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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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12.06.2015 | 16:49
Vincent an Gogh, Strasse nach Tarascon

Es haben Wahlen statt gefunden und es werden Wahlen stattfinden. Im Inland und im Ausland. Und so wie bei den kürzlich stattgefundenen Wahlen im fernen Zürich links und rechts Wahlziele in Prozenten vorgegeben wurden, werden für die Wahlen im Herbst auch jetzt schon allenthalben Wahlziele deklariert. Die einen wollen 3% zulegen, andere nehmen sich vor, wiederum 12% oder meinetwegen mehr als 20% der Wählenden für sich zu gewinnen.

Das habe ich noch nie begriffen.

Ich befürchte sogar, da werde etwas ausser Acht gelassen. Diese Vorgaben kommen mir immer so vor, als sei etwas vergessen gegangen.

Wird da nicht das Pferd vom Schwanz her aufgezäumt?

Das hat natürlich damit zu tun, dass ich zu den ewig gestrigen Anhänger des politischen Milizsystems gehöre und mich nicht mit dem Gedanken anfreunden kann, dass man gewählt zu werden als politisches Ziel versteht.

Der Politikerin, die mir sagt, ihr Ziel sei es, einen bestimmten Missstand zu beheben oder einer bestimmten Einsicht zum Durchbruch zu verhelfen, werde ich gegenüber dem Politiker, der mir sagt, wie viele Prozente seine Partei erreichen wolle, selbstverständlich den Vorzug geben, denn bei dem letzteren ist der Opportunismus notgedrungen Programm.

Gut, ich könnte mir vorstellen, dass beispielsweise mein geschätzter Kollege Gerhard Meister sagen würde, ich sei ein Romantiker, erstens gehe es um Macht und zweitens hätten Politiker und Politikerinnen nun mal ihren Beruf und ihre Existenz und es sei nur logisch, dass sie gewählt werden wollen. Ich weiss aber auch, dass es sinnvoll ist zu träumen.

Wozu sind wir da, wenn nicht, um Idealvorstellungen nachzuhängen?

Man braucht als Mensch wenigstens ein bisschen Utopie, ein bisschen Glaube, wenn nicht an das Jenseits, so doch an das Mögliche. Die Wirklichkeit wird es nicht versäumen, einen früh genug wieder einzuholen.

Ein sehr anständige und einer Politikerin und einem Politiker wohl anstehende Eigenschaft wäre es deshalb, die eigene politische Existenz vom Erreichen eines Zieles abhängig zu machen und nicht umgekehrt, indem man dauernd nach Themen und Positionen sucht, die einem die Gunst der Wählenden sichern. Das ist genau das Gegenteil von Utopie.

Und was hat van Gogh damit zu tun?

Hätte sich van Gogh darum gekümmert, wie und was er malen müsste, um mehr davon verkaufen zu können, sprich gewählt zu werden, hätte er sich vielleicht kein Ohr abgeschnitten, aber kennen würden wir ihn ganz sicher nicht.