Aare
°

Journal B

Sagt, was Bern bewegt
Aare
°
30.04.2020 | 10:50
Im Kampf mit einem Virus statt mit Streikenden: An der Spanischen Grippe erkrankte Soldaten im Parterre des Burgerspitals in Bern. (Foto: Burgerbibliothek Bern)

Seit Anfang November sitze ich hinter dem Briefwechsel des Bümplizer Schriftstellers C. A. Loosli mit seinem Freund Jonas Fränkel, dem ausserordentlichsten Professor der Universität Bern. Es geht um knapp 3150 Dokumente – Briefe, Postkarten und einige Telegramme. Ziel ist ein Auswahlband, der Einblick geben soll in das Leben und das Wirken dieser beiden Berner Intellektuellen. So sitze ich zumeist hundert Jahre weit weg von den aktuellen Schlagzeilen um Homeoffice, Risikogruppen-Isolation und Versammlungsverbot im Zusammenhang mit dem Corona-Virus.

Aber manchmal kommt es vor, dass mich Loosli und Fränkel in die Gegenwart zurückholen:

Am 2. Dezember 1918 schreibt Loosli an seinen kurz zuvor aus Bümpliz weggezogenen Freund Jonas Fränkel: «Ich hätte Dir eher gedankt und geschrieben, aber die verdammte Grippe hat mich so her genommen, dass ich, obwohl seit annähernd vierzehn Tagen wieder aus dem Bett, einfach unfähig, auch zur geringsten Anstrengung war. Ich war nicht nur körperlich, sondern auch geistig auf dem Hund, in einer Weise, dass wenn mir jemand vorgeschlagen hätte, mich totzuschlagen, ich es angenommen hätte, nur um meiner selbst los zu werden. […] Du hast übrigens sehr wohl getan, Bümpliz diesen Winter zu meiden. Das Militär, das uns der Landesstreik eintrug, hat die fast erloschene Grippe wieder neu und heftig entfacht, so dass fast in allen Häusern Kranke und in vielen Tote lagen.»

Fränkel antwortet tags darauf aus Merligen, wo er ein Zimmer gemietet hat: «Die Grippe herrscht auch hier gerade so wie in Bümpliz. In dem Chalet, in dem ich wohne, bin ich der einzige, der noch nicht grippekrank ist; mein Bauer, seine Frau u. die Kinder liegen alle krank, d. h. letztere sind inzwischen schon auf, aber die Bauersleute sind krank u. haben sogar Lungenentzündung. Ich komme ja mit den Leuten nicht in Berührung – hoffentlich bleibe ich also verschont, denn den Luxus, krank zu werden, darf ich mir gegenwärtig nicht leisten.»

Das waren noch Zeiten, geht mir durch den Kopf: Da gab’s eine Pandemie und trotzdem nahmen die Leute in der Schweiz sich heraus, vom 12. bis 14. November 1918 einen landesweiten Generalstreik durchzuführen. Aus Solidarität versammelte man sich zum Protest, um für seine und die Rechte all jener zu kämpfen, die am Ende des Ersten Weltkriegs in grosser Not waren.

Ich stehe vom Schreibtisch auf und drehe eine Runde durch die Wohnung: Beim Giessen rede ich einige Takte mit meinen Pflanzen – immerhin sollen Risikogrüppeler, wie ich einer bin, sich bewegen und Kontakt haben beim Isoliertsein. Durch den Kopf, der immer noch bei Loosli und Fränkel ist, geht mir dabei, dass ich es heute bedeutend einfacher habe, als ich es damals gehabt hätte: Heute gelte ich schon als solidarisch, wenn ich mir das Recht auf Versammlungsfreiheit nehmen lasse, ohne gleich zu meinen, politisch werden zu müssen.

Und fünf Minuten später bin ich wieder hundert Jahre weit weg von Homeoffice, Risikogruppen-Isolation und Versammlungsverbot.