Aare
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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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13.04.2016 | 10:11
Jannis Kounellis, (no title) Tate Collection

Wie so oft machte ich vor ein paar Tagen einen kleinen Spaziergang auf die Münsterplattform, schaute dort auf das Barometer und sah auch, dass das Thermometer 5°C anzeigte. Als ich mich dann zur Brüstung begab, um auf die Aare hinunterzuschauen – denn jemand muss ja kontrollieren, ob das Wasser noch immer abwärts fliesst –, sprach mich ein junger Mann mit einer Kamera an.

Er fragte mich auf Englisch, ob ich die Freundlichkeit hätte, von ihm vor dem Hintergrund der Kirchenfeldbrücke ein Bild zu machen. Ja, für Nichtberner ist sogar diese, nach dem Eifelturmprinzip gebaute Stahlbrücke eine Sehenswürdigkeit.

Natürlich entsprach ich seinem Wunsch und natürlich fragte ich ihn dann, was für ein Landsmann er sei. Aus Weissrussland, zu Besuch in Deutschland und jetzt bei Freunden in der Schweiz.

Weil es sich herausstellte, dass er sehr gut Deutsch sprach, fragte ich ihn nach seinen Reiseeindrücken, auch nach dem Leben zuhause.

Den eigenen Präsidenten nannte er komisch, wobei er dieses Wort wohl anwendete, wie man es auf Berndeutsch tut. Ä komische Siech muss ja auch nichts Lustiges an sich haben.

Dass wir uns dann noch über die Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch aus Minsk unterhielten, versteht sich. Insgesamt ein schönes Gespräch, das mich noch weiter durch den Tag begleitete.

Schon am nächsten Tag wurde ich auf dem noch völlig verlassenen Münsterplatz von zwei jungen Damen mit der gleichen Bitte auf Englisch angesprochen. Da ich einen süd-amerikanischen Akzent heraushörte, fragte ich sie, während sie mir zeigten, wie sie vor dem jüngsten Gericht fotografiert werden möchten, auf Spanisch nach ihrer Herkunft.

Sie freuten sich riesig, mit jemandem ins Gespräch kommen zu können und ich freute mich über ihre fröhliche Begeisterungsfähigkeit. Sie hatten schon so viel Europa und Schweiz aufgesogen, dass sie fast explodierten vor Freude über all die neuen Eindrücke und Erfahrungen.

Nur wenige Tage später fragte mich wiederum auf der Plattform eine sehr gediegen gekleidete, sehr ernsthafte junge Dame um die gleiche Hilfeleistung. Sie fragte: Picture please? Leider waren damit ihre Englischkenntnisse erschöpft. Ich konnte nichts aus ihr herauskriegen, das ich verstanden hätte, ausser dem Wort Shanghai.

Aber da war eine Aura, eine mir unvertraute Art Stolz und Selbstbewusstsein und eine ebenso unvertraute Anmut, die mich so stark beeindruckten, dass ich sie nicht so schnell vergessen werde und also auch durch diese kleine Zwei-Wort-Begegnung bereichert wurde.

Und warum schreibe ich das auf?

Weil ich meiner Genugtuung Ausdruck geben möchte, dass glücklicherweise noch nicht alle Touristen und Touristinnen mit einem Selfie-Stick bewaffnet die Berner Altstadt überfallen. Dieses nun im hochdeutschen Sinn komische Unding leistet nämlich sicher keinen Beitrag zur Völkerverständigung und bereichert meine Spaziergänge in keiner Art und Weise.

Und was hat Jannis Kounellis damit zu tun?

Dieser berühmte Grieche ist einer jener Künstler, die in ihren Werken den Schmerz der Gegenwart zum Ausdruck bringen können. Er tut dies oft mit Messermotiven und dem wieder mal sehr aktuellen Stacheldraht. Und gewisse gesellschaftliche  Veränderungen wie auch gewisse Erfindungen tun einfach weh. Auch dieser blöde Selfie-Stick! Man möchte die Träger prügeln damit!