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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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12.10.2017 | 10:15
Josep Bestit i Carcasona, Castellers (Burgenbauer)

Jetzt ist es also passiert. Die katalanische Republik ist ausgerufen, der Präsident hat die Unabhängigkeit erklärt, und schon sehr nahe am Abgrund, hat er sie auch gleich aufgeschoben. Hier wollte man es wohl allen Recht machen, und wie so oft wird niemand damit glücklich sein. Die Unsicherheit ist gross, das Misstrauen wächst, es regiert das Chaos.

Ziemlich unerklärlich ist für einen Aussenstehenden, wie die katalanische Regierung dazu kommen kann, auf Grund einer illegalen und in jeder Beziehung fragwürdigen Abstimmung mit dem fast DDR-würdigen Resultat von 90% Ja-Stimmen solche drastischen Schritte einzuleiten.

Es ist kaum verfehlt zu behaupten, dass in Katalonien alles schief lief und weiter schief läuft, ausser dass man es für ein paar Tage auf die Weltbühne geschafft hat, wenn paradoxerweise auch nur dank dem Fehlverhalten der überreagierenden spanischen Polizisten.

Wegen der nicht bedingungslos ausgerufenen Republik wird sich diese Regierung auch kaum mehr lange halten können, neben der mangelnden Mehrheit im Volk wird auch die Mehrheit im Parlament zerbröckeln. Da wollte der radikale Teil ganz entschieden mehr als eine vorläufig aufgeschobene Unabhängigkeit! Nun ist alles offen, noch kann Schlimmes passieren, sicher ist jedoch, der Grat ist überschritten, die Luftschlösser stürzen ein, und es kann nur noch abwärts gehen, der unilaterale, illegale Weg entpuppt sich einmal mehr als eine Sackgasse!

Fragt man sich, wie es so weit kommen konnte, würde ich in abgekürzter Form anführen, dass die kulturelle und ökonomische Vorherrschaft innerhalb Spaniens von der Politik falsch bewirtschaftet wurde. Man hat mit diesem «Bessersein» erst ein Gefühl der Überheblichkeit geschürt und dann eine Aversion gegen das «imperiale» Spanien gezüchtet, die man schliesslich während den paar letzten Jahren mit Pauken und Trompeten, mit Flaggen und Fahnen, aber auch in den subventionierten Medien und vor allem in den Schulen in einen anachronistischen, oft an Hass grenzenden Nationalismus verwandelte. Alles Gute kommt von oben und alles Schlechte selbstverständlich aus dem Kabinett des Teufels in Madrid.

Anstatt auch die rationale Seite zu entwickeln, anstatt die absolut berechtigten Argumente gegen den Nationalstaat Spanien zu diskutieren und zu postulieren, schürte man in der eben doch noch sehr jungen, unerfahrenen Demokratie die Emotionen, schreckte dabei weder vor Lügen noch unhaltbaren Versprechen zurück. Das nennt man, glaube ich, Populismus.

Dass mit sehr fragwürdigen Interpretationen des Rechtes auf Selbstbestimmung der Völker, mit einer sehr fragwürdigen Interpretation des armen Wortes, des missbrauchten Wortes «Demokratie» eine Stimmung des Aufruhrs erzeugt wurde, scheint unbestritten.

Vor dem Tag des Referendums folgte dann noch der Aufruf zum Ungehorsam, was, wie man weiss, wenn er von Seiten einer politischen Instanz kommt, sehr gefährlich werden kann.

Ob mit dem Referendum gegen die Verfassung verstossen wird, ist demjenigen, der, wie es hier offenbar wird, eine neue, parallele oder alternative Legalität schaffen will, natürlich egal. Ebenso wenig stösst er sich daran, dass die Gesetze zum Vollzug der Unabhängigkeit nach dem Referendum unter geradezu grotesker Missachtung des juristischen Rahmens durchgeboxt wurden. Die Kräfte, die sich in eine neue, in ihre eigene Legalität begeben wollen, hindert das keinesfalls daran, dieses Vorgehen, dieses Mittel zum Zweck, als legitim zu betrachten. Für den Zuschauer ein kaum noch nachvollziehbares Vorgehen, aber wie ich bei einem Kommentator gelesen habe: So funktioniert ein postmoderner Staatsstreich. Dass er nicht gelingen kann, wird jetzt offensichtlich.

Natürlich beinhaltet dieses Vorgehen auch die Beschuldigung der Manipulation der Justiz von Seiten der Regierung in Madrid. Dabei wird vergessen, dass gerade diese, in den Augen der Katalanen «manipulierten» Richter und Richterinnen und diese «franquistische, faschistische» Guardia Civil in den letzten Jahren massiv gegen die Partei und die Mitglieder der amtierenden Regierung vorgegangen sind. Zu behaupten, es seien ihre Handlanger, geht irgendwie nicht auf, denn die Gewaltentrennung ist gewährleistet und Spanien ist nicht Venezuela, übrigens eines der wenigen Länder mit offenen Sympathien für das Vorgehen der katalanischen Regierung.

Und was hat Josep Bestit i Carcasona damit zu tun?

Dieser 1939 in Barcelona geborene Maler hat eine ganz besondere und aussergewöhnliche katalanische Tradition zu einem seiner Themen gemacht.

Das Bild Castellers stellt fünf Männer dar, die sich auf dem Rücken anderer Männer und Frauen zusammen bereit machen, dass auf ihrem Rücken das nächste Stockwerk einer Burg aus Menschen, einem sogenannten «Castel» gebaut werden kann, auf welches wiederum, jetzt schon leichtere «castellers» steigen werden und dies bis in schwindelerregende Höhen, um es mit einer bekannten Formulierung zu sagen, von sieben, acht und sogar neuen Stockwerken!

Ich habe dazu ein Bild im Netz gesucht, weil ich diese Tradition bewundere.

Wenn ich sehe, wie kleine Buben und Mädchen an den Hosenbeinen ihrer Väter hochkraxeln wie an einem Kletterbaum und sich mutig und in völliger Sicherheit, dass ihnen nichts passieren kann, dort oben auf die Spitze des Turmes stellen, als wären sie Wetterhähne, kriege ich regelmässig Gänsehaut. Ich kann nicht aufhören, die Fähigkeiten und den Gemeinsinn, der dies ermöglicht, zu bewundern. Ich glaube, man kann darin auch sehr positive, prägende Kräfte der katalanischen Kultur erkennen. Menschenschlösser sind keine Luftschlösser, trotzdem ist es vielleicht gar nicht so vermessen, in der Tatsache, dass diese Burgen zwar nicht auf Sand gebaut werden, trotzdem aber in sich selbst zusammenfallen und einstürzen müssen, sobald sie aufgerichtet sind, ein Sinnbild der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung zu erkennen.