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27.03.2017 | 16:16
Rudolf Bussmann, Foto: Lydia Segginger

Wer schreibt hier? Zwei Menschen lernen sich in einem Blog kennen, separieren sich und schreiben sich ausführlich verschlungene E-Mails. Der Basler Schriftsteller Rudolf Bussmann hat einen Briefroman in digitalen Zeiten verfasst.

Die digitalen Zeiten ermöglichen das Rollenspiel zweier Menschen, die sich leibhaftig, wie es scheint, nie begegnen. Erwartet werden rasche Antworten, die gelegentlich über Tage ausbleiben und umso sehnsüchtiger erwartet werden. Wie im Briefroman loten die Schreibenden innere Zustände aus, missbrauchen das «andere Du» als namenlosen Adressaten. Und als die digitalen Möglichkeiten ausgeschöpft sind, bleibt der Wechsel zum handschriftlichen Brief, der uns Mitlesenden wiederum verborgen bleibt.

Zu Anfang scheinen die Verhältnisse klar: Ein Student der Vergleichenden Literaturwissenschaft sitzt in Kopenhagen an einer Dissertation zu Hans Christian Andersen. Er wechselt E-Mails mit einer fotografierenden Künstlerin, die sich von ekligen Liebhabern aushalten lässt. Doch nach und nach zerbröckeln die Identitäten, kommen neue zum Vorschein, die kaum glaubhafter scheinen, wird Mann zu Frau, Männerfreundschaft zu gescheiterter Ehe, Künstlerin zu Sans-Papiers. Am Ende könnte das «andere Du» auch ein «anderes Ich» sein, das sich als ein anderes braucht, um erzählt werden zu können.

Die ähnliche, um nicht zu sagen gleiche Sprache der Schreibenden irritiert zu Anfang. Und die Frage, was die Beiden überhaupt verbindet, über das Schreiben aneinander hinaus. Doch nach und nach weichen die Irritationen dem Sog, den einzelne Erzählstränge auszulösen vermögen. Und immer wieder blitzen Bussmanns lakonisch-vertrakte Sätze auf, Passagen wie funkelnde Kurzprosa, die den versierten Autor, Herausgeber, Übersetzer und Literaturvermittler erkennen lassen. «Das andere Du» ist Bussmanns vierter Roman, neben etlichen Lyrik- und Erzählbänden.

Während 25 Jahren gab Rudolf Bussmann zusammen mit Martin Zingg die Literaturzeitschrift «Drehpunkt» heraus und setzte sich kenntnisreich für zahllose Kolleginnen und Kollegen ein. Auch als Leiter von Schreibseminaren und Lesezirkeln, Jurymitglied und Präsident des internationalen Lyrikfestivals in Basel ist Bussmann ein Förderer, Vermittler und kulturpolitisch engagierter Zeitgenosse. Dies lässt in der öffentlichen Wahrnehmung sein eigenes literarisches Schaffen gelegentlich etwas in den Hintergrund treten. Im Roman «Das andere Du» zeigt sich Bussmann als leichtfüssig verschmitzter Erzähler, der Fragen nicht abschliessend beantwortet.

 

Rudolf Bussmann, Das andere Du, edition bücherlese, Hitzkirch 2016