Aare
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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
Aare
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18.03.2016 | 06:30

Meine sonst so ruhigen Töchter waren aufgebracht, sogar entsetzt. Sie sagten: Wie kommt der bloss dazu, sich so in die Nesseln zu setzen! Schlimm sei auch, dass man zum Beispiel in Amerika, wo man sich diese Clips jetzt anschaue und über uns lache, keine Ahnung habe, wie man bei uns Bundespräsident werde. Die können ja nicht wissen, dass ein guter Politiker bei uns nicht unbedingt ein begnadeter Rhetoriker sein muss. Meine sonst so ruhigen Töchter redeten auch von einer Falle, von überbezahlten, aber unfähigen PR-Leuten, von Selbstüberschätzung, ja sogar von Selbstherrlichkeit. Ich solle mir das wirklich mal anschauen, so etwas Peinliches könne ich mir einfach nicht vorstellen!

Ich habe es mir nicht angeschaut und weil wir hier sind, wo wir sind, will ich auch nicht in die gleiche Kerbe hauen wie die Billigmedien. Anders als meinen sonst so ruhigen Töchtern, ist mir die Krankheit nämlich längst bekannt und wohlvertraut. Entsprechend gelassen lässt sich leicht eine Ferndiagnose erstellen:

Es ist das alte Lied: Mangelndes sprachliches Selbstbewusstsein. Der sprachlich selbstbewusste Mensch hat ein ungetrübtes Verhältnis zu seiner eigenen und eigentlichen Sprache. Ist der sprachlich selbstbewusste Mensch auch noch Bundespräsident, wird er sich ganz sicher hüten, das gesicherte Revier seiner eigenen Sprache zu verlassen. Nie wird er versuchen, sich der gnadenlos unkontrollierbaren Öffentlichkeit in einer Fremdsprache zu offenbaren. Wer dies tut, kann sich auch gleich selbst den Löwen zum Frass vorwerfen. Um Sympathien zu gewinnen, kann ein gut gewähltes, ein amüsantes Wort eingeflochten werden. Das ja. Vielleicht sogar zwei. Aber mehr als ein «Ik ben eiin Börliner!» liegt definitiv nicht drin. Kein Politiker und keine Politikerin der Welt käme auf die Idee, sich gleich in drei Fremdsprachen in die Löwengrube der Öffentlichkeit zu begeben. In drei Sprachen, wohl verstanden, nur nicht in der eigenen! Nein, so etwas tut der sprachlich selbstbewusste Mensch nie und nimmer. Schon gar nicht in offizieller Funktion. Aber es passiert immer wieder. Wer kann wissen, wie oft hochrangige Gespräche scheitern oder gescheitert sind, weil gutmeinende Politiker und Politikerinnen in den Hauptstädten der Welt ihre Fremdsprachenkompetenz überschätzen und nicht für voll genommen werden! Ja, auch Deutsch ist für viele nun einmal eine Fremdsprache und um weiteren Schaden zu verhindern, wäre es an der Zeit, auch in Berlin bei offiziellen Geschäften den Dolmetscherzwang einzuführen.

Es ist ja überhaupt nicht so, dass man hierzulande schlechter spricht als anderswo, bloss mit Fremdsprachen hat man so seine Mühe. Wie überall. Deshalb überlässt man das besonders als Würdenträger besser den dafür ausgebildeten Fachleuten.

Und was hat Ben Vautier damit zu tun?

Eigentlich nicht wahnsinnig viel, aber man erinnert sich sofort an ihn, wenn man sich überlegt, in welchen Bildern Sprache und Schrift eine Rolle spielen. Auch kann man anfügen, dass er in seinen Wandtafelsätzen eigentlich einen vorbildlich lockeren Umgang mit Sprache pflegt. Einerseits werden Worte auch bei ihm zu Material, aber sie wollen nicht unbedingt aufgeladen oder monumentalisiert werden, es fehlt der hochgestochene Anspruch, wie er in der Kunst mit Worten sonst verbreitet ist. Mit Sätzen wie «La Suisse n’existe pas» erinnert uns Ben Vautier einfach daran, dass man mit Sprache am besten so umgeht, wie es die Kinder tun: Spielerisch und lustvoll.