Aare
°

Journal B

Sagt, was Bern bewegt
Aare
°
30.09.2015 | 18:10
Salvador Dali, Don Quixote

Zu gerne würde ich weiter aus meinem Gemüsegarten berichten, zum Beispiel von den Ohrengrüblern, mit welchen ich meinen Salat teilen muss. Oder von dem Fuchs der mir hinter meinem Rücken beim Kartoffelgraben zugeschaut haben soll.

Oder von der Angst vor dem Hagel, die ich während des letzten Gewitters ausgestanden habe. Wer einen Garten hat, schaut anders zum Himmel.

Weil sich hier der Himmel aber auch über Katalonien wölbt und die Sonne morgens in der katalanischen Provinz Tarragona aufgeht, werfe ich einen Blick über die Gartenmauer.

Nach dem vergangenen Wahlsonntag ist die Sonne zwar auch gestern pünktlich wir angekündigt um 07.45 aufgegangen, aber weil es die Katalanen und Katalaninnen verpasst haben, klare Verhältnisse zu schaffen, scheint sie jetzt auf eine tief gespaltene Region.

Das Geschirr ist zerschlagen, der Karren festgefahren, aber der Mist ist noch lange nicht geführt. Politisch sind die Aussichten für die nächsten Monate, wenn nicht Jahre, entsprechend trüb.

Als auf Konsens geschulter Mitteleuropäer rieb man sich zuweilen die Augen, traute den Ohren nicht. Ohne die geringste Weitsicht, dilettantisch und naiv ist man viel zu schnell vorgeprescht. Als könnte man in einer halben Legislatur mit einer äusserst oberflächlichen Debatte ein Land, das einmal ein Weltmacht war, aus den Angeln heben.

Und die Medien!

Anstatt am Boden zu bleiben, anstatt die Ungereimtheiten aufzugreifen, war es, als beschränkten sie sich auf das genüssliche Ausbreiten der peinlichen Fehltritte der Protagonisten auf beiden Seiten. Dass der ganze Spuk verfassungswidrig in einer Art rechtsfreiem Raum stattfindet, ist noch am Tag danach kein Thema, was einem eigentlich schon ein bisschen Angst einflösst. Die Parteien für die Unabhängigkeit haben zwar nach Sitzen die Wahlen gewonnen, das Plebiszit, zu welchem sie diese Wahlen hochstilisierten, haben sie allerdings knapp verloren, was sie jedoch nicht davon abhält, sich als klare Sieger zu sehen.

Unter uns gesagt – und unter uns sind wir ja hier – hat man den Eindruck, es handle sich alles um ein grosses Missverständnis. Sicher ist, dass es vor allem um Emotionen geht, und dass ein gewisser Überheblichkeitskomplex der relativ tüchtigen Katalanen eine Rolle spielt.

Leicht hat man den Eindruck dass sich viele Katalanen und Katalaninnen den restlichen Spaniern überlegen fühlen. Dass dieses Selbstverständnis von dem Welterfolg des FC Barcelona mitbestimmt wird, ist sicher nicht auszuschliessen, denn den vorherrschenden Fahnenkult sieht man sonst wirklich höchstens noch im Zusammenhang mit Fussball. Bayern-Trainer Guardiola wurde übrigens nicht ins Parlament gewählt, was mit Listenplatz 85 auch schwierig gewesen wäre.

Und was hat das alles mit Salvador Dali zu tun?

Dali war bekanntlich Katalane und ein ganz schräger Vogel, der im hohen Alter noch vor der Tür des sterbenden Diktators Franco scharrte. Mit seinem egomanischen Hang zur Selbstglorifizierung hätte er bestimmt in diesen Wahlkampf eingegriffen. Man mag seine Auffassung von Kunst mögen oder nicht, handwerklich war er aber ein ganz grosser Meister. Auch wusste er in seinem Haus in Port Lligat nahe an der Grenze zu Frankreich einen Spiegel genau so aufzustellen, dass die ersten Sonnenstrahlen, die morgens auf die Iberische Halbinsel fielen, ihm ganz allein gehörten.