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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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28.02.2018 | 21:11
Fernand Léger: «Les Constructeurs». 1951. Öl auf Leinwand. 160×200 cm.

So vieles gäbe es zu berichten. Zum Bespiel aus Wien. Dort habe ich seit langem wieder einmal ein paar Tage verbracht. Sollte eine kleine, winterliche Bestandesaufnahme aus der Hauptstadt unserer östlichen Nachbarn und Nachbarinnen von Interesse sein: Ein Klick genügt.
Aber first things first: Um Gottes Willen nicht etwa die Abstimmung verschwitzen!
Bis Freitag kann man den Gang an die Urne mit einem kleinen Spaziergang durch den Garten des Erlacherhofes verbinden.

Und jetzt haben wir also Besuch aus Katalonien. Anstatt sich vor Gericht, wo sie vorgeladen war, zu verantworten, zieht es eine der prominentesten Exponentinnen der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung vor, sich vorerst mal ein bisschen in Genf abzusetzen. Angeblich mit dem hohen Ziel, den gegenwärtig ziemlich traurig vor sich hinmottenden Konflikt zu internationalisieren. So wie das von anderen schon in Belgien versucht wird. Rein gefühlsmässig geht das aber irgendwie nicht ganz auf. Sollten sich internationalisierte Regionalkonflikte nicht von selbst aufheben oder wenigstens ihrer Widersprüchlichkeit bewusst werden?
Die besagte Politikerin ist aber auch bekannt für die Forderung, aus Katalonien eine feministische Republik ohne Grenzen zu machen. Ob man gegen Grenzen ankommt, indem man neue errichtet, ist auch so eine Frage. Nicht ganz überraschend ist allerdings, mit welcher Vehemenz sich die spanische Öffentlichkeit auf den Widerspruch stürzt, dass die selbstdeklarierte antikapitalistische Systemgegnerin, deren Partei auch das Geld abschaffen möchte, ausgerechnet in der erzkapitalistischen Schweiz und nicht in Venezuela, wohin sie angeblich auch Kontakte pflegte, Schutz sucht.
Es wird sogar behauptet, es sei gar kein Land denkbar, welches das System stärker verkörpere als die Schweiz, und es gebe keine grössere Heuchelei, als am Genfersee bei Sonnenuntergang Marx zu zitieren. Schliesslich sei die Schweiz das System schlechthin. Um diesen Widerspruch noch weiter auszuleuchten, zeichnet beispielsweise in El Pais ein Kommentator wieder mal ein Bild unseres Landes,  das mit unserer Eigenwahrnehmung nicht weiter auseinanderklaffen könnte.
Wir seien nichts als ein einzig Volk von fragwürdigen Grössen des Sportes, von Mafiosos, von afrikanischen Diktatoren, von korrupten Bänkern, die hier auf ihre Begnadigung warteten, von Waffenhändlern und Schiebern, von allgemeinen Zuhältern, von Erdölsatrapen, von Kriegsherren jeder Art, von Drogenkartellisten, von falschen Gotteskardinälen und jetzt auch noch von Justizflüchtlingen wie Frau Anna Gabriel!
Und kein Wort von Heidi!
Kein Wort von Schellenursli!
Kein Wort von Vreni Schneider!
Nichts von den verantwortungsbewussten Staatsbürgern und Staatsbürgerinnen, die verglichen zu den Spaniern und Spanierinnen relativ früh aufstehen, ziemlich fleissig zur Arbeit gehen, sich vielleicht sogar über das Zeitgeschehen informieren und sich zu einem Gespräch über Politik hinreissen lassen, es in der Regel auch ziemlich normal finden, nicht nur ihren Müll selbst zu entsorgen, sondern auch, dass den eher weniger Privilegierten ein halbwegs anständiges Leben zusteht. Nichts davon, dass man im allgemeinen nicht dem Irrtum erliegt, der Weg zum Glück führe über die Lotterie oder über den Erfolg des lokalen Fussballclubs!
Gut, man darf uns sehen wie man will, aber ein bisschen was muss man da ja schon dagegenhalten.

Und was hat Fernand Léger damit zu tun?

Ein Lob der Arbeit kann nie schaden!
Dazu kommt, dass ich dies in dem schönen Eckkaffee auf der Münsterplattform schreibe, wo vor dem Kälteeinbruch die Baumpfleger und Baumpflegerinnen der Stadtgärtnerei in ihren roten Sichtwesten mich an das Bild «Les constructeurs» erinnerten. Wie jedes Jahr stellten sie ihre Warnschilder auf und stiegen mit Scheren und Sägen über lange Leitern in die kahlen Kastanienbäume hinauf, um sich tagelang um deren Beschneidung zu kümmern. Wie die Bauarbeiter auf dem Bild schienen sie dabei ihre Arbeit so ernst zu nehmen und so gerne zu verrichten, dass man am liebsten selbst mitgeholfen hätte.