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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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08.09.2018 | 14:13

Willi Schmid, langjähriger Lektor des Zytglogge Verlags, Träger des Berner Sisyphus-Preises und Mitgründer der Solothurner Literaturtage, wird am 8. September neunzig.

Zu diesem Anlass haben Anina und Ursina Barandun, zusammen mit Bernhard Schlup (Gestaltung), ein Buch herausgegeben: Originaltexte, frisch geschrieben für Willi Schmid, als Privatdruck, den er anstelle eines grossen Festes ausgehändigt bekommt. Das Buch enthält Texte u.a. von Maja Beutler, Peter Bichsel, Beat Brechbühl, Ernst Burren, Yla Margrit von Dach, Urs Frauchiger, Gret Haller, Franz Hohler, Helmut Hubacher, Peter von Matt, E.Y. Meyer, Francesco Micieli und Markus Michel.

Willi Schmid war Chemiker, in leitender Position, als er seine sichere Existenz aufgab und Lektor beim kleinen Zytglogge Verlag wurde. Er prägte die Schweizer Literatur in den folgenden Jahrzehnten massgeblich. Er entdeckte und förderte unter anderem Gerhard Meier und war mit etlichen Autorinnen und Autoren eng verbunden, selbst wenn deren Bücher gar nicht im Zytglogge Verlag erschienen. Willi Schmid war eine Instanz, als Freund, Leser, Förderer. Nach seiner Pensionierung als Lektor wurde er Bio-Winzer am Mont Vully, oberhalb von Vallamand.

In seinem Beitrag schreibt Peter Bichsel: «Irgendwie hast Du der Schweiz das Lesen beigebracht und Deinen Autoren das Schreiben. Und dies nicht als Literaturpapst oder wortgewaltiger Kritiker, sondern als Mentor, als geduldiger Begleiter und stiller Geniesser. Du hast mit der Literatur Dich selbst gerettet und uns alle auch».

Das erwähnte Buch ist in einer Auflage von 70 Stück erschienen und kann nicht käuflich erworben werden. Journal B veröffentlicht hier die Beiträge von Guy Krneta und Samuel Moser.

 

Guy Krneta / Der Hintertriebene

Wenn ich jemandem erkläre, was den Beruf des Lektors ausmacht, erzähle ich von Willi Schmid. Ich weiss natürlich, dass Willi Schmid nicht der Prototyp des Lektors ist. Dass er eher die seltene Ausnahme, der Ideal-Lektor ist, den es eigentlich nur in der Erzählung gibt. Und ehrlicherweise muss ich sagen, dass ich Willis Tätigkeit auch nur aus der Erzählung kenne. Es ist nie dazu gekommen, dass wir zusammen an einem Buch gearbeitet haben. Ich habe mir immer gewünscht, dass es dazu käme. Weil Willi, wie ich mir vorstelle, der Lektor wäre, den ich mir wünschen würde. Ich hätte gerne für und mit Willi ein Buch geschrieben. Da ich von Kolleginnen und Kollegen weiss, die das zu ihrem Glück getan haben. Und die dank Willi Bücher geschrieben haben, die es ohne ihn, seine Aufmerksamkeit, seine Neugier und Kritik nie geben würde.

Wenn ich erkläre, was den Beruf des Lektors ausmacht, sage ich: Willi Schmid hat mit seinen Autorinnen und Autoren gearbeitet, bevor die überhaupt wussten, dass er mit ihnen an einem Buch arbeitet. Er ging mit ihnen spazieren, hat sich mit ihnen unterhalten, ihre frisch geschriebenen Texte gelesen und ihnen vielleicht gezeigt, wie daraus ein Buch werden könnte. Wenn das Buch dann fertig war, ging er damit zum Verlag. Und meistens, nehme ich an, hat der Verlag das Buch in dieser Form übernommen. Ein Lektorat war ja kaum mehr nötig.

Was mich an dieser Arbeitsform immer fasziniert hat, ist das leicht Hintertriebene. Ich weiss nicht, wann Willi all die Bücher lektoriert hat, von denen sein Verlag und sogar seine Autorinnen und Autoren noch gar nichts ahnten. Er muss eine grosse Narrenfreiheit besessen haben, die heute in vielen Verlagen, in der Literaturszene überhaupt oft fehlt. Weil angeblich das Geld fehlt zum gemeinsamen Spazieren, Sich-Unterhalten und ziellos Lesen. Vielleicht hat es ja schon damals gefehlt. Und Willi hintertrieb seinen Verlag, seine Autorinnen und Autoren nachts, am Wochenende, unbezahlterweise womöglich.

So stelle ich mir das vor. Und ich erzähle es allen, die Willi nicht kennen, die nie mit ihm zu tun hatten, nie mit ihm an einem Buch gearbeitet haben, in der Hoffnung, dass sein Vorbild des Hintertreibens weiter wirkt.

Guy Krneta ist nach seiner allerersten Lesung beim Offenen Block an den Solothurner Literaturtagen 1988 von Willi Schmid angesprochen worden und hält sich seither für mit ihm befreundet.

 

Samuel Moser / Traumberuf Willi

Es stimmt nicht, dass früher in allen Büchern auf der Rückseite des Titelblattes oder zuhinterst irgendwo stand: «Lektorat Soundso». Ich habe nachgeschaut. Aber in meiner Erinnerung ist es so. Und dann stimmt es sicher auch nicht, dass «Soundso» immer Willi Schmid war. Dass Willi Schmid alle Bücher, die ich las, lektoriert hat. Willi möchte ich diese Herkulesarbeit auch gar nicht zugemutet haben – den Büchern dagegen eigentlich schon.

Es ist nicht so gewesen, aber es muss so gewesen sein.

Ich kenne selbstverständlich andere Lektoren. Oder ich kannte andere, denn heute gibt es sie ja kaum noch. Jedenfalls nicht solche, wie Willi einer war. Wie Willi einer ist. Willi wurde mir zum Inbegriff des Lektors. «Lektor» und «Willi» sind zwei Bezeichnungen für ein und dasselbe. Nicht deckungsgleich zwar, denn ich wünschte und wünsche mir überhaupt nicht, dass der eine im andern aufginge und verschwände. Aber im Kern sind sie eines.

Früher oder wohl doch ein bisschen später, als ich ein zweites Mal lesen lernte und nicht mehr Polizist, Lokomotiv- oder Kranführer werden wollte, wollte ich Lektor werden. Nicht Autor und nicht Verleger. Und Kritiker schon gar nicht. Weshalb kann ich post festum nur spekulieren. Ich glaube ja nicht, dass ich damals so dachte wie heute. Möglicherweise erfinde ich jetzt die Gründe, und sie haben damals wie heute, sicher jedenfalls heute, wenig mit dem tatsächlichen Beruf eines Lektors zu tun.

Immerhin lassen die Gründe von heute mich immer noch träumen.

Trotz der Lehre vom «Tod des Autors», von der ich mittlerweile nicht mehr so überzeugt bin oder nicht mehr auf diese Art überzeugt bin, wie ich es einmal war, glaube ich, dass ich Lektor werden wollte, um dem Autor nahe zu sein. Dem Autor als Autor. Dem Autor und seinem Text im Augenblick, wo er noch sein Text ist. Und doch schon nicht mehr nur sein Text. Dieser Augenblick scheint mir aufregend. Der Augenblick, in dem er ihn aus der Hand gibt oder gerade begonnen hat, ihn aus der Hand zu geben. Der Funke zwischen Gottes und Adams ausgestreckten Fingern. Augenblick der Einheit und Trennung, der Einheit von Einheit und Trennung. Ein Augenblick der Zartheit und der Härte, des Loslassens und des Losreissens. Augenblick des Abschieds und der Emanzipation. Ein mythischer, ein religiöser Augenblick beinahe, genau und unfassbar zugleich, dämmernd zwischen Nacht und Tag. Augenblick der Scheidung und Entscheidung. Der Krise und der Kritik. Der Kritik jedoch vor der Publikation, nach der der Text im Literaturbetrieb dann aufgerieben wird, wo das Urteilen oft mehr seiner Klassierung und Kastrierung dient als seiner Entfaltung. «Halbprivat» könnte man das Verhältnis zwischen Autor und Lektor in diesem Moment nennen. Und wenn der Ausdruck ans Krankenwesen erinnert, ist das nicht falsch. Es geht mir jedenfalls um den schwachen Text. Horaz hat in seiner Ars poetica geschrieben, dass der Kritiker viel besser vor der Publikation eines Werkes als danach seine Arbeit verrichten sollte. Um die Stärken des Textes zu fördern, nicht um seine eigenen zu zeigen. Natürlich ist das eine andere, eine zweite Art der Kritik, und sie kann die des öffentlichen Diskurses nicht ersetzen. Aber ich stelle doch mit leichtem (und frohem) Erstaunen fest, dass ich mich, bevor ich selber Kritiken zu publizieren begann, offenbar mehr für die zweite Art interessierte, die des Horaz eben. Ich hoffe, wenn ich heute die Wahl hätte, würde ich mich immer noch für sie entscheiden. Oder wieder für sie entscheiden nach vielen Erfahrungen mit der ersten Art der Kritik.

Als ich Lektor werden wollte, kannte ich Willi Schmid noch nicht. Das heisst, ich kannte Willi, bevor ich ihn kannte. Auch ihn habe ich erfunden. Zumindest war da die Idee von ihm. Sie hatte nur noch nicht zu ihrem Bild gefunden.

Ich wollte also nicht Lektor, ich wollte Willi werden. Jetzt weiss ich auch, weshalb ich es nicht geworden bin. Willi kann man nicht werden. Nur Willi konnte es. Und auch er hat es nur gekonnt, weil er es nicht können musste. Deshalb erscheint mir auch die Klage über das Verschwinden der Lektoren unangemessen. Es kann nicht verschwinden, was es nie gegeben hat. Nur Willi gibt es.

Untröstlich bin ich nicht, dass ich es nicht geschafft habe, Willi zu werden. Hätte ich es denn schaffen können? Wo kein Gelingen möglich ist, gibt es auch kein Scheitern. Nur ein unerfüllter Traum bleibt ein Traum.

Samuel Moser ist Literaturvermittler, Herausgeber und Literaturkritiker und Präsident der Stiftung Robert Walser Biel, die den Robert-Walser-Preis verleiht.