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05.05.2016 | 22:00
Fassadenprojektion der Gruppe «Rettet Basel» am BaZ-Gebäude anlässlich der Museumsnacht 2012

Zeitungen haben ein Problem. Sie haben mehr als ein Problem. Aber ihr grösstes heisst: Wie wird unabhängiger recherchierender Journalismus künftig finanziert?

Ketzerisch könnte gefragt werden, ob es einen solchen überhaupt je gab. Und angemerkt werden könnte auch, dass es fahrlässig war von der Demokratie, die Finanzierung der «Vierten Gewalt» zu zwei Dritteln der Werbewirtschaft und Kleininseratekunden zu überlassen.

«Ich mache mir grundsätzlich Sorgen»

Die Kleininserate sind ins Internet abgewandert, die Werbeeinnahmen brechen weiter ein, die Leserschaft schrumpft.

Selbst «Blick»-Verleger Michael Ringier macht sich «grundsätzlich Sorgen», wie er gegenüber der Zeitung «Schweiz am Sonntag» gesteht: «Online ist die Refinanzierung von aufwendigem Journalismus bisher nicht sichergestellt. Und Journalismus ist absolut essenziell für eine demokratische Gesellschaft. (...) Niemand weiss, wer in 10 oder 15 Jahren Recherchen finanziert.»

Zwar schreibt sein Medienmischkonzern nach wie vor kräftig Gewinne. Nahe liegend wäre, mit wenigstens einem Teil davon eine Stiftung zu äuffnen, die in Zukunft unabhängigen Recherche-Journalismus finanziert. Boomende Bereiche innerhalb des Konzerns könnten mit einem dauerhaften «Medienprozent» belegt werden. Gottlieb Duttweiler hätte so etwas vermutlich gemacht. Doch Michael Ringier ist nicht Gottlieb Duttweiler.

«Modell der Rentabilität»

Vielleicht ist ja auch alles gar nicht so schlimm. Denn es gibt, wie Medienjournalist Kurt W. Zimmermann in seiner neusten «Weltwoche»-Kolumne (Achtung, Paywall!) berichtet, auch noch andere Zukünfte, zum Beispiel das «Modell der Rentabilität». Dieses manifestiere sich, wie er schreibt, ausgerechnet in der «Basler Zeitung», die eine gänzlich andere Strategie verfolgt als Ringier. Gemäss Zimmermann ist sie eine «der wundersamsten Auferstehungen unserer Pressegeschichte».

Der Umsatz der BaZ liege heute, rechnet Zimmermann vor, bei 48 Millionen. Der Reingewinn betrage etwas über 6 Millionen.

Erreicht worden sei diese «Zeitungszukunft», in dem die Verantwortlichen das Unternehmen von allen «Zusatzaktivitäten» wie Druckereien und Immobilien befreit hätten. «Wo dieser Journalismus politisch steht, hat keine ökonomische Relevanz. (...) Bedeutsamer ist, dass man hier ein nachhaltiges Überlebensmodell für die Regionalpresse entwickelte».

Bemerkenswert

Die Zahlen, auf die sich Zimmermann bezieht, stammen aus der Zeitschrift «Schweizer Journalist» (1.5.2016), dessen Chefredaktor Kurt W. Zimmermann ist. Dort hat sie Rolf Bollmann, Verwaltungsratspräsident der BaZ, geäussert. Überprüfen lassen sie sich nicht. Das Unternehmen «Basler Zeitung Medien» ist nicht börsenkotiert: «Die BaZ ist eine private Aktiengesellschaft und gibt über Ertragslage, Darlehen etc. keine Auskünfte», hatte Christoph Blocher der Zeitung «Schweiz am Sonntag» im Juli 2014 ausgerichtet.

Doch auf der BaZ-Website weist das Unternehmen einen Umsatz von 55 Millionen Franken im Jahr 2014 aus. Bereits damals hatte es geheissen, die «erfolgreiche Sanierung» sei nun abgeschlossen. Wie kommt Zimmermann dazu, einen Umsatzrückgang des bereits sanierten Unternehmens von 7 Millionen als Erfolg zu feiern, der einen Reingewinn von 6 Millionen plausibel macht? In der Tat: Ein wundersames Geschäftsmodell.

Gemäss Erhebungen der WEMF AG für Werbemedienforschung schrumpft die Leserschaft der BaZ nach wie vor überdurchschnittlich. Allein im letzten halben Jahr (Frühjahreserhebung 2016 gegenüber Herbstdaten 2015) ist sie um 12,3 Prozent zurückgegangen. Seit der Übernahme der BaZ durch Blocher & Co im Februar 2010 hat die BaZ mehr als 40 Prozent ihrer Leserschaft verloren.

Wie war das noch mal?

Tatsächlich schrieb die Zeitungsdruckerei der BaZ rote Zahlen. Den grössten Einbruch bedeutete allerdings der Verlust des grossen Druckauftrags der Coop-Zeitung unmittelbar nach Blochers Übernahme – eine Folge der Heimlichtuerei und der unterschiedlichen Agenden von Blochers Strohmännern.

Eine Schliessung der Druckerei kam seinerzeit unter anderem nicht in Frage, da die Pensionskasse mit rund 25 Millionen unterfinanziert war. Die Druckerei Birkhäuser+GBC wiederum soll dem Vernehmen nach schwarze Zahlen geschrieben haben. Und dass die selbst genutzten Immobilien defizitär waren, überrascht. Warum hat Blocher sie dann später für 65 Millionen übernommen?

Summa Sommarum

«Das Blatt gehört heute je zu einem Drittel Blocher, Somm und dem VR-Präsidenten Rolf Bollmann. Sie bezahlten den Freundschaftspreis von rund einer halben Million Franken», schrieb Kurt W. Zimmermann an anderer Stelle («Schweizer Journalist» vom 1. März 2016).

Wer die Garantien für Kaufpreis (70 Mio), Bankschulden (92 Mio), Deckung der Pensionskasse (25 Mio), Sozialplan Druckereischliessung (3,2 Mio) usw. geleistet hat, ist mittlerweile bekannt.

Müsste die heutige BaZ jene enormen Investitionskosten zurückzahlen oder schon nur marktüblich verzinsen, wäre Zimmermanns «Modell der Rentabilität» nachhaltig unbrauchbar.

Und anzunehmen ist, dass Blocher seinen Mitbesitzern ähnliche Rückkaufpassus in den Vertrag geschrieben hat wie seinerzeit Moritz Suter.

Zukunftsmusik

Zimmermann geht es nicht um rückwärts gewandte Schönschreibung. Es geht in der Tat um eine mögliche Zukunft der Regionalpresse, der hier der Boden bereitet werden soll. Eine schrumpfende BaZ ist nicht in Blochers Sinn. Gesucht werden nach wie vor Kooperationen mit anderen Regionalzeitungen, den Tamedia-Blättern «Berner Zeitung» und «Bund» oder den NZZ-Medien «Neue Luzerner Zeitung» und «St. Galler Tagblatt».

«Alle sprechen mit allen», versichert Rolf Bollmann im Interview mit dem «Schweizer Journalist» (1. Mai 2016): «Eine Tageszeitung kann nur noch mit Kooperationen wirtschaftlich überleben. Deshalb überlegt man sich redaktionelle Synergien. (...) Wir sind sicher auch punkto Redaktionsmantel zu Kooperationen bereit, aber nur in bestimmten Ressorts: Das Ressort Inland werden wir immer selber machen – die Gründe kennen Sie.»

Ob und wie lange die zum Teil schon mit der BaZ kooperierenden Medienhäuser Tamedia und NZZ die Werbungsversuche abwehren, wenn mit solch enormen Summen hantiert wird? Vielleicht erleben wir ja bald schon unser nächstes regionales Zeitungswunder.