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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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05.08.2015 | 06:30
Joaquín Sorolla y Bastida, Strandspaziergang (1909)

Der eigene spanische Garten, den ich in meinem letzten Beitrag als mein kleines Paradies bezeichnet habe, ist übrigens, was den Ertrag betrifft, ein ziemlich bescheidenes Unterfangen.

Am Jahreskonsum gemessen, muss ich den Ertrag sogar als symbolisch bezeichnen.

Aber die Zwiebel in meiner Hand, die ich selbst in die Erde gesteckt und mit verhältnislosem Aufwand gehegt und gepflegt habe, diese Zwiebel ruft nicht plötzlich Halt, bevor ich sie schäle. Diese Zwiebel hat keinen Grund mich anzuklagen. Sie kennt sie nicht, die leidvollen Geschichten der langen Lastwagenfahrten, der Zollkontrollen, der abrupten Temperaturwechsel, des Ausharrens in haushohen Kistentürmen in schlechter Luft.

Wenigstens diese eine Zwiebel weiss nichts von unterbezahlten Hubstaplerfahrern, hat keine Lagerhausangestellten fluchen gehört, wurde auch nicht mit Plastikhandschuhen hart angefasst.

Diese Zwiebel hat keine Ahnung von Einkaufskörben, Abwägeritualen, Warteschlangen und Kassenzetteln und nie wird sie in einem Migrossack verschwinden. In ihrem Leben hat sie nur Sonne, frischen Wind, den Schatten der Papeln und das Wasser aus dem Kanal eines altehrwürdigen Bewässerungssystems gesehen.

Dieses System heisst auf Spanisch asequia, geht wie sein Name auf maurische Zeiten zurück und irgendwie hatte ich an ihm schon immer den Narren gefressen.

Wenn das Wasser aus dem Kanal runter in die Furchen zwischen mein Gemüse sprudelt und ich seinen Lauf mit der Hacke kontrollieren muss, komme ich mir einerseits immer vor wie als Bub beim Choslen oder beim Stauen an der Sense, gleichzeitig fühle ich mich den Elementen und den zeitlosen Wahrheiten verbunden wie sonst nie.

Auch erinnere ich mich dann gerne an das Wassergericht in Valencia. Dort treffen sich donnerstags im Haupteingang der Kathedrale seit Jahrhunderten Laienrichter, um über Streitigkeiten beim Bewässern aus der asequia zu beraten. Man sagt, es sei das Gericht, das am längsten ununterbrochen tagt.

Besonders beeindruckt hat mich immer, dass der Vorsitzende die Kläger mit dem Fuss zum Sprechen auffordert. Als wollte er sich die Hände nicht mit Zeigen schmutzig machen.

Und was hat Joaquin Sorolla damit zu tun?

Eigentlich nur, dass er wie kein anderer Maler dieses ganz besondere Licht zu fassen vermochte, unter welchem in der Region von Valencia, ob in den Bergen oder am Meer, so ziemlich alles Menschliche geschieht. Und dass er deshalb wohl zu den bewundernswertesten Malern der Moderne gehört.