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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
Aare
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07.10.2016 | 18:37

In Dürrenmatts Panne wird der Handlungsreisende Traps von einer feuchtfröhlichen Gruppe pensionierter Richter dazu gebracht, den Tod eines Konkurrenten, obwohl er ihn nicht direkt verursacht hat, als seine Tat anzusehen. Trap meinte, er sei ein gewöhnlicher Mann, nun muss er feststellen, er ist ein Mörder.

Eine Einsicht, die er in der Hörspielvariante am andern Morgen, nachdem sein Rausch ausgeschlafen ist, vergessen hat. In der Erzählung mit dem gleichen Titel aber richtet er sich für die Schuld, die das alkoholisierte Spiel an den Tag gebracht hat, am Fensterkreuz mit einem Strick um den Hals.

Eine Variante des Dürrenmattschen Schauspiels konnte ich vor kurzem im Bistro des Intercitys Zürich-Bern beobachten. Es war Stosszeit, auf den Autobahnen standen die Fahrzeuge in reglosen Schlangen, auch der Zug war überfüllt, und vielleicht kam gerade daher die aufgeräumte Stimmung im Bistro.

Man hatte sich seinen Platz erobert, zu dem sogar noch das Feierabendbier vor sich auf dem Tisch gehörte. Mein Gegenüber am Tischchen, ein Mann in den mittleren Sechzigern, hatte sein Telefonat beendet und sagte zu den beiden Damen am Nebentisch: So eini isch würklech e Chue. Und meinte damit seine Ehefrau, die er gerade am Handy gehabt hatte.

Die zwei Frauen, Walliserinnen in ihren Fünfzigern, die gerade vier Tage Münchner Oktoberfest hinter sich hatten und sichtlich noch unter Einfluss der dortigen Stimmung standen (und natürlich weiter am Bier trinken waren), schnappten nach dem Ball, der ihnen der Mann hingeworfen hatte. Und der spielte mit. Erzählte von seiner Frau, und wie die ihm alles missgönne. Dass er, wenn er nach Hause komme, seine Katze streichle, denn die habe ihn noch gern.

Und später bestellt er ein Kafi Doppelrahm mit einem Biberli. Es ist sein Nachtessen, von der Frau wird er nichts bekommen. Und im Bett nur die AHV-Stellung: Füdle gäge Füdle. Eine Scheidung komme leider nicht in Frage, weil er ihr in diesem Fall Hunderttausende aus seinem Geschäft auszahlen müsste. Und das wirft sowieso so wenig ab, dass er bis in seinen Tod weiter arbeiten muss. Das muss ein rechter Drachen sein, sagt die eine Walliserin, und die andere fragt: Wartet sie zuhause mit dem Nudelholz hinter der Port?

Und dann plötzlich dieser Satz: Sein Schwiegersohn habe ihm schon geraten, sie auf eine Wanderung mitzunehmen und dann an einer geeigneten Stelle ein Stoss in den Rücken und Adieu.

Jetzt sind die Walliserinnen nicht mehr zu bremsen. Sie sind aus den Bergen. Sie kennen die geeigneten Stellen, wo man elegant seine Ehefrau loswerden kann und alles wie ein Unfall aussieht. Dem Mann kann geholfen werden. Sie reden auf ihn ein. Bern naht, vielleicht tauschen sie noch die Handynummern, dann steigt der Mann aus, während die Frauen für die Fahrt durch den Lötschberg ein weiteres Bier bestellen.

Und wie bei Dürrenmatt gibt es zwei Varianten. Der gute Mann geht nach Hause, streichelt seine Katze, schläft dann in der AHV-Stellung ein und hat am anderen Morgen alles vergessen.

Oder das mörderische Gedankenspiel, in das ihn die lustigen Walliserinnen verwickelt haben, frisst sich hinein in seine Hirnwindungen, und er bekommt es dort nicht mehr heraus, bis aus dem Spiel die Tat wird. Wenn er die Ratschläge aus dem Wallis genau befolgt, bleibt sie ungesühnt.