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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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07.12.2018 | 10:51
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Zuerst einmal ist es eine ungeheure Erleichterung: da geht in einem grossen europäischen Land der einheimische untere Mittelstand auf die Strasse und protestiert und tut das für einmal nicht gegen die Ausländer und in nationalistischen Tönen, sondern der Protest geht dorthin, wo er hin soll: gegen die Mächtigen, diejenigen, die mit ihren politischen Entscheiden dafür verantwortlich sind, dass es ihnen, den Menschen, die auf die Strasse gegangen sind, so dreckig geht. Dass Macron es nicht -  oder jedenfalls nicht in diesem Mass -  verdient hat, zur Symbol- und Hassfigur einer Elite zu werden, die sich um die Interessen der Benachteiligten foutiert, ist dabei nur ein kleiner Schönheitsfehler. Viel schwerer wiegt, dass die Gilet Jaunes zwar klassische linke Anliegen auf die Strasse tragen, von der Linken aber nichts zu hören ist. Wer sich einmischt ist dafür Marine Le Pen, die sich als „Gilet jaune“ der ersten Stunde bezeichnet und sich also Chancen ausrechnet, die Kraft dieses Protestes auf ihre Mühlen zu lenken. Nach der Erleichterung könnte der Schrecken folgen, dass auch dieses Volk sich gegen rechts wendet.
Die Gilets dieser Bewegung sind nicht rot und sind nicht braun, sie sind gelb, haben also keine politische, sondern eine Warnfarbe. Das ist ja auch der ursprüngliche Zweck dieser Gilets: sie sind obligatorisch in jedem französischen Auto dabei und werden bei einem Unfall angezogen, um eben darauf hinzuweisen und zu warnen: Achtung, hier hat sich ein Unfall ereignet.
Und dass bei so vielen Franzosen und auch andern Bewohnern Europas das Geld so knapp geworden ist, dass sie nicht den Klimawandel und ein mögliches Ende Welt, sondern das Ende des Monats fürchten müssen, das ist tatsächlich ein Unfall, zu dem gehört, dass er nicht einfach passiert ist, sondern verursacht wurde – durch Politik. Die wirtschaftliche Produktivität und der gesamtgesellschaftliche Reichtum sind in den letzten Jahrzehnten stets gestiegen, gleichzeitig wurde die Verteilung immer ungleicher. Das ist der Unfall, auf den die Gilet Jaunes hinweisen. Und wir können nur hoffen, dass sie auch weiterhin gegen die Politik demonstrieren, die diesen Unfall verursacht hat und noch immer verursacht.

18.10.2018 | 11:04
Meindert Hobbema: Allee von Middelharnis National Gallery London (photo: )

Da liest man also in der Zeitung von einem Füllfederhalter der Marke Montblanc, der 1.5 Millionen Euros kostet. Auch ein Bild ist da. Am Deckel des Füllers klebt eine Spinne, die natürlich in alleredelsten Materialen, das Gerät mit einem Netz überzieht, das symbolisch für jenes Gewebe steht, das auch durch die Schrift, durch Wörter und Sätze entsteht.
Nun ist ein Füller ja nicht irgendetwas, habe ich doch gerade jetzt auch einen in der Hand. Diese Buchstaben hier schreibe ich mit einer Rotring Art-Pen. Ich glaube, sie kostete mich etwas um die 25 Franken.
In der gleichen Zeitung (La Vanguardia) sehe ich im Zusammenhang mit einem Bericht aus Yemen das Bild eines unterernährten Kindes auf einem Spitalbett. Es trägt nur eine Windel, seine Gelenke stehen hervor, seine Glieder sind dünn, dünn, einfach wahnsinnig dünn und zerbrechlich. Der Blick des Kindes aus den grossen dunkeln Augen ist herzzerreissend, es kostet mich Mühe, meinen Blick nicht von seinem abzuwenden. Es tut weh, denn es ist nicht leicht, die eigene Hilflosigkeit in Anbetracht eines solchen Verweises auf den Zustand der Welt zu ertragen. Ich tue es. Zwinge mich, das Bild zu sehen und mir zu überlegen, was es mit mir zu tun hat. Gleichzeitig wird mir bewusst, dass es anders als hier in Spanien vermutlich keine mitteleuropäische Tageszeitung mehr gibt, die mir ein solches Bild zumuten würde. Eine schweizerische schon gar nicht! Und ich frage mich, ob das gut ist, ob das nicht auch eine Art von Zensur bedeutet?
Und was hat Meindert Hobbema damit zu tun?
Gerade dort, wo uns kommerzielle Medien, die sich ja verkaufen müssen, so oft vor der Realität zu schützen versuchen, dort hat die moderne Kunst – in Wort und Bild – sicher einen ihrer edleren Aufgabenbereiche gefunden. Kunst kann uns zur Konfrontation zwingen. Jemand der dies beispielhaft und sehr erfolgreich tut, ist die englische Künstlerin Jenny Saville. Wenn ich das richtig mitbekommen habe, wurde letzte Woche ein Bild von ihr für rund £ 10 Millionen versteigert, in London versteht sich! Da es sich um den höchsten Preis handeln soll, der je für das Werk einer lebenden Künstlerin oder eines lebenden Künstlers bezahlt wurde, wäre es durchaus gerechtfertigt gewesen, dass es hier in meinem letzten Blog aus Spanien mit Jenny Saville weiterginge. Aber Presse und Berichterstattung ist das eine, Kunst ist etwas anderes. Es widerstrebt mir, ein Bild zur Betrachtung aufzuschalten, das ich nicht gerne anschaue, obschon ich es als meine Pflicht betrachte, die Realität wahrzunehmen. Keinesfalls möchte ich mich zum Kunstkritiker aufspielen und über die Künstlerin Saville oder ihre Bilder ein Urteil fällen. Aber Bilder, deren Kraft mir sofort ins Auge springen, in die ich mich aber nicht vertiefen, die ich also nicht genauer betrachten möchte, stellen mein Verständnis von Kunst infrage. Sollte Kunst nicht so sein, dass man sie sehen will, ausgiebig und immer wieder? Wie zum Beispiel die berühmte, auch in London beheimatete Allee von Hobbema? Hat man dieses Bild je wirklich und ganz gesehen? Möchte man sich nicht immer wieder in diese Situation hineinbegeben? Da kann man lange über diesen Himmel staunen, zu Ende gesehen hat man ihn nie!

12.10.2018 | 10:23
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J’ai peur qu’avec cette pétition lancée pour offrir un pavillon suisse à l’Aquarius, je parle de ce bateau qui erre en Méditerranée avec des migrants dessus, eh bien j’ai peur que cette action crée un appel d’air comme on dit, c’est à dire une sorte de signal positif à l’endroit des migrants, une manière d’encouragement en quelque sorte, une véritable invitation à venir chez nous pour s’y installer durablement et que, dès lors, fort de ce signal, davantage encore de migrants veuille migrer en direction de chez nous alors qu’ils sont déjà des dizaines, voire des centaines de milliers, voire des millions à se ruer dans nos contrées pour quémander qui des soins, qui du travail, qui encore une Audi A4 gris métallisé et un smartphone neuf; oui, je le dis sans ambages, j’ai peur que cette pétition exigeant que le pavillon suisse flotte sur le mât de cet Aquarius convoque littéralement ces migrants chez nous alors que nous n’avons tout simplement pas la place pour les accueillir sans parler des tracas et des soucis sans fin auxquels nous sommes journellement confrontés à l’échelle de notre propre communauté. On objectera probablement à ces arguments de simple bon sens que cet Aquarius ne peut pas aborder directement chez nous puisque notre pays n’est pas exposé à un contact direct avec la mer. Je reconnais bien volontiers cette évidence topographique indéniable mais je veux rendre ceux et celles qui mettront de tels arguments dans la balance qu’avec cet appel d’air les migrants dès lors stimulés dans leur désir de se rendre chez nous pourraient tout simplement se mettre en tête de creuser des canaux leur permettant de relier la mer aux lacs de notre pays, par exemple entre Sète et Yverdon, ou encore entre Marseille et Walenstadt, à moins qu’ils ne choisissent tout bonnement de se déplacer à pied jusqu’à ceux de nos lacs qui font office de frontière avec l’étranger, tel le Lac Léman ou le lac de Constance, et, une fois arrivés sur les berges de ceux-ci, se jeter à l’eau une nouvelle fois, ou alors se servir de pédalos voire de paddles, afin d’aborder nos rivages pour ensuite nous envahir avec la claire intention finale de nous remplacer dans nos églises, nos vignes, nos ongleries, nos spas puis, pourquoi pas, nos lits. On le voit, une telle perspective ne peut que nous encourager à dire non à une demande aussi insensée. Que flotte notre étendard sur les cimes, les casernes et les hôtels garnis, mais pas sur l’Aquarius. 

02.10.2018 | 11:55
Markus Gabriel, Philosoph (photo: )

Spielt Philosophie für das Leben eine Rolle, hat sie Einfluss auf unser Handeln?  Sogar für die Beantwortung ethischer Fragen, so vermute ich, hat die Philosophie kaum ein Gewicht. Wer wird schon durch die Lektüre philosophischer Texte zum Vegetarier?

Noch viel weiter von der Wirklichkeit praktischen Handelns scheint die Frage entfernt, ob die Welt letztlich nur aus Materie besteht, und sich alles, was existiert, mit Hilfe von Physik erklären lässt. Nun gibt es ziemlich viele Leute - und an den Universitäten sind sie vielleicht sogar in der Mehrheit - die davon überzeugt sind, es gebe in der Welt letztlich nichts als Materie und Physik. Im philosophischen Fachjargon gesprochen heissen diese Leute übrigens Naturalisten. Selbstverständlich gibt es im akademischen Diskurs auch die Gegenposition. So beispielsweise beim amerikanischen Philosophen Thomas Nagel mit seinem Buch Geist und Kosmos, das folgenden langen Untertitel trägt: Warum die materialistische, neodarwinistische Konzeption der Natur so gut wie sicher falsch ist.

Im deutschen Sprachraum ist Markus Gabriel nicht nur der jüngste Philosophieprofessor, sondern auch die prominenteste Stimme derjenigen, die die Physik als Welterklärungsformel in ihre Schranken weisen wollen. Für ihn erklärt die Physik gar nichts mehr, sobald es um den menschlichen Geist und seine Erzeugnisse (Gedichte, Staaten, Gerichtsurteile) geht. Um etwas über den Menschen zu erfahren, sollten wir seiner Meinung nach nicht unbedingt nur Romane, sondern auch die neusten Fernsehserien wie zum Beispiel Westworld anschauen.

Soweit so gut, könnte man sagen. Sollen die Philosophen und wer dazu Lust hat, sich um die Philosophie kümmern, und die anderen schauen sich direkt Westworld an, und am Ende des Tages sind das einfach zwei verschiedene Sorten von Freizeitbetätigung. Oder ist diese Sicht zu einfach und vielleicht sogar grundsätzlich falsch?
Der Philosoph Markus Gabriel gibt hierauf eine irritierend eindeutige Antwort.  Er hat ein Video einer Japanreise auf Youtube gestellt, und im Gespräch mit, wie ich annehme, japanischen Philosophiestudenten sagt er dort Folgendes (auf Englisch natürlich):  „Der Naturalismus ist das Problem des 21. Jahrhunderts, nicht Terrorismus. Und ich denke, dass viele Leute in Regierungs- und Verwaltungspositionen Naturlisten sind. Aber der Naturalismus ist pure Ideologie. Naturalismus ist so gefährlich wie der Klimawandel. Ich denke, er ist die grösste intellektuelle Krankheit unserer Zeit.“
Wir müssen davon ausgehen, dass der Klimawandel eine Bedrohung für unsere Zivilisation bedeutet. Denkt Gabriel also, der Naturalismus sei eine Bedrohung für unsere Zivilisation?  Aber wie kommt er zu einer solchen Meinung? Kommt es daher, dass der Philosoph, das, was ihm am liebsten ist, das Philosophieren nämlich, masslos überschätzt und ihm deshalb in selbstherrlich, selbstverliebter Weise eine Bedeutung zuspricht, die es niemals hat?

Oder hat der brillante Philosoph da einfach über die Länge von  ein paar Sätzen hinweg die Zügel schiessen lassen, angeheizt von irgend einem japanischen Schnaps oder Tintenfischgericht? Oder habe ich ihn missverstanden, meint er es gar nicht so drastisch? Oder aber - und das ist für mich die beunruhigendste Deutung - bin ich blind für die Gefahr, die von Menschen ausgeht, die denken, es gebe im Grunde nur Materie und Physik?

Und wer gibt mir die Antwort auf diese Fragen? Ich versuche es einmal mit einer Email an Markus Gabriel und gebe, falls ich vom vielbeschäftigten Professor eine Auskunft erhalte, hier wieder Bericht.

20.09.2018 | 13:54
Wolfgang Mattheuer:  «Landschaft mit Fussball»  Lithografie,  1966,  Lindenau-Museum. (photo: )

Ja, Katalonien ist noch da, nicht weit von hier, und noch beherrscht das Unabhängigkeitsthema Land und Leute, aber aus dem angekündigten heissen Herbst wird wohl nichts. Wegen der vielen Einsprachen hat das Höchste Gericht Spaniens den Prozess gegen die angeklagten und zum Teil in Untersuchungshaft weilenden Politiker und Politikerinnen ins neue Jahr hinein aufgeschoben. Der amtierende Katalanische Präsident hat schon vorgewarnt, dass man eine Verurteilung nicht akzeptieren würde. Wie genau sich dies äussern wird, hat er allerdings nicht verraten.

Was Restspanien betrifft, ist es dem Berichterstatter eher peinlich, sich hier auch noch über die mit gefälschten akademischen Lorbeeren geschmückten Lebensläufe so vieler Politiker und Politikerinnen auszulassen. Gab es nicht mal diese menschliche Erfindung der Scham? Und gäbe es in diesem Land nicht Probleme, die die volle Aufmerksamkeit der Politik verdienten? Als ich neulich hörte, wie ein Nachbar beim Kartenspiel vor der Taverne auf dem Dorfplatz sagte: «Jetzt stellen sie einander ihre Universitätsabschlüsse in Frage», kam es mir vor, als hätte sich im Ton seiner Stimme die weit verbreitete Verachtung für die Politiker und Politikerkerinnen abermals gesteigert.

Und weil der amtierende sozialistische Präsident in Madrid so sozialistisch gar nicht ist, trifft er sich auch noch mit diesem Monsieur aus dem Wallis der FIFA und bringt die WM 2030 ins Gespräch. Brot und Spiele könnte man sagen. Sicher ist, der Lack der neuen Regierung war schneller ab, als es die schlimmsten Pessimistinnen vorauszusagen gewagt hätten. In den ersten 100 Tagen gab es 100 Fettnäpfchen und keines wurde ausgelassen. Wie leicht ist es doch, den Waffenexport in kriegführende Länder zu geisseln, wenn man in der Opposition ist. Einmal an der Macht sind in diesem von Arbeitslosigkeit geplagten Land die Stimmen der Betroffenen plötzlich doch wichtiger als die hochgehaltenen Ideale. Etwas verblüfft stellt man deshalb fest, dass da eine Regierung angetreten ist, die zwar für Spanien eine spektakuläre Frauenmehrheit zu bieten hat, die sich sonst ethisch und moralisch aber bei weitem nicht so klar von ihrer gestürzten Vorgängerin abhebt, wie man erhofft hatte.

Und was hat Wolfgang Mattheuer damit zu tun?

Präsident Sanchez spricht von einer WM in Spanien und YB spielt in der Champions League und Wolfgang Mattheuer hat mit seiner Lithografie eines der wenigen beachtenswerten Kunstwerke geschaffen, die es meines Wissens zum Thema Fussball gibt. Gut, es hat nichts mit dem Massenphänomen Fussball zu tun, aber auch hier ist der Ball rund und er fliegt so hoch über die Welt, als wäre es der Mond. Eigentlich eine herrliche Szene, wenn auch nur mit drei Zuschauern. Leicht erkennbar ist aber auch, dass hier ein Meister am Zeichnen war. Wolfgang Mattheuer war denn auch nicht irgendwer. Als Mitbegründer der Leipziger Schule ist er mitverantwortlich für die wenigen künstlerischen Impulse, die von der DDR über ihr Ableben hinaus wirksam blieben.

13.09.2018 | 11:32
Cornelis von Haarlem, Before the Deluge (photo: )

Certains se sont débarrassés de leurs vêtements pour courir nus dans la rue.

Un est descendu dans sa cave et a commencé à ouvrir une bouteille après l’autre invitant ses voisins à boire avec lui.

Des couples, qui n’en finissaient pas de s’engueuler depuis des années, se sont quittés en quelques secondes.

D’autres – hommes et femmes, hommes et hommes, femmes et femmes, hommes et bêtes, enfin – qui se regardaient depuis des lustres sans oser se parler, se sont jeté l’un sur l’autre et se sont aussitôt promis un amour éternel.

Des scènes d’amour physique ont commencé d’avoir lieu un peu partout dans les parcs, dans les rues voire sur les places publiques.

Des bègues ont cessé de bégayer. Des hypochondriaques se sont mis à siffler comme des pinsons.

Des crucifix ont été arrachés (mais d’autres ont surgis dans les bras de certains désespérés). Des mosquées sont tombées (mais d’autres ont poussé sous l’impulsion de certains désespérés). Des panneaux publicitaires à la gloire des marchands de lunettes et des compagnies aériennes ont été jetés au sol. Des spas et des fitness ont été endommagés.

Des automobiles, électriques pour la plupart, ont été renversées.

Les employés des offices des poursuites et des centres de placement ont quitté leur poste de travail, annonçant en partant à ceux et celles qui attendaient leur tour d’être maltraités qu’ils pouvaient rentrer chez eux et dormir sur leurs deux oreilles.

Des migrants ont été invités à manger la fondue. Des prostituées ont reçu des baisers sur les joues. Des abattoirs ont été ouverts libérant des vaches et des porcs sautant comme des cabris.

C’était en 2035, lorsqu’on a su que la lutte contre le réchauffement climatique – enfin, ce simulacre de lutte, avait définitivement échoué.

 

Selon le  journal Earth System Dynamics, on devrait savoir dès 2035 de manière à peu près certaine si la planète pourra être encore sauvée ou si le climat sera définitivement hors de contrôle. https://www.earth-syst-dynam.net/9/1085/2018/

08.09.2018 | 14:13

Willi Schmid, langjähriger Lektor des Zytglogge Verlags, Träger des Berner Sisyphus-Preises und Mitgründer der Solothurner Literaturtage, wird am 8. September neunzig.

Zu diesem Anlass haben Anina und Ursina Barandun, zusammen mit Bernhard Schlup (Gestaltung), ein Buch herausgegeben: Originaltexte, frisch geschrieben für Willi Schmid, als Privatdruck, den er anstelle eines grossen Festes ausgehändigt bekommt. Das Buch enthält Texte u.a. von Maja Beutler, Peter Bichsel, Beat Brechbühl, Ernst Burren, Yla Margrit von Dach, Urs Frauchiger, Gret Haller, Franz Hohler, Helmut Hubacher, Peter von Matt, E.Y. Meyer, Francesco Micieli und Markus Michel.

Willi Schmid war Chemiker, in leitender Position, als er seine sichere Existenz aufgab und Lektor beim kleinen Zytglogge Verlag wurde. Er prägte die Schweizer Literatur in den folgenden Jahrzehnten massgeblich. Er entdeckte und förderte unter anderem Gerhard Meier und war mit etlichen Autorinnen und Autoren eng verbunden, selbst wenn deren Bücher gar nicht im Zytglogge Verlag erschienen. Willi Schmid war eine Instanz, als Freund, Leser, Förderer. Nach seiner Pensionierung als Lektor wurde er Bio-Winzer am Mont Vully, oberhalb von Vallamand.

In seinem Beitrag schreibt Peter Bichsel: «Irgendwie hast Du der Schweiz das Lesen beigebracht und Deinen Autoren das Schreiben. Und dies nicht als Literaturpapst oder wortgewaltiger Kritiker, sondern als Mentor, als geduldiger Begleiter und stiller Geniesser. Du hast mit der Literatur Dich selbst gerettet und uns alle auch».

Das erwähnte Buch ist in einer Auflage von 70 Stück erschienen und kann nicht käuflich erworben werden. Journal B veröffentlicht hier die Beiträge von Guy Krneta und Samuel Moser.

 

Guy Krneta / Der Hintertriebene

Wenn ich jemandem erkläre, was den Beruf des Lektors ausmacht, erzähle ich von Willi Schmid. Ich weiss natürlich, dass Willi Schmid nicht der Prototyp des Lektors ist. Dass er eher die seltene Ausnahme, der Ideal-Lektor ist, den es eigentlich nur in der Erzählung gibt. Und ehrlicherweise muss ich sagen, dass ich Willis Tätigkeit auch nur aus der Erzählung kenne. Es ist nie dazu gekommen, dass wir zusammen an einem Buch gearbeitet haben. Ich habe mir immer gewünscht, dass es dazu käme. Weil Willi, wie ich mir vorstelle, der Lektor wäre, den ich mir wünschen würde. Ich hätte gerne für und mit Willi ein Buch geschrieben. Da ich von Kolleginnen und Kollegen weiss, die das zu ihrem Glück getan haben. Und die dank Willi Bücher geschrieben haben, die es ohne ihn, seine Aufmerksamkeit, seine Neugier und Kritik nie geben würde.

Wenn ich erkläre, was den Beruf des Lektors ausmacht, sage ich: Willi Schmid hat mit seinen Autorinnen und Autoren gearbeitet, bevor die überhaupt wussten, dass er mit ihnen an einem Buch arbeitet. Er ging mit ihnen spazieren, hat sich mit ihnen unterhalten, ihre frisch geschriebenen Texte gelesen und ihnen vielleicht gezeigt, wie daraus ein Buch werden könnte. Wenn das Buch dann fertig war, ging er damit zum Verlag. Und meistens, nehme ich an, hat der Verlag das Buch in dieser Form übernommen. Ein Lektorat war ja kaum mehr nötig.

Was mich an dieser Arbeitsform immer fasziniert hat, ist das leicht Hintertriebene. Ich weiss nicht, wann Willi all die Bücher lektoriert hat, von denen sein Verlag und sogar seine Autorinnen und Autoren noch gar nichts ahnten. Er muss eine grosse Narrenfreiheit besessen haben, die heute in vielen Verlagen, in der Literaturszene überhaupt oft fehlt. Weil angeblich das Geld fehlt zum gemeinsamen Spazieren, Sich-Unterhalten und ziellos Lesen. Vielleicht hat es ja schon damals gefehlt. Und Willi hintertrieb seinen Verlag, seine Autorinnen und Autoren nachts, am Wochenende, unbezahlterweise womöglich.

So stelle ich mir das vor. Und ich erzähle es allen, die Willi nicht kennen, die nie mit ihm zu tun hatten, nie mit ihm an einem Buch gearbeitet haben, in der Hoffnung, dass sein Vorbild des Hintertreibens weiter wirkt.

Guy Krneta ist nach seiner allerersten Lesung beim Offenen Block an den Solothurner Literaturtagen 1988 von Willi Schmid angesprochen worden und hält sich seither für mit ihm befreundet.

 

Samuel Moser / Traumberuf Willi

Es stimmt nicht, dass früher in allen Büchern auf der Rückseite des Titelblattes oder zuhinterst irgendwo stand: «Lektorat Soundso». Ich habe nachgeschaut. Aber in meiner Erinnerung ist es so. Und dann stimmt es sicher auch nicht, dass «Soundso» immer Willi Schmid war. Dass Willi Schmid alle Bücher, die ich las, lektoriert hat. Willi möchte ich diese Herkulesarbeit auch gar nicht zugemutet haben – den Büchern dagegen eigentlich schon.

Es ist nicht so gewesen, aber es muss so gewesen sein.

Ich kenne selbstverständlich andere Lektoren. Oder ich kannte andere, denn heute gibt es sie ja kaum noch. Jedenfalls nicht solche, wie Willi einer war. Wie Willi einer ist. Willi wurde mir zum Inbegriff des Lektors. «Lektor» und «Willi» sind zwei Bezeichnungen für ein und dasselbe. Nicht deckungsgleich zwar, denn ich wünschte und wünsche mir überhaupt nicht, dass der eine im andern aufginge und verschwände. Aber im Kern sind sie eines.

Früher oder wohl doch ein bisschen später, als ich ein zweites Mal lesen lernte und nicht mehr Polizist, Lokomotiv- oder Kranführer werden wollte, wollte ich Lektor werden. Nicht Autor und nicht Verleger. Und Kritiker schon gar nicht. Weshalb kann ich post festum nur spekulieren. Ich glaube ja nicht, dass ich damals so dachte wie heute. Möglicherweise erfinde ich jetzt die Gründe, und sie haben damals wie heute, sicher jedenfalls heute, wenig mit dem tatsächlichen Beruf eines Lektors zu tun.

Immerhin lassen die Gründe von heute mich immer noch träumen.

Trotz der Lehre vom «Tod des Autors», von der ich mittlerweile nicht mehr so überzeugt bin oder nicht mehr auf diese Art überzeugt bin, wie ich es einmal war, glaube ich, dass ich Lektor werden wollte, um dem Autor nahe zu sein. Dem Autor als Autor. Dem Autor und seinem Text im Augenblick, wo er noch sein Text ist. Und doch schon nicht mehr nur sein Text. Dieser Augenblick scheint mir aufregend. Der Augenblick, in dem er ihn aus der Hand gibt oder gerade begonnen hat, ihn aus der Hand zu geben. Der Funke zwischen Gottes und Adams ausgestreckten Fingern. Augenblick der Einheit und Trennung, der Einheit von Einheit und Trennung. Ein Augenblick der Zartheit und der Härte, des Loslassens und des Losreissens. Augenblick des Abschieds und der Emanzipation. Ein mythischer, ein religiöser Augenblick beinahe, genau und unfassbar zugleich, dämmernd zwischen Nacht und Tag. Augenblick der Scheidung und Entscheidung. Der Krise und der Kritik. Der Kritik jedoch vor der Publikation, nach der der Text im Literaturbetrieb dann aufgerieben wird, wo das Urteilen oft mehr seiner Klassierung und Kastrierung dient als seiner Entfaltung. «Halbprivat» könnte man das Verhältnis zwischen Autor und Lektor in diesem Moment nennen. Und wenn der Ausdruck ans Krankenwesen erinnert, ist das nicht falsch. Es geht mir jedenfalls um den schwachen Text. Horaz hat in seiner Ars poetica geschrieben, dass der Kritiker viel besser vor der Publikation eines Werkes als danach seine Arbeit verrichten sollte. Um die Stärken des Textes zu fördern, nicht um seine eigenen zu zeigen. Natürlich ist das eine andere, eine zweite Art der Kritik, und sie kann die des öffentlichen Diskurses nicht ersetzen. Aber ich stelle doch mit leichtem (und frohem) Erstaunen fest, dass ich mich, bevor ich selber Kritiken zu publizieren begann, offenbar mehr für die zweite Art interessierte, die des Horaz eben. Ich hoffe, wenn ich heute die Wahl hätte, würde ich mich immer noch für sie entscheiden. Oder wieder für sie entscheiden nach vielen Erfahrungen mit der ersten Art der Kritik.

Als ich Lektor werden wollte, kannte ich Willi Schmid noch nicht. Das heisst, ich kannte Willi, bevor ich ihn kannte. Auch ihn habe ich erfunden. Zumindest war da die Idee von ihm. Sie hatte nur noch nicht zu ihrem Bild gefunden.

Ich wollte also nicht Lektor, ich wollte Willi werden. Jetzt weiss ich auch, weshalb ich es nicht geworden bin. Willi kann man nicht werden. Nur Willi konnte es. Und auch er hat es nur gekonnt, weil er es nicht können musste. Deshalb erscheint mir auch die Klage über das Verschwinden der Lektoren unangemessen. Es kann nicht verschwinden, was es nie gegeben hat. Nur Willi gibt es.

Untröstlich bin ich nicht, dass ich es nicht geschafft habe, Willi zu werden. Hätte ich es denn schaffen können? Wo kein Gelingen möglich ist, gibt es auch kein Scheitern. Nur ein unerfüllter Traum bleibt ein Traum.

Samuel Moser ist Literaturvermittler, Herausgeber und Literaturkritiker und Präsident der Stiftung Robert Walser Biel, die den Robert-Walser-Preis verleiht.

05.09.2018 | 09:48

Im Kaufleuten in Zürich fand eine Podiumsdiskussion statt unter dem Titel Wer ist schuld am Elend Afrikas? Auf dem Podium diskutierten, geleitet von einem Journalisten des Tagesanzeigers, ausgewiesene Fachleute.

Auf der einen Seite war David Signer, der Afrika-Korrespondent der NZZ, auf der anderen Tina Goethe von Brot für alle. Zwischen diesen beiden sass, auch von seinen Positionen her oft in der Zwischenlage Mohomodou Houssouba, Schriftsteller und Dozent am Afrika-Institut in Basel. Der grosse Saal des Kaufleuten war bis auf den letzten Platz besetzt. In einer der reichsten Städte der Welt kamen fünfhundert Leute, um zu hören, wer schuld hat daran, dass in Afrika die Mehrheit der Leute bitterarm ist.  Erstaunlich dieses Interesse für Afrika, von dem oft gesagt wird, sein Schicksal interessiere hierzulande nicht. Aber der Saal war voll. Fünfhundert Leute hatten Platz genommen und wollten wissen, wer ist schuld an dieser in so vielen Fällen tödlichen Armut. Aber genauso war es natürlich nicht. An den Reaktionen auf die Statements auf dem Podium liess sich klar erkennen, jede und jeder hatte schon seine Vorstellungen mitgebracht davon, wo die Schuld liegt für Afrikas Elend und applaudierte, wo auf dem Podium gesagt wurde, was der eigenen Meinung entsprach oder protestierte, wenn es dagegen ging. Sie kennen Afrika nicht, rief beispielsweise eine Afrikanerin im Saal zu Signer, der sich seit Jahrzehnten mit Afrika auseinandersetzt und heute in Dakar lebt.

Jeder, der Zeitung liest oder vielleicht schon einmal ein entsprechendes Buch gelesen hat, kann die Gründe aufzählen, die für Afrikas Elend verantwortlich gemacht werden: der Kolonialismus, die ungerechten, sprich: ausbeuterischen Handelsbeziehungen zu den reichen Ländern, dann die unfähigen, korrupten afrikanischen Regierungen und die schwachen, rechtsunsicheren Staaten, die damit einher gehen. Und je nach politischer Einstellung und Weltbild sind es dann eher die externen Gründe, die zählen, kurz: im linken Weltbild sind Europa und die reichen Länder schuld am Elend und Afrika das Opfer von Kolonialismus und Ausbeutung oder dann sind, im rechten Weltbild, die Afrikaner selber schuld, dass es ihnen nicht besser geht.

Und genau nach diesem Muster lief es dann auch auf diesem von Fachleuten besetzten Podium, jedenfalls im Fall von David Signer, dem Afrika-Korrespondenten der NZZ. Natürlich leugnet Signer weder Kolonialismus noch billigt er – wenigstens auf Nachfrage – die Geschäftspraktiken von Glencore im Kongo, aber verantwortlich für das Elend sind die afrikanischen Regierungen. Symptomatisch sein Statement, mit dem er in der Werbung für die Veranstaltung angekündigt wurde: Der eigentliche Skandal hinter dem Flüchtlingsdrama im Mittelmeer ist nicht die «Abschottung Europas», sondern die Gleichgültigkeit der afrikanischen Regierungen gegenüber dem Exodus. Woher das Bedürfnis, eigentliche und uneigentliche Skandale voneinander zu unterscheiden, wenn nicht daher, ein Weltbild zu haben, in dem klar zwischen dreckigen Händen und sauberen Westen unterschieden werden kann?

Signer nannte dann noch einen weiteren Grund für Afrikas Unterentwicklung: Die afrikanische Kultur sei antikapitalistisch und sozialistisch auf Solidarität ausgerichtet, also: wer Geld hat, muss es verteilen und hat deshalb, wenigstens in der Logik kapitalistischen Denkens, keinen Antrieb, welches zu verdienen. Schade, ging aus dieser Feststellung keine Diskussion hervor darüber, wie Afrika uns möglicherweise helfen könnte, aus dem Zuviel an Kapitalismus und Egoismus, in das wir hineingeraten sind, wieder hinaus zu finden.

Den Standpunkt der Linken vertrat Tina Goethe, weniger dogmatisch als Signer insofern, dass sie keine globalen Urteilsprüche verkündete, aber doch verengt im Blick, den sie ausschliesslich auf die Verantwortung des Westens gerichtet hielt. Symptomatisch hier: Auf die Frage, wie sie die Politik der Chinesen in Afrika beurteile, beurteilt sie nicht die Chinesen, sondern die Europäer ( die Chinesen sind nicht schlimmer als die Europäer, früher waren diese noch schlimmer).

Dass es Europa besser machen könnte, wie Goethe behauptet, das bezweifelte auch Signer nicht. Allerdings, ob es viel ändern würde. Goethe wurde mit folgendem Statement vorgestellt:

Noch immer ist Afrika vor allem billiger Rohstofflieferant. Die Gewinne daraus fliessen am Fiskus vorbei auch in die Steueroase Schweiz. Nur ein Bruchteil der vielen Milliarden, die den Ländern als Steuereinnahmen verloren gehen, investiert die Schweiz in Entwicklungszusammenarbeit.

Tatsächlich stellt sich die Frage: bedeutet mehr Entwicklungszusammenarbeit auch wirklich mehr Entwicklung? Wer glaubt noch, dass Afrikas Probleme allein mit Geld gelöst werden können?  Was passiert, wenn ein Staat wie der Kongo die Milliarden, die ihm jetzt entgehen, an Steuern einnehmen könnte? Wieviel davon würde den Bürgerinnen Bürgern zugute kommen, wieviel verschwinden in privaten Taschen?

Gegen den Fatalismus, der bei der Beschäftigung mit dem Thema aufkommen kann, wies der Dritte in der Runde, Mohomodou Houssouba, darauf hin, dass es immer ein Wahl gibt und also Handlungsräume bestehen, hier in Europa ebenso wie dort in Afrika. Ein wahres Wort, aber kein wahrer Trost im Wissen, wie schlecht diese Handlungsspielräume seit Jahrzehnten genutzt werden.

21.07.2018 | 14:44

In Katalonien hat sich die Lage etwas beruhigt, wenn sich  die Parallelwelten auch weiter munter um sich selbst drehen. Sommerzeit ist aber auch Lesezeit! Sogar für ganz dicke, weltberühmte Bücher mit Bernbezug!

Sehr lange ist es nicht her, dass ich in der Diskussion nach einer Lesung aus meinem Buch «Mut zur Mündigkeit»  meiner Meinung Ausdruck gab, ausser in sprachlichen Belangen, sei es nicht unbedingt die Aufgabe von Autoren und Autorinnen sich zu gesellschaftlichen Problemen und politischen Konflikten in aller Welt zu äussern.  Darauf machte mich ein Mann nicht unfreundlich darauf aufmerksam, dass ich selbst hier in diesem Blog im Journal B gerade über die katalanische Unabhängigkeitsbewegung geschrieben hätte.

Er hat natürlich recht, denn er konnte nicht wissen, dass ich mich nicht als Autor, sondern als Betroffener äusserte. Ich wohne zwar nicht in Katalonien, aber seit vielen Jahren verbringe ich sehr viel Zeit in der Nähe der katalanischen Grenze. Und wie ich möglicherweise auch schon angeführt habe, müsste ich mich allein schon wegen des vielen guten Rotweins aus katalanischen Kellereien, den ich hier schon getrunken habe, zu einer Meinungsäusserung berechtigt fühlen dürfen.

Gegenwärtig gibt es aber gar nicht so viel zu berichten. Der Konflikt muttet so vor sich hin. Bestimmt hat der Regierungswechsel in Madrid für etwas Entspannung gesorgt, aber um nicht vergessen zu werden, zündet der flüchtige Ex-Präsident regelmässig seine Rauchpetarden und die allgemeine Bereitschaft zur Selbsttäuschung scheint ungebrochen. Die Parallelwelten drehen sich absolut unabhängig voneinander munter weiter um sich selbst. Für diejenigen, die sich nicht vorstellen können wie weit die Wahrnehmung gesellschaftlicher Realitäten auseinanderklaffen können, ein kleines Bespiel:

Uns ist allen vertraut, dass bei einer Demonstration auf dem Berner Bundesplatz Veranstalter und Polizei die Teilnehmerzahl unterschiedlich einschätzen. Die einen reden von 25 000 und die andern vielleicht von 15 000. Sogar noch grössere Unterschiede können vorkommen. Wenn aber die Veranstalter einer Demonstration gegen Madrid von 200 000 Teilnehmern reden und sich die offizielle Schätzung der Polizei auf 7000 beschränkt, dann weiss man, dass man sich in Katalonien befindet.

Und was hat Hermann Albert damit zu tun?

Unabhängig von Kataloniens Parallelwelten ist Sommerzeit auch immer Lesezeit und weil am kommenden Berner Literaturfest auch die Neuausgabe in «Die andere Bibliothek» von Johann David Wysses Der Schweizerische Robinson gewürdigt werden soll (zurecht!), bin ich immer wieder mit dem Lesen von diesem tausendseitigen Brocken beschäftigt. Deshalb suchte ich nach einem schönen Bild mit einem Buch und von allen Bücher-Bildern, die ich gesammelt habe, hat Hermann Albert (Deutscher Maler und Hochschullehrer, geb. 1937) eines der schönsten zu bieten. Ich weiss zwar nicht mehr, woher ich es habe, kenne auch seinen genauen Titel nicht, aber was die Darstellung des Lesethemas betrifft, ist dieses Bild eine sehr  saubere Sache. Es ist schlicht, es ist  sommerlich und dazu ist es auch noch zentriert und reduziert, denn für die Welt und ihre komplexe Vielfalt steht oder liegt hier nur das aufgeklappte Buch!

Lesen Sie wohl!

25.06.2018 | 15:26
Antoni Tàpies: Akt, 1995 (photo: )

An diesen sommerlichen Tagen kommen sie wieder massenweise, und man hat allen Grund, sich zu fragen, was das eigentlich alles für komische Fotografen und Fotografinnen sind, fotografieren sie doch meistens nur genau jene Motive, die sie vermutlich schon in dem Werbeprospekt abgebildet gesehen haben, der sie überhaupt dazu veranlasste, an dem populären Kongress der Digitalfotografie in unserer Altstadt teilzunehmen.

Sicher ist, dass sie aus allen Ecken der Welt kommen und sich mehrheitlich in geführten Gruppen zu ihren bevorzugten Motiven bewegen. Viele sind auf das Fotografieren von Brunnen spezialisiert, aber fast noch zahlreicher sind die Spezialisten und die Spezialistinnen der Kirchenfotografie. Sogar der kunsthistorisch eher unspektakulären Kirche Peter und Paul kommt definitiv mehr Aufmerksamkeit zu als den am Rathausplatz auch vorhandenen Zeugen ortstypischer Architektur. Und wenn sich die Kirchenfotografen und die Kirchenfotografinnen, natürlich immer aufgehoben in ihren Arbeitsgruppen, vom Rathaus her durch die Kreuzgasse schieben und plötzlich vor dem in diesen Tagen oft herrlich blauen Himmel den Turm des Münsters vor ihren Augen aufragen sehen, dann schnellen wie auf Kommando restlos alle Arme in die Höhe und an den hochgereckten Kameras bleibt kein einziger Klickfinger ungekrümmt.

Sitzt man aber auf der Plattform und lässt sich dort von der gerade ziemlich fett  über die Schwellen tretenden Aare berauschen, kann man beobachten, dass sich auch viele Fotografen und Fotografinnen weiterhin der Kunst des Selbstporträts verschrieben haben. Dort stellen sie sich vor den Ausblick auf den Gurten, fahren ihre Stangen aus und lächeln sehr unterschiedlich fotogen in ihre Objektive. Für das hell herausragende Blatt an dem Kastanienbaum über mir, das mich schön die längste Zeit fasziniert, scheint sich dagegen niemand zu interessieren. Auch das herrliche Muster oben auf der Sandsteinmauer aus Flechten und Vogeldreck, in welchem auch einzelne Sandkörner funkeln wie Edelsteine, fotografiert kein Mensch.

Und was hat Antoni Tàpies damit zu tun?

Es ist verflixt! Denn gerade an Katalonien wollte man ja einmal nicht erinnert werden, aber oben auf der so wunderbar gemusterten Balustrade sieht ein Vogelschiss auch in seiner Oberflächenbeschaffenheit nun in Gottes Namen halt einfach so aus wie von dem grossen katalanischen Künstler hingemalt: Direkt aus der ockerbraunen Tube auf die weisse Grundierung gedrückt. Und wie selbstverständlich ist auch etwas Kohlenschwarz dabei. Eine Farbkombination 100% typisch Tàpies!

Und übrigens, falls Sie nach dem Spiel gegen Serbien auch stolz sind auf unsere überragenden Spieler mit kosovarischem Hintergrund noch dieser Hinweis:

Letzten Frühling sind Guy Krneta und ich im Rahmen des Projektes Kosovo is everywhere über den ganzen Balkan hinunter in unseren «Kanton Kosovo» gefahren. Sollte es Sie interessieren, wie es uns auf diesem wilden Balkan ergangen ist, gibt es in einer neuen Reihe online sehr günstig einen Bericht dazu.