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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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08.03.2017 | 10:48

Es geht hier nicht um Goethe, er ist nur der Anlass für ein paar Gedanken über  die Länge des menschlichen Lebens im Verhältnis zur historischen Zeit. Wie ich dazu komme, mir solche Gedanken zu machen? Keine Ahnung. Aus mir unbekannten Gründen kam ich vor dem Einschlafen plötzlich in ein Spiel mit Jahreszahlen hinein und dies, so scheint mir wenigstens, mit erstaunlichem Resultat.
Goethe, dies der Ausgangspunkt, stirbt 1832 im Alter von 82 Jahren. Goethe hatte für seine Zeit ein sehr langes Leben, heute sind 82 Jahre, wenigstens in der Schweiz, die durchschnittliche Lebenserwartung.


Nun die kleine Rechnerei, die ich anstellte: Wie manches solches durchschnittliche Leben ist Goethe von uns entfernt? In meiner Vorstellung lag die Zeit Goethes immer in wirklich  weit vergangener Zeit. Erst durch eine lange Kette von Ururur- und nochmal Urgrosseltern, so schien es mir, gelangt man zu den Vorfahren, die damals gelebt haben, als es noch kein Telefon gab, keine Eisenbahn, die Fotografie kaum erfunden war und fast überall in Europa noch der Adel herrschte.
Aber in heute durchschnittlichen Leben gemessen, sind es nicht viel mehr als zwei Lebensspannen, die uns von Goethe trennen. Jemand mit Jahrgang 1832, der mit 82 stirbt, tut das im Jahr 1914. Jemand mit Jahrgang 14, der mit 82 Jahren stirbt, tat das 1996.
Mit den Jahren von zwei heute durchschnittlichen Leben gelangt man aus der Zeit Goethes in die Zeit des Internets.

Ist das nur für mich kontraintuitiv? Ist es nur mein Gefühl, dass da viel mehr dazwischen liegen müsste? Und woher kommt dieses Missverhältnis zwischen meiner Vorstellung und dem, was die Zahlen sagen? Ich denke, es gibt auf diese Frage nur eine plausible Antwort. In der Zeit, die zwischen uns und Goethe liegt, hat sich das Tempo des historischen Wandels derart erhöht und ist geradezu ins Galoppieren geraten, dass im Vergleich dazu ein menschliches Leben zu etwas unglaublich langem geworden ist, das mehrere historische Epochen überdauert.


In allen Jahrhunderten vor Einbruch der Moderne hat man die Kürze des menschlichen Lebens beklagt, das ja damals tatsächlich an Jahren viel kürzer war. Aber noch wichtiger ist wohl: man wurde damals in eine Welt hinein geboren, die sich in ihren Grundgegebenheiten im Lauf des eigenen Lebens kaum veränderte.


Blickt aber heute ein Mensch, der in der sogenannten Mitte seines Lebens steht, auf die Zeit seiner Geburt, so sieht er in eine Welt zurück, die so weit entfernt ist von seiner Gegenwart und von dieser so verschieden, dass es ihm seltsam und etwas unwirklich vorkommt, dass er damals auch schon unter den Lebenden war. Und dieser Mensch hat , wenn er bekommt, was ihm die statistische Wahrscheinlichkeit verspricht, noch einmal die gleiche Zeitspanne an Leben vor sich. Er wird also am Ende seines Lebens auf die jetzige Gegenwart zurückblicken als eine unglaublich weit zurückliegende, längst historisch gewordene Zeit. Zu diesem Blick zurück wird vielleicht ein Gefühl von Bitterkeit gehören darüber, welch schlechte Wendung die Geschichte in der zweiten Hälfte seines Lebens genommen hat. Oder dann, auch wenn das heute niemand zu hoffen wagt, blickt dieser Mensch mit einem Gefühl von Erleichterung zurück auf die finsteren Zeiten, denen die Menschen seither entronnen sind. Niemand weiss das heute zu sagen. Diese Zukunft ist nur ein halbes Leben entfernt und liegt trotzdem hinter jeder Ahnung verborgen.