagt er dort Folgendes (auf Englisch natürlich):  „Der Naturalismus ist das Problem des 21. Jahrhunderts, nicht Terrorismus. Und ich denke, dass viele Leute in Regierungs- und Verwaltungspositionen Naturlisten sind. Aber der Naturalismus ist pure Ideologie. Naturalismus ist so gefährlich wie der Klimawandel. Ich denke, er ist die grösste intellektuelle Krankheit unserer Zeit.“
Wir müssen davon ausgehen, dass der Klimawandel eine Bedrohung für unsere Zivilisation bedeutet. Denkt Gabriel also, der Naturalismus sei eine Bedrohung für unsere Zivilisation?  Aber wie kommt er zu einer solchen Meinung? Kommt es daher, dass der Philosoph, das, was ihm am liebsten ist, das Philosophieren nämlich, masslos überschätzt und ihm deshalb in selbstherrlich, selbstverliebter Weise eine Bedeutung zuspricht, die es niemals hat?

Oder hat der brillante Philosoph da einfach über die Länge von  ein paar Sätzen hinweg die Zügel schiessen lassen, angeheizt von irgend einem japanischen Schnaps oder Tintenfischgericht? Oder habe ich ihn missverstanden, meint er es gar nicht so drastisch? Oder aber - und das ist für mich die beunruhigendste Deutung - bin ich blind für die Gefahr, die von Menschen ausgeht, die denken, es gebe im Grunde nur Materie und Physik?

Und wer gibt mir die Antwort auf diese Fragen? Ich versuche es einmal mit einer Email an Markus Gabriel und gebe, falls ich vom vielbeschäftigten Professor eine Auskunft erhalte, hier wieder Bericht.