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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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18.03.2017 | 11:19
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Quatre qui jouent aux cartes. Deux qui passent de l'italien au suisse-allemand avec virtuosité. Un qui est plongé dans les tests du Auto Bild et qui ne dit rien. Un gros qui dort depuis Palézieux, on le réveillera à Genève-Aéroport. Un avec sa femme, elle a des tatouages sur les seins. Un qui se fait du mouron pour ses bêtes qu'il a laissées à l'aide polonais ce matin. Un qui se fait du mouron pour son bureau de ferblanterie qu'il a laissé à son contremaître ce matin. Trois qui disent des phrases avec souvent le mot BMW dedans. Plusieurs avec du ventre.  Plusieurs aussi avec des chaussures Mephisto couleur café au lait. Un avec un superbe décolleté du camionneur quand il s'est levé pour aller aux toilettes. Beaucoup avec des bières. Certains avec le Blick.  Plusieurs en train pour la première fois, plein tarif, sans GA ni Halbtax.  Un visiblement pour la toute première fois en route pour Genève, peut-être même en Suisse romande. Passé Rolle, il contemple le Mont-Blanc, le trouve de toute beauté et se demande ce que c'est cette montagne.  On les retrouvera tous et toutes ce soir avec des catalogues Subaru, des prospectus Kia, une offre de leasing avantageuse et des casquettes du Touring Club Suisse. A Genève, c'est le salon de l'Auto, pour les totos aussi. 

08.03.2017 | 10:48

Es geht hier nicht um Goethe, er ist nur der Anlass für ein paar Gedanken über  die Länge des menschlichen Lebens im Verhältnis zur historischen Zeit. Wie ich dazu komme, mir solche Gedanken zu machen? Keine Ahnung. Aus mir unbekannten Gründen kam ich vor dem Einschlafen plötzlich in ein Spiel mit Jahreszahlen hinein und dies, so scheint mir wenigstens, mit erstaunlichem Resultat.
Goethe, dies der Ausgangspunkt, stirbt 1832 im Alter von 82 Jahren. Goethe hatte für seine Zeit ein sehr langes Leben, heute sind 82 Jahre, wenigstens in der Schweiz, die durchschnittliche Lebenserwartung.


Nun die kleine Rechnerei, die ich anstellte: Wie manches solches durchschnittliche Leben ist Goethe von uns entfernt? In meiner Vorstellung lag die Zeit Goethes immer in wirklich  weit vergangener Zeit. Erst durch eine lange Kette von Ururur- und nochmal Urgrosseltern, so schien es mir, gelangt man zu den Vorfahren, die damals gelebt haben, als es noch kein Telefon gab, keine Eisenbahn, die Fotografie kaum erfunden war und fast überall in Europa noch der Adel herrschte.
Aber in heute durchschnittlichen Leben gemessen, sind es nicht viel mehr als zwei Lebensspannen, die uns von Goethe trennen. Jemand mit Jahrgang 1832, der mit 82 stirbt, tut das im Jahr 1914. Jemand mit Jahrgang 14, der mit 82 Jahren stirbt, tat das 1996.
Mit den Jahren von zwei heute durchschnittlichen Leben gelangt man aus der Zeit Goethes in die Zeit des Internets.

Ist das nur für mich kontraintuitiv? Ist es nur mein Gefühl, dass da viel mehr dazwischen liegen müsste? Und woher kommt dieses Missverhältnis zwischen meiner Vorstellung und dem, was die Zahlen sagen? Ich denke, es gibt auf diese Frage nur eine plausible Antwort. In der Zeit, die zwischen uns und Goethe liegt, hat sich das Tempo des historischen Wandels derart erhöht und ist geradezu ins Galoppieren geraten, dass im Vergleich dazu ein menschliches Leben zu etwas unglaublich langem geworden ist, das mehrere historische Epochen überdauert.


In allen Jahrhunderten vor Einbruch der Moderne hat man die Kürze des menschlichen Lebens beklagt, das ja damals tatsächlich an Jahren viel kürzer war. Aber noch wichtiger ist wohl: man wurde damals in eine Welt hinein geboren, die sich in ihren Grundgegebenheiten im Lauf des eigenen Lebens kaum veränderte.


Blickt aber heute ein Mensch, der in der sogenannten Mitte seines Lebens steht, auf die Zeit seiner Geburt, so sieht er in eine Welt zurück, die so weit entfernt ist von seiner Gegenwart und von dieser so verschieden, dass es ihm seltsam und etwas unwirklich vorkommt, dass er damals auch schon unter den Lebenden war. Und dieser Mensch hat , wenn er bekommt, was ihm die statistische Wahrscheinlichkeit verspricht, noch einmal die gleiche Zeitspanne an Leben vor sich. Er wird also am Ende seines Lebens auf die jetzige Gegenwart zurückblicken als eine unglaublich weit zurückliegende, längst historisch gewordene Zeit. Zu diesem Blick zurück wird vielleicht ein Gefühl von Bitterkeit gehören darüber, welch schlechte Wendung die Geschichte in der zweiten Hälfte seines Lebens genommen hat. Oder dann, auch wenn das heute niemand zu hoffen wagt, blickt dieser Mensch mit einem Gefühl von Erleichterung zurück auf die finsteren Zeiten, denen die Menschen seither entronnen sind. Niemand weiss das heute zu sagen. Diese Zukunft ist nur ein halbes Leben entfernt und liegt trotzdem hinter jeder Ahnung verborgen.

01.03.2017 | 19:09
Kasimir Malewitsch, Rote Kavallerie, 1928 (photo: )

Vorgestern erschien in der NZZ unter dem Titel Die letzte Reiterschlacht Europas ein Rückblick auf die Abschaffung der Kavallerie vor 35 Jahren. Offensichtlich gab es mehr Widerstand als man heute annehmen würde. Eines der eher abenteuerlichen Argumente der Gegner der Abschaffung  lautete, man kenne bei der Kavallerie weder Dienstverweigerung, noch Langhaarprobleme. Die stolzen Dragoner galten als Elitetruppe. Nach anhaltendem Ringen zwischen National- und Ständerat siegte dann doch die Vernunft und die Kavalleristen wurden zu Panzergrenadieren umgeschult.

Was in diesem Zusammenhang selten erwähnt wird, ist die Tatsache, dass die «Eidgenossen», wie man die vom Bund gestellten Kavalleriepferde nannte, im Grauholz akklimatisiert und dann in der EMPFA (Eidgenössische Militärpferdeanstalt) in Bern für ihre Aufgabe zugeritten wurden. Um sie an Verkehr und Lärm zu gewöhnen, wurden die Pferde auch durch die Strassen und Gassen der Stadt geritten und prägten den öffentlichen Raum, vor allem die Quartiere rund um die Allmend, in einem Ausmass, das man sich heute kaum mehr vorstellen kann.

Auf der Allmend sah man sie im Galopp, auf den Strassen in kleinen und grossen Gruppen und weil sie auch zu Zugpferden ausgebildet werden mussten, oft vor kleine Wagen gespannt, auf welchen oben ein Kutscher sass und hinten sicherheitshalber ein Bremser stand, der an einer Kurbel drehte und notfalls einem scheuenden Pferd an den Zaum greifen konnte.

Noch gibt es unter Berns traditionellen Musikgesellschaften als Überbleibsel die Bereiter Musik, wenn auch nur als Abglanz einer einst aufsehenerregenden berittenen Kapelle. Wenn, um ein bisschen in Nostalgie zu schwelgen, das Trommeln der Hufe und die Fanfaren der Bereitermusik zu hören waren, war grosser Zirkus angesagt. Ein vorausreitender Tambourmajor vollführte mit seinen Schlegeln wilde Kapriolen, während er seinen mächtigen Schimmel mit den an den Füssen befestigten Zügeln führte und auf zwei grossen, dem Pferd seitlich aufgeschnallten Pauken, wirbelte.

Nichtsdestotrotz, mit den Pferden verschwand auch der Berufstand des Bereiters. Ja, man sagte «Bereiter» und nicht «Beryter». Und es waren viele. In meiner Sekundarschul-Klasse nannten immerhin zwei Mitschüler «Bereiter» als Beruf ihres Vaters. In einer Parallelklasse sass auch der Sohn des vielleicht berühmtesten Bereiters aller Zeiten. Er hiess Henri Chammartin und hatte an den Olympischen Spielen in Rom 1960 ein Goldmedaille im Dressurreiten gewonnen. Und zwar in militärischer Uniform. Immerhin.

Und was hat Kasimir Malewitsch damit zu tun?

Dieser grosse Russe hat sich nicht nur durch sein berühmtes Schwarzes Quadrat verdient gemacht, er ist schlicht ein grosser Maler und hat das einzige schöne Kavalleriebild gemalt, das mir bekannt ist.

22.02.2017 | 06:26
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«L’autobiographie d’une courgette» von Gilles Paris soll bereits nach Erscheinen 2002 ein Bestseller geworden sein. 2004 erschien das Buch in deutscher Übersetzung: «Autobiografie einer Pflaume». Das Buch ist, wie ich lese, in kindlich naiver Sprache verfasst, die von den Einen als berührend und überzeugend, von Anderen als konstruiert und unglaubwürdig beschrieben wird.

Hätte ich das Buch damals in die Hände bekommen, hätte mich der Titel vermutlich abgeschreckt. Und wenn ich dann noch erfahren hätte, dass es sich beim Autor um den Pressechef eines grossen Pariser Verlagshauses handelt, hätte ich das Ganze als kalkuliertes Machwerk abgetan: Sozialkitsch in Kindersprache.

Nun aber begegnet mir der Stoff in verblüffend verfremdeter Form im Animationsfilm «Ma vie de Courgette» – «Mein Leben als Zucchini» von Claude Barras. Der Film sei mittels Slow-Motion-Technik Bild für Bild geschaffen worden, lese ich. Die Wirkung, die dabei entsteht, Kinder im Jugendheim mit grauenhaften Biografien als phantastisch verzerrte Playmobilfiguren auftreten zu lassen, ist erschütternd.

Barras scheint Erzählton und Stoff gleichzeitig verlassen und verschärft zu haben. Schon die neue Titelung gibt Hinweise auf die Eingriffe: «Mein Leben als Zucchini» führt auf assoziative Fehlspuren, ist verquer poetisch und schwächt das Selbstdemütigende des ursprünglichen Titels. Wenn die Hauptfigur «Icare» im Jugendheim darauf besteht, als «Courgette» angesprochen zu werden, schwingt darin auch eine Form von Stolz und Trotz mit. Warum die Mutter ihr Kind lebenslang als «Zucchini» bezeichnet hatte, bleibt gewissermassen offen.

Während im Original die Mutter versehentlich vom Kind mit einem Gewehr erschossen wurde, ist es bei Barras die Tür zum Dachstock, die das Kind zuschlägt – was zum Tod der Mutter führt. Und während das Kind bei Gilles Paris einsam mit Äpfeln spielt, spielt es bei Barras mit den leeren Bierdosen der Mutter.

Barras sei es, lese ich, ein Anliegen gewesen, den Stoff auch für Kinder zu öffnen. Durch die künstlichen Figuren sind die im Roman neun- oder zehnjährigen Kinder alterslos geworden, sie schicken sich Zeichnungen statt Briefe und erklären sich gegenseitig die Sexualität. Das ist für Kinder ab Schulalter eben so nachvollziehbar wie für Teenager und Erwachsene.

Dabei wird das Jugendheim gegen unsere Erwartung als freundlicher, heimischer Ort erzählt. Und wenn am Ende zwei der Kinder vom sympathischen Polizisten adoptiert werden, ist die Zwiespältigkeit des Happy Ends offensichtlich: Warum werden die Kinder gerade jetzt getrennt, wo sie eine solche Vertrautheit und Solidarität entwickelt haben?

«Ma vie de Courgette» ist ein ausserordentlicher, bemerkenswerter Film. Wäre ich Lehrperson, ginge ich mit allen meinen Klassen sofort ins Kino.

Der Film «Ma vie de Courgette» läuft aktuell im Kino Movie sowie in den Kitag Cinemas Gotthard und dem Pathé Westside.

15.02.2017 | 11:49

On voit des fêtes et des rituels disparaître tandis que d'autres semblent prospérer sur l'humus de la sécularisation et du marché  généralisé.

Noël part en sucettes sous des décoration de plus en plus sinistres, les lapins de Pâques en chocolat sortent éprouvés des tests menés par les associations de consommateurs, et personne ne m'a plus invité depuis des lustres à manger une tarte aux pruneaux le jour du Jeûne Fédéral (dont tout le monde ou presque ignore le sens et l'origine). Pentecôte, les Rameaux et l'Ascension sont devenus des jours fériés plus propices à la visite des châteaux de la Loire ou à une sortie à vélo dans les Franches-Montagnes qu'à la fréquentation de la paroisse de son quartier (me voici adoptant soudain un ton pastoral, que se passe-t-il?).

La Saint-Valentin en revanche se porte bien. On aime célébrer ici, et de plus en plus dirait-on, l'amour, ou le spectacle de celui-ci, sous toutes ses formes. Chacun semble en effet vouloir tirer parti de cette belle et saine opportunité d' aimer, ou à tout le moins déclarer son amour, encouragé en cela par des medias décidés à se parer de rose pour la journée, et à livrer leurs colonnes aux experts du commerce amoureux. La maîtresse encore allongée à côté de son mari en proie à de pénibles apnées du sommeil envoie une nuée d'émoticônes à son amant, le sachant déjà dans sa voiture. Le mari en costume Hugo Boss qui travaille à Berne revient avec des roses dans sa villa de Romont.

Beate Uhse fait, on parle ici de la caisse des boutiques, sa plus belle journée de l'année. Boulangers, confiseurs et même mon boucher travaillent à donner une forme de coeur à leur marchandise, du carac au hamburger. Cependant que les bus de la ville où je réside alternent sur leurs divers écrans messages d'information pure et slogans du type "vive les amoureux". Voilà la vie transformée: l'amour est partout, le coeur est l'organe principal au service de nos comportements, Eros triomphe.

Derrière la porte, je vois, moi qui suis pessimiste, Thanatos attendre au volant de son camion-balai, décidé à ramasser confettis et condoms avant même le lever du soleil. 

14.02.2017 | 06:30

Wir werben mit einem Nomen

das nur einen Namen hat

und viele gingen verloren.

 

Das Verb hingegen

vervielfältigte sich:

 

Schöpfen schustern

lispeln lavatern.

 

Auf dem Berg standen wir

die Grenze war Luft

war Wort (egal welcher Herkunft)

war Himmel und Aussicht.

 

Der Himmel hob seinen Rock

um uns zu verführen

zu bezirzen und bewirten und

 

ja um die Frage ganz oben zu

beantworten: ein Verb im Infinitiv

 

Zum Tod von Kurt Marti, Februar 2017

07.02.2017 | 06:36
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Globale Bewegungsfreiheit für alle. Das fordert in seinem soeben erschienen Buch der Philosoph Andreas Cassee. Letzte Woche war er bei einem Atelier über freie Migration dabei, das im Rahmen des Reclaim-Democracy-Kongresses in Basel abgehalten wurde. Und das Interesse war gross, der Saal bis auf den letzten Platz besetzt, die Stimmung gut. Die aus christlichen Kreisen lancierte Migrations-Charta, die biblisch-theologisch unterfuttert ist, erhält Sukkurs aus der Philosophie und das erst noch von einem so sympathischen und wunderbar klar argumentierenden Menschen wie Cassee.

Sogar in der grossen Besprechung, die die NZZ dem Buch widmet, bleibt seine Argumentation  unbestritten, wonach es keine moralische Rechtfertigung gebe, Menschen daran zu hindern, sich dort niederzulassen, wo sie wollen. Ja, die NZZ macht aus der globalen Niederlassungsfreiheit sogar ein Postulat des Liberalismus. Warum dann aber Cassees Plädoyer für die globale Bewegungsfreiheit dennoch nur „ein schönes, aber letztlich vergebliches Gedankenspiel“ bleibe, wie die NZZ schreibt, das hat seine Gründe nicht in der Philosophie, sondern in der harten Wirklichkeit des menschlichen Egoismus. Unsere modernen Staaten bieten ihren Bürgern sehr viel: Sicherheit, Infrastruktur, Sozialwerke, und sie privilegieren mit diesen Leistungen ihre Bürgerinnen und Bürger gegenüber Menschen, die das Pech hatten, am falschen Ort auf die Welt zu kommen in einem Staat, der nichts für sie tut, und mit dessen Pass sie nur in Staaten reisen können, die ebenfalls nichts zu bieten haben. Die Bürgerinnen und Bürger der reichen Staaten wollen ihre Privilegien nicht teilen, und nirgends ist eine politische Kraft in Sicht, die sie dazu zwingen könnte, es doch zu tun.

Am Schluss des Ateliers wies Verena Mühlethaler, Pfarrerin an der City Kirche St. Jakob, auf die Sans-Papiers in Zürich hin, die mit neuen behördlichen Verfügungen noch mehr schikaniert werden. Und das ist der Schatten, der über dieses Atelier fiel: realpolitisch eröffnen sich mit dem Plädoyer für offene Grenzen im Moment kaum neue Möglichkeiten, es bleiben Solidaritätsbekundungen im harten Gegenwind der herrschenden politischen Kräfte.

Wie düster es werden kann, wenn man sich auf Realpolitik einlässt, das zeigte dann die Nachmittagsveranstaltung von Reclaim Democracy. Es stand eine Plenarveranstaltung mit Srécko Horvat auf dem Programm. Horvat ist ein brillanter Kopf,  gehört in seinem Heimatland Kroatien zu den führenden linken Intellektuellen und ist gesamteuropäisch sehr gut vernetzt, kennt also die Diskurse und Probleme des Kontinentes und hatte und hat Gelegenheit mit vielen Leuten zu reden und zusammenzuarbeiten. Und so einer kommt dann also zum Schluss, dass in Europa alle Zeichen auf Krieg stünden. Warum die Situation heute so sehr derjenigen Europas vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs gleicht, dafür blieb er zwar die schlagenden Argumente schuldig, und man darf also hoffen, dass sich Horvat in diesem Punkt schlicht in seine Untergangsstimmung verrannt hat. Aber sein Statement bleibt trotzdem symptomatisch für die Gegenwart, in der die Vision einer besseren Welt je länger je mehr zur Flaschenpost wird für eine Zeit in unbestimmter Zukunft, von der uns Rückschläge und Katastrophen trennen, an deren Möglichkeit wir bis vor kurzem nicht geglaubt haben.

 

Buch: Andreas Cassee: Globale Bewegungsfreiheit. Ein philosophisches Plädoyer für offene Grenzen, Suhrkamp 2016

02.02.2017 | 12:13
Ausschnitt aus einem Aquarell auf Japanpapier von Dieter Seibt (photo: )

Da meint man doch tatsächlich, mich darauf aufmerksam machen zu müssen, dass es Menschen gibt, die demnächst an sieben Tagen auf sieben Kontinenten sieben Marathons laufen wollen, worauf ich mir sofort die Frage stelle: Warum eigentlich nicht acht Marathons an acht Tagen auf acht Kontinenten? Oder noch besser: Neun Marathons an neun Tagen auf neun Kontinenten? Und warum eigentlich nicht 20 Marathons an 20 Tagen auf 20 Kontinenten und dazu möglichst noch je drei Doppelmarathons auf dem Mond?

Ähnlich ergeht es mir mit Berichten aus der Welt des Bergsteigens. Das heisst, aus einer Welt, die mich einst tatsächlich zu interessieren und zu faszinieren vermochte. Wenn ich aber mittlerweile höre, wie jemand innert kürzester Zeit sieben Viertausender besteigen will, frage ich mich sofort, warum nur sieben? Wenn es doch ums Zählen geht, dann kann man sich auch 20 oder 50 Viertausender vorstellen. Warum also nur sieben?

Und wenn es aus irgend einem Grund besser ist, in zwei bis drei Stunden die Eigernordwand hinaufzuseckeln, anstatt in einem ganzen Tag oder gar in jenen vier Tagen, welche die Schlafmützen von Erstbesteigern benötigt haben sollen, dann soll mir jemand erklären, warum es nicht noch viel besser wäre, die Eigernordwand in weniger als einer Stunde hinter sich zu bringen? Oder noch besser: So schnell, dass man die Bergsteiger gar nicht mehr sehen kann, damit die Welt nicht mehr zuschauen muss, wie sich die armen Extremisten abrackern, als wären sie Sklaven in einer Tretmühle oder Hamster in einem Hamsterrad und nicht freie, vernunftbegabte Menschen.

Was hat das mit Dieter Seibt zu tun?

Der zwar in Lausanne wohnhafte, der Stadt Bern aber seit Jahren verbundene Maler, Zeichner und Musiker ist ein Statthalter jener Form von Empfindsamkeit, die sich im Leerlauf einer hirnrissigen Eventkultur in der Kunst eine Insel der Menschlichkeit und der Ruhe zu bewahren sucht. Widerständig, aber auch der Schönheit, dem Glück des gelungenen kleinen Moments verpflichtet. Bescheiden, aber gewissenhaft ehrlich auf der Suche nach Auswegen, auch wenn dieser Ausweg nur eine kleine Lichtvision in Form eines kleinen Fensters ist, wie hier in diesem Aquarell auf Japanpapier im stolzen Eigenbesitz.

Wo der Zeitgeist mit dem Vorschlaghammer des so fantasielosen Noch eins drauf und noch eins drauf daherkommt, kann man sich an Dieter Seibts feinen Strichen und seinem Gefühl für die Anmut und für das Gleichgewicht der Farben laben.

25.01.2017 | 06:30
Symbolbild des RaBe-Radioblogs mit Fidel Hässig (photo: )

Noch selten haben sich bei einem Urnengang die beiden Gesichter der SVP so ungeschminkt übereinandergeschoben wie im Vorfeld der Abstimmungen vom 12. Februar.

Einerseits macht die Partei mit Burka-Plakaten Stimmung gegen ein Anliegen, das ihr schnurzpiepegal ist. Anderseits geben sich die «konservativen Revolutionäre», wenn es um Steigerung ihrer eigenen Aktionärsgewinne geht, als angeblich besonnene Systemerhalter.

Bei der erleichterten Einbürgerung von Eingewanderten dritter Generation geht es um Menschen wie beispielsweise mich (in jüngeren Jahren), die als SchweizerInnen hier geboren sind, deren Eltern bereits als SchweizerInnen hier geboren wurden... was mich zufälligerweise zum Nichtbetroffenen macht, ist die Tatsache, dass meine Grossmutter als ausgebürgerte Schweizerin bereits 1953 mit ihren Söhnen erleichtert eingebürgert wurde, während nur der Grossvater staatenlos blieb.

Unter diesen paar tausend Nicht-Papierlischweizern also werden sich ähnlich viele SVP-AnhängerInnen finden wie in der übrigen Stimmbevölkerung. Und eine Annahme des Anliegens führt höchstens dazu, dass die statistische Zahl von NichtschweizerInnen im Land leicht sinkt.

Mit ihrem absurden Abstimmungskampf treibt die SVP ihre Symbolpolitik auf die Spitze, bereitet die nächste Burka-Abstimmung vor, erinnert ein bisschen an ihre nicht umsetzbare Masseneinwanderungsinitiative, empfiehlt sich weiterhin als zuverlässig fremdenfeindliche Kraft und verschleiert mit viel Geld, worum es ihr tatsächlich geht.

«Was tipp topp läuft an der aktuellen Gehässigkeit im Zusammenhang mit der ‚Erleichterten Einbürgerung` – es redet kaum noch jemand von der UStR3...», postete denn auch der Zürcher SVP-Kantonsrat Claudio Schmid bei Facebook. Während Magdalena Martullo Blocher in der «Südostschweiz» betont unaufgeregt an die soziale Verantwortung der Bevölkerung appellierte: «Mit der Unternehmenssteuerreform sichern wir unsere Zukunft und attraktive Arbeitsplätze für unsere Jugend. Machen Sie mit!»

Eine Ahnung, wieviel Geld Unternehmen und Aktionäre künftig auf Kosten von Gemeinden und Kantonen nicht versteuern müssten, ergibt ein kleines Rechenbeispiel, dessen Zahlen von Frau Martullo stammen: «Neben den (...) Hochschulen wenden die Unternehmen selber rund 13 Milliarden Franken jährlich für Forschung und Entwicklung auf», schreibt sie. Diese Aufwendungen sollen künftig bis zu 150% steuerlich abgezogen werden können, das wären neu also gegen 20 Milliarden Franken. Bisher wurden – gemäss Martullo Blocher – «rund die Hälfte der privaten Schweizer Forschungs- und Entwicklungsaufwendungen (rund 6 Milliarden Franken)» steuerlich privilegiert.

Bezogen auf ihren eigenen Betrieb schreibt Martullo Blocher: «Mit der Steuerreform III wird die Ems-Chemie zwar zunächst mehr Steuern, mit der Spezialbesteuerung jedoch etwa gleich viel Steuern bezahlen wie heute. Die Ems-Chemie wird mit der Reform aber mehr am Standort Domat/Ems investieren können.» Wie diese wundersame Geldvermehrung im Detail zustande kommt, verrät uns Martullo Blocher indes nicht.

In der Zwischenzeit haben sich andere bürgerliche Stimmen zu Wort gemeldet, wie die ehemalige Finanzministerin Eveline Widmer Schlumpf oder der frühere Präsident der Konferenz der kantonalen Finanzdirektoren FDP-Mann Christian Wanner. Sie warnen vor Millionenlöchern bei Gemeinden und Kantonen, insbesondere wegen unabsehbarer fiktiver Zinsen am eigenen Vermögen, die künftig in Abzug gebracht werden sollen.

Vielleicht – hoffen wir es – wurde diesmal ein bisschen zu viel unter die Burka gepackt.

17.01.2017 | 11:54
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Je regarde la nouvelle affiche lancée par l’UDC, ou plutôt par « un comité proche » de ce grand parti suisse. Celle qui nous montre une femme supposément diabolique qu’il faut à tout prix tenir éloignée des procédures de naturalisation facilitée. Dans l’espace du visage laissé visible par la burka, je vois toutefois un visage harmonieux, aux traits fins, des yeux en amandes et des sourcils admirablement dessinés ; et je devine sous l’étoffe un nez bien proportionné, et une bouche d’égale beauté. Je me demande dès lors pourquoi cette personne, que je devrais assimiler à une terroriste ou à tout le moins à une islamiste fanatique totalement inadéquate aux mœurs qui dominent dans mon pays, est représentée sous une si désirable apparence; et si le propagandiste qui a mis son agence et sa plume au service de la communication des « proches » de l’UDC s’en est rendu compte. Je me demande alors si cet homme - car je ne peux pas imaginer ces "proches" confier leur propagande à une femme - n’est pas sujet à des fantasmes orientalistes, ou coloniaux. Comme le furent avant lui les légionnaires, les préfets français des wilaya de l’Algérie française ou Michel Sardou chantant « Musulmanes ». Je me demande aussi si cet homme rêve de soulever délicatement cette burka et d’embrasser cette femme sur des lèvres à la saveur de dattes. Je me demande encore si cet homme a des photos de femmes arabes dans le casier qu’il loue à l’année au fitness, et s’il tape « arabian woman» sur son clavier à chaque fois qu’il va sur you porn. Je me demande enfin s’il goûte aux danses du ventre des palaces de Casablanca, ou aime aller aux poules lorsqu’il séjourne à Istanbul avec ses collègues proches de l’UDC. Et voilà que je finis par le trouver presque sympathique. Il a voulu me faire peur avec sa veuve noire. Il m’a plutôt dit à son insu qu’il kiffait les femmes orientales. Qu’elles le fascinaient peut-être. Et m’a convaincu que l'UDC pourrait être un tigre de papier - si on se payait sa tête un peu plus souvent.