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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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20.09.2018 | 13:54
Wolfgang Mattheuer:  «Landschaft mit Fussball»  Lithografie,  1966,  Lindenau-Museum. (photo: )

Ja, Katalonien ist noch da, nicht weit von hier, und noch beherrscht das Unabhängigkeitsthema Land und Leute, aber aus dem angekündigten heissen Herbst wird wohl nichts. Wegen der vielen Einsprachen hat das Höchste Gericht Spaniens den Prozess gegen die angeklagten und zum Teil in Untersuchungshaft weilenden Politiker und Politikerinnen ins neue Jahr hinein aufgeschoben. Der amtierende Katalanische Präsident hat schon vorgewarnt, dass man eine Verurteilung nicht akzeptieren würde. Wie genau sich dies äussern wird, hat er allerdings nicht verraten.

Was Restspanien betrifft, ist es dem Berichterstatter eher peinlich, sich hier auch noch über die mit gefälschten akademischen Lorbeeren geschmückten Lebensläufe so vieler Politiker und Politikerinnen auszulassen. Gab es nicht mal diese menschliche Erfindung der Scham? Und gäbe es in diesem Land nicht Probleme, die die volle Aufmerksamkeit der Politik verdienten? Als ich neulich hörte, wie ein Nachbar beim Kartenspiel vor der Taverne auf dem Dorfplatz sagte: «Jetzt stellen sie einander ihre Universitätsabschlüsse in Frage», kam es mir vor, als hätte sich im Ton seiner Stimme die weit verbreitete Verachtung für die Politiker und Politikerkerinnen abermals gesteigert.

Und weil der amtierende sozialistische Präsident in Madrid so sozialistisch gar nicht ist, trifft er sich auch noch mit diesem Monsieur aus dem Wallis der FIFA und bringt die WM 2030 ins Gespräch. Brot und Spiele könnte man sagen. Sicher ist, der Lack der neuen Regierung war schneller ab, als es die schlimmsten Pessimistinnen vorauszusagen gewagt hätten. In den ersten 100 Tagen gab es 100 Fettnäpfchen und keines wurde ausgelassen. Wie leicht ist es doch, den Waffenexport in kriegführende Länder zu geisseln, wenn man in der Opposition ist. Einmal an der Macht sind in diesem von Arbeitslosigkeit geplagten Land die Stimmen der Betroffenen plötzlich doch wichtiger als die hochgehaltenen Ideale. Etwas verblüfft stellt man deshalb fest, dass da eine Regierung angetreten ist, die zwar für Spanien eine spektakuläre Frauenmehrheit zu bieten hat, die sich sonst ethisch und moralisch aber bei weitem nicht so klar von ihrer gestürzten Vorgängerin abhebt, wie man erhofft hatte.

Und was hat Wolfgang Mattheuer damit zu tun?

Präsident Sanchez spricht von einer WM in Spanien und YB spielt in der Champions League und Wolfgang Mattheuer hat mit seiner Lithografie eines der wenigen beachtenswerten Kunstwerke geschaffen, die es meines Wissens zum Thema Fussball gibt. Gut, es hat nichts mit dem Massenphänomen Fussball zu tun, aber auch hier ist der Ball rund und er fliegt so hoch über die Welt, als wäre es der Mond. Eigentlich eine herrliche Szene, wenn auch nur mit drei Zuschauern. Leicht erkennbar ist aber auch, dass hier ein Meister am Zeichnen war. Wolfgang Mattheuer war denn auch nicht irgendwer. Als Mitbegründer der Leipziger Schule ist er mitverantwortlich für die wenigen künstlerischen Impulse, die von der DDR über ihr Ableben hinaus wirksam blieben.

13.09.2018 | 11:32
Cornelis von Haarlem, Before the Deluge (photo: )

Certains se sont débarrassés de leurs vêtements pour courir nus dans la rue.

Un est descendu dans sa cave et a commencé à ouvrir une bouteille après l’autre invitant ses voisins à boire avec lui.

Des couples, qui n’en finissaient pas de s’engueuler depuis des années, se sont quittés en quelques secondes.

D’autres – hommes et femmes, hommes et hommes, femmes et femmes, hommes et bêtes, enfin – qui se regardaient depuis des lustres sans oser se parler, se sont jeté l’un sur l’autre et se sont aussitôt promis un amour éternel.

Des scènes d’amour physique ont commencé d’avoir lieu un peu partout dans les parcs, dans les rues voire sur les places publiques.

Des bègues ont cessé de bégayer. Des hypochondriaques se sont mis à siffler comme des pinsons.

Des crucifix ont été arrachés (mais d’autres ont surgis dans les bras de certains désespérés). Des mosquées sont tombées (mais d’autres ont poussé sous l’impulsion de certains désespérés). Des panneaux publicitaires à la gloire des marchands de lunettes et des compagnies aériennes ont été jetés au sol. Des spas et des fitness ont été endommagés.

Des automobiles, électriques pour la plupart, ont été renversées.

Les employés des offices des poursuites et des centres de placement ont quitté leur poste de travail, annonçant en partant à ceux et celles qui attendaient leur tour d’être maltraités qu’ils pouvaient rentrer chez eux et dormir sur leurs deux oreilles.

Des migrants ont été invités à manger la fondue. Des prostituées ont reçu des baisers sur les joues. Des abattoirs ont été ouverts libérant des vaches et des porcs sautant comme des cabris.

C’était en 2035, lorsqu’on a su que la lutte contre le réchauffement climatique – enfin, ce simulacre de lutte, avait définitivement échoué.

 

Selon le  journal Earth System Dynamics, on devrait savoir dès 2035 de manière à peu près certaine si la planète pourra être encore sauvée ou si le climat sera définitivement hors de contrôle. https://www.earth-syst-dynam.net/9/1085/2018/

08.09.2018 | 14:13

Willi Schmid, langjähriger Lektor des Zytglogge Verlags, Träger des Berner Sisyphus-Preises und Mitgründer der Solothurner Literaturtage, wird am 8. September neunzig.

Zu diesem Anlass haben Anina und Ursina Barandun, zusammen mit Bernhard Schlup (Gestaltung), ein Buch herausgegeben: Originaltexte, frisch geschrieben für Willi Schmid, als Privatdruck, den er anstelle eines grossen Festes ausgehändigt bekommt. Das Buch enthält Texte u.a. von Maja Beutler, Peter Bichsel, Beat Brechbühl, Ernst Burren, Yla Margrit von Dach, Urs Frauchiger, Gret Haller, Franz Hohler, Helmut Hubacher, Peter von Matt, E.Y. Meyer, Francesco Micieli und Markus Michel.

Willi Schmid war Chemiker, in leitender Position, als er seine sichere Existenz aufgab und Lektor beim kleinen Zytglogge Verlag wurde. Er prägte die Schweizer Literatur in den folgenden Jahrzehnten massgeblich. Er entdeckte und förderte unter anderem Gerhard Meier und war mit etlichen Autorinnen und Autoren eng verbunden, selbst wenn deren Bücher gar nicht im Zytglogge Verlag erschienen. Willi Schmid war eine Instanz, als Freund, Leser, Förderer. Nach seiner Pensionierung als Lektor wurde er Bio-Winzer am Mont Vully, oberhalb von Vallamand.

In seinem Beitrag schreibt Peter Bichsel: «Irgendwie hast Du der Schweiz das Lesen beigebracht und Deinen Autoren das Schreiben. Und dies nicht als Literaturpapst oder wortgewaltiger Kritiker, sondern als Mentor, als geduldiger Begleiter und stiller Geniesser. Du hast mit der Literatur Dich selbst gerettet und uns alle auch».

Das erwähnte Buch ist in einer Auflage von 70 Stück erschienen und kann nicht käuflich erworben werden. Journal B veröffentlicht hier die Beiträge von Guy Krneta und Samuel Moser.

 

Guy Krneta / Der Hintertriebene

Wenn ich jemandem erkläre, was den Beruf des Lektors ausmacht, erzähle ich von Willi Schmid. Ich weiss natürlich, dass Willi Schmid nicht der Prototyp des Lektors ist. Dass er eher die seltene Ausnahme, der Ideal-Lektor ist, den es eigentlich nur in der Erzählung gibt. Und ehrlicherweise muss ich sagen, dass ich Willis Tätigkeit auch nur aus der Erzählung kenne. Es ist nie dazu gekommen, dass wir zusammen an einem Buch gearbeitet haben. Ich habe mir immer gewünscht, dass es dazu käme. Weil Willi, wie ich mir vorstelle, der Lektor wäre, den ich mir wünschen würde. Ich hätte gerne für und mit Willi ein Buch geschrieben. Da ich von Kolleginnen und Kollegen weiss, die das zu ihrem Glück getan haben. Und die dank Willi Bücher geschrieben haben, die es ohne ihn, seine Aufmerksamkeit, seine Neugier und Kritik nie geben würde.

Wenn ich erkläre, was den Beruf des Lektors ausmacht, sage ich: Willi Schmid hat mit seinen Autorinnen und Autoren gearbeitet, bevor die überhaupt wussten, dass er mit ihnen an einem Buch arbeitet. Er ging mit ihnen spazieren, hat sich mit ihnen unterhalten, ihre frisch geschriebenen Texte gelesen und ihnen vielleicht gezeigt, wie daraus ein Buch werden könnte. Wenn das Buch dann fertig war, ging er damit zum Verlag. Und meistens, nehme ich an, hat der Verlag das Buch in dieser Form übernommen. Ein Lektorat war ja kaum mehr nötig.

Was mich an dieser Arbeitsform immer fasziniert hat, ist das leicht Hintertriebene. Ich weiss nicht, wann Willi all die Bücher lektoriert hat, von denen sein Verlag und sogar seine Autorinnen und Autoren noch gar nichts ahnten. Er muss eine grosse Narrenfreiheit besessen haben, die heute in vielen Verlagen, in der Literaturszene überhaupt oft fehlt. Weil angeblich das Geld fehlt zum gemeinsamen Spazieren, Sich-Unterhalten und ziellos Lesen. Vielleicht hat es ja schon damals gefehlt. Und Willi hintertrieb seinen Verlag, seine Autorinnen und Autoren nachts, am Wochenende, unbezahlterweise womöglich.

So stelle ich mir das vor. Und ich erzähle es allen, die Willi nicht kennen, die nie mit ihm zu tun hatten, nie mit ihm an einem Buch gearbeitet haben, in der Hoffnung, dass sein Vorbild des Hintertreibens weiter wirkt.

Guy Krneta ist nach seiner allerersten Lesung beim Offenen Block an den Solothurner Literaturtagen 1988 von Willi Schmid angesprochen worden und hält sich seither für mit ihm befreundet.

 

Samuel Moser / Traumberuf Willi

Es stimmt nicht, dass früher in allen Büchern auf der Rückseite des Titelblattes oder zuhinterst irgendwo stand: «Lektorat Soundso». Ich habe nachgeschaut. Aber in meiner Erinnerung ist es so. Und dann stimmt es sicher auch nicht, dass «Soundso» immer Willi Schmid war. Dass Willi Schmid alle Bücher, die ich las, lektoriert hat. Willi möchte ich diese Herkulesarbeit auch gar nicht zugemutet haben – den Büchern dagegen eigentlich schon.

Es ist nicht so gewesen, aber es muss so gewesen sein.

Ich kenne selbstverständlich andere Lektoren. Oder ich kannte andere, denn heute gibt es sie ja kaum noch. Jedenfalls nicht solche, wie Willi einer war. Wie Willi einer ist. Willi wurde mir zum Inbegriff des Lektors. «Lektor» und «Willi» sind zwei Bezeichnungen für ein und dasselbe. Nicht deckungsgleich zwar, denn ich wünschte und wünsche mir überhaupt nicht, dass der eine im andern aufginge und verschwände. Aber im Kern sind sie eines.

Früher oder wohl doch ein bisschen später, als ich ein zweites Mal lesen lernte und nicht mehr Polizist, Lokomotiv- oder Kranführer werden wollte, wollte ich Lektor werden. Nicht Autor und nicht Verleger. Und Kritiker schon gar nicht. Weshalb kann ich post festum nur spekulieren. Ich glaube ja nicht, dass ich damals so dachte wie heute. Möglicherweise erfinde ich jetzt die Gründe, und sie haben damals wie heute, sicher jedenfalls heute, wenig mit dem tatsächlichen Beruf eines Lektors zu tun.

Immerhin lassen die Gründe von heute mich immer noch träumen.

Trotz der Lehre vom «Tod des Autors», von der ich mittlerweile nicht mehr so überzeugt bin oder nicht mehr auf diese Art überzeugt bin, wie ich es einmal war, glaube ich, dass ich Lektor werden wollte, um dem Autor nahe zu sein. Dem Autor als Autor. Dem Autor und seinem Text im Augenblick, wo er noch sein Text ist. Und doch schon nicht mehr nur sein Text. Dieser Augenblick scheint mir aufregend. Der Augenblick, in dem er ihn aus der Hand gibt oder gerade begonnen hat, ihn aus der Hand zu geben. Der Funke zwischen Gottes und Adams ausgestreckten Fingern. Augenblick der Einheit und Trennung, der Einheit von Einheit und Trennung. Ein Augenblick der Zartheit und der Härte, des Loslassens und des Losreissens. Augenblick des Abschieds und der Emanzipation. Ein mythischer, ein religiöser Augenblick beinahe, genau und unfassbar zugleich, dämmernd zwischen Nacht und Tag. Augenblick der Scheidung und Entscheidung. Der Krise und der Kritik. Der Kritik jedoch vor der Publikation, nach der der Text im Literaturbetrieb dann aufgerieben wird, wo das Urteilen oft mehr seiner Klassierung und Kastrierung dient als seiner Entfaltung. «Halbprivat» könnte man das Verhältnis zwischen Autor und Lektor in diesem Moment nennen. Und wenn der Ausdruck ans Krankenwesen erinnert, ist das nicht falsch. Es geht mir jedenfalls um den schwachen Text. Horaz hat in seiner Ars poetica geschrieben, dass der Kritiker viel besser vor der Publikation eines Werkes als danach seine Arbeit verrichten sollte. Um die Stärken des Textes zu fördern, nicht um seine eigenen zu zeigen. Natürlich ist das eine andere, eine zweite Art der Kritik, und sie kann die des öffentlichen Diskurses nicht ersetzen. Aber ich stelle doch mit leichtem (und frohem) Erstaunen fest, dass ich mich, bevor ich selber Kritiken zu publizieren begann, offenbar mehr für die zweite Art interessierte, die des Horaz eben. Ich hoffe, wenn ich heute die Wahl hätte, würde ich mich immer noch für sie entscheiden. Oder wieder für sie entscheiden nach vielen Erfahrungen mit der ersten Art der Kritik.

Als ich Lektor werden wollte, kannte ich Willi Schmid noch nicht. Das heisst, ich kannte Willi, bevor ich ihn kannte. Auch ihn habe ich erfunden. Zumindest war da die Idee von ihm. Sie hatte nur noch nicht zu ihrem Bild gefunden.

Ich wollte also nicht Lektor, ich wollte Willi werden. Jetzt weiss ich auch, weshalb ich es nicht geworden bin. Willi kann man nicht werden. Nur Willi konnte es. Und auch er hat es nur gekonnt, weil er es nicht können musste. Deshalb erscheint mir auch die Klage über das Verschwinden der Lektoren unangemessen. Es kann nicht verschwinden, was es nie gegeben hat. Nur Willi gibt es.

Untröstlich bin ich nicht, dass ich es nicht geschafft habe, Willi zu werden. Hätte ich es denn schaffen können? Wo kein Gelingen möglich ist, gibt es auch kein Scheitern. Nur ein unerfüllter Traum bleibt ein Traum.

Samuel Moser ist Literaturvermittler, Herausgeber und Literaturkritiker und Präsident der Stiftung Robert Walser Biel, die den Robert-Walser-Preis verleiht.

05.09.2018 | 09:48

Im Kaufleuten in Zürich fand eine Podiumsdiskussion statt unter dem Titel Wer ist schuld am Elend Afrikas? Auf dem Podium diskutierten, geleitet von einem Journalisten des Tagesanzeigers, ausgewiesene Fachleute.

Auf der einen Seite war David Signer, der Afrika-Korrespondent der NZZ, auf der anderen Tina Goethe von Brot für alle. Zwischen diesen beiden sass, auch von seinen Positionen her oft in der Zwischenlage Mohomodou Houssouba, Schriftsteller und Dozent am Afrika-Institut in Basel. Der grosse Saal des Kaufleuten war bis auf den letzten Platz besetzt. In einer der reichsten Städte der Welt kamen fünfhundert Leute, um zu hören, wer schuld hat daran, dass in Afrika die Mehrheit der Leute bitterarm ist.  Erstaunlich dieses Interesse für Afrika, von dem oft gesagt wird, sein Schicksal interessiere hierzulande nicht. Aber der Saal war voll. Fünfhundert Leute hatten Platz genommen und wollten wissen, wer ist schuld an dieser in so vielen Fällen tödlichen Armut. Aber genauso war es natürlich nicht. An den Reaktionen auf die Statements auf dem Podium liess sich klar erkennen, jede und jeder hatte schon seine Vorstellungen mitgebracht davon, wo die Schuld liegt für Afrikas Elend und applaudierte, wo auf dem Podium gesagt wurde, was der eigenen Meinung entsprach oder protestierte, wenn es dagegen ging. Sie kennen Afrika nicht, rief beispielsweise eine Afrikanerin im Saal zu Signer, der sich seit Jahrzehnten mit Afrika auseinandersetzt und heute in Dakar lebt.

Jeder, der Zeitung liest oder vielleicht schon einmal ein entsprechendes Buch gelesen hat, kann die Gründe aufzählen, die für Afrikas Elend verantwortlich gemacht werden: der Kolonialismus, die ungerechten, sprich: ausbeuterischen Handelsbeziehungen zu den reichen Ländern, dann die unfähigen, korrupten afrikanischen Regierungen und die schwachen, rechtsunsicheren Staaten, die damit einher gehen. Und je nach politischer Einstellung und Weltbild sind es dann eher die externen Gründe, die zählen, kurz: im linken Weltbild sind Europa und die reichen Länder schuld am Elend und Afrika das Opfer von Kolonialismus und Ausbeutung oder dann sind, im rechten Weltbild, die Afrikaner selber schuld, dass es ihnen nicht besser geht.

Und genau nach diesem Muster lief es dann auch auf diesem von Fachleuten besetzten Podium, jedenfalls im Fall von David Signer, dem Afrika-Korrespondenten der NZZ. Natürlich leugnet Signer weder Kolonialismus noch billigt er – wenigstens auf Nachfrage – die Geschäftspraktiken von Glencore im Kongo, aber verantwortlich für das Elend sind die afrikanischen Regierungen. Symptomatisch sein Statement, mit dem er in der Werbung für die Veranstaltung angekündigt wurde: Der eigentliche Skandal hinter dem Flüchtlingsdrama im Mittelmeer ist nicht die «Abschottung Europas», sondern die Gleichgültigkeit der afrikanischen Regierungen gegenüber dem Exodus. Woher das Bedürfnis, eigentliche und uneigentliche Skandale voneinander zu unterscheiden, wenn nicht daher, ein Weltbild zu haben, in dem klar zwischen dreckigen Händen und sauberen Westen unterschieden werden kann?

Signer nannte dann noch einen weiteren Grund für Afrikas Unterentwicklung: Die afrikanische Kultur sei antikapitalistisch und sozialistisch auf Solidarität ausgerichtet, also: wer Geld hat, muss es verteilen und hat deshalb, wenigstens in der Logik kapitalistischen Denkens, keinen Antrieb, welches zu verdienen. Schade, ging aus dieser Feststellung keine Diskussion hervor darüber, wie Afrika uns möglicherweise helfen könnte, aus dem Zuviel an Kapitalismus und Egoismus, in das wir hineingeraten sind, wieder hinaus zu finden.

Den Standpunkt der Linken vertrat Tina Goethe, weniger dogmatisch als Signer insofern, dass sie keine globalen Urteilsprüche verkündete, aber doch verengt im Blick, den sie ausschliesslich auf die Verantwortung des Westens gerichtet hielt. Symptomatisch hier: Auf die Frage, wie sie die Politik der Chinesen in Afrika beurteile, beurteilt sie nicht die Chinesen, sondern die Europäer ( die Chinesen sind nicht schlimmer als die Europäer, früher waren diese noch schlimmer).

Dass es Europa besser machen könnte, wie Goethe behauptet, das bezweifelte auch Signer nicht. Allerdings, ob es viel ändern würde. Goethe wurde mit folgendem Statement vorgestellt:

Noch immer ist Afrika vor allem billiger Rohstofflieferant. Die Gewinne daraus fliessen am Fiskus vorbei auch in die Steueroase Schweiz. Nur ein Bruchteil der vielen Milliarden, die den Ländern als Steuereinnahmen verloren gehen, investiert die Schweiz in Entwicklungszusammenarbeit.

Tatsächlich stellt sich die Frage: bedeutet mehr Entwicklungszusammenarbeit auch wirklich mehr Entwicklung? Wer glaubt noch, dass Afrikas Probleme allein mit Geld gelöst werden können?  Was passiert, wenn ein Staat wie der Kongo die Milliarden, die ihm jetzt entgehen, an Steuern einnehmen könnte? Wieviel davon würde den Bürgerinnen Bürgern zugute kommen, wieviel verschwinden in privaten Taschen?

Gegen den Fatalismus, der bei der Beschäftigung mit dem Thema aufkommen kann, wies der Dritte in der Runde, Mohomodou Houssouba, darauf hin, dass es immer ein Wahl gibt und also Handlungsräume bestehen, hier in Europa ebenso wie dort in Afrika. Ein wahres Wort, aber kein wahrer Trost im Wissen, wie schlecht diese Handlungsspielräume seit Jahrzehnten genutzt werden.

21.07.2018 | 14:44

In Katalonien hat sich die Lage etwas beruhigt, wenn sich  die Parallelwelten auch weiter munter um sich selbst drehen. Sommerzeit ist aber auch Lesezeit! Sogar für ganz dicke, weltberühmte Bücher mit Bernbezug!

Sehr lange ist es nicht her, dass ich in der Diskussion nach einer Lesung aus meinem Buch «Mut zur Mündigkeit»  meiner Meinung Ausdruck gab, ausser in sprachlichen Belangen, sei es nicht unbedingt die Aufgabe von Autoren und Autorinnen sich zu gesellschaftlichen Problemen und politischen Konflikten in aller Welt zu äussern.  Darauf machte mich ein Mann nicht unfreundlich darauf aufmerksam, dass ich selbst hier in diesem Blog im Journal B gerade über die katalanische Unabhängigkeitsbewegung geschrieben hätte.

Er hat natürlich recht, denn er konnte nicht wissen, dass ich mich nicht als Autor, sondern als Betroffener äusserte. Ich wohne zwar nicht in Katalonien, aber seit vielen Jahren verbringe ich sehr viel Zeit in der Nähe der katalanischen Grenze. Und wie ich möglicherweise auch schon angeführt habe, müsste ich mich allein schon wegen des vielen guten Rotweins aus katalanischen Kellereien, den ich hier schon getrunken habe, zu einer Meinungsäusserung berechtigt fühlen dürfen.

Gegenwärtig gibt es aber gar nicht so viel zu berichten. Der Konflikt muttet so vor sich hin. Bestimmt hat der Regierungswechsel in Madrid für etwas Entspannung gesorgt, aber um nicht vergessen zu werden, zündet der flüchtige Ex-Präsident regelmässig seine Rauchpetarden und die allgemeine Bereitschaft zur Selbsttäuschung scheint ungebrochen. Die Parallelwelten drehen sich absolut unabhängig voneinander munter weiter um sich selbst. Für diejenigen, die sich nicht vorstellen können wie weit die Wahrnehmung gesellschaftlicher Realitäten auseinanderklaffen können, ein kleines Bespiel:

Uns ist allen vertraut, dass bei einer Demonstration auf dem Berner Bundesplatz Veranstalter und Polizei die Teilnehmerzahl unterschiedlich einschätzen. Die einen reden von 25 000 und die andern vielleicht von 15 000. Sogar noch grössere Unterschiede können vorkommen. Wenn aber die Veranstalter einer Demonstration gegen Madrid von 200 000 Teilnehmern reden und sich die offizielle Schätzung der Polizei auf 7000 beschränkt, dann weiss man, dass man sich in Katalonien befindet.

Und was hat Hermann Albert damit zu tun?

Unabhängig von Kataloniens Parallelwelten ist Sommerzeit auch immer Lesezeit und weil am kommenden Berner Literaturfest auch die Neuausgabe in «Die andere Bibliothek» von Johann David Wysses Der Schweizerische Robinson gewürdigt werden soll (zurecht!), bin ich immer wieder mit dem Lesen von diesem tausendseitigen Brocken beschäftigt. Deshalb suchte ich nach einem schönen Bild mit einem Buch und von allen Bücher-Bildern, die ich gesammelt habe, hat Hermann Albert (Deutscher Maler und Hochschullehrer, geb. 1937) eines der schönsten zu bieten. Ich weiss zwar nicht mehr, woher ich es habe, kenne auch seinen genauen Titel nicht, aber was die Darstellung des Lesethemas betrifft, ist dieses Bild eine sehr  saubere Sache. Es ist schlicht, es ist  sommerlich und dazu ist es auch noch zentriert und reduziert, denn für die Welt und ihre komplexe Vielfalt steht oder liegt hier nur das aufgeklappte Buch!

Lesen Sie wohl!

25.06.2018 | 15:26
Antoni Tàpies: Akt, 1995 (photo: )

An diesen sommerlichen Tagen kommen sie wieder massenweise, und man hat allen Grund, sich zu fragen, was das eigentlich alles für komische Fotografen und Fotografinnen sind, fotografieren sie doch meistens nur genau jene Motive, die sie vermutlich schon in dem Werbeprospekt abgebildet gesehen haben, der sie überhaupt dazu veranlasste, an dem populären Kongress der Digitalfotografie in unserer Altstadt teilzunehmen.

Sicher ist, dass sie aus allen Ecken der Welt kommen und sich mehrheitlich in geführten Gruppen zu ihren bevorzugten Motiven bewegen. Viele sind auf das Fotografieren von Brunnen spezialisiert, aber fast noch zahlreicher sind die Spezialisten und die Spezialistinnen der Kirchenfotografie. Sogar der kunsthistorisch eher unspektakulären Kirche Peter und Paul kommt definitiv mehr Aufmerksamkeit zu als den am Rathausplatz auch vorhandenen Zeugen ortstypischer Architektur. Und wenn sich die Kirchenfotografen und die Kirchenfotografinnen, natürlich immer aufgehoben in ihren Arbeitsgruppen, vom Rathaus her durch die Kreuzgasse schieben und plötzlich vor dem in diesen Tagen oft herrlich blauen Himmel den Turm des Münsters vor ihren Augen aufragen sehen, dann schnellen wie auf Kommando restlos alle Arme in die Höhe und an den hochgereckten Kameras bleibt kein einziger Klickfinger ungekrümmt.

Sitzt man aber auf der Plattform und lässt sich dort von der gerade ziemlich fett  über die Schwellen tretenden Aare berauschen, kann man beobachten, dass sich auch viele Fotografen und Fotografinnen weiterhin der Kunst des Selbstporträts verschrieben haben. Dort stellen sie sich vor den Ausblick auf den Gurten, fahren ihre Stangen aus und lächeln sehr unterschiedlich fotogen in ihre Objektive. Für das hell herausragende Blatt an dem Kastanienbaum über mir, das mich schön die längste Zeit fasziniert, scheint sich dagegen niemand zu interessieren. Auch das herrliche Muster oben auf der Sandsteinmauer aus Flechten und Vogeldreck, in welchem auch einzelne Sandkörner funkeln wie Edelsteine, fotografiert kein Mensch.

Und was hat Antoni Tàpies damit zu tun?

Es ist verflixt! Denn gerade an Katalonien wollte man ja einmal nicht erinnert werden, aber oben auf der so wunderbar gemusterten Balustrade sieht ein Vogelschiss auch in seiner Oberflächenbeschaffenheit nun in Gottes Namen halt einfach so aus wie von dem grossen katalanischen Künstler hingemalt: Direkt aus der ockerbraunen Tube auf die weisse Grundierung gedrückt. Und wie selbstverständlich ist auch etwas Kohlenschwarz dabei. Eine Farbkombination 100% typisch Tàpies!

Und übrigens, falls Sie nach dem Spiel gegen Serbien auch stolz sind auf unsere überragenden Spieler mit kosovarischem Hintergrund noch dieser Hinweis:

Letzten Frühling sind Guy Krneta und ich im Rahmen des Projektes Kosovo is everywhere über den ganzen Balkan hinunter in unseren «Kanton Kosovo» gefahren. Sollte es Sie interessieren, wie es uns auf diesem wilden Balkan ergangen ist, gibt es in einer neuen Reihe online sehr günstig einen Bericht dazu.

12.06.2018 | 11:26

Mit einem Tweet brachte der Basler «Tageswoche»-Journalist Renato Beck das Dilemma auf den Punkt: «Wurde mir schon lange nicht mehr so bewusst, dass ich als Stimmbürger Spielball der Lobbys bin, wie bei der Casino-Abstimmung».

Auf der einen Seite standen die heutigen Spielcasinos mit Steuersitz in der Schweiz. Auf der anderen die internationalen Online-Geldspielanbieter, die bisher unreguliert in der Schweiz agierten und ihr Geschäft ausbauen wollten.

Die Ausgangslage für Stimmbürgerinnen und Stimmbürger war wenig attraktiv. Und viele, die sich sonst zu Wort melden, hielten sich diesmal zurück. Man konnte sich eigentlich nur die Finger verbrennen. Entsprechend gering war auch die Stimmbeteiligung.

Doch in den Nischen wurde gestritten. Mit einer Verbissenheit, die kaum noch Bezug nahm auf die Argumentation des Gegenübers. Dabei handelte es sich bei den GegnerInnen eigentlich um politische FreundInnen. Für einmal hielten sich die Frontlinien nicht an die üblichen Blöcke und Gräben. Das Geldspielgesetz wurde zur Glaubensfrage: Wie hältst Du’s mit der Freiheit im Internet?

Wer stand wem gegenüber?

Die Ausgangslage konnte auch anders begriffen werden: Auf der einen Seite stand ein in einem bürgerlich dominierten Parlament ausgeschacherter Kompromiss, hinter den sich die Spielsuchtprävention (Fachverband Sucht), die Kulturschaffenden (Dachverband Suisseculture) und die SP stellten.

Auf der anderen Seite gab es eine unheilige Allianz aus Wirtschaftsliberalen und Netzliberalen, die sich auf einmal bedenklich nahe kamen. So versteckten sich die Jungliberalen hinter den Argumenten der Grünen und kämpften gegen Netzsperren – als ob sie deswegen mit Unterstützung der internationalen Geldspiellobby das Referendum ergriffen hätten. Während sich umgekehrt ExponentInnen der Grünen für einen globalisierten Geldspielmarkt einsetzten und behaupteten, die staatlichen Abgaben würden sogar höher, wenn internationale Anbieter zugelassen würden. Die Grünen als Globalisierer?

Doch die Antwort auf die Frage, wie nicht-lizenzierte Anbieter im Netz ausgeschlossen werden können, blieben sie schuldig. Dabei war dies einer der Hauptpunkte, die mit dem neuen Gesetz geklärt werden mussten. Warum nämlich sollte sich jemand um eine Lizenz bemühen und hohe Abgaben zahlen, wenn die illegale Konkurrenz kaum Nachteile hätte?

Sie könnten sich ein Online-Werbeverbot für Illegale vorstellen, schlugen die Grünen vor – was übrigens so auch im Gesetzesentwurf stand. Oder sie schlugen den Eingriff in Suchmaschinen vor – als ob sich google von den Grünen den Algorithmus manipulieren liesse.

Kulturförderung und Lotteriefonds

Kulturverbände, vorne weg der Dachverband Suisseculture, sprachen sich für den Gesetzesentwurf aus, da es – je nach Kanton – um beträchtliche Kulturfördermittel ging. Die grosse Euphorie unter Kulturschaffenden brach allerdings nicht aus. Zum einen bremste die Aussicht, mit der einschlägigen SVP-Werbeagentur in einen Topf geworfen zu werden. Diese war von den bürgerlich dominierten Kantonen an Land gezogen worden und buchstabierte brav ihre Trivialsymbolik und farbliche Einfalt durch – nur dass diesmal keine Schafe ausgeschafft, sondern Spielplätze geschlossen wurden. Zum anderen stellten sich auch unter Kulturschaffenden etliche die Frage nach der Verhältnismässigkeit staatlicher Eingriffe im Netz.

Vollends verdreht wurde die Sache seitens der GegnerInnen, als den Kulturschaffenden auf einmal «Eigennutz » vorgeworfen und gar suggeriert wurde, die Kunst lebe auf Kosten der Spielsüchtigen.

Hoffentlich, ist dazu zu sagen, setzen sich Kulturverbände für die Interessen ihrer Mitglieder ein – wie es auch Gewerkschaften tun, denen kaum «Eigennutz» vorgeworfen wird, wenn sie gegen Stellenabbau und Lohnkürzungen kämpfen.

Und das neue Gesetz schreibt so deutlich wie das alte fest: «Die Verwendung der Reingewinne zur Erfüllung öffentlich-rechtlicher gesetzlicher Verpflichtungen ist ausgeschlossen». Dass dennoch einige Kantone einen beträchtlichen Teil ihrer regulären Kulturförderung über den Lotteriefonds finanzieren, ist hingegen Realität.

Mögen sich die KritikerInnen von gestern nun mit aller Vehemenz in den einzelnen Kantonen dafür einsetzen, dass Kulturbudgets erhöht und Lotteriefondsgelder nicht mehr gesetzeswidrig für Staatsaufgaben verwendet werden. Der Zeitpunkt wäre jetzt gekommen.

Die Internet-Religiösen

Wirklich interessant am Abstimmungskampf war nur die Auseinandersetzung um die Zugangs- oder Netzsperren, wie sie von den GegnerInnen polemisch genannt wurden. Ja, es gab viele technische Details zu lernen und es traten zum anderen völlig unterschiedliche Geisteshaltungen zutage. Auf der einen Seite jene, die das Netz, mit fast schon religiösem Eifer, zum sozial-utopischen Raum erklären, auf der anderen jene, die es schlicht als technische Infrastruktur begreifen, bei deren Gebrauch Regeln gelten.

Die Frage jedenfalls, wie sich der Nationalstaat im Internet verhält, während riesige private globale Monopole den Platz beherrschen, wird uns nicht zum letzten Mal beschäftigt haben. Und es wäre den Grünen vieleicht geraten, in dieser Sache näher an der Parteibasis zu operieren und sich nicht Sätze ins Programm schreiben zu lassen, die besser zu den verschwundenen Piraten passen.

23.05.2018 | 17:52
Victor Vasarely, EINSTEIN, 1978 (Serigraphie auf Bütten, Format c.a 104 x 104 cm) (photo: )

Ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass sich Manager und Managerinnen gerne auf ihren Schreibtischen sitzend fotografieren lassen?

Wie kommen die dazu?

Als wäre ein Schreibtisch nichts Besonderes und als gäbe es keine Stühle!

Aber dies nur nebenbei.

Und übrigens: Wussten Sie, dass es jetzt Bioplastik gibt?

Und können Sie sich darunter etwas vorstellen?

Vielleicht Wohlfühlplastik?

Auch dies nur nebenbei, denn obschon einen ja so vieles wundert, wenn nicht stört oder gar belästigt, gilt es von einem herrlichen Ausflug nach Genf zu berichten. Dort leben offensichtlich nicht nur halbseidene Figuren des internationalen Kapitals, nicht nur spanische Ex-Prinzessinnen und katalanische Politikerinnen, die Reissaus nehmen vor der Justiz, dort leben auch ganz normale Leute. Für ein paar Stunden war ich unter ihnen, ging mit ihnen an den See, begleitete sie beim Einkaufen, besuchte eine Schule, lernte von ihnen, was der Wind in ihrer Stadt für eine Rolle spielt und dass ihnen der Montblanc etwa das bedeutet, was uns in Bern Eiger, Mönch und Jungfrau. Beides sind herrlich weisse Fixpunkte, wenn nicht Orientierungshilfen  in ihrer und unserer sonst so urbanen Welt. Wiederholt war ich auch in dem kleinen, herrlich schrulligen «Musée de la porcelaine et de l’argenterie».

Dass es in Genf eigentlich auf keiner Liste und in keinem Tourismusprospekt ein solches Museum gibt, ändert nichts an der Tatsache, dass es für mich verdammt viel Wirklichkeit besitzt, denn immerhin habe ich dort nicht nur die Dame an der Kasse, die gleichzeitig auch als Sekretärin des Direktors amtet, kennengelernt, ich könnte auch über den Direktor selbst einige bis weit ins Private hinein reichende Geschichten erzählen. Und nicht zuletzt habe ich dort die Bekanntschaft von Élise gemacht! Sie ist nicht nur fachkundige Sachbearbeiterin im «Musée de la porcelaine et de l’argenterie», sondern auch zweifache Mutter. Dass sie auch noch das ziemlich spurlose Verschwinden ihres segelnden Ehemannes auf hoher See verarbeiten muss, ist der eigentliche Hintergrund der wunderbar alltäglichen Geschichte, die ich gelesen habe und die Laurence Boissier in dem Roman «Rentrée des classes» erzählt.

Bei der Lektüre auf Französisch hat mir die Tatsache geholfen, dass Laurence Boissier eine Kollegin von «Bern ist überall» ist, neben der ich schon in Lausanne und in Zürich, sogar schon in Chur auf der Bühne gestanden bin und deshalb ihre Stimme und ihre ganz besondere, eindringliche verlangsamte Art ihre Texte vorzulesen im Ohr hatte. Aber auch ohne diese Erfahrung sei das wunderbare Buch allen ans Herz gelegt, die zwischendurch das Bedürfnis empfinden, ein bisschen i ds Wäutsche abzuschweifen.

Und was hat Victor Vasarely damit zu tun?

Mathilde, die kleine Tochter von Élise zieht sich unter der Last des Verlustes des geliebten Vaters gerne in ihren Kleiderschrank zurück. Da sie, wie schon ihr Name sagt, die Mathematik, aber auch die Geometrie liebt, ist Vasarely ihr Lieblingsmaler und sie behängt die Wände ihres Rückzugsortes im Innern des Schrankes mit dessen Bildern. Dort hat sie sich auch einen Arbeitsplatz für die Schulaufgaben eingerichtet, und für eventuelle Besuche des Bruders gibt es als Sitzgelegenheit einen Stapel Telefonbücher.

Und noch etwas zu Vasarely: Wussten Sie, dass mindestens eines seiner Werke jeder kennt? Vasarely ist nämlich der Schöpfer des Logos der Marke Renault.

Aber auch dies nur nebenbei.

Laurence Boissier: Rentrée des Classes, erschienen 2017 im Verlag art&fiction, Lausanne

06.05.2018 | 17:45

Von Alex Tschäppät gibt es vermutlich viele Anekdoten in dieser Stadt. Und ich wünschte mir, ein Verlag käme auf die Idee, die Anekdoten zu sammeln und herauszugeben.

Es gibt sicher auch hämische und böse Anekdoten über ihn oder wenig schmeichelhafte. Die würde ich, glaube ich, nicht ins Buch aufnehmen, selbst wenn sie ihn menschlich zeichneten. Doch die Fülle an Anekdoten würde zumindest eines zeigen: Alex Tschäppät war einer, über den gesprochen wurde – nein, über den erzählt werden musste.

Alex Tschäppät war mehr als ein Stadtpräsident. Er war eine volkstümliche Figur. Er selber sagte von sich, er sei einer, den man anfassen könne. Pedro Lenz ist auch einer, den man anfassen kann. Oder Peter Bichsel. Beiden ist das Angefasst-Werden eher unangenehm. Aber sie müssen auch nicht wiedergewählt werden.

Alex Tschäppät mochte seine Rolle, er war gross in seiner Rolle, sie passte ihm ausgezeichnet. Und ja, er fasste auch selber an. Er hielt sich nicht immer an die Gepflogenheiten und forderte damit andere auf, sich ihrerseits nicht immer an die Gepflogenheiten zu halten. Das ist für einen Stadtpräsidenten ausserordentlich.

Wenn ich besagtem Buch eine Anekdote beisteuern sollte, wäre es folgende: «Bern ist überall» erhielt von der «Stiftung zur Förderung der Bernischen Mundartdramatik» einen grossen Preis. Genauer: Die Stiftung löste sich auf und vermachte uns das gesamte Stiftungskapital von Fr. 50'000.-

Die Stiftung war der Stadt Bern beigesellt und der Kultursekretär war von Amtes wegen Stiftungsratsmitglied. Für eine Preisverleihung reichte das Stiftungskapital nicht mehr aus, also wurde entschieden, uns den Preis bei einem sowieso geplanten Auftritt in der Stadt Bern zu überreichen. Ein solcher fand im Rahmen eines Jubiläums der Hochschule der Künste (HKB) statt. Leider waren bis auf Christoph Reichenau alle Stiftungsratsmitglieder an dem Abend verhindert. Dieser sollte nun als Kultursekretär den festlichen Akt vollziehen.

Vor dem Auftritt gab es, wegen des HKB-Jubiläums, ein Nachtessen, bei dem auch Alex Tschäppät zugegen war. Während des Essens erfuhr ich, dass Christoph Reichenau krankheitshalber ausfiel. Also ging ich zu Alex Tschäppät und fragte ihn, ob er es übernehmen könnte, uns diesen Preis zu überreichen. – Was er denn mache müsse, fragte er. – Er solle eine kleine Rede halten, sagte ich, wie er es ja gewohnt sei. – Aber er müsse uns doch auch was überreichen können, wendete er ein. Das überzeugte mich. Ich fragte einen HKB-Mitarbeiter, ob er mir einen Briefumschlag besorgen könnte, mit einem Stück Karton drinn, für den Stadtpräsidenten.

Nach unserem Auftritt stieg der Stadtpräsident auf die Bühne und stoppte den Schlussapplaus. Er freue sich, hier in diesem Rahmen eine freudige Botschaft überbringen zu können.

Alex Tschäppät war in Form. Er hielt eine Rede, zu der er sich im Moment auf der Bühne inspirieren liess. «Bern ist überall» kannte er, von der «Stiftung zur Förderung der Bernischen Mundartdramatik» hatte er bisher noch nicht allzu viel gehört. Am Schluss überreichte er uns diesen dicken Umschlag. Wir bedankten uns förmlich. Und schenkten ihm eine Zugabe.

Mit welcher Lockerheit und welchem Understatement die Stadt Bern Kulturpreise in der Höhe von Fr. 50'000.- verleihe, sei einzigartig, zeigten sich anschliessend einige HKB-Studierende beeindruckt. Das habe Stil.

26.04.2018 | 17:17

Und wieder denke ich an Katalonien. Weil ich aber auf der schon sommerlichen Münsterplattform sitze und mich während des Notierens dieser Zeilen in mein Notizbuch von der heftig angeschwollenen Aare berauschen lasse, ist immerhin ein Bernbezug gegeben.

Ich denke an Katalonien, weil es auf der Plattform gerade wimmelt von Polizei. Auf dem Münsterplatz steht wieder hoher Besuch an. Eben erst war auch der spanische Aussenminister da. Er soll mit Ignazio Cassis über die beiden Damen gesprochen haben, die vor der spanischen Justiz nach Genf geflohen sind.

Wie man mit ihnen umgehen sollte, weiss ich wirklich nicht, aber beide hatten mich am entscheidenden Tag bei der TV-Übertragung aus dem katalanischen Parlament in Staunen versetzt. Mir ist unvergesslich, wie sie scheinbar absolut unberührt von der Tatsache, dass die gesamte Opposition, das heisst, die Abgeordneten mehrerer Parteien geschlossen das Parlament verlassen hatten, in völlig unaufgeregtem Ton, ruhig und sachlich erörterten, wie das provisorische Grundgesetz einer neuen Republik zu verstehen und umzusetzen sei.

Die juristischen Beistände, also die Juristen und Juristinnen, die der Präsidentin des Rates beizustehen haben, hatten sich schon aus dem Staub gemacht, nachdem ihr Hinweis, dass man den gesetzlichen Rahmen verlassen habe, auf taube Ohren gestossen war.

Ich wusste nicht, ob ich diese Frauen, die hier seelenruhig, als würden sie an einem Elternabend die Organisation eines Sommerlagers für ihre Kinder und nicht einen Staatstreich besprechen, bewundern oder bedauern sollte. Ich weiss auch noch genau, dass ich unfähig war, den Gesichtsausdruck von Frau Rovira zu deuten. In Anbetracht der möglichen Folgen ihres Diskurses als Sprecherin der separatistischen linken Partei ECR kam mir das Gesicht dieser Frau so reglos vor, dass ich sie für todesmutig hielt. Oder aber für naiv, denn mir war völlig klar, dass man, sollte der Coup nicht gelingen, für so etwas «i d’Chischte chunnt».

Und ich muss zugeben, als ich Marta Rovira ein paar Wochen später am Fernsehen weinen sah, tat sie mir einerseits zwar leid, aber andererseits fand ich es nicht mehr nur naiv, sondern hanebüchen, wenn nicht frech, dass sie behauptete, sie würde für ihre Ideen verfolgt.  Ich meine «frech», wie verwöhnte Kinder frech sein können, die immer noch eins drauf geben und nachher beleidigt sind, wenn Vater oder Mutter die angedrohte Strafe tatsächlich vollziehen.

Und was hat Pole Lehmann damit zu tun?

Auch Pole Lehmann wird gerne als «naiv» bezeichnet. Aber anders als in der Politik ist Naivität in der Kunst, in welcher es bekanntlich weder Vorschriften noch Gesetze gibt, völlig unerheblich und ganz sicher kein Qualitätskriterium. Auch sicher ist, dass es in der Werkschau im Tramdepot Burgernziel, die noch bis am Sonntag, den 29. April dauert, sehr viel zu sehen und einen sehr verspielten, äusserst produktiven und amüsanten Berner Künstler (wieder-) zu entdecken gibt.