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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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27.03.2020 | 13:35
Reduktion des Alltags: Welche Stühle bleiben leer? Die Bernerin Anja Dietrich dokumentiert unser Leben im Ruhemodus (Foto: Anja Dietrich) (photo: Anja Dietrich)

Tag elf in der Quarantäne sei der schwierigste, hat mir kürzlich irgendwer zugeraunt und was von ominösen «Studien» dazu gebrummelt. So als sollte ich gewarnt werden, vor dem was heute auf mich wartet. Ich konsultiere den Kalender, zähle nach, ertappe mein Herz wie es einen kleinen verzögerten Hüpfer nach vorn macht, als ich bei elf angelangt bin. Heute. So schlecht fühlt sich dieser schwierigste Tag ehrlich gesagt nicht an, auch nach knapp einem Dutzend Tag-Nacht-Wenden ist die ganze Szenerie für mich noch kaum greifbar. Voraussichtlich wird sie diesen diffusen Charakter behalten.

Meine privilegierte Lage, die sich bei allem Schwermut über vermeintliche Eingeschränktheit nicht wegdiskutieren lässt, bringt das so mit sich. Sorgen machen mir höchstens die Blicke der umstehenden, schön distanzierten Migros-Besucher*innen, wenn ich alle zwei Tage einen Einkaufswagen mit Nahrungsmitteln überladen unter leisem Ächzen zur Self-Checkout-Kasse stosse. Acht hungrige Menschen zuhause, die sich 24 Stunden pro Tag aus dem Kühlschrank und den Küchenschränken ernähren, kommen mir mittlerweile vor wie eine Horde Wölfe in freier Wildbahn, die sich auf einen reservenzehrenden Winter vorbereiten müssen. Die acht Brote, die ich nach Hause bringe, haben also nichts mit Hamstereinkäufen zu tun, sondern sind eine Notwendigkeit um den sozialen Frieden in den eigenen vier Wänden zu wahren.

Die eigene seelische Unversehrtheit wurde dafür gestern jäh gestört, als ich blauäugig aus der naiven Lust an Unterhaltung heraus diesen unschuldig wirkenden Link öffnete: https://www.youtube.com/watch?v=UqTHybiuk9I An dieser Stelle sei gewarnt, dass sich hinter der kryptischen Buchstabenkombination eine Fussballmannschaft verbirgt, die mit dem Pathos der drohenden Apokalypse John Lennons «Imagine» durch den Dreck zieht. In mir sträubte es sich während der Darbietung, doch die Faszination für das Ungeheure liess mich die drei Minuten durchstehen. Ane Hebeisen hatte zwar kürzlich schon davor gewarnt, dabei aber vergessen, dass der Kreativstau auch vermeintlich einfach gestrickte Wesen wie Profifussballer dazu verleiten kann, sich ohne jedes Anzeichen von Selbsthintersinnung musikalisch zu betätigen.

Vielleicht steckt hinter dem unverhofften Lebenszeichen ja  nur der Drang, nicht in Vergessenheit zu geraten, wenn plötzlich alle von Solidarität faseln, der Selbstverwirklichung hinterherjagen und dabei die Abwesenheit des live übertragenen Rasenschachs kaum bemerken. Wer aktuell vergessen geht oder nicht gesehen wird, den oder die trifft es besonders hart. Wir richten den mentalen Scheinwerfer der Aufmerksamkeit auf gefährdete Altersgruppen, auf Menschen im Gesundheitsbereich, die SVP unterstreicht die Gefahren für Konzerne, die Kulturszene zeigt mit beiden Händen auf konkursgefährdete Konzertlokale und perspektivlose Künstler*innen.

Doch wer keine Lobbygruppe und Öffentlichkeitsarbeit hat, steht momentan mehr im Schatten als zuvor. Wo sind die Menschen hin, die mich täglich hier im Bahnhofperimeter nach Münz fragen, überlege ich mir, während ich das erste Mal seit vielen Tagen wieder an der Heiliggeistkirche vorbeispaziere. Wer sind die Menschen, die vergessen werden könnten und die jetzt dringender denn je drauf angewiesen sind, dass wir an sie denken? Sich physisch einzuschliessen heisst nicht, sich geistig einzuengen. Briefe schreiben gegen Einsamkeit wäre deshalb schon mal was. Schön, dass Menschen aus der Heitere Fahne dafür etwa das Büro der Brieffreundschaften eingerichtet haben. Oder auch mal Merci sagen ist angebracht, all den Menschen, die jetzt erst recht versuchen, für andere da zu sein, wie zum Beispiel die Gassenarbeit Bern. Ganz ohne milliardenschwere Hilfspakete.

 

Weiterlesen, jetzt:

https://daslamm.ch/corona-bundesbern-scheint-viele-lebenswelten-schlichtweg-nicht-auf-dem-schirm-zu-haben

https://www.megafon.ch/globale-monarchie/?artikel=Lass%20mal%20gemeinsam%20%C2%ABcurve-flattenen%C2%BB

 

26.03.2020 | 13:55
Einer der Schätze, der uns erhalten bleibt. (photo: )

Jetzt haben wir Alten Zeit in Fülle, manchmal fast zu viel. Was im Haushalt zu tun ist, ist einmal getan. Auch der Spaziergang, der Ausflug mit dem Velo oder ein Joggingversuch dauern nicht ewig. Kontaktpflege per Mail, am Telefon, via Skype, alles hat seine Zeit.

Es bleiben Schätze. Ein Schatz ist die Erinnerung oder besser: Der Blick in die Schweizergeschichte. Er zeigt auch bei oberflächlicher Wahrnehmung wie viel besser wir es heute in der Corona-Krise haben als die Menschen in unserem Land damals 1918, als am Ende des Ersten Weltkriegs die Spanische Grippe grassierte mit tausenden von Toten, viele davon junge, kräftige Männer. Oder während des Zweiten Weltkriegs zur Zeit der Mobilmachung, als Lebensmittel rationiert, die «Anbauschlacht» geschlagen, Verdunkelung befohlen und in der Nacht eine Quasi-Ausgangssperre galt. Wie anders heute: Kein Mangel an Lebensmitteln und allem, was man täglich braucht, keine Angst vor einem Feind von aussen, vor Gewalt, Zerstörung, Kälte.

Im gegenwärtigen Aushaltenmüssen des Ausnahmezustands sind wir privilegiert, bestens informiert, unterstützt von zahlreichen Hilfsangeboten, können uns gefahrlos draussen bewegen mit Mass und Abstand. Auch wenn uns gelegentlich die Decke auf den Kopf zu fallen scheint: Bleiben wir realistisch – uns geht es gut. Wenn wir nicht für ein paar Wochen etwas vom vermeintlichen Recht auf das abgeben, was wir pathetisch Freiheit nennen (und was in vielen Fällen Egoismus und Selbstverwirklichung ist), dann haben wir nicht begriffen, wie es in der Welt zugeht.

Ein anderer Schatz ist der Zugang zu Kunst und Kultur. Musik hören am Radio, ab der CD, im Internet. Bücher lesen. Filme anschauen am Fernseher oder am Laptop. Auch wenn die Kinos, Theater, Tanzorte, Museen, Konzertlokale, Galerien und so weiter geschlossen sind, was ich für sie und das Publikum äusserst bedaure – wir sind nicht ohne Kunst. Ein Buch zu lesen, war schon immer eine intime Angelegenheit. Musik hören kann man bestens allein. Viele Bilder und andere Kunstwerke sind über die Websites von Museen zugänglich. Das Museum für Kommunikation ermöglicht jeweils von Dienstag bis Freitag um 13:30 Uhr virtuelle Einblicke. Nicht ausgehen zu können bedeutet nicht, von Kunst und Kultur abgeschnitten zu sein. Es erfordert und erlaubt vielmehr neue Konzentration darauf, virtuell in der Form, real im Erleben.

Natürlich ist dieser Zustand katastrophal für die Kunst- und Kulturorte jeder Art, deren Einnahmen wegbrechen, und noch viel mehr für die Kunst- und Kulturschaffenden, die nicht arbeiten und auftreten können und also nichts verdienen. Am schlimmsten trifft es die Selbständigerwerbenden in jeglicher Sparte. Hilfe ist beschlossen und demnächst real – das heisst in Franken und Rappen – verfügbar, doch gerade im Kulturbereich ist sie bürokratisch organisiert. Und auch die Unterstützung hier und heute befreit die Betroffenen nicht von der Sorge, wie es in Zukunft sein wird, wenn wir aus dem Tunnel wieder ins Freie gelangen: Wollen die Leute meine Darbietung noch erleben, meine Werke sehen, meine Überlegungen anhören?

Wer bin ich, wenn die Welt neu zu sich kommt? Oder kommt sie eben jetzt im Ausnahmezustand zu sich? Und ist am Ende des Tunnels nicht alles wie es vorher war, sondern neu wie es jetzt ist – und bleiben wird? Zumindest teilweise?

25.03.2020 | 10:48
Die Zeiten ändern sich. «Corona» hat seinen königlichen Glanz verloren. Und das Wort «Verbreitung» will im Zusammenhang mit Corona auch niemand mehr hören...  (Foto: Bettina Hahnloser) (photo: )

Noch keine zehn Tage Quarantäne und schon fühlt sich einiges an wie aus einer anderen Zeit. TV-Werbung mit sorglos plaudernden Menschen in sommerlichen Gärten, an Pools und Grills, die sich umarmen, tanzen, grillieren, Bier trinken. Ein Gesundheitsmagazin, das den «Generationenpakt» preist mit den Worten «Warum junge und alte Menschen gesünder und länger leben, wenn sie sich zusammentun».

Nix «zusammentun»: jeder für sich und möglichst in den eigenen vier Wänden. Bei mir sind langsam die hintersten Ecken staubfrei, die obersten Regale sauber und sogar mein Büro, das ich seit Monaten aufräumen wollte, ist endlich aufgeräumt. Ja, sogar die längst abgelaufenen Konserven sind verwertet.

Die Agenda ist leergefegt, mit einer Ausnahme. Ein Arzttermin. Welch ein Glück! Denn das heisst: Lizenz zum Ausbrechen. Und weil der ÖV tabu ist, komme ich sogar zu einem behördlich tolerierten Spaziergang durch die die Stadt. Es ist allerdings kein genussvolles Flanieren. Unter den Lauben keine Menschenseele, leere Restaurants, geschlossene Läden und Schaufenster, die nicht wirklich locken. Frühlingsmode, warum auch? Zum Hausputz tun es die ältesten Jeans, das verwaschene T-Shirt. Esswaren bestellt man unterdessen im Internet...

Es könnte ganz schön trist sein, wenn da nicht dieses eine Schaufenster in der Altstadt wäre. Ich muss zweimal hinsehen, aber da steht wirklich – in einer Zeitung aus dem Jahre 1923: «Warum wählen so viele Corona?». Und obwohl der Satz im Moment so unpassend scheint wie ein Prospekt mit Osterreisen in den Süden, muss ich schmunzeln. Corona ist kein königlicher Name mehr für eine Schreibmaschine, es ist ein Schreckgespengst. Ein Wort hat seine Unschuld verloren. Bittersüsse Ironie. Und doch ....

Dass es in Krisenzeiten Leute gibt, die dem Alltag augenzwinkernd die Schwere nehmen, fasziniert und beglückt mich. Danke, ihr Hofnarren und Witzbolde! Es braucht euch mehr denn je.

 

23.03.2020 | 10:58
Jetzt noch die grössere Gefahr: Der Blick endet am Gartenzaun (Foto: T. Göttin) (photo: )

Ich sitze zuhause und versuche einzuordnen was gerade passiert. Dabei konzentriere ich mich auf die Wirtschaft, von Gesundheitsfragen verstehe ich noch viel weniger. Aber eigentlich sitze ich nur vor einer völlig chaotischen Ansammlung von Links, Notizen und Zeitungsauschnitten. Besonders in ausserordentlichen Situationen hilft mir allerdings schon das Sammeln, oder es beruhigt wenigstens. Ich könnte später all das in Ruhe nachlesen, was in der Realität viel zu schnell abläuft. Ich habe solche Sammlungen bis zurück in die 70er Jahre, darum weiss ich jedoch, dass ich nie alles lesen werde.

Für die aktuelle dramatische Wirtschaftskrise finde ich schwer Erfahrungswerte. Und doch kommt die Situation nicht unerwartet und nicht allein wegen dem Virus. Meine  Anknüpfungspunkte gehen zurück bis in die 1980er Jahre.

Ein Weltkongress in Bern

Der Weltkongress der Wirtschaftshistorikerinnen und – historiker tagte 1986 in Bern im Casino und kam zum Schluss: Die Laissez-faire Politik der 20er Jahre wurde beim grossen Crash von 1929 durch ein System ersetzt, in welchem der Staat eine wesentlich aktivere Rolle spielte. Doch in den 1980er Jahren begann eine neue Welle von  Deregulierung, Staatsabbau und Liberalisierung der Kapitalmärkte. Der Kongress warnte deshalb vor der Gefahr einer neuen Weltwirtschaftskrise: „it can happen again“. Doch niemand wollte das hören, auch beim Crash 1987 nicht, im Gegenteil wurden seither fast alle Lehrstühle in Wirtschaftsgeschichte aufgehoben und das Bundesamt für Konjunkturfragen auch gleich aufgelöst. Die Zeit gehörte den neuen Finanzjongleuren, in der Schweiz den Werner K. Reys, Ebners, Blochers. Nach der Finanzkrise 2008 meinte ein gewisser Nationalrat Schneider-Amman: „Egoismus und Geldgier führen in die Katastrophe. Jetzt sind wir da“, und CVP-Nationalrat Edgar Oehler: „Die Realwirtschaft ist in Geiselhaft der Finanzwirtschaft und ihrer Habgier geraten“. Zwar hat der Bund damals 60 Milliarden zur Rettung der UBS aufgewendet, aber weiter nichts unternommen, um die Realwirtschaft aus der Geiselhaft zu befreien. Bei den Aktienkursen ging es weiter aufwärts, bei Steuern, sozialer Sicherheit und Gesundheitswesen sowie Staatsausgaben abwärts. Vor drei Jahren schrieben selbst Ökonomen des Internationalen Währungsfonds, die Kürzung von Sozialausgaben und die freien Kapitalmärkte seien nicht die Heilsbringer für Wachstum. Anfang 2020 hat dann auch Kristalina Georgieva, die neue Chefin des IWF, eindringlich für ein Umdenken plädiert.

Sorglosigkeit

Am 15. Januar 2020 führten wir im Polit-Forum Bern eine Veranstaltung mit der Nationalbank zu den Negativzinsen durch, den „fünfjährigen Ausnahmezustand“, wie die NZZ das nannte. Doch niemand interessierte sich für diese Zusammenhänge. Auch zwei der übrig gebliebenen Konjunkturbeobachter des Bundes gaben sich beim Apero unbesorgt. Als ich daraufhin beschloss eine Veranstaltung zu Börsensturz und Wirtschaftskrise zu planen, scheiterte ich schon mit der ersten Anfrage bei einem Moderator: Ob ich nicht etwas übertreibe?

Die Geldpolitik hatte in den letzten Jahrzehnten vieles ausgebügelt – zuletzt die Probleme aber auch verschärft. Die ungebremst steigenden Aktienkurse hatten den Blick auf die vielen prekären Arbeitsverhältnisse, die schwindenden Möglichkeiten öffentlicher Einrichtungen und die Verletzlichkeit des Wirtschaftssystems vernebelt. Schliesslich wurde das sogar der NZZ nicht mehr geheuer und sie beschrieb am 17. Februar 2020 eine noch nie gesehene, völlig verrückte Marktsituation. Aber noch am 10. März führten die meisten Wirtschaftsbeobachter den Absturz der Börsen auf den Preiskrieg ums Erdöl zurück.

Weichen werden gestellt

Nun, wo die Geldpolitik kaum mehr helfen kann, sind die 42 Milliarden Franken, welche der Bund bereitstellen will, absolut zentral zur Sicherung der Löhne und der Unternehmen in der nächsten Zeit. Doch was kommt danach? Jetzt werden die Weichen gestellt, und die Gefahr besteht, dass Bund und Politik einfach mehr von den  Rezepten der letzten Jahre anwenden. Die Schuldenbremse wird nicht aufgehoben: Der Bund wird seine Milliarden wieder einsparen wollen, womit ein weiterer Sozialabbau droht. Die Banken vergeben rückzahlungspflichtige Kredite mit Zinsen. Die Kapitalmärkte sind frei, während die Grenzen für Menschen zu sind, welche Rolle werden sie spielen? Und weil die Krise sowohl auf der Angebots- wie der Nachfrageseite stattfindet, wird mit der Sicherung der Löhne und Unternehmen allein die Nachfrage nicht zurückkommen. Was es mittelfristig braucht und eigentlich in der Schublade sein sollte, ist ein Programm zum Umbau der Wirtschaft. Was es vorher schon gebraucht hätte: Die Reform des Wirtschafts- und Finanzsystems. Solche Ansätze müssen nun dringender und umfassender als bei der Finanzkrise von der Gesellschaft in die Politik getragen und eingefordert werden.

Was mir in diesen Tagen zuhause neben dem Sammeln von Notizen auch hilft, ist Blumen giessen. Mein Nachbar ennet dem Gartenhag, der aus der Finanzbranche kommt, kennt meine Sorgen nicht. Er geht davon aus, dass Bund und Nationalbank die Sache schon richten werden und Anfang Juni alles überstanden ist. Ich weiss nicht, ob mich das wirklich beruhigt,

22.03.2020 | 08:00

Liebe u65-Generationen
Liebe Kinder, Jugendliche, Auszubildende, Arbeitende und unverschuldet Arbeitslose,
Behördenmitglieder und Verantwortliche

 

wenn ich bereits in der Anrede und auch im folgenden Brief auf die gewohnte und angebrachte Höflichkeitsform verzichte und mich statt dessen in «vertraulichem» Ton an Euch wende, nehmt es nicht als mangelnden Anstand, sondern als Zeichen des aufrichtigen Beeindruckt- und Berührt-Seins und einer zutiefst verspürten Verbundenheit.

Es geht um das, was in öffentlichen Verlautbarungen dieser Tage, in Communiqués und Kommentaren, soweit ich sie hörend oder lesend vernehme, schlicht fehlt, vergessen oder zumindest verschwiegen wird und dabei dringend auszusprechen wäre – dies wenigstens geböte auch nur bescheidenster Anstand.

Was Ihr als Pflegende, Dienst Leistende, Lernende und Lehrende, Ordnende, Beschützende, Verwaltende und Gestaltende zur Zeit in Kauf nehmt, aus eigener Einsicht oder infolge behördlicher Anordnung, was Ihr leistet über das übliche, vielleicht auch das zumutbare Mass hinaus,  worauf Ihr verzichtet, schweren Herzens zumindest und vielleicht trotz existentieller Sorgen und Ungewissheit, doch jedenfalls ohne Murren, ist beispielhaft und wenigstens so weit unsere Erinnerung reicht ohne Beispiel, erheischt den tiefsten Respekt und den unermesslichen Dank von uns, den Grosseltern, Rentnerinnen, AHV-Bezügern – den zur aktiven Hilflosigkeit Angehaltenen, den Verletzlichen und Schutzbedürftigen einer jetzt unerbittlich auf die Probe gestellten Gesellschaft. 

Selbstverständlich ist dies alles in keiner Weise, denn Ihr könntet der heimtückischen Pandemie ja auch wesentlich gelassener begegnen – die vom neuen Virus hervorgerufenen Beschwerden scheinen für Euch, die jüngeren Generationen, wenigstens für die Gesunden unter Euch, kaum bedenklicher zu sein als die altbekannte und fast vertraute saisonale Grippe. Ihr tut es also für uns, die unterdessen «nutzlos» Gewordenen, die fast schon notorisch angemahnten Überzähligen, die mittlerweile auch «auf Eure Kosten» den Ruhestand geniessen und dazu noch eine ziemlich beschädigte (Um-)Welt hinterlassen – für uns, die jetzt höchstens noch durch Stillehalten helfen können, die Krise zu bestehen.

Wer oder was gäbe uns das Recht, so viel Anteilnahme von Euch zu erwarten, Euch in diesem Ausmass zu beanspruchen? Wie können wir es Euch danken? Was geben wir Euch zurück?

Ich verneige mich in grösstem Respekt vor Euch, vor Euren immensen Anstrengungen, diese Herausforderung zum Wohl aller lebenden – und gerne noch etwas weiter lebenden – Generationen zu meistern. Ich will versuchen, später daran zu denken, mich noch mehr als bisher für Eure Anliegen und Bedürfnisse einzusetzen, sei es im Alltag, in besonderen Situationen, Diskussionen ... oder auch politischen Abstimmungen. Ich hoffe und gehe davon aus, nicht nur in meinem eigenen Namen, sondern im Sinne Vieler, der meisten von uns älteren Menschen, so zu denken, zu schreiben, zu sprechen – und dann, wenn es einmal ausgestanden sein wird, auch zu handeln. 

 

Ihr seid wunderbar, grossartig – schaut gut zu Euch und tragt Euch Sorge!
Ich wünsche Euch und Euren Anstrengungen Kraft, Energie und Kreativität!
Wir – die meisten von uns – werden es überstehen durch Eure Solidarität: Ich danke Euch!

 

Christoph Marti
(pensionierter Musiklehrer)


Bitte verteilt diesen Text nach Belieben an alle, die er betrifft: an Jüngere, die direkt angesprochen sind, als bescheidene und vielleicht unbeholfene Unterstützung ... und an Ältere mit der Einladung, ihn ohne Einschränkung weiter zu geben, auch ergänzt mit eigenen Worten und Gedanken.

21.03.2020 | 13:32
Ein Zeichen der Solidarität: Die chinesische Metropole Shenzhen schenkt der Schweiz 70'000 Atemschutzmasken. (photo: )

Die Stadt Shenzhen schenkt der Schweiz 70'000 Schutzmasken, davon explizit 15'000 dem Kanton Bern. Shenzhen zeigt sich solidarisch mit seiner Partnerregion.

Atemschutzmasken sind in der Schweiz ausgesprochen Mangelware. Am Dienstag berichtete der «Tages-Anzeiger», dass der Bund «nur noch gerade 300'000 qualitativ höherwertige Schutzmasken» zur Verfügung habe. Das reicht nirgendwo hin, nicht mal für die Spitäler und die Spitex.

Der akute Mangel erweist sich auch für viele Angestellten im Dienstleistungs- und Produktionssektor als grosses Problem. Zudem haben Zivilpersonen Angst davor, keine Atemschutzmasken erwerben zu können, oder sie kaufen sie zu Wucherpreisen ein. Einerseits ist die Einfuhr von Schutzmaterial aus den EU-Ländern bis anhin immer wieder blockiert gewesen und wird möglicherweise trotz neuer Bestimmungen weiterhin nicht unproblematisch bleiben. Anderseits besteht offenbar derzeit keine Möglichkeit, in der Schweiz entsprechende Atemschutzmasken zu produzieren.

Die geschenkten Masken werden den Bedarf nicht decken können. Aber es zeichnet sich eine Lösung ab: Die Firma Autefa Solutions in Frauenfeld hat angeboten, innerhalb von drei Wochen eine vollautomatische Maschine zu liefern, die täglich 40'000 Schutzmasken produzieren kann. Diese Maschine würde von ihrem Mutterhaus, der China Hi-Tech Group Corporation Sinomach, hergestellt und geliefert. Dies würde wohl den schweizerischen Bedarf vollständig abdecken.

Vor 4 Monaten reiste ich mit einer Delegation der Standortförderung des Kantons Bern nach Shenzhen. Zwischen Shenzhen und dem Kanton Bern besteht seit 5 Jahren eine Partnerschaft. Chinesen sind in ihrer Geschäftspraxis extrem beziehungsorientiert. Vertrauen und Loyalität sind wichtiger als kurzfristiger Profit. Wir realisierten während dieses Besuchs einen kurzen Film über mögliche Konkretisierungen von wirtschaftlichen Kooperationen im Bereich der Digitalisierung. Heute stellt sich heraus, dass diese Partnerschaft auch in ganz unerwarteten Bereichen hilfreich ist.

20.03.2020 | 12:28
Der rasiermesserscharfe NATO-Draht ist das Symbolbild der abgeschotteten und unsolidarischen Gesellschaft. (photo: )

Solidarität ist das Wort der Stunde: Solidarität mit den Alten, den Gefährdeten, den Kranken. Und ich bin einverstanden. Solidarität ist das, was es jetzt braucht, damit diese Krise nicht im GAU endet, aber auch das, was es schon immer gebaucht hat, zu jeder Zeit, überall. Es ist eine Binsenweisheit, dass wir etwas immer erst dann lernen, wenn wir es am eigenen Leib erfahren. Nur zur Erinnerung: Seit 2011 tobt in Syrien ein unerbittlicher Krieg, der bereits über eine halbe Million Menschenleben gefordert hat. Im Jemen dauert der Krieg seit über 5 Jahren an. Im Mittelmeer ertrinken seit Jahren Menschen zu tausenden, weil wir sie nicht nach Europa lassen. Nicht erst seit Corona gibt es humanitäre Katastrophen, denen die starken Bande der Solidarität entgegengehalten werden müssten.

Es ist nicht die Zeit, jemandem Heuchelei vorzuwerfen, aber es geht mir nicht in den Kopf, dass immer noch Kriegsmaterial exportiert wird - die Werke der RUAG zum Beispiel spucken auch während der Corona-Krise noch Tötungsmaschinen wie den Cobra Mörser aus – Menschen aber gleichzeitig zornfaltig die Aare entlangspazieren und die Faust ballen, wenn sie eine Gruppe Jugendlicher beim Bräteln überraschen. Solche Dissonanzen sind schizophren.

Aber was bringt schon dieser Whataboutism? Was bringt es schon, von Kriegsgerät zu reden, wenn die Bedrohung für einmal nur unter dem Elektronenmikroskop sein Gesicht zeigt? Ausserdem mag niemand die Sorte Mensch, die dann auftaucht, wenn – entschuldigen sie die Sprache – die Kacke am Dampfen ist und mit gehobenem Zeigefinge auf vergangene, vergessene oder zumindest verdrängte Verfehlungen hinweist. Was interessiert mich das Gestern, wenn schweizweit keine 200 Betten mehr auf den Intensivstationen frei sind?

Jetzt Solidarität zu fordern ist das einzig Richtige. Es ginge nicht an, die Last einzig auf wenigen Schultern zu verteilen, indem zum Beispiel, wie im Kanton Uri geschehen, eine Ausgangssperre nur für Menschen über 65 verhängt wird. Geteiltes Leid ist halbes Leid und geteiltes Leid ist doppelte Effizienz. Bleibt nur zu hoffen, dass dieselben Menschen, die heute für sich und ihre Landsleute die Solidarität der ganzen Welt einfordern morgen bereit sein werden, diese Solidarität wieder zurückzugeben. Auch nach Corona wird es genug Menschen geben, die sie bitter nötig haben.

19.03.2020 | 16:25
Schade, Sassy J beehrt uns heute nicht im Ross. Dafür in doppelter Lautstärke zu Hause (Bild: Luca Hubschmied) (photo: )

Friedlich fühlt er sich an, Tag drei des stillstehenden Alltags. Verpflichtungen lösen sich in nichts auf, Zuhause zu sein ist der neue Standard geworden. Ist es erlaubt, sich in einer solchen Situation zu freuen? Bei der ganzen Ernsthaftigkeit und hochstilisierten Krisenmiene scheint es fast unangebracht, diese Freiheit zu geniessen. Selbstverurteilung überkommt mich, wenn der Liegestuhl im Garten zu gemütlich wird. Ganz ehrlich: Der lockdown mag viele Leute hart treffen, ebenso das abstrakte Konstrukt Gesellschaft und die Wirtschaft, sosehr personifiziert letztere ist, so entfremdet sie sich in diesen Tagen anfühlt. Bei uns im Garten tanzen Kinder, symptomfrei versteht sich, und fallen nach ein, zwei unrhythmischen Schritten rückwärts in den moosüberwachsenen Rasen. Stahlberger ist der Soundtrack des Surrealen.

Im Wahn des beginnenden Jahres habe ich vor einigen Wochen verkündet, der Begriff «Dystopie» dürfe 2020 nicht mehr verwendet werden, er sei durch die inflationäre und unpräzise Verwendung überflüssig geworden. Heute Morgen erhalte ich eine Nachricht eines Freundes, der mich darauf anspricht: «Was kann noch dystopisch sein, wenn schon die Realität so ist?» Es brauche den Begriff nun definitiv nicht mehr, meint er. Einverstanden damit bin ich nicht. Nur die Absurdität der Existenz wurde soeben auf eine neue Ebene gehievt, der von Camus beschriebene Alltag, die absurden Momente in der Strassenbahn, sind jäh unterbrochen. Das allgegenwärtige «Es», der Virus, dessen Name nicht genannt werden soll, bringt uns zum Glauben, die Welt stehe auf der Kippe. Dabei werden nur Selbstverständlichkeiten hinterfragt, die schon lange ausdiskutiert werden sollten.

Wie ist das aktuelle Dilemma der Linken zu lösen: Der Staat der seine Bürger*innen schützen soll, auch auf Kosten des BIP gegen die damit einhergehende Autoritarisierung und Bevormundung mittels Notrecht?
Gibt es zwischen obrigkeitsgläubigem Gehorsam und blinder Ignoranz ein Niemandsland der gemeinsamen Solidarität? Wer erforscht es und welche Wesen mögen darin hausen?
Welche Werte schützen wir und welche werfen wir beim ersten Anzeichen von Widerstand über Bord?
Das BAG empfiehlt, unnötige Kontakte zu vermeiden: Wo ziehe ich im sozialen Umfeld die Grenze? Wo hätte ich sie schon lange ziehen sollen?

Bei all den Fragen hilft tief Durchatmen, Kopf in den Nacken legen und die Sonne anblinzeln, dem Gefühl standhalten, dass der lauernde Mahnfinger des kollektiven Mitleidens einen jederzeit unter das schläfrig geschlossene Lid ins Auge stechen kann.

17.03.2020 | 19:44
Mit dem Nachbarskind Legotürme bauen? Keine gute Idee, wenn man als «vulnerable» Person gilt. (photo: )

Unglaublich: vor nicht einmal 100 Tagen umarmten wir wildfremde Menschen, stiessen an auf «Glück und ein gesundes 2020», und die einzige Sorge schien, ob anderntags Sonne, Regen oder Schnee angesagt sein würde.

Und jetzt? Ein Leben mit Nah-Kontakt-Verbot, mit genau definiertem «Freigang» und dem Stempel «vulnerabel» für Leute ab 65. Und plötzlich wird mir (69) klar, was «Glück» eigentlich ist bzw. war.

 

Zum Beispiel:

- mein vierjähriges Nachbarskind, das jederzeit bei uns reinschneit, uns zum Lachen bringt, mit mir Kuchen backen, Legotürme bauen, Büechli anschauen, verkäuferlen, ysebähnlen, verstecklen… will. Fällt aus, wegen Corona gestrichen!

- meine Freundinnen mit denen ich mich zum Pilates oder zum Walken treffe, die mit mir schwitzen, mir auf die Finger klopfen, mich umarmen … Körpernahe Tätigkeiten – also auch gestrichen!

- Diskussionen, Theater-, Kino und Ausstellungsbesuche – fällt alles aus.

- Besuche, Teilhabe am Alltag der anderen. Untersagt.

 

Und Glück war auch:

- Nachrichten und Zeitungen ohne «Corona»-Schlagzeilen

- TV-Sendungen ohne Kinder, die über Fallzahlen dozieren

- Werbebotschaften wie «happy spring», «ab in den Süden», «da möchte man nur noch Kofferpacken» usw, die man höchstens verlockend (und nicht zynisch) fand

- Begegnungen im Freien, ohne den Gedanken «was tut denn der/die noch hier?»

- Weiss- und Grauhaarige zu sehen, ohne das schreckliche Wort «vulnerabel» zu denken

 

Und nicht zuletzt war Glück:

- Die etwas langweilige, aber weitgehend sorglose Normalität

- Die simple Freude am Frühling, an spriessenden Tulpen, blühenden Forsythien, grünenden Bäume, und die Lust sich mit Setzlingen einzudecken …

- Das Spielen, Kreischen, Tollen, Rumtoben, Brüllen, Jubeln, Streiten der Kinder draussen....

 

Die Liste liesse sich endlos fortsetzen. Klagen mag man nicht (solange man kein Fieber hat; oder müsste man wohl mal messen...?), aber vielleicht darf man ja ein bisschen ins Philosophieren geraten. Zum Beispiel über die Frage: warum fühlt sich Glück in der Gegenwart so selten an wie Glück?

17.03.2020 | 11:13
Reduktion des Alltags: Welche Stühle bleiben leer? Die Bernerin Anja Dietrich dokumentiert unser Leben im Ruhemodus (Foto: Anja Dietrich) (photo: Anja Dietrich)

Die Website der Volkshochschule Bern beginnt mit «Weiterbildung. Aus Überzeugung.» Unmittelbar darunter die Anzeige «Coronavirus, Stand 13.03.2020: Gemäss heutigem bundesrätlichem Beschluss bleibt die Volkshochschule Bern bis am 4. April 2020 geschlossen.» Dazu Mailadresse und Telefonnummer.

Das ist jetzt mein Brot. Als Präsident des Verbands der 70 Volkshochschulen (VHS) in der Schweiz geht es mich an, wie es den VHS geht. Seit zehn Tagen tröpfeln die Anmeldungen für Kurse, Vorträge, Exkursionen nur noch. Für Angebote häufen sich Abmeldungen, manche Angemeldete bleiben ohne Mitteilung fern. Nun ist die Lage klar, ein Vorteil. Die Nachteile: Eine VHS ohne Bildungsaktivität ist eine hyperaktive Unternehmung. Die Telefonleitungen laufen heiss: Wie geht es weiter? Gibt es Alternativen? Erhalte ich die Kursgebühr zurück – unbürokratisch oder auf Antrag? Bezahlt man Referentinnen und Referenten ein Honorar für Auftritte, die nicht stattfinden? Bekommen Kursleitende die vereinbarte Entschädigung, auch wenn sie weniger leisten dürfen? Für welche Angestellten hat die VHS unter welchen Voraussetzungen Anrecht auf Entschädigung für Kurzarbeit? Wer weiss es? An wen ist das Gesuch zu stellen? Wie steht es in ein paar Wochen mit der Liquidität: Können wir Löhne, Mieten, Honorare bezahlen, wenn Einnahmen wegbrechen? Woher kommt das Geld für Überbrückungsdarlehen? Für welche Kosten braucht es Deckung, wie lange dauert die Situation an, wie gross muss ein Darlehen sein? Zinsfrei, rückzahlbar ab wann? Und was ist mit den Schulden, wenn dereinst der Betrieb wieder läuft?

Unterricht mit Fantasie und neuen Formen

Soweit betriebliche Sorgen der KMU namens VHS. Sie decken sich weitgehend mit denen von Kulturveranstalterinnen und -veranstaltern, die in aller Munde sind. Die Sorgen gehen weiter bei den VHS als Bildungsinstitutionen, die sich fragen, wie sie ihre Kundinnen und Kunden unterstützen können in einer Zeit, da Präsenzunterricht verboten ist, die Leute aber weiter lernen, sich unterhalten oder sich auf Prüfungen vorbereiten wollen. Ein Beispiel: Einzelne VHS produzieren jetzt Lernvideos, die über eine Online-Plattform für Lernende zugänglich sind – und für weitere VHS sowie deren «Kunden». Gefragt sind Initiative, Fantasie, Wissen und Können.

Gefragt sind heute und in den kommenden Wochen Informationen, Austausch, Hinweise auf gute Beispiele, Rechtsbeistand, die Vertretung der VHS bei den Bundesämtern, den kantonalen Behörden, vielen Gemeinden. Dies sind Aufgaben des schweizerischen Verbands. Wir arbeiten daran, nicht gerade Tag und Nacht wie viele der direkt betroffenen VHS, dennoch intensiv und ehrgeizig. In dieser Stunde zeigt es sich, ob der Verband mehr sein kann als die Summe der Mitglieder und deren Beiträge verdient. Ob er den Zusammenhalt stärken, die grossen und kleinen VHS verbinden, die «Familie» der VHS – wie wir gern sagen – festigen kann.

Chancen nach Ende der aktuellen Situation?

Eine kleine Chance kann der Ausnahmezustand öffnen. Da Reisen ins Ausland für einige Zeit unmöglich oder erschwert sind, die Menschen sich aber weiterhin bilden wollen, kann in der Zeit nach der Kontaktsperre das Programm der VHS der Lage angepasst und erweitert werden. Das ist, hoffentlich, keine reine Illusion.