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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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25.11.2020 | 11:31
José Manuel Ballester: Der königliche Palast. Guggenheim Museum Bilbao. 318,4 x 276 cm (photo: )
Nach meinem vorangegangen Beitrag, in welchem ich unter anderem meine Hilflosigkeit gegenüber der Spanischen Politik beklagte, erreicht mich doch tatsächlich die vorwurfsvolle Reaktion einer geschätzten Kollegin.
Die Kollegin schreibt, sie könne meine Haltung als Person zwar verstehen, aber als Schreibende hätten wir auch die Pflicht, uns der Gegenwart zu stellen und «erlahmtes Interesse» finde sie eine verantwortungslose Ausrede, die sie nicht gelten lassen könne.  Umso mehr, als sie Spanien überhaupt nicht kenne und sehr gerne gelesen hätte, was dort gerade passiert.
Was bleibt mir also anders übrig, als vor meiner Rückreise nach Bern noch einmal zur Feder zu greifen?

Sicher ist, auch in Spanien kommen und gehen die Zugvögel wie eh und je, aber die Geier fliegen tief und während hier im Dorf die Steinböcke ihr Unwesen auf die Spitze treiben, wird das Land, das letztes Jahr noch mehr Touristen willkommen hiess, als es Einwohner und Einwohnerinnen hat, gerade ziemlich erhudelt.
Völlig unverändert ist der freundliche, sogar herzliche  Umgang der Menschen. Beim Einkaufen wird man auch in diesen Krisenzeiten mit typisch spanischer Liebenswürdigkeit bedient; es wird auch weiter viel gelacht und viel geredet, bloss in der U-Bahn von Barcelona soll es still geworden sein. Dort werden die Passagiere angeblich über Lautsprecher aufgefordert, wegen der  Ansteckungsgefahr in den vollbesetzen Zügen zu schweigen.

Wenn auch nicht im öffentlichen Verkehr, wird dagegen weiterhin endlos viel über Fussball geredet. Und zwar mit der gleichen Ernsthaftigkeit wie eh und je und auch noch immer mit jener vermeintlichen Objektivität, mit welcher die Experten jedes  Resultat erklären zu können meinen, als hätten sie es vorausgesehen. Nichts ist in Spanien derart unter Kontrolle wie der Fussball und bei Länderspielen am Fernsehen, wie eben zweimal gegen die Schweiz, schrecken die Kommentatoren weiterhin nicht eine Sekunde vor dem Wörtchen «wir» zurück. Ebenso hemmungslos wie ironiefrei sagen sie:  «Wir spielen überlegen» «Wir dürfen dieses Spiel jetzt nicht aus der Hand geben» oder «Wir haben verdient gewonnen, weil wir besser waren!» Und dies alles einfach so, ohne Sternchen und nix. Am Radio wird dagegen oft und gerne über die offensichtlich lebensnotwendigen und anscheinend von allen normalen Menschen konsumierten Serien geredet, denn vor allem wenn es um deren Privatleben geht, wird von den Schauspielerinnen und Schauspielern gesprochen, als wären sie jedermanns bestvertraute Freunde und Bekannte. Und überhaupt nicht selbstverständlich: Nach wie vor fliesst der Strom recht zuverlässig aus den Steckdosen, dort wo es Zugang gibt, funktioniert das Internet und weiter wird täglich in schweren, orangeroten Behältern das Gas angeliefert, mit welchem man kocht und vielerorts auch heizt.
 
Knapp ist dagegen noch immer das Wasser. Die Versteppung schreitet entsprechend voran und vielerorts geht sie Hand in Hand mit der Entvölkerung weiter Gebiete des Landes. Kaum befahrene Strassen verbinden die nur noch spärlich bewohnten legendären Spanischen Dörfer, während die Städte wuchern und wachsen. Dort gibt es in den Kirchen weiterhin zahllose Menschen, die vor ihren verehrten Heiligen niederknien und beten. Niemand beklagt sich hier über schlecht besuchte Gottesdienste. Anders verhält es sich mit der ebenso legendären wie populären  spanischen Bar, eigentlich einer Mischung zwischen Beiz, Café, Schnellrestaurant, Kiosk und Spielsalon, von welchen es in Spanien mehr geben soll als im übrigen Europa insgesamt. Sie werden unterschiedlich gemieden und auch von den Behörden je nach Region unterschiedlich in ihrer Funktion eingeschränkt. Bis Ende des Jahres werden Tausende ihre Türen nie mehr öffnen.
 
Von der Pandemie relativ unbeeinträchtigt, scheint sich der Drogenhandel zu halten, wenn auch nicht ohne Zwischenfälle. Frühmorgens am ersten Oktober soll eine Drohne mit 4 kg Haschisch an Bord in Ceuta abgestürzt sein und ein Kurier, der von Marokko her die Grenze zu dieser Spanischen Exklave auf afrikanischem Boden schwimmend zu überwinden versuchte, hat sich mit 30 kg am Leib der gleichen Substanz offensichtlich derart überladen, dass er ohne die Hilfe der marokkanische Marine ertrunken wäre. Undurchsichtig ist die Rolle der gleichen Marine bei dem Ansturm der Flüchtlinge auf die kanarischen Inseln, von welchen man gerne vergisst, wie weit südlich und wie nahe vom Festland diese sich befinden. Bei der Bewältigung dieser durch Corona verschärften neuen Flüchtlingswelle ist der Spanische Staat offensichtlich einmal mehr überfordert. Für Schlagzeilen sorgen vor allem die Quarantäne in improvisierten Zeltlagern, wenn auch moniert wird, hinter dem Versagen bei der Versorgung der Ankömmlinge stecke möglicherweise die Absicht, abzuschrecken. In den Zeitungen schreiben übrigens auch hier sehr fleissig nordamerikanische Professoren und Professorinnen bestes bekannter Universitäten lange Artikel mit relativ wenig überraschendem Inhalt und in den hier ebenfalls sehr beliebten Interviews mit italienischen Philosophen, zeigt sich vor allem, dass es noch immer viele Zeitungsleute gibt, die noch nicht gelernt haben, dass eine Frage nur dann eine Frage ist, wenn sie kurz ist.
 
Viel geschrieben wird gegenwärtig auch über die vielen Konzessionen, welche die Regierung machen muss, um sich an der Macht zu halten. Sehr umstritten ist dabei eine Schulreform, die sprachpolitisch den katalanischen Separatisten entgegenkommt, auf deren Stimmen Präsident Sanchez paradoxerweise angewiesen ist. Und im Baskenland, wo ehemalige Mitglieder der ETA, wenn sie ihre Strafen abgesessen haben, bei der Freilassung weiter als Helden gefeiert werden, ist es die ultra-nationalistische Partei BILDU, welche bei der anstehenden Abstimmung über das Budget der Regierung notwendige Stimmen zusichert. Undurchsichtig ist, zu welchem Preis diese Unterstützung gekauft wurde. Für die Generationen, welche den ETA-Terror mit seinen über 800 Todesopfern miterlebt haben, sind die neusten Hafterleichterungen offenbar nicht nachvollziehbar. Seit Jahren beklagen die Angehörigen die langen Reisen beim Besuchen der mit Absicht über ganz Spanien verteilten Inhaftierten, worauf die  Angehörigen der Opfer antworten, sie würden gerne eine achtstündige Busfahrt auf sich nehmen, wenn sie damit ihre toten Väter und Mütter oder Kinder besuchen könnten.
 
Für viele Spanier und Spanierinnen ist es ebenso unverständlich, warum gerade jetzt in diesen schwierigen Zeiten über die Monarchie in Frage gestellt werden muss. Als Aussenstehender könnte man tatsächlich den Eindruck bekommen, bei dem amtierenden König handle es sich um einen Despoten. Und insgesamt hat man als Aussenseiter immer mal wieder den Eindruck, alles was in der Politik passiere, sei gar nicht wahr und die zum Teil sehr unerfahrenen Politiker und Politikerinnen seien lediglich am üben, denn wie sonst würden sie in einer Zeit, in welcher immer mehr Leute gegen die Verarmung kämpfen, sich selbst und den Staatsangestellten allgemein Lohnerhöhungen gewähren?

Und was hat José Manuel Ballester damit zu tun?
Wer kennt nicht die aufgeräumten Bilder von Ursus Wehrli? Ballester macht auch Ordnung, aber indem er die Bilder ausräumt. Er entfernt die menschlichen Figuren aus Klassikern. Zurück bleib anstatt Las Meninas ein leerer Königspalast, ein Abendmahl ohne Gäste, leere Landschaften, leere Wälder, leere Strassen, was alles sehr gut passt in diese Zeit. Fehlt bloss noch das Bild einer leeren Kasse.




 

 

09.11.2020 | 15:06
Bild:Margaret Bourke-White:Statue of Liberty 1952 (photo: )

Schon ist es wieder eine ganze Weile her, dass ich an dieser Stelle die Gurkenprobleme erwähnte, die ich in meinem Pflanzblätz hier in den Spanischen Bergen zu konfrontieren hatte. Was ich damals nicht erwähnte, ist die Tatsache, dass ich gleich neben den in diesem Jahr aus naheliegenden Gründen sehr spät gepflanzten Gurken ein rundes Salatbeet angelegt hatte, und zwar ohne mir dabei viel zu überlegen. Bald führte um dieses inzwischen längst abgeerntete Beet aber ein fest ausgetretener Pfad, denn ausser den Problemen mit den Gurken, galt es auch den Zustand der Welt im Allgemeinen und denjenigen der Spanischen Politik im Besonderen zu konfrontieren. In der mich dabei immer neu befallenden Hilflosigkeit hatte ich begonnen, verloren in meinen Gedanken, wie ein Esel am Göpel, endlose Runden um dieses Beet zu drehen. Auch stellte ich bald einmal fest, dass ich immer öfter Zeitungsartikel nicht mehr von Anfang an oder nicht wirklich zu Ende las. Mein Interesse und meine Neugier erlahmten. Dabei hätte ich in meiner mittlerweile gar nicht mehr so freiwilligen Selbstisolation sehr wohl Zeit und Musse gehabt, mich mit den Purzelbäumen auseinanderzusetzen, die das Tagesgeschehen in Madrid und Barcelona und im Rest des Landes unablässig schlug, um beispielsweise hier in diesem Blog darüber zu berichten.

Aber das ewige Gezänke, die peinlichen Auftritte , die verlogenen Drohungen, überhaupt die überholte spanische Rhetorik der Rechten gegen die Linken und der Linken gegen die Rechten, die so nichts zu tun hat mit der Suche nach Lösungen für die wirklichen Probleme. Es war nicht nur fürchterlich, es schien sich alles endlos zu wiederholen und um sich selbst zu drehen. Dazu kam, dass ich mich bei einer ganzen Reihe von Politikern und Politikerinnen immer wieder fragte, um Gottes Willen, wo kommen die her? Wie kommen die dorthin, wo sie sind? Wer hat die nur gewählt? Kein Wunder, dass die Kolumnen von namhaften Autoren und Autorinnen, die ich seit Jahren in El Pais und in La Vanguardialese, nur so strotzen von Exkursen über Scham und Fremdscham, über verpasste Chancen, über moralische Katastrophen und über eine sehr düstere Vision für die Zukunft dieses stolzen Landes Spanien. In meiner zeitweisen Abkehr von der Aktualität habe ich aber eine literarische Entdeckung gemacht, über die ich unbedingt berichten muss.

Per Zufall, einfach so, habe ich auf SRF eine Lesung gehört, die mich auf der Stelle in Beschlag nahm. Lesen tat Hanspeter Müller-Drossart und ich muss zugeben, anfänglich befürchtete ich, weil dies so oft geschieht, er würde sich vielleicht mit seiner Vorlesekunst vor den Text schieben. Ich hatte mich aber gründlich geirrt. Selbst auch Autor, muss Müller-Drossart sofort geschnallt haben, dass der Text in seinen Händen keine Interpretation und schon gar keinen eitlen Schabernack benötigte. Diese Sätze stimmen und klingen, und zwar so überzeugend, dass man sie einfach vorlesen kann und das tat er meisterlich gekonnt, indem er seine Stimme immer mehr mit dem Gelesenen verschmelzen liess und er als Interpret eigentlich verschwand. Ein grösseres Kompliment kann man einem Schauspieler beim Vorlesen wohl kaum machen.

Und das Buch? Es heisst Bayass und der Autor ist Flavio Steimann. Es ist eines jener Bücher, bei denen man sich sofort fragt, wo hat der Autor diese Geschichte bloss her, denn die ist so wahr, so nah, dass sie unmöglich erfunden werden konnte. Hätten diese Leute nicht gelebt, könnte er unmöglich so viel über sie wissen, denn eine solche Fülle an stimmigen, historisch überzeugenden Details gäbe kein Archiv der Welt her und nicht mal in 1000 Stunden liessen sie sich recherchieren. Man denkt sogar, der muss das alles miterlebt haben, obschon das zeitlich gar nicht möglich wäre. Und es wäre absurd, hier die Geschichte nachzuerzählen und zu behaupten, dieses Buch sei gut geschrieben. Das wäre ebenso unsinnig wie die «Suite Vollard» von Picasso zu beschreiben und zu behaupten, sie sei gut gezeichnet. Dieses Buch ist genau so geschrieben, wie es seine innere Natur und seine eigenen Gesetze verlangen, nämlich auf seine ganz eigene und einzig mögliche Art. Wollte man dennoch die Qualität seiner Prosa fassbar machen, müsste man diese mit einem sehr edlen Wein vergleichen, bei dem man zweifelsfrei spüren kann, dass seine tief verwurzelten Elemente ineinandergreifen und sich so vorteilhaft zu einem runden Ganzen formen, dass man sich etwas Bekömmlicheres gar nicht vorstellen kann. Der Rest ist Kunst.

Und was hat Margaret Bourke-White damit zu tun? Man vergisst gegenwärtig so leicht, wie viel Bewundernswertes an Kultur und Kunst aus den Vereinigten Staaten kam und kommt. Und Margaret Bourke-White war entschieden eine grosse Fotografin, die als Reporterin der US-Army mit den ersten Fotos eines befreiten Konzentrationslagers über Nacht weltberühmt wurde, der wir aber auch sehr witzige Bilder der Freiheitsstatue zu verdanken haben. Und genau dahin führt die Geschichte von Steimann, die nachzuerzählen sich hier völlig erübrigt. Erwähnt sei lediglich eine Überfahrt auf dem Immigrantenschiff «Liberté», die so einfühlsam und genau dargestellt wird, dass man als Hörer bei einem Sturm einmal beinahe selbst ein komisches Gefühl in der Magengegend zu bemerken vermeint. Und übrigens: Auf diesem Schiff soll es auch Leute gegeben haben, die glaubten, bei der Freiheitsstatue handle es sich um eine übergrosse Darstellung der Jungfrau Maria. Auch so kann man sich irren in Amerika.

23.09.2020 | 10:57
Chaim Soutine: Le Pâtissier de Cagnes (photo: )
 An dieser Stelle habe ich zuletzt berichtet, dass ich in meinem Gemüsegarten in den Spanischen Bergen den Gurken gut zugeredet habe. Weil sie unter den besonderen Umständen sehr spät im Jahr gepflanzt wurden, wollten sie nicht richtig gedeihen. Es hat genützt. Inzwischen habe ich Gurken mehr als genug. Aber sind diese Gurken vielleicht dumm. Wirklich! Es ist je fast härzig, wie sie ihre feinen Fühler ausstrecken und nach Halt suchen und wie mit kleinen Händchen nach der aufgespannten Schnur greifen. Manchmal ringeln sich diese dazu gedachten Triebe aber um den eigenen Stängel. Der berühmte Baron lässt grüssen. (Siehe: Wer einmal lügt...).
Leider muss ich aber jetzt meine Ernte immer mal wieder mit einem Steinbock, und wie mir scheint, seit ein paar Tagen auch mit einem frechen Dachs teilen.Während der Steinbock vor allem auf Salat steht, hat es der Frechdachs auf die in diesem besonderen Jahr auch sehr spät reifenden Tomaten abgesehen.
Natürlich passiert auch sonst Weltbewegendes in Spanien. Der alte König im Exil, der FC Barcelona im freien Fall und nicht zuletzt die zweifelhafte Ehre, in Sachen Pandemie etliche europäische Statistiken anzuführen. Eine Nachbarin meinte dazu nüchtern, in etwas müsse ihr Land doch auch einmal Spitze sein dürfen. Wobei ich gestehen muss, dass meine allgemeine Skepsis gegenüber dem realen Wert von Statistiken immer noch zunimmt. Was soll man denken, wenn man zum Beispiel liest, 17% (vielleicht waren es auch nur 14%) der Spanier würden dem amerikanischen Präsidenten für seinen Umgang mit der Pandemie gute Noten erteilen. Woher wissen die das und warum werden sie dazu gefragt? Vermutlich wollen diese Befragten vor allem ihre Unzufriedenheit mit ihrer eigenen Regierung ausdrücken.
Für den Zeitungsleser ist es allerdings alles andere als erbauend, zur Kenntnis nehmen zu müssen, wie unbedarft seine Mitmenschen sein können. Viel hat sich diesbezüglich über die Jahrhunderte offensichtlich kaum geändert. Neulich wurde im Zusammenhang mit einer Demonstration gegen die aus gutem Grund neu erlassenen Einschränkungen der Bewegungsfreiheit in der Zeitung La Vanguadia der grosse spanische Satiriker Quevedo zitiert. Schon vor mehr als 300 Jahren behauptete dieser, alle, von welchen man vermute, sie seien Idioten, seien es und die Hälfte aller, bei denen man es nicht vermute, seien es auch. Von der anderen grossen Spanischen Zeitung «El Pais», die ich in diesen besonderen Zeiten digital abonniert habe, bekam ich neulich eine freundliche Mailnachricht, in welcher man mir und allen anderen Abonnenten aufrichtigen Dank aussprach. So erfuhr ich, dass «El Pais», dieses Weltblatt mit einer publizistischen Vormachtstellung in sämtlichen spanischsprechenden Gebieten auf vier Kontinenten, sich mit 120 000 digitalen Abonnenten glücklich schätzen muss. Spanien allein zählt über 40 Millionen Einwohner und die wichtigste Zeitung geniesst eine derart beschämend kleine Verbreitung. Das macht Angst. Als müsste man sich darauf einstellen, dass die wesentlichen Informationsquellen am Versiegen sind.
 
Und was hat Chaim Soutine damit zu tun? Wir leben einmal mehr in schmerzhaft ungerechten und schmerzhaft schwierigen Zeiten. Grosse Teile der spanischen Bevölkerung eint schon jetzt nur noch der Schmerz über den Verlust von in mangelhafter Betreuung verstorbener Angehörigen, aber auch der Schmerz über den Verlust von Arbeit und Würde. Und nichts ist ausgestanden. Der Schmerz wird weiterwachsen. Und Soutine ist ein Meister des Schmerzes.Dem Schmerz am eigenen Leib, aber auch dem Schmerz einer fürchterlichen Kindheit zum Trotz, schuf Soutine ganz grosse, wenn sehr oft auch schmerzhafte Kunst. In dem Bild “Le Pâtissier de Cagnes,” porträtierte er den Küchenburschen Remi Zochetto aus Céret, einer kleinen Stadt am Fuss der französischen Pyrenäen. Eigentlich spricht das Bild für sich, aber dennoch möchte ich erwähnen, dass dieser Junge das rote Taschentuch genau dort festhält, wo im Bauch des Künstlers ein Magengeschwür wucherte, an welchem er sein Leben lang litt und an welchem er auch starb. Natürlich ist Soutine ein Künstler, den man kennt, dem man in grossen Museen immer wieder begegnet ist, dass ich mittlerweile aber weiss, wie bedeutend dieser Chaim Soutine wirklich ist und welch unglaubliches Schicksal er gelebt hat, verdanke ich dem Roman «Soutines letzte Fahrt» von Ralph Dutli. Gracias.
14.08.2020 | 16:56
Erwin Wurm: Truck, Karlsruhe 2015 (photo: )

Und dann ist man doch schon seit einem Monat wieder in Spanien. Hat sogar einen Garten angelegt, wenn auch in ziemlich bescheidenem Rahmen. In diesem Jahr wird es weder Kartoffeln noch Zwiebeln zu ernten geben. Aber immerhin ernte ich schon Salat und Zucchetti und ein paar Tomaten sind am Reifen, so munzig, wie sie auch noch sind. Bei den Gurken sieht die Sache schon unsicherer aus.
Ich war gerade dabei, dem einen Stängel mit ein paar etwas schlaffen Blättern dran gut zuzureden, als die Nachbarn aus Katalonien auftauchten und zwar diesmal mit einem Hund. Es war an dem bis jetzt heissesten Tag des Sommers. Ich wollte der Gurke gerade noch gut zureden: Du schaffst das, wollte ich sagen, ihr seid eine äusserst widerstandsfähige, robuste Truppe, viel zu spät eingepflanzt, überhaupt nicht nach Fahrplan, ich weiss, aber die Nachbarn und auch der neue Hund wollten angemessen begrüsst sein und natürlich bestätigten wir uns gegenseitig, dass wir in eigenartigen Zeiten lebten. Tiempos muy raros.

Während die Nachbarin eine Maske trug, hatte der Nachbar diese nur an einem Ohr angehängt. Er lobte mir freundlich den Garten und meinte dann, dass es in diesem Jahr wegen der Pandemie mehr Sommergäste als üblich im Dorf haben werde, denn Reisen ins Ausland seien ja fast unmöglich. Auch sie hätten für diesen Juli eigentlich eine Reise geplant, Thailand wäre an der Reihe gewesen. Glücklicherweise hätten sie aber im März, noch vor dem Ausbruch der Pandemie, Kenia besucht, und er sei im Februar in Chile und Argentinien durch Patagonien gefahren. Und immer mit der an einem Ohr herunterhängenden Maske fügte er noch hinzu, Gott sei Dank hätten sie im Januar noch ein paar Tage in Rom verbringen können.


Klar, sagte ich, weil ich mich gedrängt fühlte, auch etwas zu sagen, Rom sei immer für eine Reise gut, aber eigentlich war ich in Gedanken noch immer bei meinen Gurken, welchen ich unbedingt noch nahe legen wollte, dass sie sich keine Sorgen machen sollten, kein Mensch erwarte von ihnen wieder so eine Überproduktion wie letztes Jahr. Nein! Nein! Ein paar wenige saftige Exemplare würden reichen, aber ohne Gurken sei ein Gazpacho eben doch nicht wirklich ein richtiger Gazpacho.
Mein Nachbar tätschelte dann den Hund und als er sagte, dieses liebe Tier hätten sie im April bei sich aufgenommen und schon sei es ein Mitglied der Famile, dachte ich, hoffentlich wird es das auch bleiben, wenn es ans Buchen der nächsten Flüge geht, denn Thailand wartet und Tausende der Hunde, die in Spanien während der Ausgangsperre über geschäftstüchtige Onlinehändler Besitzer gefunden hatten, um diesen einen Vorwand zum Verlassen ihrer Wohnung zu liefern, wurden nur Wochen später wieder ausgesetzt.

Und was hat Erwin Wurm damit zu tun?

Erwin Wurm ist einer der ganz wenigen Künstler, denen das Verdienst zukommt, der Gurke in der Kunst ihren angemessenen Platz verschafft zu haben. Die Gurke im öffentlichen Raum wie in Salzburg. Herrlich ballt sich da der österreichische Witz. Der an die Wand gestellte Lastwagen hat mir aber auch schon immer gut gefallen.

31.05.2020 | 11:02
Urs Stoss: Going Home, 2016 (60x120 cm) (photo: )

 «Von unserem Bericht hoffen wir, dass er nicht allzu sehr missfallen haben möge, sollten wir den Leser jedoch bloss gelangweilt haben, so halte man uns zugute, dass es nicht mit Absicht geschehen ist.»
So endet nach mehr als 700 Seiten das Buch, das man ungern aus den Händen gibt und dem man im Regal einen ganz besonderen Platz zuweisen wird. Es ist ein Buch, das man vorerst aber noch ein paar Tage rumliegen lässt, weil es bei der Lektüre eine besondere Aura entwickelt hat, weil es lebendig geworden ist, weil es nachwirkt, weil die in ihm aufgegriffenen Themen in einem weiterwuchern.
Es ist eines jener Bücher, von welchen man noch bei den unpassendsten Gelegenheiten schwärmen möchte, aus welchem man Geschichten nacherzählt und zwar so betroffen, als hätte man sowohl die dargestellten Niederträchtigkeiten als auch die erhabenen Momente alle selbst erlebt.
Und ja, es ist eines jener Bücher auf die in diesen besonderen Zeiten immer wieder verwiesen worden ist, weil es sich vor einem historischen Hintergrund entfaltet, in welchem nicht nur eine legendäre Hungersnot, sondern auch der katastrophale Ausbruch  der Pest in Mailand während des Dreissigjährigen Krieges eine Rolle spielen.
Zum ersten Mal begegnet bin ich dem Buch, als ich mir von sachkundiger Seite die herausragenden Werke der italienischen Literatur empfehlen liess.
Es handelt sich um «Die Verlobten» von Allesandro Manzoni.
Unter all den Fragen und Gedanken, die dieses grosse Buch auch noch nach der Lektüre anstiess, beschäftigte mich unter anderem plötzlich die Tatsache, dass zwei sehr unterschiedliche Romanfiguren in Anbetracht von bestimmten Umständen, allen Beteiligen beteuerten, man solle sich keine Sorgen machen, man habe Geld genug und werde für das Nötige aufkommen. Man habe Geld genug!
Das waren noch Zeiten, als es reiche Männer und Frauen gab,  - in einem Fall handelt es sich um eine Witwe - die sagten: Geld habe man genug. Geld ist kein Problem. Vermutlich hat es noch nie so viele Menschen wie heute gegeben, die mehr als genug Geld haben, aber dass jemand sagt: Keine Sorge, Geld habe man genug! Das hört man eher selten. Das wäre heute wohl unschick oder gar dumm. Ich weiss es nicht. Es ist trotzdem schön, zu lesen, Geld habe man genug.

Und was hat Urs Stoss damit zu tun?

In der Zeitung sah ich ein Bild des  Sechseläutenplatzes in Zürich an einem Samstagnachmittag. Erst traute ich meinen Augen nicht und dachte: Aber diese über den Platz verteilten Figuren, diese Distanz haltenden, isolierten Menschen, die kenne ich doch. Sogar in genau diesen Farben habe ich das schon gesehen.
Dann erinnerte ich mich an die Bilder von Urs Stoss, die ich, wenn sie an der Münstergasse in der Galerie Krebs ausgestellt worden waren, immer gerne gesehen habe und immer stehen geblieben bin, um sie eingehend zu betrachten, weil es Bilder waren, auf denen so vieles zu sehen war. Es sind kunstvolle Wimmelbilder voller Geschichten. Moderne Kunst wie gemacht für Kindsköpfe wie mich. Aber nie hätte ich gedacht, dass ein gefragter Berner Künstler in seinen Bildern einen ganz besonderen Zustand der Welt so genau vorwegzunehmen wusste.

11.05.2020 | 15:10
Paul Klee: Berner Münster ohne Turm mit Platttform (photo: )

Einer der dümmsten Menschen, die ich je kennengelernt habe,  war von Beruf Journalist und zwar mit Starstatus. Wenn ich schreibe, schreibe ich für Millionen, pflegte er zu sagen. Was er privat allerdings an weltanschaulichen Ungeheuerlichkeiten absonderte, ging auf keine Kuhhaut. Auch sonst ist man zwar oft genug gezwungen, zu erkennen, wie eingeschränkt die sogenannten Eliten in ihrem Denken sein können, dass man sich mit solchen Äusserungen aber in heikle Bereiche begibt, ist auch klar. Ist man selbst wirklich gescheit genug, um anderen ihre Dummheit vorwerfen zu dürfen?
Ohne Zweifel ein schwieriges Kapitel, aber was soll man tun, wenn die Emotionen ins Spiel kommen, wenn man sich derart für dumm verkauft vorkommt, dass man sich mit dem ausgestreckten Zeigefinger quer durch die Küche stürzen muss, um mit einem heftigen Knopfdruck dem ärgerlichen Gespräch am Radio ein Ende zu bereiten?
Schon mehrmals war es schlicht nicht mehr auszuhalten.
Da fragte tatsächlich zum hundertsten Mal eine Journalistin einen Korrespondenten: Was hat das für Folgen? Mein Gott, weil man wissen will, was etwas für Folgen hat, hat man doch die verdammten Nachrichten eingeschaltet. Was hat das für Folgen? Alles hat Folgen! möchte man schreien. Wozu fragen Sie dann noch! Egal welche schlimmen Entwicklungen in welchem Bereich auch immer es zu vermelden und zu beachten gibt, ob in der Türkei, in den USA, in China, in Indien, in Italien, in Australien oder in Afrika, in der braven Schweiz fragt am braven Schweizer Radio eine brave Schweizer Stimme ganz brav und absolut überflüssig: Was hat das für Folgen?
Und warum?
Weil brav befolgt wird, was irgend ein fehlgeleiteter Vorgesetzter oder meinetwegen ein «Vorgesetzter mit Sternchen» befohlen hat. Mir, dem Hörer wird nämlich beleidigenderweise eine Konzentrationsspanne von etwa einer halben Minute zugetraut und deshalb muss wie von oben herab verschrieben, jede Information mit meistens dilettantisch improvisierten Zwischenfragen zerstückelt und zerdrückt werden wie die Banane für den Kinderbrei mit dem Löffel.
Wollen die mich ausgerechnet in diesen wirren Zeiten noch zum Fernseher machen?

Und was hat Paul Klee damit zu tun?

Eigentlich nichts, aber seit ein paar Tagen ist die Münsterplattform wieder geöffnet und was dies für die Bewohner der Unteren Stadt bedeutet, ist kaum zu überschätzen. Die Plattform ist für viele der einzige Balkon, der einzige Garten und ein Kraftort dazu. Auf der Plattform kann man sehen, dass die Aare weiter ziemlich gelassen und grün wie immer daherkommt, auf der Plattform kann man sich von ihr berauschen lassen und auf der Plattform kann man sich auch vergewissern, dass sie weiter wie eh und je unbekümmert in die Welt hinausfliesst.
An der Ansicht, die Paul Klee möglicherweise von der damals gerade neu gebauten Kirchenfeldbrücke aus gezeichnet hat, ist vor allem ausserordentlich, dass er gerade mal 12 Jahre alt war.

03.04.2020 | 22:28
Aquarell von Peter Iseli (photo: )

Weil ich an dieser Stelle schon öfters direkt aus Spanien berichtete, will ich dies auch jetzt tun, obschon ich nicht vor Ort bin. Ich fühle mich dazu auch durchaus berechtigt, träumte ich doch neulich tatsächlich, ich hätte mich mit Quim Torra, dem Regionalpräsidenten von Katalonien getroffen und wir hätten uns so gut unterhalten, als wären wir schon immer die besten Kumpels gewesen.
Ein Teil von mir ist also offensichtlich auch jetzt in Spanien.
Als mich ungefähr vor zwei Wochen von dort die ersten Nachrichten erreichten, die schon Schlimmes befürchten liessen, rief ich deshalb einen Freund an. Ich erreichte ihn in einem Reisebus unterwegs in Andalusien. Der Empfang war mässig, aber ich erfuhr, dass offensichtlich schon alle Museen geschlossen und alle Veranstaltungen abgesagt worden waren. So auch der Stierkampf in der berühmten Arena von Sevilla, der ein Höhepunkt des Reiseangebotes hätte sein sollen.
Als mich mein lieber spanischer Freund dann fragte: «Tambien lo teneis?» Also, ob wir «es» in der Schweiz auch hätten, und ich darauf wissen wollte, was er meine, sagte er: «Hombre, el bicho». Er fragte also nach dem «Beast», wie das Virus in Spanien, wie ich mittlerweile weiss, offensichtlich allgemein genannt wird und das ihnen auf ihrer Reise überall einen Strich durch die Rechnung machte.
Natürlich wunderte ich mich über seine Frage und gleichzeitig begann ich zu erahnen, was sich mir alsbald bestätigen sollte: Es ist überhaupt nicht so, dass sich Leute, die in normalen Zeiten kaum eine Zeitung aufschlagen und sich eigentlich nur mässig für Politik und den allgemeinen Gang der Welt interessieren, in Krisenzeiten plötzlich anfangen, sich ausführlich zu informieren.


Dieser Verdacht bestätigte sich mir gleich darauf auch hier in der Schweiz in der Apotheke, die ich mittlerweile längst nicht mehr selbst aufsuche.
Aus guten Gründen gab es dort bereits eine Abschrankung, um ein Gedränge vor dem Ladentisch zu verhindern, was die wartenden Kunden und Kundinnen nicht daran hinderte, sich vor der Abschrankung auf kleinstem Raum so dicht zusammenzuballen, als hätte noch kein Mensch je von den ersten, einfach zu treffenden Vorsichtsmassnahmen gehört.
Einen ähnlichen Grad an katastrophaler Uninformiertheit gab es in Spanien im besonders stark betroffenen Madrid, als die ersten Massnahmen verschärft werden mussten. Schulen und Läden wurden geschlossen, aber der Wissensstand der Bevölkerung war offensichtlich noch immer so tief, dass dies viele der Betroffenen als Aufforderung verstanden hatten, sich wie im Urlaub in ihre Zweitwohnungen – und davon gibt es in Spanien vorzugsweise am Meer sehr viele – zurückzuziehen, ohne zu bedenken, dass sie damit «el bicho» erst richtig im ganzen Land verteilten.
Es kann wohl sein, dass ich mich irre, aber ich meine in diesen Tagen gelernt und verstanden zu haben, dass dies auch in noch schlimmeren Krisenzeiten und ganz bestimmt in nicht so fernen Kriegszeiten ähnlich gewesen sein muss. Im Nachhinein ist es leicht zu meinen, man hätte doch von dem Ausmass der Sinnlosigkeit, des Schreckens und der Verbrechen «gewusst haben müssen». Jetzt lese und höre ich von Menschen, die schon heute «davon» nichts mehr wissen wollen oder auch einfach nicht noch mehr ertragen können, weil sie, wie unsere Nachbarn in Italien, schon so viel Leid und Elend miterleben mussten. 

 
Und was hat Peter Iseli damit zu tun?
Freundlicherweise hat er mir völlig absichtslos dieses Aquarell mit dem mittelalterlichen Pestarzt zukommen lassen, das mir auf Anhieb so gut gefiel, dass ich es als Anlass nahm, wieder einen Blog zu schreiben, damit auch andere es sehen könnten. Als ich Peter Iseli fragte, ob ich das Aquarell verwenden dürfe, sagte er von ihm aus gerne, aber er wolle niemanden verletzen.
Wen meinst du denn, könntest du damit verletzen? fragte ich. Er wisse es auch nicht, aber heute sei das jederzeit möglich. Er wolle einfach kein Missverständnis verursachen und schon gar nicht, sich über jemanden lustig machen. Ach komm, sagte ich, gerade jetzt dürfen wir doch den Humor nicht verlieren.
Vielleicht, dachte ich danach, machen wir ja gerade eine Erfahrung durch, welche die Dünnhäutigkeit, mit welcher man sich noch vor wenigen  Monaten über alles und nichts entrüsten konnte, einem etwas gestärkten Selbstbewusstsein weicht. Vielleicht muss auch die eine oder andere Prioritätenpyramide wenn nicht neu aufgebaut, so doch überdacht werden. Es sind vielleicht tatsächlich Zeiten, die uns daran erinnern, dass wir tatsächlich als Schicksalsgemeinschaft alle im gleichen Boot sitzen und wir nicht jeden und jede, bloss weil er oder sie eine von uns abweichende Sicht auf die Welt hat, über Bord werfen sollten.




18.10.2019 | 23:02
Bild: Oriol Maspons (photo: )

Jetzt ist er also da, der heisse Herbst in Katalonien. Sein Einfluss auf die spanischen Wahlen wird gigantisch sein. Die Erfahrung lehrt….
Könnte gut sein, dass sich die progressiven Kräfte die Haare noch einzeln ausreissen werden, sollten sie die Mehrheit, die sie jetzt gehabt hätten, verlieren. Die im ganzen Land ununterbrochen ausgestrahlten Bilder von brennenden Strassen und von Steine werfenden Vermummten spielen den falschen in die Hand.
Bei allem Verständnis für die Ursachen des Konfliktes, kann man als Aussenseiter nicht aufhören, den Kopf zu schütteln. Die alten Zweifel am erhofften Segen der Unabhängigkeit bleiben bestehen und die schon jetzt gigantischen Widersprüche wachsen in den Himmel. Als wäre das Land im Krieg. Dabei ist Kataloniens Exportwirtschaft zu 80% von Spanien abhängig.
Persönlich kann ich den «newspeak» nicht mehr hören. Obschon sie das Wort total pervertiert haben, können die führenden Politiker und Politikerinnen der Unabhängigkeitsbewegung keinen kurzen Satz mehr sagen, ohne mindestens zweimal «democratic» dranzuhängen. Und alle reden immer wie selbstverständlich vom «Volk», dabei hatten sie von diesem Volk noch nie  eine bewiesene Mehrheit hinter sich. Einem nicht separatistischen Bürger muss das sehr schief vorkommen.
Einmal mehr erweist es sich auch, dass im Niemandsland der Illegalität nicht gut sein ist. Dort ist niemand wirklich zuhause, ausser vielleicht das Monster der Gewalt. Man vergisst leicht, dass die Zivilisation nicht durch Gesetze möglich wurde, sondern durch ihr Einhalten. Sicher: Wo es Gesetze gibt, gibt es auch gute und schlechte Gesetze, deshalb kann ziviler Ungehorsam durchaus eine für die Gesellschaft gewinnbringende Funktion haben. Aber wenn die Regierung eines Landes oder einer Region, also die Gesetzgeber selbst zum zivilen Ungehorsam aufrufen, dann wird es glitschig. Das kann ins Auge gehen. Die Geister, die man hier ruft, können sich bekanntlich leicht gegen einen selbst drehen. Aber in Katalonien ist sich Präsident Torra seiner Rolle als Zauberlehrling nicht bewusst.
 
Und was hat Oriol Maspons damit zu tun?

Er heisst nicht nur wie der populäre, zu 13 Jahren Gefängnis verurteilte ehemalige Vizepräsident Oriol Junqueras, er war selbst auch Katalane. Trotzdem fällt es einem schwer, in seinen grossartigen Bildern Katalonien als eine von Spanien unterscheidbare Kultur zu sehen. Natürlich ist er in Paris bei Cartier Bresson und anderen Grossmeistern der Fotografie in den Fünfzigerjahren durch eine internationale Schule gegangen, aber auch so, wer es nicht weiss, könnte ihn für einen nichtkatalanischen Spanier halten. Sicher ist, Maspons war offensichtlich einer jener Fotografen mit einem direkten Draht zum Lieben Gott, der ihnen ganz genau sagte, wann sie auf den Auslöser zu drücken hatten. Dass dieser Liebe Gott beim Bild der beiden Hunde die gegenwärtigen Ausschreitungen vorausgesehen hätte, ist nicht anzunehmen.   

 

05.10.2019 | 21:39

Es soll hier von der politischen Aktualität in Spanien die Rede sein. Jetzt steht nicht nur die Urteilsverkündigung im Prozess gegen die Vertreter und Vertreterinnen der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung an, jetzt stehen auch noch Wahlen bevor.  Die vierten in vier Jahren. Und schon gibt es in meinem Bekanntenkreis Schlaumeier, die lauthals verkünden, also diesmal würden sie sicher nicht noch einmal wählen gehen. Allerdings muss auch ich zugeben, dass mich das anlaufende Wahlkampfspektakel nur sehr beschränkt zu interessieren vermag. Es kommt sogar vor, dass es mich peinlich berührt und ich mich abwende. Am Radio sprach gestern ein Kommentator von «Infantilismus», was sich ziemlich genau mit meinen Eindrücken deckt. Es ist, als ob dieses Land nicht gewaltige Probleme hätte. Bei vielen Spaniern und Spanierinnen kann man sich aus Schweizer Sicht kaum vorstellen, wie sie es mit ihren Einkommen zum Monatsende schaffen. Auch die schwerwiegende Entvölkerung weiter Teile des Landes ist als Thema wieder verschwunden. Dafür führen die favorisierten Sozialdemokraten als Hauptargument für ihre Wahl die Erfahrung an, die sie als Übergangsregierung in Madrid angeblich sammeln konnten, während sie in Wirklichkeit wie gestört in der ganzen Welt rumjetteten, um sich für die Medien aufzuspielen, anstatt die Hausaufgaben zu machen. Nämlich die Wahlen zu verhindern. Ob sich der vorausgesagte Sitzgewinn für sie bewahrheitet, steht in den Sternen. Sicher ist, dass jetzt auf den Putz gehauen wird, dass es einen richtig anödet. Da es hier parteipolitisch noch keine Grüntöne gibt, geht es vor allem um Rot und Schwarz, um links und rechts wie vor hundert Jahren. Hier die Guten, da die Bösen. Sogar über das Grab des Ex-Diktators, das eigentlich ein Mausoleum ist,  wird noch immer gestritten. Und ohne  Beleidigung, ohne Ehrverletzung geht nichts. Immer die andern sind korrupt. Immer die andern lügen und stehlen! Als wäre man auf verschiedenen Planeten und nicht in der Schicksalsgemeinschaft einer Stadt, einer Region, eines Landes. Keiner bedenkt, dass er oder sie bei der sich aufsplitternden Parteienlandschaft früher oder später eine Hand ausstrecken muss, dass es möglicherweise ohne Koalition wieder nicht geht. Weil es nur darum geht, an die Macht zu kommen, gibt es null Bewusstsein für die Tatsache, dass die Probleme des Landes nur gemeinsam gelöst werden können.
Und was hat Nicolas Bouvier damit zu tun?
Überall, ausser bei den Spanischen Wahlen, redet man über das Klima, über unsere Reisegewohnheiten und über die Konsequenzen des Massentourismus.
Da erinnert man sich gerne an den grossen Schweizer Reiseschriftsteller aus Genf, der seinen Nebenberuf des Ikonographen mit der gleichen Ernsthaftigkeit wie den des Reiseschriftstellers ausübte.
Er tauchte in die Archive wie in die unberührten Landschaften, die er auf seiner ersten grossen Reise mit seinem «Dopolino» unternahm. Er grub sich durch dicke Folianten mit der gleichen Neugier, mit der er Städten und Menschen begegnete und förderte dort ebenso Kostbares zu Tage wie unterwegs in Lappland oder Afghanistan. Also auch da ein Entdecker. Auf die Bilder von Maria Sybilla Merian hat er immer wieder besonders gern zurückgegriffen, denn sie war ihrer Zeit in jeder Beziehung, ganz besonders aber künstlerisch weit voraus.


19.08.2019 | 13:24

Also, zurück in den Spanischen Bergen.
Vor wenigen Tagen habe ich mir im nahen Städtchen die Zeitungen gekauft und als ich in einem Café darin zu lesen begann, erinnerte ich mich wieder an meinen Freund und Kollegen Guy Krneta. Insbesondere an zwei Sätze aus seinem letzten Mail. Er würde sich sehr freuen, wenn ich hier an dieser Stelle wieder über Spanien schreiben würde. Man dürfe das Journal B nicht unterschätzen.
Das hat er wirklich geschrieben.
Ich las allerdings gerade einen Artikel, der nur bedingt mit Spanien zu  tun hatte, und noch bevor ich ihn fertig gelesen hatte, kam aus einem Laden neben dem Café eine Frau mit einem Schuh in der Hand auf den Mann am Nebentisch zu. Die Frau war vielleicht um die 60 Jahre alt, war sehr geschmackvoll gekleidet, machte einen aufgestellten Eindruck und fragte: Gefällt dir dieser Schuh?
Es war einer dieser Stoffschuhe mit Schnursohle, die man, glaube ich, auch auf Deutsch  «Espadrilles» nennt. Ohne den Schuh auch nur anzuschauen, sagte der Mann: Von dieser Sorte hast du zuhause doch schon eine ganze Menge! Nein, sagte die Frau, der ist anders, worauf der Mann sagte: Aber du hast doch schon so viele Schuhe.
Weil die Frau dann sagte, sie habe ihn nicht gefragt, wie viele Schuhe sie besitze, sondern, ob ihm dieser Schuh hier gefalle, schaute ich von meiner Zeitung auf, und es entging der Frau nicht, dass ich zugehört hatte und dass ich lachen musste. Sie schaute mich an und fragte: Sind Sie auch so? Nein, nein, behauptete ich, und während sich die Frau wieder dem Schuhladen zuwandte, sagte der Mann am Nebentisch: Sie müssen wissen, dass niemand so viele Schuhe besitzt wie meine Frau.
Oh, sagte ich, ausser vielleicht Frau Marcos, von den Philippinen, erinnern Sie sich? Sie soll 6000 besessen haben.
Der Mann schüttelt den Kopf und sagte: Mi mujer tiene mas! Meine Frau hat mehr!
Ich las dann den angefangenen Artikel zu Ende, in welchem die in Madrid weilende schwedische Erfolgsautorin Camilla Läckberg unter anderem behauptete, die Männer seien eine Rasse für sich, die sich den Frauen überlegen fühle. Hier war es also wieder: «Die Männer». Also der Mann am Nebentisch und ich? Oder ich und dieser Präsidentenfreund, der sich in seiner Zelle umgebracht haben soll und noch ein paar andere? Oder ich und Putin? Oder ich und diese italienischen Politiker und der ganze Rest? Oder ich und Neymar?
Wie käme ich dazu, fragte ich mich, so verallgemeinernd von «den Frauen» zu reden? Als ob alle Frauen in einem einzigen Korb Platz fänden? Nein, Frau Läckberg, dachte ich dann, ich hielt mich nie für klüger als Sie. Nie im Leben. Jedenfalls bist jetzt nicht. Aber seien Sie beruhigt, wandte ich mich in Gedanken dann weiter an sie, kürzlich musste ich nach der Lektüre eines Interviews in der gleichen Zeitung auch Frau Siri Hustvedt meine bis dahin unbeschränkte Bewunderung entziehen, meinte diese doch behaupten zu müssen, die Männer – wieder dieses «die Männer» - liebten zwar die Schönheit der Frauen, aber sie würden es nicht mögen, wenn diese zu aller äusserlichen Attraktivität auch noch intelligent seien.
Ich habe nicht nur selten etwas so Unintelligentes gehört, ich fühlte mich auch richtig beleidigt, denn diese Aussage unterstellt mir eine Dummheit, mit der ich nun wirklich nicht unwidersprochen zu leben gewillt war.
So viel zu Frau Läckberg.
Und was hat das mit Joan Brossa zu tun?
Könnte gut sein, dass es hier in unserem «Bern ist überall-Blog» mit diesem grossen katalanischen Poeten und Künstler wirklich weiter geht, aber mit der spanischen Politik, zu welcher Guy Krneta von mir wieder etwas lesen möchte, geht es etwa so, als liefe alles auf quadratischen Rädern. Es läuft einfach nicht rund. Seit neun Monaten hat Spanien eine Übergangsregierung, vielleicht stehen sogar Neuwahlen an. Und dies in der Zeit, in welcher die Urteile im Prozess gegen die Verantwortlichen der illegalen katalanischen Unabhängigkeitsbestrebungen bevorstehen. Könnte gut sein, dass der Herbst heisser wird als der heisse Sommer. Ganz sicher wird die Reise holperig.