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22.01.2014 | 06:40
Daniel de Roulet (Foto: zvg)

Der Schriftsteller Daniel de Roulet wird am 4. Februar siebzig. – Ein Anlass, den politischen Autor, den sprachgewandten Künstler, den kritischen Kollegen herzlich zu würdigen.

 

Es gibt nicht viele Schweizer Schriftsteller, die gleichzeitig in mehreren Sprachen zu Hause sind und als Autoren in den verschiedenen Sprachräumen wirken. Daniel de Roulet ist einer davon.

Etliche seiner in Frankreich publizierten Bücher sind kurz nach ihrer Veröffentlichung, zum Teil sogar zeitgleich auch auf Deutsch erschienen. Er selber, geborener Jurassier, bewegt sich mit grosser Leichtigkeit zwischen den Sprachen und den Welten.

De Roulet hat in Lausanne und Zürich studiert, lebt in Frankreich, zusammen mit Chiara Banchini, der weltweit gefragten Tessiner Dirigentin und Violonistin. Er hat Architektur studiert, arbeitete als Informatiker, ehe er sich 1997 ganz dem Schreiben zuwandte.

Politischer Autor

De Roulet ist ein unentwegt politisch Bewegter, dessen Werke rund um den Globus führen, quer durchs Zwanzigste Jahrhundert, und der zugleich mit Vehemenz gegen jede politische und wirtschaftliche Instrumentalisierung der Kunst kämpft.

Ich habe Daniel als letzten Präsidenten der Gruppe Olten kennen gelernt. Bei seinem Antritt nannte er als Ziel seiner Präsidentschaft die Auflösung des Verbands, was ihm einige Kollegen bis heute nicht verziehen haben. In nur zwei Jahren entstand in Zusammenarbeit mit dem Schriftstellerinnen- und Schriftstellerverband SSV der neu geschaffene Autorinnen- und Autorenverband AdS. Damit überwanden die Schweizer Schriftsteller die Strukturen des Kalten Krieges in den eigenen Reihen.

Das Zwanzigste Jahrhundert im Fokus

Die Spannweite des De Rouletschen Denkens zeigt sich exemplarisch im Sammelband «Nach der Schweiz». Das Buch von 2009 versammelt 27 Porträts von Ein- und Ausgewanderten und fokussiert auf deren jeweiliges Verhältnis zur Schweiz. Neben Ferdinand Hodler, Max Frisch und Jean Tinguely stehen Clara Haskil, Agota Kristof oder Noëlle Revaz.

Wellen warf das Porträt von Le Corbuisier, welches dem Schweizer Architekten die Kollaboration mit den Vichy-Nazis nachwies. Worauf eine mediale Debatte entstand, in deren Folge eine grosse Schweizer Bank ihre Werbung mit Le Corbuisier zurückzog.

De Roulets Hauptwerk sind die zehn Bände seiner «Simulation humaine». In eigenständigen, durch ein Figurenarsenal miteinander verbundenen Romanen erzählt de Roulet das Zwanzigste Jahrhundert als Epoche der Erfindung der Kernkraft und des Internets. Auf Deutsch erschienen ist eben der Band «Kamikaze Mozart», die Geschichte des Schweizer Physikers und Musikers Wolfgang Steinamhirsch, der sich in den USA in die japanische Violinistin Fumika verliebt und sie dann feige verrät. Der Roman spannt den Bogen von der Entwicklung der Kernspaltung über die Internierungslager für Japanischstämmige in den USA bis zum Abwurf der Bombe über Nagasaki und zur Schweizer Reaktorkatastrophe von Lucens.

Politische Autobiografie

Auch de Roulets autobiografische Texte sind hochpolitisch und verbinden individuelle mit zeitgeschichtlicher Erfahrung. So erzählt sein Bericht «Double» von 1998, basierend auf seiner 3,3 kg schweren Fiche, die fatale Verwechslung des Schriftstellers mit einem Zürcher Staatsanwalt durch die Schweizer Schnüffelbehörden. Kaum ein anderer Schweizer Autor hat die peinvolle Beschäftigung mit der eigenen Fiche so konsequent literarisch umgesetzt.

«Ein Sonntag in den Bergen» von 2006 schliesslich ist das Geständnis des politischen Aktivisten, 1975 das Chalet des Deutschen Verlegers Axel Springer oberhalb von Gstaad in Brand gesetzt zu haben. Während einzelne Kritiker das späte Geständnis für eine literarische Finte hielten, wurde der Bericht in der Deutschschweiz als moralischer Skandal inszeniert. Hier erwiesen sich das französische und das deutsche Feuilleton als unbefangener und souveräner.

Der Brückenbauer

Von 2008 bis 2011 war Daniel de Roulet Mitglied von «Bern ist überall». Er wirkte als Brückenbauer bei der Erweiterung der Gruppe in die Mehrsprachigkeit hinein und unterstützte die Bestrebungen, «spoken-word» auch im französischen Sprachraum bekanntzumachen.

Am 4. Februar feiert Daniel de Roulet in Genf seinen 70. Geburtstag!

 

Daniel de Roulets Werke in deutscher Übersetzung sind allesamt im Limmat-Verlag erschienen.