Aare
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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
Aare
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22.06.2017 | 15:00
Peter Iseli Avalokiteshvara (photo: )

Nichts wäre leichter, als in diesen herrlichen Tagen ein Loblied auf die Aare zu singen. Wer könnte nicht ausführlich schwärmen von unserem glasklaren Rio Grande! Ich möchte mich jedoch auf nur einen Vorzug der schönen Aare beschränken. Sowohl beim Raufgehen zum Eichholz wie beim Runterschwimmen zurück ins Marzili: Für einmal bin ich nicht der einzige, der nicht auf ein Smartphone starrt! Sogar Jugendliche gehen dem Ufer entlang und reden miteinander.

Aber sonst!

Im Sandkasten auf dem Spielplatz spielen die Kleinen, die Eltern stehen daneben und sind doch nicht da. Sie kommunizieren, nicht unter sich und nicht mit den Kindern, sie kommunizieren mit ihren I-Phones. Ein Vater geht vorbei, mit dem Kind auf dem linken Arm und dem Handy vor dem Kopf. Im Café sitzen drei Damen, drei beugen sich über ihre Bildschirme. Beim Schulhaus oben an der Postgasse drängen vier Modies zur Tür heraus ins Freie. Mit keinem Blick würdigen sie die Welt. Alle schauen auf ihre Geräte, eilen hinter diesen her zum Rathausplatz, niemand achtet auf den Verkehr. Im vorbeifahrenden Bus sehe ich nichts als vorneübergebeugte Köpfe.

Natürlich ist mir klar, dass ich ein anachronistischer Aussenseiter bin, ich weiss auch, dass es nicht darauf ankommt, ob ich das verstehen kann, aber immerhin tangiert es mich. Ich stehe neben völlig abwesenden Leuten im Lift, immer öfter muss ich auf der Strasse darauf achten, dass ich nicht mit ihnen zusammenputsche, bin ich im Auto unterwegs, muss ich aufpassen, dass ich sie nicht überfahre, auch nicht, wenn sie mitten auf dem Fussgängerstreifen plötzlich stehen bleiben. Und reise ich im Zug mit Kindern im gleichen Wagen, würden die vielleicht auch weniger schreien und kreischen, wären ihre Eltern nicht völlig von ihren Geräten absorbiert.

Die Fragen, dich mich beschäftigen sind aber: Was war vorher? Was haben diese Menschen vor dem Smartphone eigentlich getan? Womit war die Menschheit den vorher beschäftigt?

Natürlich ist es auch ein bisschen traurig, wenn man diese Paare jeden Alters überall stumm zusammen sitzen sieht, jeder für sich in sein Gerät vertieft und es kann nicht überraschen, das immer mehr darüber geschrieben und nach den Konsequenzen gefragt wird. Ist hinter diesen beflissenen Überanpassung an die immerhin von kommerziell interessierten Kreisen schnell vorangetriebenen totalen Digitalisierung der Welt nicht eine bodenlose Spiessigkeit versteckt? Ein Nichts! Ein Vakuum. Als würde jede noch so schöne, aber nicht lebensnotwendige Erfindung automatisch  auf fruchtbaren Boden fallen, weil da nichts ist, weil sich eigentlich alle langweilen und froh sind, wenn ihnen endlich jemand zeigt, was sie mit ihrer Zeit zu tun haben.

Gut, ich weiss, auch bei der Erfindung der Dampfmaschine hat man den Untergang der Welt befürchtet, sollte dieser aber jetzt tatsächlich eintreten, möchte ich einfach nicht der einzige sein, der es bemerkt.

Und was hat Peter Iseli damit zu tun?

Als ich ihn fragte, ob er mir vielleicht ein Bild für das Journal B geben würde, fragte er, was das sei. Das ist eine Netz-Zeitung, sagte ich.  Also bitte! sagte er darauf: Du redsch mit öpperem, wo no nie ä Computer het aglängt. Mit au däm Züg hanni nüt ds tüä! Und das sagt ein Berner Künstler, dessen Bilder von New York über Indien bis Australien auf der ganzen Welt zu sehen sind. Peter Iseli malt nämlich meistens im Auftrag buddhistischer Gemeinschaften Rollbilder, an welchen er oft mehrere Jahre arbeitet. Sie sind so gross, dass er sie während der Arbeit nie in ihrer Ganzheit sehen kann und sie sind nicht nur ganz grosse Kunst, diejenigen, die ich gesehen habe, sind auch wunderschön!

08.06.2017 | 10:16
 (photo: )

- Vous dites vous sentir de plus en plus essoufflé au Marathon de Lausanne, n’est-ce pas ?

- Oui, c’est cela. Mes performances baissent d’année en année. J’ai vérifié sur mon ordinateur. Depuis 2001, je note toutes mes performances : elles sont à la baisse.

- Vous me racontez aussi digérer un peu moins bien le fromage, n’est-ce pas ?

- Oui,  surtout les fromages gras, docteur. Je digère de plus en plus mal les fromages gras. Je ne peux plus manger une fondue après 20 h par exemple.

- Mmmh. Et les autres ?

- Les autres ?

- Les fromages plus légers. Les sérés, les choses comme ça ?

- Ca va, docteur, ça passe, mais disons que je ne peux plus en manger autant qu’avant.

- Vous me dites aussi être de plus en plus ennuyé par les séries TV, vous me confirmez cela ?

- Tout à fait. Avec ma femme, il fut un temps où nous les dévorions. Borgen, Breaking bad, Homeland, Game of Throne, nous avons tout vu. Maintenant, nous nous embêtons avant même la fin de la première saison…

- Mmmh. Est-ce que vous iriez jusqu’à dire que vous ressentez un sentiment de lassitude ?

- De lassitude, docteur ?

- Oui, un sentiment de lassitude. Une sorte de lassitude devant la vie.

- De la lassitude… ?  Oui, ma foi, oui, je crois bien que je pourrais parler d’une sorte de lassitude...

- Vous avez bien dit, lassitude, Monsieur ?

- Oui, « lassitude », c’est cela.

- Eh bien, écoutez, Monsieur Jaccoud, je crois que le temps est venu de vous adresser à Exit.

19.05.2017 | 06:30
 (photo: )

Dr Kanton Thurgou wott ds Früefranzösisch kippe. Vierezwänzg Jahr Erfahrig zeigi, dass Ching, wo ab dr füfte Klass Französisch heige, schpeeter nid besser Französisch chönni aus Ching, wo ersch ir sibete Klass Französisch heige.

Dass das so isch, gloub i sogar, u o dass me das mit Schtudien und Uswärtige ha nachewyse. D Frag isch höchschtens, werum’s di Schtudien und Uswärtige nume für ds Französisch git. U eim niemer cha säge, öb Ching, wo mit sibni lehri läse, schrybe, rächne, zeichne, turnen u singe schpeeter besser chönni läse, schrybe, rächne, zeichne, turnen u singen aus Ching, wo das ersch mit nüni glehrt hei. U öb das würklech dr Sinn vor Schueu syg, öpis früecher z lehre, für dass me’s schpeeter besser cha aus die, wo’s ersch schpeeter glehrt hei.

Schprachlabor

Mir hei o ab dr füfte Klass Französisch gha. U mir hei denn aber no nid gwüsst, dass das Früehfranzösisch isch, wo mir hei. Denn het’s eifach Französisch gheisse. U das wo mi am Französisch am meischte begeischteret het, isch ds Schprachlabor gsi. So dass i mr säuber usemne Tonbandgrät u chlyne Lutschprächer u viu Kabu es Schprachlabor für deheime bout ha. Aber Französisch han i nid würklech glehrt drby. Drfür löte.

Üsi eutere Ching syn es Schueujahr usenang u sy wägdäm i zwöi vrschidnige Schueusischtem. Dr euter Suhn het ersch ab dr füfte Klass Französisch gha u d Tochter, es Jahr drunger, ab dr dritte. U natürlech het dr Suhn das Jahr Ungerschid sofort wettgmacht u cha hütt mindischtens so guet, we nid besser Französisch aus d Tochter. Auerdings mues me säge, dass sech ds Früefranzösisch bir Tochter uf zwo Lektione pro Wuche beschränkt het. U das isch wahrschynlech ds Houptproblem. We scho Früefranzösisch, de richtig. Süsch cha me sech di zwo Lektione pro Wuche tatsächlech schänke.

Mehrschprachikeit aus moralischi Pflicht

Chürzlech bin i z Sauzburg gsi u ha ghört, wi öper emnen angere vorgschwärmt het vomne Land, won’r chürzlech syg gsi. Es chlyses Land, aber d Lüt dert redi aui mehreri Schprache, änglisch natürlech, aber o Dütsch u Französisch. I ha gmeint, dä red vor Schwyz, bis i vrschtande ha, dass’r vo Ferie z Portugal vrzeut.

Im erschte Momänt bin i enttüüscht gsi, dass’r nid d Mehrschprachikeit ir Schwyz lobt. O wen i weiss, dass di Mehrschprachikeit lengschtens nid so bedütend isch, wi mir mängisch tüe. U viu Dütschi byschpiuswys, won i kenne, besser Französisch chöi aus Dütschschwyzer. U änglisch sowiso.

U i ha tänkt, ei grosse Fähler, wo mir mache, isch, dass mir üs d Mehrschprachikeit hüüfig win e moralischi Pflicht vornä. Wüu mr sen aus bsungers wärtvou empfinde, aber wärtvou imnen idealistische Sinn. Nid wirtschaftlech wärtvou. Was si aber eigentlech wär.

U i ha plötzlech tänkt: Wi wär das eigentlech, we sech d Schwyz aus en Art Kompetänzzäntrum für Mehrschprachikeit würd begryfe. E Schtrategie würd usschaffe, wi me’s chönnt härebringe, dass aui Bürgerinnen und Bürger i zwänzg Jahr mindischtens füf Schprache chönnte. U natürlech würd me sech nid numen uf d Landesschprache beschränke, sondern würd o di angere Schprache mitdänke, wo ir Schwyz gredt wärden u zum Teil vo viu meh Lüt aus gwüssi sogenannti Landesschprache.

Nofrüecherfranzösisch im Chindergarte

U i ha tänkt, wen i Politiker wär im Kanton Thurgou, würd i usem Früefranzösisch es Nofrüecherfranzösisch im Chindergarte mache. U d Lehrpärsonen im Chindergarte drzue vrpflichte, mindischtens füfzg Prozänt vor Zyt mit de Ching Französisch z rede. U d Schtandardschprach, wo d Ching ja bereits vom Fernseh kenne, gäb’s de ab dr erschte Klass. U de chönnt me ja mit Schtudien und Untersuechige nach vierezwänzg Jahr uswärte. U i bi sicher, dass dr Kanton Thurgou punkto Französisch, aber vilech o punkto Schtandardschprache besser würd abschnyde aus hüt. Uf jede Fau nid schlechter.

20.04.2017 | 17:11
«Nachtschatten», Fotografie (photo: )

Bekanntlich liegt der Teufel im Detail. Deshalb müsste Jean Ziegler in dem Tagi-Gespräch mit Res Strehle genauer werden, wenn er behauptet, positive soziale Impulse würden heute nur aus Süd-Amerika kommen. Für Normalsterbliche ist das in Anbetracht der dort vorherrschenden Zustände irgendwie nicht nachvollziehbar. Aber sonst ist der junge Mann von 80 Jahren in dem über Ostern erschienenen Interview schwindelerregend präsent und in seiner Direktheit schlicht bewundernswert!

Unbestritten ist dagegen, dass Kalifornien jener Teil der Welt ist, der uns absolut gnadenlos mit Impulsen bombardiert. Von dort soll, gemäss einer anderen Zeitung, demnächst auch ein elektrischer Lastwagen von Tesla auf uns zurollen, was unter Umständen ein Geschenk an die Menschheit werden könnte.

Warum allerdings ausgerechnet in Berkeley, wie die gleiche Zeitung meldet, kalifornische Wissenschaftler meinen herausfinden zu müssen, warum sich unsere Schuhbändel immer wieder lösen, ist eine andere Frage. Man kann das mit den Details nämlich auch übertreiben. Ich würde einfach auf den Rat meiner Mutter an uns Kinder zurückgreifen: Besser binden!

Ich schreibe dies übrigens in einem Hotel in Banja Luka in Bosnien und fühle mich deshalb berechtigt, zu behaupten, dass man auch auf Reisen eigentlich ins Detail geht. Zusammen mit meinem Freund und Kollegen Guy Krneta bin ich unterwegs in den Kosovo, wo wir für ein schweizerisch-kosovarisches Literaturprojekt ein bisschen vorsondieren wollen. Unter anderem haben wir gestern in Details mitbekommen, was man im sonstigen Europa ziemlich verlernt hat: Wie man im Auto über eine wirklich kontrollierte Grenzen kommt! Uniformierte Gestalten hinter kleinen Luken in eigenartigen, vermutlich schusssicheren Zöllnerhäuschen. Besonders in Regen und Schnee alles ein bisschen kompliziert, alles ein bisschen bedrohlich, eigentlich grotesk und kafkaesk. Und die DDR lässt grüssen.

Sogar diesen grünen Zettel mussten wir im Handschuhfach suchen. Dass es den überhaupt noch gibt, hatte ich schon fast vergessen.

Und was hat Alexander Egger damit zu tun?

Auch dieser versierte Berner Fotokünstler geht gerne ins Detail und produziert mit seinen neusten Bildern eine Schärfung des Hinschauens, die auch Blicke in neue, sogar sehr schöne Welten ermöglicht. Einzelne Motive verwandeln sich dabei sogar in etwas grundlegend Neues. Plötzlich wächst aus einer Erdnussschale ein kleiner Palmenwald wie hier im Bild.

To behold the world in a grain of salt! Um es mit William Blake zu sagen. Auch in einem Salzkorn ist die Welt zu sehen. Mehr davon gibt es vom 21. April bis zum 6. Mai in der galerie 9a am stauffacherplatz.

05.04.2017 | 11:40

Ab dem ersten Mai sind in der Schweiz drei Insektenarten offiziell zum menschlichen Verzehr freigegeben: Die Wanderheuschrecke, der Mehlwurm und das Heimchen (eine Grillenart).

Die Wanderheuschrecke schmeckt nach Poulet, der Mehlwurm nach Nuss, das Heimchen wiederum erinnert mit seinem Geschmack an Popkorn und wird deshalb gerne im Zuckermantel serviert. Insekten sind reich an Proteinen, der Chitinpanzer fördert als Ballaststoff die Verdauung.

Soweit die fakefreien Fakts (sofern es sowas heute überhaupt noch gibt). Aber natürlich tun sich auch Fragen auf. Wollen die Schweizerinnen und Schweizer überhaupt Insekten essen? Werden sie sich nicht ekeln beim Biss in den Hamburger, der mit Mehlwürmern gespickt ist, von denen dann das eine oder andere Beinchen an der Zunge hängen bleibt? Was sind die Gründe dafür, dass sich Frauen vor dem Verzehr von Insekten mehr ekeln als Männer? Ist das biologisch bedingt oder werden Mädchen, wie unbewusst auch immer, eher zu diesem Ekel hin erzogen? Ist es ethisch geboten, Insekten zu essen, weil deren Produktion ja weniger Ressourcen verbraucht als die Produktion von Fleisch? Aber sind nicht auch Insekten Fleisch? Und kann man die Trennlinie zwischen zu Leid fähigen Säugetieren und den sechsbeinigen Biorobotern wirklich sauber ziehen? Ist das Essen von Insekten also noch vegetarisch? Und wie geht der Veganer damit um, dass er zwar Bedenken hat, Bienen auszubeuten und deshalb auf Honig verzichtet, die Spinne, die über die Bettdecke kriecht, dann aber trotzdem totschlägt? Und wie steht es mit den anderthalb Kilo Fliegen und Mücken und den rund zwanzig Spinnen, die jeder Mensch, ob Veganer oder nicht, im Lauf seines Lebens im Schlaf oder auf eine andere Weise unfreiwillig verschluckt? Wäre es vielleicht nicht doch angebracht, die Insekten, was ihre Stellung als Nahrungsmittel angeht, eher zu den Pflanzen zu schlagen? Aber woher, um Gottes Willen, sind wir so sicher, dass Pflanzen keine Gefühle haben? Wo sie doch besser wachsen, wenn man beim Giessen lieb mit ihnen spricht? Ist nicht jedes Lebewesen heilig? Aber wie heraus aus der Zwickmühle, dass wir uns nun einmal nicht wie die Pflanzen von Sonnenlicht ernähren können? Und die Sonne hat jetzt sicher wirklich nichts dagegen, dass die Pflanzen ihr Licht in ihre Blätter saugen, oder? Müsste der Bundesrat eigentlich nicht schon längst - statt die armen Insekten, nachdem wir sie schon totschlagen und vergiften, auch noch zum Zermalmen zwischen unseren Zähnen freizugeben -  Forschungsprojekte fördern mit dem Ziel, in unsere Schädeldecke Sonnenzellen einzubauen? Und so ein Zeitalter einläuten, in dem unser Stoffwechsel mit der Umwelt endlich in die Phase seiner ethischen Unbedenklichkeit tritt?

31.03.2017 | 10:37
Iwan Puni, Armed workers in a motorcar, 1918 (photo: )

Natürlich fehlt es nie an guten Gründen, sich in einen klassischen russischen Roman zu verkriechen, aber heuer jähren sich auch noch jene Revolutionen zum hundersten Mal, die bekanntlich die Welt erschütterten. Auch deshalb verbringe ich schon seit einem Monat einen beträchtlichen Teil meiner Zeit staunend und tief beeindruckt an einem sehr schönen Fluss im revolutionären Russland. Ich lese «Der Stille Don» von Michail Scholochow. Das sind weit über tausend klein bedruckte Seiten in zwei dicken Bänden.

Dass man da auch mal Grund hat, an Karl Marx zu denken, versteht sich von selbst. Ganz nebenbei vernimmt man beim Lesen nämlich zum Beispiel auch, dass ausgerechnet «Das Kapital» von der zaristischen Zensur unbehelligt in das aufgewühlte Land gelangen konnte. Man nahm schlicht und einfach an, für diesen dicken, theoretischen Schinken aus England würde sich sowieso kein Mensch interessieren. Weit gefehlt!

Aber dann sitzt man im Zug und hört wie ein Tourist aus Süd-Afrika mit dem Namen Marx ein Hotel reservieren will und nicht verstanden wird: Sogar zweimal muss er ihn in sein Telefon buchstabieren: M – A – R – X! Nein: M wie Müller! A wie Achtung! R wie Roger und X wie Xylophon! Marx!

Wie tief der Bekanntheitsgrad und wohl auch der Marktwert dieses Namens aber tatsächlich gesunken ist, erfuhr ich ein paar Tage später.

Natürlich gab ich bei einem Bier mit Kollegen im Falken die kleine Anekdote aus dem Zug zum Besten und natürlich schmunzelte man. Und ein Kollege machte mich darauf aufmerksam, dass gerade an diesem Tag in der «Zeit» wieder mal ein Artikel erschienen sei mit dem Titel: «Hatte Marx doch recht?» Auch sei sein Abbild gross, aber rot und blond vorne drauf auf der Zeitung!

Als ich kurz darauf bei dem Kiosk an der Kramgasse vorbeikam, sah ich «Die Zeit» mit dem blonden Marx schon von weitem, nahm sie aus dem Regal und legte sie vor der Kioskverkäuferin auf die Ablage. Sieben zwanzig, sagte sie, und während ich die Münzen eine nach der andern hervor suchte und auf das bärtige Gesicht des alten Marx legte, das fast die ganze Titelseite beanspruchte, fragte ich die junge, schon mit geöffneter Hand wartende Frau, ob sie den kenne? Sie sagte, nein, schaute ihn aber länger genau an, dann schaute sie mich an und fragte: Das syt aber nid dir? Nein, sagte ich, das ist Karl Marx! Sie schüttelte den Kopf! Ich sagte noch, das müssen Sie sich unbedingt anschauen! Sie habe leider wenig Zeit zum Lesen, aber sie werde daran denken. Tun Sie das! sagte ich, wünschte einen schönen Abend und nahm meinen Marx unter den Arm!

Und was hat Iwan Albertowitsch Puni damit zu tun?

Dieser avantgardistische russische Maler mit italienischen Wurzeln malte mit «Armed workers in a Motorcar» wohl eines der wenigen humorvollen Bilder zu der russischen Revolution, die zu der angeblich marxistischen Sowjetunion führte. Es ist ein herrliches Bild, weiss man doch nicht, ob diese bewaffneten Revolutionäre fahren, fliegen oder schwimmen. Sicher ist, dass sie dem Betrachter etwas verloren vorkommen. Verloren war wohl auch Puni selbst, denn er emigrierte schon bald nach Berlin und dann nach Paris.

Weil er aber auch sonst grosse Verdienste hat, auch andere, sehr sehenswerte Bilder malte, ist zu hoffen, dass er an der Ausstellung vertreten sein wird, die demnächst  im Zentrum Paul Klee und im Kunstmuseum Bern aufgeht. Die Ausstellung trägt den schönen Titel: «Die Revolution ist tot. Lang lebe die Revolution!»

27.03.2017 | 16:16
Rudolf Bussmann, Foto: Lydia Segginger (photo: LydiaSegginger)

Wer schreibt hier? Zwei Menschen lernen sich in einem Blog kennen, separieren sich und schreiben sich ausführlich verschlungene E-Mails. Der Basler Schriftsteller Rudolf Bussmann hat einen Briefroman in digitalen Zeiten verfasst.

Die digitalen Zeiten ermöglichen das Rollenspiel zweier Menschen, die sich leibhaftig, wie es scheint, nie begegnen. Erwartet werden rasche Antworten, die gelegentlich über Tage ausbleiben und umso sehnsüchtiger erwartet werden. Wie im Briefroman loten die Schreibenden innere Zustände aus, missbrauchen das «andere Du» als namenlosen Adressaten. Und als die digitalen Möglichkeiten ausgeschöpft sind, bleibt der Wechsel zum handschriftlichen Brief, der uns Mitlesenden wiederum verborgen bleibt.

Zu Anfang scheinen die Verhältnisse klar: Ein Student der Vergleichenden Literaturwissenschaft sitzt in Kopenhagen an einer Dissertation zu Hans Christian Andersen. Er wechselt E-Mails mit einer fotografierenden Künstlerin, die sich von ekligen Liebhabern aushalten lässt. Doch nach und nach zerbröckeln die Identitäten, kommen neue zum Vorschein, die kaum glaubhafter scheinen, wird Mann zu Frau, Männerfreundschaft zu gescheiterter Ehe, Künstlerin zu Sans-Papiers. Am Ende könnte das «andere Du» auch ein «anderes Ich» sein, das sich als ein anderes braucht, um erzählt werden zu können.

Die ähnliche, um nicht zu sagen gleiche Sprache der Schreibenden irritiert zu Anfang. Und die Frage, was die Beiden überhaupt verbindet, über das Schreiben aneinander hinaus. Doch nach und nach weichen die Irritationen dem Sog, den einzelne Erzählstränge auszulösen vermögen. Und immer wieder blitzen Bussmanns lakonisch-vertrakte Sätze auf, Passagen wie funkelnde Kurzprosa, die den versierten Autor, Herausgeber, Übersetzer und Literaturvermittler erkennen lassen. «Das andere Du» ist Bussmanns vierter Roman, neben etlichen Lyrik- und Erzählbänden.

Während 25 Jahren gab Rudolf Bussmann zusammen mit Martin Zingg die Literaturzeitschrift «Drehpunkt» heraus und setzte sich kenntnisreich für zahllose Kolleginnen und Kollegen ein. Auch als Leiter von Schreibseminaren und Lesezirkeln, Jurymitglied und Präsident des internationalen Lyrikfestivals in Basel ist Bussmann ein Förderer, Vermittler und kulturpolitisch engagierter Zeitgenosse. Dies lässt in der öffentlichen Wahrnehmung sein eigenes literarisches Schaffen gelegentlich etwas in den Hintergrund treten. Im Roman «Das andere Du» zeigt sich Bussmann als leichtfüssig verschmitzter Erzähler, der Fragen nicht abschliessend beantwortet.

 

Rudolf Bussmann, Das andere Du, edition bücherlese, Hitzkirch 2016

18.03.2017 | 11:19
 (photo: )

Quatre qui jouent aux cartes. Deux qui passent de l'italien au suisse-allemand avec virtuosité. Un qui est plongé dans les tests du Auto Bild et qui ne dit rien. Un gros qui dort depuis Palézieux, on le réveillera à Genève-Aéroport. Un avec sa femme, elle a des tatouages sur les seins. Un qui se fait du mouron pour ses bêtes qu'il a laissées à l'aide polonais ce matin. Un qui se fait du mouron pour son bureau de ferblanterie qu'il a laissé à son contremaître ce matin. Trois qui disent des phrases avec souvent le mot BMW dedans. Plusieurs avec du ventre.  Plusieurs aussi avec des chaussures Mephisto couleur café au lait. Un avec un superbe décolleté du camionneur quand il s'est levé pour aller aux toilettes. Beaucoup avec des bières. Certains avec le Blick.  Plusieurs en train pour la première fois, plein tarif, sans GA ni Halbtax.  Un visiblement pour la toute première fois en route pour Genève, peut-être même en Suisse romande. Passé Rolle, il contemple le Mont-Blanc, le trouve de toute beauté et se demande ce que c'est cette montagne.  On les retrouvera tous et toutes ce soir avec des catalogues Subaru, des prospectus Kia, une offre de leasing avantageuse et des casquettes du Touring Club Suisse. A Genève, c'est le salon de l'Auto, pour les totos aussi. 

08.03.2017 | 10:48

Es geht hier nicht um Goethe, er ist nur der Anlass für ein paar Gedanken über  die Länge des menschlichen Lebens im Verhältnis zur historischen Zeit. Wie ich dazu komme, mir solche Gedanken zu machen? Keine Ahnung. Aus mir unbekannten Gründen kam ich vor dem Einschlafen plötzlich in ein Spiel mit Jahreszahlen hinein und dies, so scheint mir wenigstens, mit erstaunlichem Resultat.
Goethe, dies der Ausgangspunkt, stirbt 1832 im Alter von 82 Jahren. Goethe hatte für seine Zeit ein sehr langes Leben, heute sind 82 Jahre, wenigstens in der Schweiz, die durchschnittliche Lebenserwartung.


Nun die kleine Rechnerei, die ich anstellte: Wie manches solches durchschnittliche Leben ist Goethe von uns entfernt? In meiner Vorstellung lag die Zeit Goethes immer in wirklich  weit vergangener Zeit. Erst durch eine lange Kette von Ururur- und nochmal Urgrosseltern, so schien es mir, gelangt man zu den Vorfahren, die damals gelebt haben, als es noch kein Telefon gab, keine Eisenbahn, die Fotografie kaum erfunden war und fast überall in Europa noch der Adel herrschte.
Aber in heute durchschnittlichen Leben gemessen, sind es nicht viel mehr als zwei Lebensspannen, die uns von Goethe trennen. Jemand mit Jahrgang 1832, der mit 82 stirbt, tut das im Jahr 1914. Jemand mit Jahrgang 14, der mit 82 Jahren stirbt, tat das 1996.
Mit den Jahren von zwei heute durchschnittlichen Leben gelangt man aus der Zeit Goethes in die Zeit des Internets.

Ist das nur für mich kontraintuitiv? Ist es nur mein Gefühl, dass da viel mehr dazwischen liegen müsste? Und woher kommt dieses Missverhältnis zwischen meiner Vorstellung und dem, was die Zahlen sagen? Ich denke, es gibt auf diese Frage nur eine plausible Antwort. In der Zeit, die zwischen uns und Goethe liegt, hat sich das Tempo des historischen Wandels derart erhöht und ist geradezu ins Galoppieren geraten, dass im Vergleich dazu ein menschliches Leben zu etwas unglaublich langem geworden ist, das mehrere historische Epochen überdauert.


In allen Jahrhunderten vor Einbruch der Moderne hat man die Kürze des menschlichen Lebens beklagt, das ja damals tatsächlich an Jahren viel kürzer war. Aber noch wichtiger ist wohl: man wurde damals in eine Welt hinein geboren, die sich in ihren Grundgegebenheiten im Lauf des eigenen Lebens kaum veränderte.


Blickt aber heute ein Mensch, der in der sogenannten Mitte seines Lebens steht, auf die Zeit seiner Geburt, so sieht er in eine Welt zurück, die so weit entfernt ist von seiner Gegenwart und von dieser so verschieden, dass es ihm seltsam und etwas unwirklich vorkommt, dass er damals auch schon unter den Lebenden war. Und dieser Mensch hat , wenn er bekommt, was ihm die statistische Wahrscheinlichkeit verspricht, noch einmal die gleiche Zeitspanne an Leben vor sich. Er wird also am Ende seines Lebens auf die jetzige Gegenwart zurückblicken als eine unglaublich weit zurückliegende, längst historisch gewordene Zeit. Zu diesem Blick zurück wird vielleicht ein Gefühl von Bitterkeit gehören darüber, welch schlechte Wendung die Geschichte in der zweiten Hälfte seines Lebens genommen hat. Oder dann, auch wenn das heute niemand zu hoffen wagt, blickt dieser Mensch mit einem Gefühl von Erleichterung zurück auf die finsteren Zeiten, denen die Menschen seither entronnen sind. Niemand weiss das heute zu sagen. Diese Zukunft ist nur ein halbes Leben entfernt und liegt trotzdem hinter jeder Ahnung verborgen.

01.03.2017 | 19:09
Kasimir Malewitsch, Rote Kavallerie, 1928 (photo: )

Vorgestern erschien in der NZZ unter dem Titel Die letzte Reiterschlacht Europas ein Rückblick auf die Abschaffung der Kavallerie vor 35 Jahren. Offensichtlich gab es mehr Widerstand als man heute annehmen würde. Eines der eher abenteuerlichen Argumente der Gegner der Abschaffung  lautete, man kenne bei der Kavallerie weder Dienstverweigerung, noch Langhaarprobleme. Die stolzen Dragoner galten als Elitetruppe. Nach anhaltendem Ringen zwischen National- und Ständerat siegte dann doch die Vernunft und die Kavalleristen wurden zu Panzergrenadieren umgeschult.

Was in diesem Zusammenhang selten erwähnt wird, ist die Tatsache, dass die «Eidgenossen», wie man die vom Bund gestellten Kavalleriepferde nannte, im Grauholz akklimatisiert und dann in der EMPFA (Eidgenössische Militärpferdeanstalt) in Bern für ihre Aufgabe zugeritten wurden. Um sie an Verkehr und Lärm zu gewöhnen, wurden die Pferde auch durch die Strassen und Gassen der Stadt geritten und prägten den öffentlichen Raum, vor allem die Quartiere rund um die Allmend, in einem Ausmass, das man sich heute kaum mehr vorstellen kann.

Auf der Allmend sah man sie im Galopp, auf den Strassen in kleinen und grossen Gruppen und weil sie auch zu Zugpferden ausgebildet werden mussten, oft vor kleine Wagen gespannt, auf welchen oben ein Kutscher sass und hinten sicherheitshalber ein Bremser stand, der an einer Kurbel drehte und notfalls einem scheuenden Pferd an den Zaum greifen konnte.

Noch gibt es unter Berns traditionellen Musikgesellschaften als Überbleibsel die Bereiter Musik, wenn auch nur als Abglanz einer einst aufsehenerregenden berittenen Kapelle. Wenn, um ein bisschen in Nostalgie zu schwelgen, das Trommeln der Hufe und die Fanfaren der Bereitermusik zu hören waren, war grosser Zirkus angesagt. Ein vorausreitender Tambourmajor vollführte mit seinen Schlegeln wilde Kapriolen, während er seinen mächtigen Schimmel mit den an den Füssen befestigten Zügeln führte und auf zwei grossen, dem Pferd seitlich aufgeschnallten Pauken, wirbelte.

Nichtsdestotrotz, mit den Pferden verschwand auch der Berufstand des Bereiters. Ja, man sagte «Bereiter» und nicht «Beryter». Und es waren viele. In meiner Sekundarschul-Klasse nannten immerhin zwei Mitschüler «Bereiter» als Beruf ihres Vaters. In einer Parallelklasse sass auch der Sohn des vielleicht berühmtesten Bereiters aller Zeiten. Er hiess Henri Chammartin und hatte an den Olympischen Spielen in Rom 1960 ein Goldmedaille im Dressurreiten gewonnen. Und zwar in militärischer Uniform. Immerhin.

Und was hat Kasimir Malewitsch damit zu tun?

Dieser grosse Russe hat sich nicht nur durch sein berühmtes Schwarzes Quadrat verdient gemacht, er ist schlicht ein grosser Maler und hat das einzige schöne Kavalleriebild gemalt, das mir bekannt ist.