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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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05.04.2017 | 11:40

Ab dem ersten Mai sind in der Schweiz drei Insektenarten offiziell zum menschlichen Verzehr freigegeben: Die Wanderheuschrecke, der Mehlwurm und das Heimchen (eine Grillenart).

Die Wanderheuschrecke schmeckt nach Poulet, der Mehlwurm nach Nuss, das Heimchen wiederum erinnert mit seinem Geschmack an Popkorn und wird deshalb gerne im Zuckermantel serviert. Insekten sind reich an Proteinen, der Chitinpanzer fördert als Ballaststoff die Verdauung.

Soweit die fakefreien Fakts (sofern es sowas heute überhaupt noch gibt). Aber natürlich tun sich auch Fragen auf. Wollen die Schweizerinnen und Schweizer überhaupt Insekten essen? Werden sie sich nicht ekeln beim Biss in den Hamburger, der mit Mehlwürmern gespickt ist, von denen dann das eine oder andere Beinchen an der Zunge hängen bleibt? Was sind die Gründe dafür, dass sich Frauen vor dem Verzehr von Insekten mehr ekeln als Männer? Ist das biologisch bedingt oder werden Mädchen, wie unbewusst auch immer, eher zu diesem Ekel hin erzogen? Ist es ethisch geboten, Insekten zu essen, weil deren Produktion ja weniger Ressourcen verbraucht als die Produktion von Fleisch? Aber sind nicht auch Insekten Fleisch? Und kann man die Trennlinie zwischen zu Leid fähigen Säugetieren und den sechsbeinigen Biorobotern wirklich sauber ziehen? Ist das Essen von Insekten also noch vegetarisch? Und wie geht der Veganer damit um, dass er zwar Bedenken hat, Bienen auszubeuten und deshalb auf Honig verzichtet, die Spinne, die über die Bettdecke kriecht, dann aber trotzdem totschlägt? Und wie steht es mit den anderthalb Kilo Fliegen und Mücken und den rund zwanzig Spinnen, die jeder Mensch, ob Veganer oder nicht, im Lauf seines Lebens im Schlaf oder auf eine andere Weise unfreiwillig verschluckt? Wäre es vielleicht nicht doch angebracht, die Insekten, was ihre Stellung als Nahrungsmittel angeht, eher zu den Pflanzen zu schlagen? Aber woher, um Gottes Willen, sind wir so sicher, dass Pflanzen keine Gefühle haben? Wo sie doch besser wachsen, wenn man beim Giessen lieb mit ihnen spricht? Ist nicht jedes Lebewesen heilig? Aber wie heraus aus der Zwickmühle, dass wir uns nun einmal nicht wie die Pflanzen von Sonnenlicht ernähren können? Und die Sonne hat jetzt sicher wirklich nichts dagegen, dass die Pflanzen ihr Licht in ihre Blätter saugen, oder? Müsste der Bundesrat eigentlich nicht schon längst - statt die armen Insekten, nachdem wir sie schon totschlagen und vergiften, auch noch zum Zermalmen zwischen unseren Zähnen freizugeben -  Forschungsprojekte fördern mit dem Ziel, in unsere Schädeldecke Sonnenzellen einzubauen? Und so ein Zeitalter einläuten, in dem unser Stoffwechsel mit der Umwelt endlich in die Phase seiner ethischen Unbedenklichkeit tritt?