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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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19.09.2017 | 20:48

Es klingt wie ein Grimmsches Märchen: Ein armer Bauernbub wird von seiner Mutter in die grosse weite Welt geschickt, um sein Glück zu machen, und am Schluss wird er König im eigenen Land. NZZ, 20.2.2011

Wie kleine Buben saßen diese Woche die ehemaligen Befehlshaber der kosovarischen Rebellenarmee UÇK im Salon einer Privatvilla in der Hauptstadt Pristina. Der Hausherr Behgjet Pacolli hatte sich endlich bereit erklärt, mit seiner Minipartei das Bündnis der Politiker mit Kriegsvergangenheit im Parlament zu unterstützen. Damit könnte Kosovo drei Monate nach den Wahlen eine Regierung mit dem UÇK-Haudegen Ramush Haradinaj an der Spitze bekommen. Süddeutsche Zeitung, 7.9.2017

Der künftige Aussenminister verstehe die Politik als «die Kunst des Betrugs und der Manipulation», schreibt «Koha Ditore», die einzige unabhängige Zeitung des Landes. Tagesanzeiger, 11.9.2017

Pacolli ist stolz über die erweiterte «Swiss Connection»: «Die Schweiz ist das Synonym für Demokratie und Toleranz. Dies müssen wir kopieren. Ich bin glücklich, dass wir das, was wir in der Schweiz gelernt haben, hier umsetzen können.» SRF News, 17.9.2017

Pacolli ist mit einer Russin verheiratet. Die drei gemeinsamen Kinder besuchen Schulen im Tessin. Süddeutsche Zeitung, 7.9.2017

2011 ließ Pacolli inmitten der Hauptstadt Pristina, am Mutter-Teresa-Boulevard unweit des zentralen Skanderbeg-Platzes, das luxuriöse Swiss Diamond Hotel errichten. Wikipedia

Auch im Tessin, wo er sich in den achtziger Jahren niederliess, sorgt er immer für das Gute: Über eine wohltätige Stiftung lässt er Ferienlager und Hilfsprogramme für Kinder aus Oststaaten organisieren. NZZ, 20.2.2011

Er gründet im Jahr 2006 eine eigene Partei, lässt sich als reichster Albaner des Planeten feiern, prunkt mit seinen Bauprojekten in Russland und Kasachstan oder seinen guten Verbindungen zu Libyens Staatschef Muammar al Gaddafi. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.10.2016

Daneben entwickelt der Mann mit Privatjet auch Tourismusprojekte in Zentralamerika und Florida und daneben eine nach seinem Lieblingskomponisten Vivaldi benannte Kosmetiklinie. NZZ, 20.2.2011

Pacolli und Thaci haben eine gemeinsame Lieblingsfeindin: Carla Del Ponte. Sie verdächtigt Thaci seit Jahren, in den Organhandel im Rahmen der organisierten Kriminalität verwickelt zu sein – ein Vorwurf, der kürzlich von Dick Marty wieder aufgenommen wurde. Als einstige Chef-Anklägerin des Internationalen Strafgerichtshofs verfolgte Del Ponte Pacolli wegen Verdachts auf Korruption und Geldwäscherei. NZZ, 20.2.2011

Er sei schon immer den Mächtigen nahegestanden, behauptet der Oligarch. So habe er dem jugoslawischen Führer Tito als Adjutant gedient - und ihn "sogar nackt" gesehen. Süddeutsche Zeitung, 7.9.2017

Von 1999 bis 2002 war er mit Anna Oxa, der berühmten italienischen Popikone mit albanischen Wurzeln verheiratet und geriet so ins Visier der italienischen Klatschpresse. Aargauer Zeitung, 22.11.2011

Er liebt die Camouflage ebenso wie den exaltierten Auftritt, er mag das Bild der offenbarten Bescheidenheit genauso wie den testosterongeschwängerten Jubel. Die Zeit, 23.12.2010

Holt er die Schweizer Geiseln aus Libyen zurück? Behgjet Pacolli trifft in Kürze den libyschen Machthaber Muammar Gaddafi und will bei ihm ein gutes Wort für die beiden in Tripolis festgehaltenen Schweizer Geiseln einlegen. 20minuten, 22.1.2010

Neben Albanisch kann er auch die deutsche, englische, französische, italienische, serbokroatische, russische und spanische Sprache. Wikipedia

Im Januar 1999 liess Del Ponte bei einer Hausdurchsuchung jede Schublade seiner Luganeser Firma Mabetex leeren. Das war der Anfang der Mabetex-Affäre, die nicht nur in der Schweiz juristische, sondern auch in Moskau politische Wellen schlug. NZZ, 20.2.2011

Pacolli: «Manchmal, wenn ich sehe, was in Kosovo alles gebaut und entwickelt worden ist, vergesse ich, dass ich in Kosovo bin – und fühle mich wie in der Schweiz.» SRF News, 17.9.2017

Drei Jahre später musste auch die Genfer Staatsanwaltschaft, die Pacolli wegen Geldwäscherei im Visier hatte, die Untersuchung einstellen. NZZ, 20.2.2011

Seine Claqueure verherrlichten ihn damals als reichen Onkel aus Lugano, der den armen Landsleuten helfe. Heute wird er nur noch mit umstrittenen Privatisierungen und Korruption in Verbindung gebracht. Die Öffentlichkeit nimmt ihn oft als gefährliche Witzfigur wahr. Süddeutsche Zeitung, 7.9.2017

Wer das Vergnügen hatte, einmal mit ihm zu reisen, wie der Schreibende, lernt einen schillernden Menschen kennen. Die Zeit, 23.12.2010